Flavio von Witzleben ist Journalist, Moderator und Betreiber eines unabhängigen YouTube-Kanals, auf dem er mit streitbaren Gästen über Politik, Medien, Freiheit und gesellschaftliche Entwicklungen spricht.
Das GesprächLieber Flavio von Witzleben, ich erinnere mich noch sehr gut an unser Gespräch vor einigen Monaten. Wir haben uns über Journalismus und dessen Unabhängigkeit unterhalten. Dabei fiel der Satz: „Die finanzielle Unabhängigkeit und die redaktionelle Unabhängigkeit. Das sind die beiden Voraussetzungen, um als Journalist frei und unabhängig arbeiten zu können.“ (Magazin mitmenschenreden 04–2025, Seite 94–99) Das ist nüchtern formuliert und zugleich eine Provokation. Bedeutet dies, dass Meinungsfreiheit in Deutschland formal vorhanden, praktisch aber zunehmend voraussetzungsreich geworden ist?
Ja, darum geht es. Natürlich kann man in Deutschland vieles sagen. Die Frage ist nur: Was kostet es einen? Wenn jemand nach einer Meinungsäußerung beruflich, sozial oder finanziell unter Druck gerät, ist Freiheit nicht aufgehoben, aber eingeschüchtert. Wir reden nicht nur über staatliche Zensur, sondern über Milieudruck, Plattformlogiken, Banken, Arbeitgeber und Redaktionen.
Einerseits wird dauernd von Vielfalt gesprochen. Andererseits ist die Bereitschaft gering, wirklich abweichende Meinungen auszuhalten. Ist das nicht eine Art Scheinfreiheit?
Vielfalt ist billig, wenn sie nur dekorativ ist. Eine freie Gesellschaft erkennt man nicht daran, dass alle innerhalb eines engen Korridors unterschiedlich schillern dürfen. Man erkennt sie daran, wie sie mit dem Unbequemen umgeht. Mich interessiert nicht, ob ein Gesprächspartner in mein Weltbild passt. Mich interessiert, ob ein Gespräch Erkenntnis ermöglicht. Ich spreche niemanden heilig; aber ich schließe auch niemanden aus, nur weil ein Etikett auf ihm klebt.
Du hast gesagt, dass du mit deiner Arbeit ein Vakuum füllst, das eigentlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk füllen müsste. Ich mag die Idee eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR). Aber wenn der Auftrag Vielfalt lautet und am Ende maßgeblich Gleichförmigkeit herauskommt, dann muss man fragen, ob die Institution ihrem eigenen Anspruch noch genügt.
Die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist nicht das Problem. Im Gegenteil: Eine Gesellschaft kann ein Interesse daran haben, dass es Medien gibt, die nicht vollständig von Quote, Werbung oder Parteitaktik abhängig sind. Aber daraus folgt Verantwortung. Wenn der ÖRR bestimmte Sichtweisen ausblendet, entsteht Vertrauensverlust. Viele Menschen haben während Corona erlebt, dass große Medien nicht mehr fragten, sondern erklärten, was zu gelten habe. Alternative Kanäle entstanden als Antwort darauf.
Nun wird Gegenöffentlichkeit schnell verdächtigt: alternative Medien, YouTube-Kanäle, Podcasts – da schwingt oftmals sofort das Wort Desinformation mit.
Natürlich gibt es im Netz Unsinn, Zuspitzung, Fehler und Eitelkeit. Das gibt es in klassischen Medien ebenfalls. Entscheidend ist eine offene Korrekturkultur. Der Vorwurf der Desinformation wird häufig eingesetzt, um nicht mehr inhaltlich streiten zu müssen. Wahrheit entsteht nicht dadurch, dass eine Instanz den Debattenraum vorsortiert. Sie entsteht durch Widerspruch, Prüfung und Gegenprüfung.
Der Ökonom und mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnete Friedrich August von Hayek hat gezeigt, dass Wissen dezentral entsteht und kein Planer über das Ganze verfügen kann. Lässt sich dieser Gedanke auf Medien übertragen?
Absolut. Medien sind ein Erkenntnismarkt. Wenn wenige große Anbieter definieren, was relevant, seriös und sagbar ist, entsteht eine Art Planwirtschaft der öffentlichen Meinung. Und wie jede Planwirtschaft hat auch diese ein Wissensproblem. Sie sieht nicht mehr, was draußen wirklich gedacht, gefühlt und erlebt wird. Freie Formate sind wichtig, nicht weil sie automatisch besser sind, sondern weil sie zusätzliche Wahrnehmungen ermöglichen.
Klassischer Liberalismus setzt auf Eigenverantwortung. Vielleicht liegt genau da sein kommunikatives Problem. Viele Menschen wollen Freiheit, solange sie nicht mit Zumutung, Risiko und Verantwortung verbunden ist.
Freiheit ist nicht unattraktiv geworden, aber sie wurde umgedeutet. Viele verstehen Freiheit heute als Anspruch, vor Zumutungen geschützt zu werden. Klassische Freiheit heißt: selbst denken, selbst entscheiden, irren dürfen – und die Folgen nicht vollständig an den Staat delegieren. Das ist unbequem und verlangt innere Souveränität.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem Liberalismus wieder stärker moralisch sprechen müsste. Nicht moralistisch, sondern moralisch. Freiheit als Würde des Einzelnen, nicht als kalte Marktformel.
Das halte ich für entscheidend. Freiheit ist keine technische Verwaltungsfrage, sondern eine Frage des Menschenbilds. Traue ich dem Einzelnen Urteilskraft zu? Darf er erwachsen sein? Der klassische Liberalismus muss wieder verständlich machen, dass Freiheit nicht Egoismus bedeutet. Sie bedeutet Verantwortung. Und Verantwortung heißt: Ich nehme den anderen ernst genug, um ihm nicht vorzuschreiben, was er denken darf.
Dann wäre unabhängiger Journalismus nicht nur ein Berufsethos, sondern eine freiheitliche Praxis.
Ja. Ein freier Journalist muss Distanz wahren – auch zu den eigenen Überzeugungen. Integrität heißt, sich nicht kaufen zu lassen: nicht durch Geld, nicht durch Applaus, nicht durch Zugehörigkeit. Wenn Journalismus das leistet, wird er zu einem Ort, an dem Gesellschaft sich selbst erkennt. Nicht bequem, aber notwendig.
Wir nehmen als Schlussgedanken mit: Freiheit braucht Widerspruch, und Widerspruch braucht Räume, in denen Menschen nicht vorsortiert, sondern gehört werden. Danke für das Gespräch.
Zur Person
ist unabhängiger Journalist, Podcaster und YouTuber. Bekannt wurde er durch sachlich fundierte Interviews mit kontroversen Gästen und geopolitischen Analysen. Er finanziert seine Arbeit über Spenden, legt Wert auf redaktionelle Freiheit und erreicht ein breites Publikum abseits etablierter Medien.



