Afrika neu gelesen

Afrika setzt Grenzen

von Veronika Wetzel

Foto: Jona Ruthardt

Afrika ist kein Kontinent der einfachen Wahrheiten, sondern eine Region widersprüchlichen Entwicklungen, politischer Dynamiken und gesellschaftlicher Aufbrüche. In dieser Kolumne öffnet Veronika Wetzel den Blick für Perspektiven, die hierzulande oft übersehen werden. Sie erzählt von einem Afrika, das differenziert betrachtet werden will: nahbar, überraschend und voller Stimmen, die es zu hören lohnt.

Wer es in Deutschland wagt, eine Begrenzung der Zuwanderung zu fordern, der bekommt schnell das Etikett „Rassist“ auf die Stirn geklebt. Grenzkontrollen werden als Ausgrenzung verstanden, eine Obergrenze an Migration als Diskriminierung. Die nicht gerade subtile Unterstellung lautet, man würde Ausländer nur als Last für unsere Gesellschaft darstellen, sie pauschal als „gefährlich“ brandmarken und die eigene Kultur in einem protektionistischen Anfall möglichst von fremden Einflüssen abschirmen wollen.

Eigentlich fast schon lustig, wenn man bedenkt, dass auch die Herkunftsländer der Leute, die man meint, da in Schutz nehmen zu müssen, selbst keine ungesteuerte Migration möchten.

Denn auch afrikanische Länder sind gegen eine Politik der offenen Grenzen. Da wäre einmal Südafrika. Das industrialisierteste Land des Kontinents gilt für viele Afrikaner als gelobtes Land – ähnlich wie Deutschland für Migranten in Europa – und zieht massenweise verzweifelte, perspektivlose Leute wie ein Magnet an. Aber die Südafrikaner wollen zunehmend keine Einwanderung mehr.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: die hohe Arbeitslosigkeit im Land und die steigenden Sozialausgaben, die immer mehr vom Haushalt auffressen. Die Arbeitslosigkeit hat nahezu einen Rekordwert in Südafrika erreicht – nur 2021 während der Corona-Pandemie war sie noch höher. Jeder Dritte in dem Land ist auf Jobsuche. Bezieht man noch die Langzeitarbeitslosen ein, sind es sogar über 40 Prozent – eine der höchsten Quoten weltweit. Dass man da nicht noch mehr Leute möchte, die auf den Arbeitsmarkt drängen, ist irgendwie selbstverständlich, oder? Kein Wunder, dass 80 Prozent der Südafrikaner sich dafür aussprechen, dass die Zahl der Leute, die in das Land kommen und einen Job suchen, begrenzt wird.

Dieser Trend belastet logischerweise auch die Sozialsysteme, von denen – ähnlich wie in Deutschland – auch anerkannte Flüchtlinge und „Langzeiteinwohner“ profitieren. Inzwischen gehen rund 15 Prozent des Haushalts für Soziales drauf – mit steigender Tendenz.

Wie kritisch Zuwanderung in Südafrika wirklich in der Breite der Gesellschaft gesehen wird und nicht wie in Deutschland pauschal als „rechts“ gebrandmarkt wird (an dieser Stelle sei daran erinnert, dass 80 Prozent der Bevölkerung schwarz sind), wurde mir bei einem Abendessen während meines Auslandssemesters in Südafrika mit einer Studienkollegin bewusst. Wir aßen zusammen Pizza und unterhielten uns dabei über Politik. Die junge Studentin, die man ganz sicher nicht des trumpschen Populismus verdächtigen konnte, sagte zu mir: „Wir schaffen diese Zuwanderung einfach nicht mehr. Dafür haben wir die Ressourcen nicht.“ Wer jetzt einwenden möchte: „Ja, aber Südafrika ist ja noch ein von weißen Kolonialisten regiertes Land“, der irrt. Auch andere afrikanische Länder wollen keine offenen Grenzen, zum Beispiel Kenia.

In dem ostafrikanischen Land lebt eine relativ große Gemeinschaft aus Somalia, die eine strenge Auslegung des Islam lebt. Wenn man eine Frau im Niqab auf der Straße sieht, ist sie in der Regel eine Somali. In Kenia, wo sich die Frauen über die letzten Jahrzehnte viele Rechte und politische Teilhabe hart erkämpft haben, wird das gar nicht gern gesehen. Und auch in Sachen Sicherheit spielt der aus Somalia importierte Islamismus eine große Rolle. In den letzten 10 Jahren gab es mehrere Terroranschläge der somalischen Terrorgruppe Al-Shabaab in Kenia, beim größten sind rund 150 Menschen ums Leben gekommen. Seitdem hat sich das gesellschaftliche Leben merklich verändert: Inzwischen gibt es vor jedem öffentlichen Gebäude Sicherheitskontrollen, wie man sie in Deutschland nur vom Flughafen kennt: Handtaschen werden durchsucht, Körper abgescannt, Autos mit Spiegeln durchleuchtet und von Spürhunden durchschnüffelt.

Die Bedrohung durch die somalischen Terroristen bleibt real: Erst Anfang des Jahres griff Al-Shabaab im Nordosten Kenias an der somalischen Grenze wieder an und tötete einen Dorfvorsteher und einen Lehrer. Teile Kenias gelten inzwischen als unter der Kontrolle der Terrorgruppe stehend – vor allem im Nordosten des Landes, an der Grenze zu Somalia. Der Staat hat dort nicht mehr viel zu melden.

Auch die wirtschaftliche Lage spielt in Kenia eine Rolle. Auch hier suchen viele händeringend nach einem Job, einige berichten davon, tagelang nichts mehr zu essen gehabt zu haben. Dass viele Somali offensichtlich wohlhabend sind, macht viele Kenianer misstrauisch. Die verhüllten Damen sieht man in Nairobi oft mit teuren Designer-Handtaschen herumlaufen. Ein Grund dafür ist die enorme Rolle, die Somali im Gebäudesektor einnehmen. Die somalischen Clans legen ihr Geld zusammen, investieren es dann und teilen die Gewinne. Sie sind so nicht auf teure Kredite angewiesen. Ein Teil von Nairobi wird inzwischen schon „Little Mogadishu“ genannt. Dass es den Kenianern sauer aufstößt, wenn die Somali mit Designerkleidung vor ihnen herumstolzieren, während viele von ihnen am Hungertuch nagen, ist irgendwie auch verständlich, oder?

Können denn Afrikaner Rassisten sein?, möchte man da fragen.

Wohl kaum. Aber auch die Afrikaner wissen, dass Schutz von Grenzen Sicherheit bedeutet, dass ein Staat erst einmal die Verantwortung hat, für seine eigenen Bürger zu sorgen, bevor anderen geholfen werden kann.

Die Forderung nach einer geregelten Einwanderung ist kein Rassismus. Sie ist gesunder Menschenverstand.

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