In einer Zeit großer Veränderung von Bildung, Technik und Gesellschaft steht Edith Wolf an der Schnittstelle von Philanthropie und Strategie. Als Vorständin der Vector Stiftung verantwortet sie das Stiftungsvermögen, die Förderstrategie und bringt ihre langjährigen Erfahrungen aus Wirtschaft und Non-Profit zusammen. Sie zeigt auf, welche Rolle Stiftungen bei der Förderung von Innovation, Gemeinwohl und regionaler Verantwortung spielen.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Die Vector Stiftung, liebe Edith Wolf, wurde aus dem unternehmerischen Erfolg der Vector Informatik GmbH heraus gegründet. Welche Haltung steht dahinter bzw. ist gesellschaftliche Verantwortung für Sie als Vorständin ein moralischer Imperativ oder Ausdruck eines nachhaltigen Unternehmerverständnisses?

Edith Wolf

Jede Stiftung hat ihre eigene Entstehungsgeschichte. Unsere ist verbunden mit den Gründern der Vector Informatik GmbH. Eberhard Hinderer, Martin Litschel und Dr. Helmut Schelling, alle Jahrgang 1953, und der Gesellschafter Dr. Thomas Beck, Jahrgang 1963, sahen sich um das Jahr 2007 mit der Nachfolgefrage konfrontiert. In der Belegschaft machte man sich Gedanken, wie es wohl mit dem Unternehmen weitergeht, wenn die drei Gründer in den Ruhestand gehen. Ebenso war für die Kunden, die hauptsächlich aus der Automobilindustrie kommen, die Kontinuität im Management wichtig. Man hat sich Gedanken gemacht und als Ergebnis sind 2011 die gemeinnützige Vector Stiftung und eine Familienstiftung, eine sogenannte Doppelstiftung, gegründet worden. Die Vector Stiftung besitzt 60 % der Anteile der Vector Informatik GmbH. Durch die Umwandlung in ein Stiftungsunternehmen hat man die Firma „praktisch unverkäuflich gemacht“, ihr Bestehen auf Dauer gesichert und der Zersplitterung der Gesellschaftsanteile durch eine wachsende Anzahl von Gesellschaftern vorgebeugt.

Ralf M. Ruthardt

Man erlebt immer wieder, dass erfolgreiche Unternehmer sich nicht über eine maximal große Yacht definieren …

Edith Wolf

Von unseren Stiftern höre ich immer wieder, dass sie sehr dankbar für Rahmenbedingungen und die tollen, leistungsfähigen Mitarbeiter sind. Sie wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben – und das mit Herz und Verstand.

Ralf M. Ruthardt

Hat die Stiftungsstruktur auch einen positiven Nebeneffekt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im operativen Business?

Edith Wolf

Ja, das würde ich so sehen. Die Unternehmenskultur ist nicht von Investoren getrieben und das wirkt sich positiv auf das Betriebsklima aus. Es ist die Art und Weise, wie man miteinander umgeht, erhalten geblieben.

Ralf M. Ruthardt

Gerne möchte ich die Logik einer Doppelstiftung verstehen, die man seitens der Gründer gewählt hat.

Edith Wolf

Die Familienstiftung dient der Versorgung der Familie. Und mit der gemeinnützigen Vector Stiftung geben die Stifter der Gesellschaft etwas zurück: „Am Erfolg unseres Unternehmens haben viele mitgewirkt. Deshalb sollen auch viele daran teilhaben“, ist der Leitgedanke der Stifter.

Ralf M. Ruthardt

Und wie fühlt es sich für Sie persönlich an, in einer solchen Stiftung wirken zu dürfen?

Edith Wolf

Ganz klar: Es ist eine Arbeit auf der Sonnenseite. Meine Aufgabe erfüllt mich und es macht mich sehr dankbar und zufrieden, wenn ich die Menschen und ihre Entwicklung sehe, die wir mit unseren Projekten fördern. Meine Aufgabe besteht jedoch nicht ausschließlich in der Förderung. Es gilt auch die finanzielle Basis real zu erhalten beziehungsweise zu mehren. Da ist zum einen das Stiftungsvermögen in Form der erwähnten 60-prozentigen Beteiligung an der Vector Informatik GmbH. Dann gibt es da rund 60 Millionen Euro Finanzanlagen und einige Sozialwohnungen. Das ist unsere Substanz. Aus der Dividende und den Zinserträgen der Finanzanlagen speisen sich die Förderausgaben. Das sind etwa 12 Millionen Euro pro Jahr.

