Eine Baustelle erkennt man daran, dass Schilder versprechen: „Hier entsteht etwas Großes.“ In der Realität entstehen aber vor allem Staus, Umwege und die Frage, warum eigentlich nie jemand arbeitet, wenn man vorbeifährt.
Klingt verdächtig nach Deutschland, oder?
Und das nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn.
Deutschland ist seit Jahren eine Dauerbaustelle.
Es wird angekündigt, geplant, eröffnet (oft irgendetwas) – aber selten fertiggestellt.
Jeder kennt es: Absperrungen bleiben, Maschinen verrosten, und irgendwann hat man vergessen, wofür die Baustelle eigentlich einmal gedacht war.
Oder was sie gekostet haben.
Eine Frage vorab: Was ist eigentlich eine Baustelle?
Eine Baustelle ist kein fertiger Ort.
Sie ist Übergang, Veränderung, ein Zwischenzustand.
Auf der Baustelle gibt es Pläne – zumindest theoretisch.
Doch hin und wieder fragt man sich, ob es überhaupt einen Planer gibt.
Und wenn ja, ob dieser wirklich möchte, dass die Baustelle jemals fertig wird.
Denn wer Macht erhalten will, hat kein Interesse daran, dass etwas abgeschlossen wird.
Baustellen lassen sich besser verwalten als Ergebnisse.
Baustellen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie Lärm, Schmutz und Verzögerung bringen – aber nur selten pünktliche Fertigstellungen.
Und so sind sie oft weniger Versprechen als eher eine Drohung.
Das Versprechen: „Hier entsteht etwas Neues.“ Die Drohung: „Hier bleibt es lange so.
Und Ihr könnte auch nichts daran ändern“ Deutschland ist ein Meister darin, Zwischenzustände zu verlängern.
Aus Provisorien werden Dauerlösungen.
Und aus dem „bald fertig“ wird ein „vielleicht irgendwann“.
Noch eine Frage: Wer ist eigentlich „Deutschland“?
Wenn wir von der „Baustelle Deutschland“ sprechen, dann klingt es, als wäre dieses Land ein Projekt anderer Leute.
Die Politik.
Die da oben.
Irgendwer kümmert sich schon.
Doch im Rückspiegel zeigt sich: Deutschland, das sind nicht nur Parlamente, Ministerien oder Behörden.
Deutschland sind wir alle.
Mit unseren Entscheidungen und Unterlassungen im Alltag.
Mit unserem Beharren auf Bequemlichkeit – und unserem gleichzeitigen Wunsch nach Veränderung.
Mit unserem (ab)nicken und die Augen verschlossen halten.
Mit der Neigung aus Angst besser nichts zu sagen.
Deutschland ist die Gesellschaft, die Digitalisierung fordert, aber noch Faxe verschickt.
Deutschland ist die Wirtschaft, die Innovation beschwört, aber am liebsten am Altbewährten festhält.
Deutschland ist auch der Einzelne, der sich über marode Straßen aufregt – und gleichzeitig gegen jede Baustelle vor der Haustür protestiert.
„Sollen die doch woanders bauen“ geben sie ebenso schnell wieder ab.
Hauptsache, es kümmert sich jemand – nur nicht wir.
Wir wollen Veränderung, aber bitte ohne Veränderung im eigenen Leben.
Und so entsteht ein Paradox: Deutschland will Baustellen lösen, ohne selbst zu bauen.
Und Die Liste der offenen Baustellen ist lang: Aber warum sind so viele davon verlassen?
Warum stehen Kräne still, Absperrbänder flattern im Wind – während niemand mehr zu sehen ist, der arbeitet?
Weil man sich in Zuständigkeiten verliert.
Weil Verantwortung immer weitergereicht wird.
Und weil niemand den Mut hat, Entscheidungen auch wirklich durchzuziehen.
Und auch darum reißen wir ständig neue Baustellen auf, weit entfernt von uns.
Wir erklären der Welt, wie Demokratie, Energiepolitik oder Gesellschaft woanders zu funktionieren hat – nur um dann festzustellen, dass wir nicht mal wissen, wo wir das Flatterband für unsere eigene Absperrung herbekommen.
Deutschland ist Weltmeister darin, Ratschläge zu erteilen – und gleichzeitig an der eigenen Umsetzung zu scheitern.
Deutschland ist die einzige Baustelle, die den Umleitungsschildern schon fast ein Denkmal gesetzt hat.
Wir haben uns so an sie gewöhnt, dass wir gar nicht mehr merken, dass sie uns ständig im Kreis führen.
Eine Umleitung, die längst zum Hauptweg geworden ist.
Ein letzter Gedanke Baustellen sind unbequem.
Sie machen das Leben komplizierter, langsamer, teurer.
Aber sie sind auch notwendig.
Ohne sie gibt es keinen Fortschritt.
Nur: Wir dürfen nicht länger darauf warten, dass irgendwann irgendwer die Warnwesten anzieht und anfängt zu arbeiten.
Die Realität sieht anders aus: Immer mehr Arbeiter legen ihre Westen ab und verlassen die Baustelle – für immer.
Um ihr Können in anderen Ländern einzusetzen, in denen man sie wirklich arbeiten lässt.
Und in denen die Pflichten für Bauarbeiter nicht täglich mehr werden und die Rechte für die Gaffer im Gleichschritt auch.
Vielleicht ist genau das unsere eigentliche Herausforderung: Dass wir selbst anfangen müssen, zu denken.
Erstmal nicht alles zu glauben.
Nicht länger in der Haltung zu verharren, dass andere es schon richten werden.
Denn wenn wir weiter warten, passiert das, was wir längst erleben: Die Baustelle leert sich.
Die Fachkräfte gehen.
Und wir bleiben zurück – mit Absperrband, Staub und der Illusion, dass irgendwann alles besser wird.
Es wird niemand kommen, um uns zu retten.
Deutschland ist nicht die Politik.
Deutschland sind wir.
Die Frage ist, ob wir den Mut haben, die Verantwortung zu übernehmen – oder ob wir uns einrichten im ewigen Provisorium.
Denn am Ende geht es nicht nur um Straßen, Netze oder Gebäude.
Es geht um Werte und um Würde.
Darum, ob wir als Gesellschaft bereit sind, aufzustehen, Verantwortung zu tragen und für das einzustehen, was uns wichtig ist.
Wenn uns etwas wichtig ist.
Eine Baustelle ist ein Ort, an dem etwas Neues entstehen kann.
Die Frage ist: Haben wir noch genug Kraft und Willen, dieses „kann“ in ein „wird“ zu verwandeln?
„Fang doch erstmal selbst an und schreib nicht nur darüber…“ – Siehste :-)

