Was bedeutet unabhängiger Journalismus heute – jenseits von Rundfunkräten, Meinungskorridoren und Quote? Im Gespräch mit Ralf M. Ruthardt erläutert Flavio von Witzleben, warum echte Medienfreiheit ohne finanzielle und redaktionelle Unabhängigkeit kaum möglich ist – und warum gerade die offene Debatte unser demokratisches Miteinander rettet.
Das GesprächUnabhängiger Journalismus. Freiheit im Journalismus. – Das sind Stichworte, die ich an den Anfang unseres Gespräches setzen möchte, lieber Flavio von Witzleben. Bitte lass uns an deinen Erfahrungen teilhaben. Wie lässt sich unabhängiger Journalismus in Deutschland umsetzen?
Hierbei sind die Finanzen essentiell. Wenn ich als Journalist finanziell unabhängig arbeiten kann, dann kann ich die Themen inhaltlich frei gestalten. Ich kann Personen einladen, die vielleicht vom sogenannten Mainstream nicht eingeladen werden. Meine Arbeit finanziere ich überwiegend aus Spenden und über die Monetarisierung von YouTube beziehungsweise Google. Dadurch ist es mir möglich, unabhängig zu arbeiten. Das hat positive und negative Seiten: Die negative Seite ist, dass man kein geregeltes Einkommen hat; anders als bei einem festangestellten Redakteur beim Tagesspiegel, der FAZ oder wo auch immer. Der weiß, dass er jeden Monat seine 3.000 Euro netto erhält. Bei mir schwankt das je nach Reichweite und je nachdem, was gespendet wird. Im Einzelfall sind das fünf oder 50 Euro. In manchen Fällen auch mal 500 Euro. Ohne die finanzielle Unabhängigkeit kann man nicht frei arbeiten. Der nächste Punkt ist die redaktionelle Unabhängigkeit. Ich habe niemanden über mir, der mir sagt, welche Themen ich zu setzen habe. Es gibt keinen, der mir vorschreibt, wer zu mir ins Gespräch kommen darf. Machen wir das konkret: Vor Kurzem hatte ich ein Interview mit Björn Höcke und Ulrike Guérot. In einem der zwischenzeitlich über 10.000 Kommentare schreibt jemand, dass dieses Interview eigentlich zur besten Sendezeit in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört hätte. Das stimmt natürlich. Denn mit meiner Arbeit fülle ich ein Stück weit das Vakuum, das die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verursachen. Denn es wäre eigentlich ein Bestandteil deren Programmauftrags. Die finanzielle Unabhängigkeit und die redaktionelle Unabhängigkeit. Das sind die beiden Voraussetzungen, um als Journalist frei und unabhängig arbeiten zu können.
Da hast vom Vakuum gesprochen. Davon, dass du einen Teil des Programmauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) erledigst. Ich mag die Idee des ÖRR sehr und sehe darin eigentlich die zwei Merkmale der Unabhängigkeit, die du genannt hast. Die finanzielle Unabhängigkeit des ÖRR ist durch die sogenannten Zwangsgebühren – oder freundlich formuliert – durch die Rundfunkbeiträge gewährleistet. Und durch die Rundfunkräte soll die Gesellschaft repräsentativ abgebildet werden, was für Ausgewogenheit sorgen könnte. Von daher müsste doch der ÖRR freien und qualitativ hochwertigen Journalismus betreiben und uns Bürgerinnen und Bürger sachlich informieren können. Auf den ersten Blick sind die Rahmenbedingungen vom Prinzip her stimmig.