Ralf M. Ruthardt

Das ist ein beeindruckendes Förderbudget und in diesem Zusammenhang kommt mir eine Formulierung in unserem Grundgesetz in den Sinn: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Wie verstehen Sie diesen Satz im Kontext Ihrer Stiftungsarbeit und wie lässt sich dieser Anspruch in einer globalisierten Wirtschaft praktisch einlösen?

Edith Wolf

Dieser Satz aus dem Grundgesetz ist wichtig und relevant. Man muss das nicht in Form einer Stiftung umsetzen, aber man kann es so machen. Jedenfalls sehe ich in der Arbeit der Stiftung nichts Beliebiges. Ich habe den Anspruch an eine professionelle Führung und eine klare strategische Ausrichtung.

Ralf M. Ruthardt

Ist es so, dass die strategische Ausrichtung sich in den Ausschreibungen der Stiftung widerspiegelt?

Edith Wolf

Ja, wobei das Format von Ausschreibungen zwischenzeitlich ein Problem ist. Mittels KI werden die Ausschreibungen recherchiert und anschließend schüttet man uns mit nicht immer tauglichen Bewerbungen zu. Zurück zur strategischen Ausrichtung. Es ist wichtig, dass man das Problemfeld und die Mitwirkenden bei der Problemlösung im Blick behält: Wie groß ist das Problem, welches man lindern möchte? Hat die Herausforderung eine quantitative und qualitative Relevanz? Man muss sich im Themengebiet auskennen und es geht um Netzwerke, um den Überblick – und damit verbunden um den Wirkungsgrad. Wir fördern hier nicht isoliert, sondern sind Bestandteil einer Zusammenarbeit verschiedener Akteure.

Nah dran, wirksam handel

Bezüglich Ihrer Frage zur globalisierten Wirtschaft: Wir sehen Baden-Württemberg als Teil Europas und der Welt. Trotzdem fokussiert die Vector Stiftung ihre Förderung auf Baden-Württemberg. Das hat auch ganz praktische Gründe. Hier kennen wir uns aus. Auch im wohlhabenden Baden-Württemberg gibt es viel Armut. Die Armut wohnt nebenan. In Baden-Württemberg ist fast jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Stuttgart hat 5300 wohnungslose Menschen. Das weiß fast niemand, deshalb unterstützen wir in der Region und auch Zielgruppen, die weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehen, wie bspw. wohnungslose Menschen und chancenarme junge Erwachsene. Die Stärkung der Region Baden-Württemberg als zukunftsfähiger Lebens- und Wirtschaftsstandort liegt der Vector Stiftung sehr am Herzen. Weil wir überzeugt sind, dass wir hier vor Ort am meisten bewegen können, konzentrieren wir uns bewusst auf Baden-Württemberg und die Region Stuttgart.

Ralf M. Ruthardt

Viele Stiftungen fördern, aber können sie auch Strukturen verändern? Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Projekte aus und wie messen Sie, ob Ihr Engagement tatsächlich gesellschaftliche Wirkung entfaltet?

Edith Wolf

Stiftungen können keine Strukturen im öffentlichen Bereich ändern. Stiftungen können nur auf Ineffizienzen hinweisen, Debatten führen, neue Wege modellhaft aufzeigen oder eine Anschubfinanzierung leisten. Wenn Stiftungen untereinander und mit Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenarbeiten, dann kann gemeinsam viel erreicht werden – sogar Strukturen könnten sich dann ändern. Die Vector Stiftung fördert Projekte, die sich klare Ziele geben und nachvollziehbar beschreiben können, wie sie diese Ziele erreichen und messen wollen. Dabei geht es uns vor allem darum, welche Ergebnisse für die Zielgruppe erreicht werden sollen (Outcome) und nicht um den reinen Output (wie viele Workshops führen wir durch etc.). Trotzdem ist die Wirkung auf gesellschaftlicher Ebene nur eingeschränkt zu messen – wenn man ehrlich ist. Denn Seiteneffekte, allgemeine Reifeprozesse etc. lassen sich nicht rausrechnen, wenn man einzelne Projekte im Bildungsbereich evaluiert.

Einfach machen, klug begleiten

Wir sind eine sehr praxisorientierte Stiftung. Wir investieren unsere Gelder gemäß unserer Strategie in erfolgsversprechende Projekte, statt auf der Metaebene zu viel über Wirkung zu reflektieren. „Einfach machen“ ist für uns wichtig. Wir fördern Personen und Projekte, die uns überzeugen und keine Studien bzw. großen Evaluationen. Wir begleiten Projekte eng, führen Meilensteingespräche, lernen gemeinsam mit den Projekten zu den für uns wichtigen Themen. Ich würde sagen, wir sind ein „critical friend“. Gleichzeitig setzen wir auch auf Vertrauen und ein schlankes Reporting. Wir wollen keine bürokratischen Hürden aufbauen. In Bereichen wie Wohnungslosigkeit lässt sich Wirkung besser messen (z. B. Anzahl an gebauten, vermittelten Wohnungen, Anzahl Auszüge etc.). Aber in Projekten, in denen es um Kompetenzentwicklung, Haltungsveränderung oder Bildungsprozesse allgemein geht, ist das schwierig und die Debatte darüber häufig auch sehr abgehoben.

