Vom Maschinenbau zur Kunst – Eckhard Wähning erzählt, wie ein „Nicht bestanden“ sein Leben veränderte, ihn vom Designer zum Skulpteur führte und warum es nie zu spät ist, neu zu beginnen. Ein inspirierender Weg voller Umwege und Entschlossenheit.
Das GesprächViele Jahre warst du, lieber Eckhard Wähning, geschäftlich international unterwegs – und nun treffen wir uns im März 2025 auf einer Kunstmesse in Osnabrück. Nimm uns für ein paar Momente dahin mit, wo dein Weg in die Kunst seinen Anfang genommen hat.
Eigentlich hatte ich mich bereits für den Maschinenbau eingeschrieben. Aber dann fand ich mich in „NATO-Olive“ – sprich bei der Bundeswehr – wieder. Während einiger Freigänge besuchte ich einen Freund, der an einer Fachhochschule für Design studierte. Zufällig wurden dort gerade Prüfungen zur Feststellung künstlerischer Begabungen abgehalten. Noch nie davor hatte ich gezeichnet oder mich mit Design oder Kunst beschäftigt. Gut, vielleicht mal eine Figur aus Kupferblech gehämmert. Aber das war’s. Spontan nahm ich an diesem Talentwettbewerb teil, und ich war begeistert.
Wie darf man sich das vorstellen?
Es gab eine Abschlussbesprechung. Da saßen mehrere Personen an einem langen Tisch: die Professoren und einige ausgewählte Studenten. Meine Kupferfigur stand tapfer auf diesem Tisch. Die Kuratoren schauten staunend zwischen meinem Werk und mir hin und her, während ich begeistert über meine Figur sprach. Auf deren Frage, warum ich bei dieser Begeisterung für die Kunst nicht mehr präsentieren würde, konnte ich nur entschuldigend darauf verweisen, dass mein Wehrdienst nun mal jede Kreativität blockieren würde. Einige Tage später erhielt ich den ersehnten Brief und mit ihm das Ergebnis der künstlerischen Begabtenprüfung. Auf einem schmucklosen Blatt Papier stand der Text: - „besondere künstlerische Begabung“ - „künstlerische Begabung“ - „keine künstlerische Begabung“ Rate mal, was mit einem dicken Kreuzchen markiert war? (lacht)
Sicherlich „besondere künstlerische Begabung“; was denn sonst? (lacht)
Nein. Es war „keine künstlerische Begabung“ fett angekreuzt, und damit war mir nun klar, was ich wirklich wollte: Ich werde Designer!
Klingt vielleicht nicht unbedingt logisch, aber jedenfalls rebellisch. Das sagt man begabten Kunstschaffenden ja durchaus nach. (lacht) Wie ging dein Weg weiter?
Nach der Bundeswehrzeit überzeugte ich meine Eltern von meinem Vorhaben und suchte mir einen Praktikumsplatz in einer kleinen Werbeagentur. Zudem lernte ich in Abendkursen das Zeichnen. Zu dieser Zeit gab es noch keinen wirklichen Ausbildungsberuf in dieser Branche. Nun, zwei Jahre später stand ich wieder bei der gleichen Fachhochschule zur künstlerischen Begabtenprüfung und erhielt anschließend den gleichen schmucklosen Brief. Diesmal war das Kreuzchen hinter dem Satz „besondere künstlerische Begabung“. Das Studium absolvierte ich nicht gerade in Rekordzeit. Ein Grund war, dass ich mich bereits im Laufe des ersten Semesters selbstständig gemacht hatte: eine Werbeagentur. Im Studium hatte ich Glück und traf auf einen Kunst-Professor der „alten Schule“. Im Sommer zeichnete ich Tiere im Zoo und im Winter das dazugehörige Innenleben im paläontologischen Museum. Bei der ersten Korrektur im Zoo schaute mich dieser Professor fragend an: „Was haben Sie vorher gemacht?“, wollte er wissen. „Ich habe angefangen, Maschinenbau zu studieren.“ „Soll ich Ihnen einen Rat geben? Machen Sie da weiter“, war seine klare Ansage an mich. Aber ganz ehrlich: Konnte diese Wertung meiner Fähigkeit mich demotivieren? Nein, ich werde Designer. Jetzt erst recht! (lacht)
Klingt spannend und zugleich überrascht es mich, da du dieses Studium zu Ende gebracht und erfolgreich abgeschlossen hast.