Ich stimme dir zu, dass die Einrichtung des ÖRR für eine liberale, demokratische Gesellschaft absolut begrüßenswert ist. Ich finde die Idee dahinter klasse. Leider erfüllen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten diese Ansprüche nicht mehr. Das merken die Menschen zunehmend. Meiner Ansicht nach war die große Zäsur mit der Corona-Pandemie im März 2020, als auf einmal nur noch eine Meinung abgebildet worden ist. Das damals herrschende Narrativ wurde nicht mehr hinterfragt. Daraus resultierten dann die großen alternativen Medienkanäle, die es heute noch gibt. Klar, auch vor der Corona-Krise gab es ein paar Alternativmedien, wie das Rubikon-Magazin (heute „Manova“), die „Nachdenkseiten“ oder die „Junge Freiheit“. Aber seit der Pandemie gibt es eine Fülle von alternativen Medien – alleine bei YouTube sind es weit über 50 solcher Kanäle. Man kann durchaus sagen, dass es damals eine große Zäsur gab und die bis dahin etablierten Medien versagt haben. Insbesondere der ÖRR hat seinen Programm- und Bildungsauftrag nicht mehr erfüllt – wobei das vor der Corona-Pandemie auch schon erkennbar gewesen ist. Denn es gab einen großen Vertrauensverlust bereits 2014. Das war während der sogenannten Annexion der Krim durch Russland. Was danach durch die Mainstream-Medien kam, war und ist auf die Narrative der NATO ausgerichtet. Es werden kaum noch russische Positionen berichtet. Ähnlich, wenn auch etwas ausgewogener – sehen wir es im aktuellen Nahost-Konflikt. Da überwiegen die pro-israelischen Narrative; wobei das so langsam kippt. Auch die pro-ukrainischen Narrative sind zwischenzeitlich nicht mehr so vorherrschend. Und im Rückblick auf die Corona-Pandemie ist man sich mittlerweile in den Redaktionen im ÖRR erkennbar einig, dass man damals nicht ausgewogen Bericht erstattet hat.
Ziehen wir die Zeitachse etwas in die Länge. Nach der „Ära Kohl“ wurde Gerhard Schröder Bundeskanzler. Er hat uns als Gesellschaft einiges abgefordert. Wir erinnern uns an die Hartz-IV-Reformen. Nun, Schröder hat uns aus dem Irak-Krieg rausgehalten, aber gleichwohl gemeinsam mit Joschka Fischer die NATO-Intervention im Kosovokrieg 1999 – also eine militärische Einmischung ohne UN-Mandat – unterstützt. Ich möchte darauf hinaus, dass wir als Gesellschaft in dieser Zeit sehr wohl gefordert waren. Während der anschließenden „Ära Merkel“ – so meine subjektive Wahrnehmung, die ich mit dir hinterfragen möchte – gab es dann eine Entwicklung, in welcher sich viele Menschen aus der Bürgerrolle ins Private zurückgezogen haben. Es schien ja keine Alternativen zum politischen Handeln zu geben und man hatte ja die Zusage, dass Politik sich kümmern werde. Man hat sich, etwas pauschal und verkürzt formuliert, zurückgezogen und gesellschaftspolitisch schlafen gelegt. Dann kamen die Ereignisse um die Flüchtlingsströme, die man anfangs in weiten Teilen der Gesellschaft mitgetragen hat. Ich erinnere mich, wie meine Kids und ich gemeinsam am Hauptbahnhof in München bei der Essensausgabe unseren Beitrag geleistet haben. Im Laufe der Zeit wurde jedoch aus der Alternativlosigkeit etwas, das man nicht mehr mittragen wollte. Man erkannte, dass es keine vernünftigen Argumente in den Migrationsfragen mehr gab. Vieles wurde unlogisch und noch mehr wurde nicht mehr bewältigbar. Ich bin bei dir, Flavio, dass das Gefühl, einem massiven medialen Diktat ausgesetzt zu sein, sich während der Pandemie kulminierte. Jeder, der dem politischen und medialen Diktat in dieser Zeit nicht folgt, wurde auf manches Mal nahezu menschenverachtende Weise aus der Gesellschaft ausgestoßen. So gesehen haben wir – auf dem Zeitstrahl etwas breiter gezogen – eine Entwicklung gehabt, die schlussendlich zu dem führt, wo wir heute stehen: Wir haben in weiten Teilen der Gesellschaft einen massiven Vertrauensverlust in Politik und Medien. Wir haben, das zeigt auch die Verbundenheitsstudie des Rheingold-Instituts aus 2025, einen quasi Bruch zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den staatlichen Institutionen.