Ralf M. Ruthardt

Die Projekte eCO2Capture und Ihr Engagement gegen Wohnungslosigkeit sind sehr unterschiedlich – es eint sie aber ein praktischer Nutzen für Mensch und Umwelt. Was waren Ihre Beweggründe für diese Themen und was lässt sich aus diesen Projekten über die Wirksamkeit verantwortungsvollen Unternehmertums ableiten?

Edith Wolf

Die Themen eCO2Capture und das Engagement gegen Wohnungslosigkeit spiegeln unseren Anspruch wider, sowohl ökologische als auch soziale Herausforderungen aktiv anzugehen. Bei eCO2Capture steht die Suche nach innovativen Lösungen für den Klimaschutz im Mittelpunkt. Das Projekt hat im Rahmen unserer Ausschreibung „Forschung für den Klimaschutz“ überzeugt. Unser Einsatz gegen Wohnungslosigkeit ist Ausdruck unseres Verständnisses für soziale Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Bezahlbares Wohnen entwickelt sich zur sozialen Frage unserer Zeit. Wichtig ist, dass sich unsere Förderungen gut ergänzen und Synergien genutzt werden – sowohl unter Förderpartnern wie auch zwischen unseren Themen und Projekten. Wenn uns das gelingt, dann erzielen wir deutlich mehr Wirkung als mit der Summe einzelner Projekte.

Ralf M. Ruthardt

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie könnte sich die Rolle unternehmerisch geprägter Stiftungen entwickeln, gerade in Zeiten, in denen Staat und Politik oft an ihre Grenzen stoßen? Braucht es mehr solche eigenverantwortlichen Akteure im gesellschaftlichen Gefüge?

Edith Wolf

Auch unternehmerisch geprägte Stiftungen können an ihre Grenzen stoßen, gerade dann, wenn es den Unternehmen wirtschaftlich nicht gut geht. Aktuell sind viele Unternehmen in der Krise. Wenn Unternehmen trotz Krise und sinkender Gewinne weiterhin gesellschaftlich hoch engagiert bleiben, dann muss man davor wirklich den Hut ziehen. Ein großes Vorbild war hier Robert Bosch. Er hat in Krisenzeiten, also während des 1. und 2. Weltkrieges, sein philanthropisches Engagement sogar erhöht, obwohl es dem Unternehmen auch schlecht ging. Seine Haltung war, dass man gerade in Krisenzeiten mehr für die Gesellschaft tun muss. Die Vector Stiftung hat in 2025 ihr Budget nur minimal verringert, da die letzte Dividende aus dem Unternehmen etwas kleiner ausfiel. Wir haben das Glück, dass wir eine schwäbische Stiftung sind und noch ein gutes „Sparkässle“ haben. Ich bin überzeugt, dass verantwortungsvolles Unternehmertum seine größte Kraft entfaltet, wenn es Werteorientierung mit Innovationsgeist verbindet. Unternehmerisch geprägte Stiftungen zeichnen sich oftmals durch ihre „Macherart“ aus – einfach machen, schnelle Entscheidungen treffen und im Projektmanagement-Modus arbeiten. Das ist beim Staat und in der Politik meist grundsätzlich anders. Ich habe aber ganz tolle Erfahrungen mit hervorragender Zusammenarbeit z. B. mit der Stadt Stuttgart gemacht. Wenn etwas nachhaltig, groß und in der Breite funktionieren soll, dann müssen Stiftungen mit dem Staat und der Politik zusammenarbeiten. Schauen Sie sich gerne mal unsere Lernwerkstatt in Weilimdorf an. Ein gelungenes Beispiel einer tollen Kooperation von Stadt Stuttgart, Land BW, Firma Vector und 7 Stiftungen. https://vector-stiftung.de/lernwerkstatt/ Unsere Stiftungsarbeit lebt von der Zusammenarbeit mit engagierten Partnern und dem gemeinsamen Ziel, gesellschaftlichen Wandel aktiv und nachhaltig zu gestalten.

Zur Person

(geboren 1971) studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim. Nach zwölf Jahren im internationalen Einkauf bei debis/T-Systems wechselte sie zur Robert Bosch Stiftung, bevor sie seit Juli 2016 die Vector Stiftung in Stuttgart als Vorständin leitet.

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