Ja, es dauerte noch etwas, aber bis zum Abschluss des Studiums und nach mehreren Jahren im Zoo und Museum wurden wir Freunde. Sein letzter Rat an mich war, dass ich an die Kunstakademie gehen soll. Aber dafür war es zu spät. Ich hatte ja bereits eine Werbeagentur mit mehreren Mitarbeitern, Auszubildenden und ein Fotostudio. Auch das Angebot, einen Lehrauftrag anzunehmen, musste ich ablehnen – wer sollte meine Arbeit in der Agentur weiterführen?
Ein Zwischenfazit: Ein künstlerisch sehr begabter Entrepreneur zieht das Unternehmertum einer akademischen Laufbahn vor.
So könnte man es sagen. – Nach mehreren Jahren als Dipl.-Designer in der Werbung und im Messebau entwickelte ich eine mobile Küche für den Messeeinsatz, das „KITCASE“ – die Küche im Koffer – und weitere Kleinküchen, für die ich mehrere Designauszeichnungen erhielt und die in verschiedenen Designausstellungen, wie im Vitra Designmuseum und an der Bergischen Universität Wuppertal im Institut für Kunst- und Designgeschichte einen Platz fanden. Also landete ich irgendwie ungewollt in der Möbelbranche und wurde dort der kleinste Küchenhersteller, jedoch der größte Kleinküchenhersteller.
Wir brauchen den Gedankensprung, hin zur Skulptur. Denn hier auf der ARTe-Kunstmesse 2025 in Osnabrück sehe ich dich inmitten einer Fülle von Skulpturen.
Mein Weg zur Skulptur führte über England. Aber beginnen wir damit, dass meine Frau, eine engagierte Floristin, ihre Begeisterung für Pflanzen und Gärten mit mir teilen wollte und mich mit nach England nahm. Mit Gärten verband ich nur eins: Rasenschneiden, ein Jugendtrauma. Aber was ich dann sah, begeisterte mich erneut! Nicht nur Gärten, sondern Gartenarchitektur in beeindruckender Qualität. Gartenräume, gestaltet mit Blickachsen und eingerichtet mit Skulpturen, wie Zimmer mit Bildern – und das für mich fast Unfassbare: vorausschauend geplant, entworfen von Künstlern und Gartenarchitekten, die teilweise nicht einmal die Chance hatten, die fertige Anlage in ihrer Vollendung jemals zu sehen und zu begehen. Denn Gärten müssen wachsen, was Jahre dauern kann – wer hat die Zeit? Inspiriert kamen wir zurück und fingen als Erstes an, unseren damals 3.000 m² großen Garten umzugestalten. Was macht man nach so einem prägenden England-Erlebnis? Man schaut in seinen Garten und holt den Bagger. Motiviert und voller neuer Ideen gingen wir an die Arbeit. Wir unterteilten den Garten in Gartenräume mit Taxushecken, Formschnitten, Blickachsen und kunstvoll gestalteten Beeten, durchzogen von kleinen Wegen. Meine Frau war ja Floristin und eine begeisterte Gärtnerin. Das gesamte Ensemble richteten wir dann schrittweise mit Skulpturen, Brunnen und Brunnenskulpturen ein. Das Ergebnis ließ sich sehen: Wir wurden vom Fernsehen besucht, und unser Garten erschien in Zeitschriften und Büchern wie „Blühendes Münsterland“ von Ursel Borsten und Susanne Peters. Die Skulpturen, die wir wollten, waren zu der Zeit in dieser Qualität nicht zu bekommen …
… und was macht dann ein künstlerisch begabter Unternehmer? Ich erahne es.
… richtig erkannt, wir gründeten 1995 die „H&G – die Haus & Garten Galerie“ – und importierten Bleiskulpturen aus England. Von Museen kauften wir die Originalabgüsse alter Meister, wie zum Beispiel den Betenden Jüngling von Sanssouci oder den Denker von Rodin und ließen sie in Originalgröße in Bronze gießen. Wir knüpften Kontakte zu Kunstgießereien und zeitgenössischen Künstlern und entwickelten ein umfassendes und ausgefallenes Skulpturenprogramm. Da unser Wohnort mit seinen damals etwa 35.000 Einwohnern für eine Galerie als Zielgruppe zu klein war, konzipierten wir die Skulpturen-Galerie als bundesweit arbeitende Katalog-Galerie mit Versandauflagen von bis zu 20.000 Katalogen jährlich. Der Kontakt zur Skulptur war geknüpft.
