Im Rückspiegel

Miteinander – wenn keiner mehr zuhört

von Markus Coenen

Foto: Ralf M. Ruthardt

Ruthardt Miteinander – wenn keiner mehr zuhört Es gibt Workshops für Teamarbeit, Bücher über gewaltfreie Kommunikation und sogar Spieleabende zur Teambildung (nicht zu vergessen der Klettergarten) – aber in den Pausen sprechen die Leute nicht miteinander, sondern übereinander.

Oder noch lieber über Menschen die aktuell grade nicht da sind.

Das dann wieder miteinander.

Wir leben in einer Zeit, in der das Miteinander wie ein Hochglanzversprechen überall auftaucht.

Auf Firmenwebseiten, in politischen Sonntagsreden, auf Plakaten und bei Instagram-Zitaten vor Sonnenuntergang.

Aber sobald’s ernst wird – wenn es nicht mehr um gemeinsame Ziele, sondern um unterschiedliche Interessen geht – dann wird’s dünn.

Dann zeigt sich, wie schnell aus „Wir ziehen an einem Strang“ ein „Du bist nicht teamfähig“ wird.

Neee Interessen haben im Miteinander keinen so rechten Platz …

Früher war Miteinander… anders.

Blicken wir zurück.

Früher – in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz – war das Miteinander oft weniger ein Ideal als eine Struktur.

Man gehörte dazu.

Man wusste, was man zu tun hatte.

Und wer ausscheren wollte, spürte schnell: Das Miteinander hat Regeln.

Es war ein Miteinander im Gleichklang – manchmal harmonisch, oft aber auch nur stillgestellt.

Man schwieg sich an, statt sich zu streiten.

Hauptsache Ruhe.

Hauptsache Ordnung.

Hauptsache: kein Aufruhr.

Früher war halt auch mehr Lametta.

Heute: Das Miteinander als Haltung – oder als Image?

Heute ist alles anders.

Individualität zählt.

Diversität wird gefeiert.

Und das ist gut so.

Im Prinzip.

Doch gleichzeitig wirkt das moderne Miteinander oft wie ein Imageprojekt.

Wir sprechen viel darüber, wie wichtig Respekt, Toleranz und Dialog sind – aber leben wir das auch?

Solange es nicht zu anstrengend wird sind viele Dabei.

In Unternehmen wird „Wir-Kultur“ gepredigt, aber bei der nächsten Umstrukturierung bleibt vom Miteinander nur noch ein HR- Newsletter.

Natürlich mit Feedback-Funktion.

In Social Media predigen Menschen Achtsamkeit – und liefern sich im nächsten Kommentarbereich den verbalen Schlagabtausch.

Entbehrt auch irgendwie nicht einer gewissen Komik.

Echtes Miteinander hält Widerspruch aus Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Miteinanderheißtnicht,immereinerMeinung zu sein.

Es heißt auch nicht, jede Spannung zu vermeiden.

Ein echtes Miteinander hält Widerspruch aus.

Es braucht kein Gleichklang, sondern Reibung – nicht um zu gewinnen, sondern um zu verstehen.

Um Raum zu lassen.

Um Unterschiede nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Angebot.

Es beginnt da, wo wir bereit sind, zuzuhören, auch wenn wir nicht zustimmen.

Ein letzter Gedanke

Vielleicht geht es gar nicht darum, das Gegeneinander auszuschließen.

Vielleicht ist es genau das, was das Miteinander herausfordert – und zugleich kostbar macht.

Miteinander entsteht nicht in Einhorn-Wohlfühlzone.

Nicht mal dann, wenn wir uns das alle sooooo sehr wünschen.

Es entsteht, wenn wir uns entscheiden, trotz Unterschiedlichkeit in Verbindung zu bleiben.Wenn wir sagen: Ich verstehe dich nicht – aber ich bleibe im Gespräch.

So gesehen ist das Gegeneinander kein Feind.

Sondern die Einladung, das Miteinander wirklich ernst zu nehmen.

Zur Person

Markus Coenen ist seit mehr als 15 Jahren Autorencoach, Spezialist für Buchmarketing, PR und Positionierung, Autor, Redner und Unternehmer. https://markus-coenen.de/

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