Ja, das hat sich wirklich sukzessive so entwickelt. Du hast es nachvollziehbar über die vergangenen Dekaden hinweg aufgezeigt. Angefangen mit Gerhard Schröder, der damals in einer rot-grünen Bundesregierung mit Joschka Fischer als Bundesaußenminister Deutschland in eine direkte Kriegsbeteiligung geführt hat. Der Kosovokrieg war die erste deutsche Kriegsbeteiligung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und das unter einem Außenminister von DIE GRÜNEN, die einst eine pazifistische Partei gewesen ist. Es hat sich über die Jahrzehnte einiges zugespitzt. Lass uns fokussiert auf die Medien blicken: Meiner Ansicht nach gab es den bereits genannten ersten großen Bruch 2014. Dann folgte 2015 die Flüchtlingskrise. In beiden Krisen hatte man nicht mehr den Eindruck, dass moderat-kritische Positionen in den etablierten Medien, namentlich dem ÖRR, ausgewogen abgebildet werden. Natürlich muss Journalismus nicht die Position von Rechtsextremisten überwiegend darstellen – aber auch darüber muss man berichten. Schließlich wollen die Menschen wissen, was ist – also was geschieht. Von einer ausgewogenen Berichterstattung während der Flüchtlingskrise oder gar während der Corona-Pandemie ist kaum etwas zu finden. Machen wir es konkret: Prof. Dr. Sucharit Bhakdi und Dr. Wolfgang Wodarg haben konstruktive und wichtige Diskussionsbeiträge geliefert – aber im ÖRR kamen sie nicht oder nicht angemessen zu Wort. Wieso wurden diese Fachexperten außen vor gelassen? Dass der Begriff „Lügenpresse“ Einzug gehalten hat, muss vor solchem Hintergrund nicht verwundern. Ich erwidere diesen Begriff: „Lückenpresse“ wäre die richtige Zuschreibung, denn, wer etwas Relevantes in der Berichterstattung einfach weglässt, verzerrt damit die Wirklichkeit. So etwas sollten Journalisten nicht tun. Es gilt, die Wirklichkeit abzubilden und nicht selbst eine Wirklichkeit zu konstruieren. Meine persönliche Politisierung war zur Zeit der Eurokrise, als sich die AfD gegründet hat. Dann folgten die Konflikte in der Ukraine, die Flüchtlingskrise, die Pandemie – und in dieser Zeit meine eigene journalistische Tätigkeit. Zu deiner Frage, wie verlorenes Vertrauen in die Medien wiederhergestellt werden kann: Ich bin mir nicht sicher, ob die von dir erwähnte Verbundenheit so einfach wiederhergestellt werden kann.
In den sozialen Medien bist du sehr aktiv, Flavio. Du hast beispielsweise zusammen mit Dr. Karin Kneisel, der ehemaligen Außenministerin von Österreich, einen sehr ansprechenden Podcast. Lass uns der Frage nachgehen, wie unterhaltsam inhaltliche Themen präsentiert werden müssen, damit diese von den Menschen angeschaut bzw. angehört werden. Lass uns dies vor dem Hintergrund betrachten, dass sich dein Podcast mit Geopolitik beschäftigt. Können wir als Bürgerinnen und Bürger mit komplexen Themen umgehen oder wie sehr muss man uns das geschmeidig rüberbringen?
