Im Gespräch mit dem Journalisten Roman Zeller von der Schweizer Wochenzeitung DIE WELTWOCHE geht es um Perspektivenwechsel im Journalismus, den Umgang mit dominanten Narrativen und die Rolle der Presse in polarisierten Zeiten. Zeller beschreibt, warum provokante Gegenpositionen für ihn zum demokratischen Diskurs gehören – und weshalb Irritation oft der Beginn von Erkenntnis ist.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

DIE WELTWOCHE gilt als Medium, das bewusst gegen dominante Narrative anschreibt und Perspektiven verschiebt. Wo haben Sie, lieber Roman Zeller, persönlich erlebt, dass dieser Perspektivenwechsel tatsächlich Erkenntnisgewinn erzeugt hat und wo vielleicht auch Irritation oder Missverständnisse?

Roman Zeller

Ich erlebe diesen Erkenntnisgewinn persönlich immer dann, wenn das offizielle Narrativ zur unantastbaren Wahrheit festgezurrt wird und die mediale Einheitsfront im Gleichschritt marschiert. Ob zum Beispiel bei der Corona-Pandemie, dem Ukraine-Krieg, bei Donald Trump, der AfD, Putin, China: Sobald es heißt, «das darf nicht sein», «unmöglich», «darüber darf man nicht reden, nicht diskutieren», dann scheppern bei mir die Alarmglocken. Wenn alle in die gleiche Richtung rennen, bietet die andere Sicht zwangsläufig einen Mehrwert – weil sie eben den toten Winkel der Mehrheitsmeinung ausleuchtet.

Ralf M. Ruthardt

Sie wollen damit sagen, dass nur so eine lebendige Demokratie funktioniert.

Roman Zeller

Ja, genau. Demokratie ist nichts für Harmoniesüchtige, sondern eine Arena, wo Wettbewerb der Argumente herrscht, wo das Unbequeme, auch das politisch Unkorrekte auf den Tisch muss. Zur möglichst breiten Willensbildung und Entscheidfindung. Nicht einige wenige sollen bestimmen, was gut ist, sondern die Mehrheit, die Bürger. Dass dies Irritation auslöst, ist kein Betriebsunfall, sondern das Ziel; eine Presse, die niemanden und schon gar nicht die «Guys in Charge» mehr stört, ist keine Presse, sondern eine PR-Abteilung der Mächtigen. Wer an den festzementierten Thronen der Eliten rüttelt, muss mit Lärm rechnen, denn wer an der Macht ist, mag es naturgemäß nicht, wenn man an seinem Stuhl sägt. Was uns dann oft als Missverständnis entgegenschlägt, ist in Wahrheit die intellektuelle Kapitulation des Gegenübers. Mir fällt immer wieder auf: Statt sich inhaltlich mit Argumenten auseinanderzusetzen, flüchtet man sich in die moralische Keule und die hysterische Schubladisierung: «rechts», «rechtsextrem», «Nazi» – was natürlich vollkommen absurd ist. Mir zeigt das: Man schießt in der heutigen Zeit lieber auf den Boten, weil man die Botschaft nicht widerlegen kann. Mag ja sein, dass auch wir uns bei DER WELTWOCHE mal irren – das gehört zum Menschsein dazu! Aber entscheidend ist, dass man im Diskurs bleibt. Rede und Gegenrede, auch Streit, das ist das Lebenselixier der Demokratie – und der Freiheit. Wer nur noch die Einbahnstraße des Denkens zulässt, befindet sich auf dem direkten Weg in die geistige Diktatur, und dagegen halten wir mit einer gewissen sportlichen, auch verspielten Freude die Stellung. Gut gelaunt!

Ralf M. Ruthardt

Wenn Sie Themen gegen den medialen Mainstream setzen: Erleben Sie bei Ihrer Leserschaft eher Bestätigung, produktiven Widerspruch oder eine Zuspitzung der Polarisierung? Und woran merken Sie, ob ein Perspektivenwechsel als intellektuelle Einladung verstanden wird – oder als Provokation?

Roman Zeller

Ich erlebe das volle Spektrum, die gesamte Klaviatur an Reaktionen – von glühender, euphorischer Zustimmung und tiefer Dankbarkeit für die Frischluft aus den Schweizer Bergen bis hin zur hasserfüllten Empörung. Das ist völlig natürlich: Wer sich wie wir der – im Idealfall – intelligenten Provokation verschrieben hat, wer den Mut hat, festgefahrene Denkmuster zu hinterfragen, aufzubrechen, der erntet zwangsläufig Reaktionen, auch heftige. Besonders bei hochgradig emotionalisierten Themen wie den Kriegen in der Ukraine, in Gaza, im Iran, kochen die Gemüter hoch. Woran ich erkenne, ob unser Perspektivenwechsel als Einladung oder reine Provokation verstanden wird? Das zeigt sich schnell an der Qualität der Rückmeldung.

