Afrika neu gelesen

Der Parasit Afrikas

von Veronika Wetzel

Foto: KI generiert

Afrika ist kein Kontinent der einfachen Wahrheiten, sondern eine Region widersprüchlichen Entwicklungen, politischer Dynamiken und gesellschaftlicher Aufbrüche. In dieser Kolumne öffnet Veronika Wetzel den Blick für Perspektiven, die hierzulande oft übersehen werden. Sie erzählt von einem Afrika, das differenziert betrachtet werden will: nahbar, überraschend und voller Stimmen, die es zu hören lohnt.

Bei seiner ersten Afrikareise Mitte April scheute sich Papst Leo XIV. nicht, gleich zu Beginn den Finger in eine der größten Wunden des Kontinents zu legen: die Korruption. Ohne Umschweife appellierte er an einer Universität in Kamerun: „Afrika muss in der Tat von der Plage der Korruption befreit werden.“ Solche deutlichen Worte hört man von westlichen Politikern und von Vertretern der „Entwicklungszusammenarbeit“ selten. Zu groß ist die Angst davor, dass einem gleich wieder Rassismus vorgeworfen wird, dass man die Partner verprellt und damit letztendlich Einfluss verliert. Nach dem Motto: Wer sind wir, die Leute, die von uns Gelder erhalten, zur Rechenschaft zu ziehen?

Das Problem ist nur: Die Korruption verschlingt einen enormen Anteil der finanziellen Mittel – nicht nur der Geber, sondern auch der Steuerzahler – und steht damit dem Ziel der Entwicklung ziemlich im Weg. Laut einem Bericht der afrikanischen Entwicklungsbank aus dem Jahr 2025 verliert der gesamte afrikanische Kontinent jährlich rund 148 Milliarden US-Dollar durch Korruption – ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts des gesamten Kontinents und genau doppelt so viel, wie Afrika 2023 an Entwicklungshilfe von westlichen Ländern erhalten hat: nämlich 74 Milliarden US-Dollar. Und weil es sich hier um illegale Zahlungen handelt, sei daran erinnert, dass die Dunkelziffer wohl deutlich höher liegt.

Da solche Summen immer so abstrakt wirken, hier zwei Beispiele von Korruptionsskandalen, die aufgedeckt wurden: Da wäre zum Beispiel der Windpark am Turkana-See in Kenia – Afrikas größtes Projekt dieser Art: Eine von der Afrikanischen Entwicklungsbank (die von Entwicklungshilfepartnern Gelder erhält) mitfinanzierte Hochspannungsleitung wurde laut Korruptionsbericht nie fertiggestellt. Dennoch wurden umgerechnet rund 119 Millionen Euro für die Stromerzeugung in Rechnung gestellt; Beamte waren laut dem Bericht in den Betrug und die Geldwäsche verwickelt.

Ein Bericht der UN-Menschenrechtskommission im Südsudan zeigt die systematische Plünderung der Staatskassen durch den damaligen Vizepräsidenten Benjamin Bol Mel: 1,7 Milliarden US-Dollar gingen an Firmen aus seinem Umfeld für Straßen, die nie gebaut wurden.

Doch Korruption ist nicht nur ein Problem der politischen Eliten, sie ist ein gesamtgesellschaftliches Problem: Sie reicht von Spitzenpolitikern über Beamte in Ministerien und der Polizei bis hin zu Angestellten in Staatsunternehmen und zum kleinsten Beamten in einer Gemeinde. Sie zerfrisst das System wie ein Parasit.

Das Problem ist dabei kein geringeres als der inneren Einstellung und der kulturellen Prägung.

Afrikanische Länder sind in der Regel durch Stammeszugehörigkeiten geprägt – bis heute. Der Sinn für das Gemeinwohl fehlt oft, die Akzeptanz für Umverteilung der Mittel ist extrem niedrig. Die Leute, die in die Politik gehen, tun das nicht unbedingt aus einem Verantwortungsgefühl der Gesellschaft gegenüber heraus, sondern häufig, weil sie sich bereichern wollen. Ich erinnere mich noch gut an ein Treffen in Nairobi (Kenia) für politische Nachwuchsförderung, bei dem ein junger Mann sagte: „Ich möchte möglichst schnell reich werden, egal wie. Ich bekomme immer, was ich will und nehme auf niemanden Rücksicht.“ Er hat das sichtlich stolz gesagt. Genau diese Einstellung ist eine der Ursachen von Korruption – wer möglichst schnell reich werden möchte und ein politisches Amt innehat, sieht die Staatskassen wahrscheinlich einfach als Süßigkeitenladen an, in dem man sich selbst bedienen kann.

Papst Leo hat recht: Für eine echte Veränderung braucht es nicht weniger als einen Sinneswandel hin zu Selbstlosigkeit und Aufrichtigkeit unter den Verantwortungsträgern – es gibt solche jetzt schon, aber zu viele, die von diesen Eigenschaften scheinbar noch nie etwas gehört haben. Gerade die katholische Kirche kann bei dieser Charakterbildung eine wichtige Rolle spielen.

Doch auch innere Reformen und Druck der Entwicklungspartner sind dafür notwendig. Wenn Korruptionsfälle in Entwicklungshilfeprojekten bekannt werden, muss das öffentlich kritisiert werden und Gelder so lange zurückgehalten werden, bis ernsthafte Reformen eingetreten sind. Auch dass alle möglichen Player aus dem internationalen Komplex, zum Beispiel Unternehmen vor Ort, sich an Bestechungszahlungen beteiligen, um schneller Anträge bewilligt zu bekommen, muss aufhören. Letztlich geht es aber nicht ohne einen Wandel von innen: Politiker, die an illegalen Zahlungen beteiligt waren, müssen konsequent ihrer Ämter enthoben und strafrechtlich verfolgt werden – das passiert aktuell noch viel zu selten. Es braucht aber auch strukturelle Veränderungen: Permanente Existenzängste durch größtenteils extrem volatile Arbeitsmärkte und fehlende Sicherungssysteme tragen auch dazu bei, dass man sich selbst „absichern“ möchte – im Zweifelsfall durch öffentliche Mittel.

Damit, dass die westlichen Politiker weitgehend zu dem Thema schweigen, erweisen sie gerade den Menschen, denen sie doch eigentlich helfen wollen, einen Bärendienst: der Bevölkerung und insbesondere den Notleidenden in diesen Ländern. Denn sie sind es, die darunter leiden, dass durch Korruption die Gelder für öffentliche Dienstleistungen und Infrastruktur wie Straßen, Schulen und Krankenhäuser fehlen und der Staat in seiner ureigensten Aufgabe versagt. Die Politik könnte etwas von Papst Leo lernen, was schonungslose Ehrlichkeit betrifft.

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