Im Rückblick bekommt alles seine erwartbare Logik. Beim Zuhören der Erzählung deiner Lebensgeschichte erschließt sich jedoch ein geradezu wunderbarer Werdegang. Gleichwohl hast du damals mit dem Kataloggeschäft einen Vertriebsweg genutzt, der durch das Internet massiv unter Druck gekommen ist. Die Schnelllebigkeit im Netz, das „Vergleichbarwerden“, Preisrabattierungen per Mausklick … habe ich etwas vergessen?
Die Liste lässt sich fortsetzen: Überangebote und minderwertige Kopien will ich noch hinzufügen. Es galt, ein starkes Alleinstellungsmerkmal zu generieren. Ein Besuch bei einer befreundeten Künstlerin öffnete mir die Augen. Ihr Enkelsohn hatte während seines Urlaubs bei ihr eine beeindruckende Skulptur modelliert – und das mit nur 12 Jahren. Als wir bewundernd davorstanden, sagte meine Frau: „Eckhard, das kannst du doch auch.“ In diesem Moment wurde meine damalige, einsame Kupferfigur wieder lebendig vor meinen Augen. Zuhause besorgte ich Modellierwachs und begann zu arbeiten. Erstaunlicherweise fiel es mir leicht. Mein damaliger Professor hatte recht: Wenn dich einmal, nach langem Studium und Üben, die Muse küsst, ist es gleichgültig, ob du mit dem Stift, dem Pinsel oder deinen Händen modellierst. Doch ohne Übung, konstruktive Kritik und die Bereitschaft, sich Korrekturen zu stellen – was nicht immer einfach ist – kommt man nicht voran. Die Übung war mein Part, während meine Frau und meine beiden Töchter mir mit wertvoller Kritik und Inspiration zur Seite standen. Neben dem exklusiven Galerieprogramm nahmen meine eigenen Skulpturen immer mehr Gestalt an – und das notwendige Alleinstellungsmerkmal war gegeben. Ich lernte zudem das Patinieren und Schweißen – es ist nie zu spät, mit etwas Neuem zu beginnen. Heute, als Skulpteur, möchte ich, inspiriert durch das Gesehene und Erlebte, die Natur und meine Umwelt nicht einfach kopieren, sondern umsetzen und neu darstellen. Manchmal sehnsüchtig und verträumt, wie bei der „Frau im Wind“, oder mit einer kleinen Prise Humor, wie bei den „EckiFanten“. Meine Vögel modellierte ich skizzenhaft, nicht als Vollskulptur, sondern als ein Spiel zwischen Bewegungen und Akzenten, leerem Raum und Bronze. Meine Themen reichen heute von der griechischen Mythologie bis zu verspielten Episoden. Das Leben ist zu spannend, zu abwechslungsreich und zu kurz, um sich auf einen Stil oder ein Thema festzulegen. Aus diesem Grund greife ich immer wieder gerne Neues auf und spiele mit Themen und Formen.
Seit vielen Jahren arbeiten deine liebe Frau und du als Galeristin und du als freischaffender Künstler und Skulpteur zusammen. Zwar gibt es euren Garten nicht mehr, da ihr umgezogen seid. Und sicherlich liegt vor euch beiden – wie vor uns allen – die eine oder andere Entwicklung, auf die wir uns mutig und kreativ einlassen dürfen. Meine abschließende Frage: Was ist für dich eine der Konstanten in der Zukunft?
Als Menschen müssen wir uns anpassen und ja, vielleicht gilt es, das eine oder andere im Laufe des Älterwerdens aufzugeben, wie zum Beispiel die Galerie – aber sicherlich nicht die Kunst.
Zur Person
ist freischaffender Künstler und Skulpteur. Wähning ist 1956 geboren. Der Diplom-Designer war viele Jahre als Führungskraft in der freien Wirtschaft tätig, bevor er sich 2010 auf sein kreatives Wirken konzentrierte. Er erhielt unter anderem den Busse Longlife Design Award für seine „kitcase“-Kofferküche. Möbel von Wähning finden sich im Vitra Design Museum und an der Bergischen Universität Wuppertal, Institut für Kunst- und Designgeschichte. Bereits 1995 gründete er eine Galerie. www.e-waehning.de