Ralf M. Ruthardt

Wie sehr kochen die Emotionen bei den Leuten hoch, wenn man den Wechsel der Perspektive zumutet?

Roman Zeller

Es gibt den emotionalen Kurzschluss, den reflexartigen Angriffsmodus, bei dem die Leute mit Schaum vor dem Mund in Pauschalisierungen flüchten – da geht die Emotion sofort über die Finger auf die Tastatur, ohne den Umweg durch den Kopf gemacht zu haben. Aber – und das ist das Schöne – es gibt eben auch das Gegenteil: Ich erhalte regelmäßig hochinteressante Zuschriften und Kommentare, die sich inhaltlich mit unseren Thesen auseinandersetzen. Das sind die Momente, in denen ein echter, produktiver Diskurs entsteht, der uns zwingt, auch die eigene Position noch einmal zu hinterfragen. Wenn ein Leser schreibt: «Ich sehe das völlig anders als Sie, aber Ihr Argument X hat mich zum Nachdenken gebracht», dann ist das Ziel erreicht. Am Ende ist mir jede leidenschaftliche Reaktion lieber als die Friedhofsruhe. Stellen Sie sich eine Welt vor, wo man sich nur noch gegenseitig bestätigt und auf die Schulter klopft. Schlimm! Daher sind mir auch die hysterischen Reaktionen der Medien lieber als die Totenstille; würde die Weltwoche nichts mehr auslösen, würde nichts mehr in Schwung kommen, wären wir auf einem ganz falschen Weg.

Ralf M. Ruthardt

Was macht es mit Ihnen persönlich, dauerhaft gegen Mehrheitsdeutungen zu arbeiten? Stärkt das Ihre innere Unabhängigkeit oder erhöht es den Druck, ständig gegen den Strom schwimmen zu müssen? Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen notwendiger Gegenposition und bloßer Opposition um der Opposition willen?

Roman Zeller

Wissen Sie, ich sehe mich gar nicht primär als Meinungsmacher, es geht hier weniger um mich persönlich. Ich bin Schweizer, ich bin neutral – und als solcher kenne ich keine Brandmauern. Das liegt einfach nicht in unserem Naturell. Ich rede mit allen, und ich wünschte mir, dass wir als Gesellschaft wieder mehr miteinander reden, diskutieren, auch leidenschaftlich streiten, statt uns gegenseitig in Schubladen zu stecken, zu diffamieren, anzuschreien. Was mich antreibt, ist eine tiefe, fast schon chronische Neugier auf Menschen und Meinungen. Mich interessiert brennend, was jene zu sagen haben, die in unseren sterilen Debatten als «umstritten» gelten – um dieses Bullshit-Wort einmal zu gebrauchen. Wo sind ihre Argumente? Wo liegen die Missverständnisse? Was blendet die Mehrheit aus? Natürlich erhöht das den Druck, und klar macht das etwas mit einem. Auch ich bin nur ein Mensch, kein Roboter, und jeder Mensch hat das natürliche Bedürfnis, irgendwo auch zu gefallen. Aber darum darf es in meinem Beruf nicht gehen. Ich sehe mich in einer Art Rolle des journalistischen Pflichtverteidigers. Wenn ich nicht mit den Verfemten und Verdammten spreche, wer macht es dann? Jeder Mensch – und sei er in den Augen der Öffentlichkeit noch so «böse» – verdient rechtliches Gehör. Das habe ich schon im Jurastudium gelernt, 1. Semester: Audiatur et altera pars. Es ist zwingend nötig, diese Rolle einzunehmen, auch wenn es ungemütlich ist. Wo kämen wir sonst hin, wenn wir die Urteile fällen, bevor die Verteidigung überhaupt das Wort ergreifen durfte? Und genau da verläuft die Grenze zur Opposition um der Opposition willen: Mir geht es nicht um plumpen Widerspruch, sondern um die rechtsstaatliche, meinetwegen die demokratische Notwendigkeit, das ganze Bild, die andere Sicht zu zeigen.

Ralf M. Ruthardt

Danke für das Gespräch, lieber Roman Zeller.

Zur Person

geboren 1992 in Zürich. Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich mit Austauschsemestern an der University of Queensland, Brisbane (Australien) und an der Tsinghua University, Peking (China). Ab Sommer 2018 bei der Weltwoche Verlags AG. Erst als Volontär, dann, ab 2019, als Reporter im Inlandressort und ein Jahr darauf als Korrespondent in Berlin. Heute ist er Mitglied der Chefredaktion und verantwortet den Digital-Bereich.

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