Das ist eine wirklich gute Frage, die ich mir selber oft stelle. Ich lege viel Wert darauf, dass meine journalistische Arbeit nüchtern und sachlich ist. Das soll nicht ins Infotainment übergehen, wie wir das teilweise bei den Alternativmedien sehen. Natürlich hat Infotainment seine Berechtigung und es gibt dafür eine Zielgruppe. Aber dabei geht natürlich oftmals einiges an Informationen und an Zusammenhängen verloren. Klar, wenn man unterhaltsam ist, dann hat man mehr Reichweite. Auch die Tagesaktualität ist ein Faktor, wenn es um Reichweite geht. Mir geht es mehr hintergründig um die Sache – und natürlich ist es prima, wenn meine Gesprächspartner rhetorisch gut unterwegs sind. Da saß vor Kurzem Fürstin Gloria von Thurn und Taxis bei mir zum Interview. Das Gespräch mit ihr war natürlich hervorragend, weil sie ihre Standpunkte rhetorisch sehr gut vorgetragen hat. Meinem Anspruch, dass die Gespräche den Leuten Erkenntnisse bringen sollen, will ich gerecht werden. Daher ist das Unterhaltsame nicht das, was ich in den Mittelpunkt rücke. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen sich Programme aus Gewohnheit anschauen. Da hört man jeden Sonntag oder jeden Samstag diesen oder jenen Podcast – weil man ihn immer anhört. So ist das eben.
Wenn wir in alternative Medien reinschauen – dabei ist deren politische Verortung unerheblich –, dann stellt man fest, dass oft pointiert gesprochen oder fast schon gebrüllt wird. Braucht es immer einen gewissen „Alarm“ oder die Alarmstimmung, damit die Leute nicht „weiterwischen“?
Vielleicht sollte man dazu eine Studie machen. Das Ergebnis würde mich interessieren. Ich kann nur aus dem Bauch heraus antworten. Es geht wohl darum, eine Stimmung zu erzeugen. Vorherrschende Stereotype und Vorurteile sollen bestätigt werden. Es geht, so meine Einschätzung, weniger um Information und Erkenntnisgewinn, sondern um Emotionen. Wenn man NiUS sich anschaut, dann ist das sicherlich kein Zufall, dass einer der Initiatoren der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt ist.
Machen wir einen Perspektivenwechsel, ohne dass ich einen direkten Vergleich zu NiUS suche. Wenn ich mir JUNG&NAIV von Tilo Jung auf YouTube anschaue, dann ist sein Format tendenziell eher links oder nahe an DIE GRÜNEN. So meine Wahrnehmung. Auch dort finde ich das Pointierte und manches Mal auch eine gewisse Alarmstimmung.
Im Rahmen meines Studiums hatte ich mit Zuschauern von JUNG&NAIV zu tun gehabt. Wir haben diskutierend ganze Nächte verbracht. Ich habe in dieser Zeit viele Mechanismen verstehen gelernt. Man findet dort eher die Angst oder die Panik, dass aufgrund des Klimawandels jetzt – etwas überspitzt formuliert – die Welt untergeht. Oder, dass Russland in Deutschland einmarschiert. Das sind eher deren Panikmomente, die da gesetzt werden. Man muss resümieren, dass beide Seiten ihre Stereotype haben und mit vorherrschenden Narrativen agieren. Es gibt eher wenig Formate, mal abgesehen von deinem Magazin MITMENSCHENREDEN oder von Benjamin Berndt mit seinem Podcast „{ungeskriptet} by Ben“, die mit unterschiedlichen politischen Seiten in Kontakt sind und wirklich eine Art Symbiose bilden. Das ist auch für mich eine große Herausforderung. Immer mal wieder frage ich beispielsweise Gregor Gysi an, um mit der anderen Seite noch mehr in Kontakt zu kommen. Es ist nicht einfach. Deswegen versuche ich jetzt vermehrt diese Streitgespräche. Debatte im Sinne der Hegelschen Dialektik. Es geht schließlich um den Erkenntnisgewinn.
Dann nehmen wir das als Schlussgedanken: Es geht um Erkenntnisgewinn. – Ich danke dir, lieber Flavio von Witzleben, für unseren Gedankenaustausch und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich ein ergebnisoffenes Nachdenken.
Zur Person
ist unabhängiger Journalist, Podcaster und YouTuber. Bekannt wurde er durch sachlich fundierte Interviews mit kontroversen Gästen und geopolitischen Analysen. Er finanziert seine Arbeit über Spenden, legt Wert auf redaktionelle Freiheit und erreicht ein breites Publikum abseits etablierter Medien.



