In dieser Rubrik MENSCHEN IM PORTRÄT sprechen wir mit Menschen, deren gesellschaftliches Engagement uns als Leserinnen und Lesern eine Quelle der Inspiration für unser eigenes Tun sein kann. Die Zuwendung zu unserem Nächsten und die Bereitschaft, ein zeitliches, finanzielles oder emotionales „Opfer“ zu bringen, sind mit gesellschaftlichem bzw. sozialem Engagement verbunden. Als Menschen können wir unsere Gesellschaft bereichern.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Herzlichen Dank, lieber Herr Prof. a. D. Dr. med. Dipl.-Soz.-päd. Gerhard Trabert, für Ihre Zeit. Bitte lassen Sie zu Beginn unseres Gesprächs unsere Leserinnen und Leser an Ihrer Biografie teilhaben. Damit erschließt sich uns Ihr gesellschaftliches Engagement.

Gerhard Trabert

Aufgewachsen bin ich in einem Mainzer Waisenhaus, aber als Privilegierter, denn mein Vater arbeitete dort als Erzieher. Meine Kindheit war sehr schön, aber auch mit der Erkenntnis verbunden, dass es anderen Kindern deutlich schlechter geht als mir! Meinen Bildungsweg, ein sogenannter zweiter Bildungsweg, also von der Hauptschule hin zur „Mittleren Reife“ und zum Fachabitur mit anschließendem Fachhochschulstudium zum Diplom-Sozialpädagogen, einige Jahre beruflicher Tätigkeit und anschließendes Medizinstudium, Promotion, Tätigkeiten als Arzt, als Professor für Medizin und Sozialmedizin und danach am Lehrstuhl für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie und weitere Stationen können wir abkürzen.

Ralf M. Ruthardt

Ihr außergewöhnliches gesellschaftliches Engagement …

Gerhard Trabert

… hat seinen Ursprung in meiner erwähnten Kindheit. Je älter ich werde, umso bewusster wird mir, dass ich in einem Waisenhaus als privilegiertes Kind aufgewachsen bin. Wie gesagt, meine Eltern waren dort tätig und wir haben im unmittelbaren Umfeld der Einrichtung gewohnt. Nehmen wir beispielsweise die Weihnachtszeit: In meiner Kindheit hat es mich beeindruckt, wie empathisch und wertschätzend mein Vater mit den Waisenkindern gebastelt hat. Er hatte ursprünglich einen Handwerksberuf erlernt, er war Werkzeugmacher, und erst später zum Erzieher umgeschult. Wenn man bei uns in der Wohnung die Küchentür öffnete, stand man schon mitten im Kinderheim. Zur Weihnachtszeit durfte sich jedes der Kinder für zehn Mark ein Weihnachtsgeschenk aussuchen, ich dagegen hatte für hundert Mark Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen. Dieser Unterschied war doch nicht gerecht, er war ungerecht und als Kind und Jugendlicher hat mich das sehr betroffen gemacht. Die Heimkinder waren meine Spielkameraden und meine Freunde. In der Schule erlebte ich, wie die Vorurteile gegenüber den Kids aus dem Waisenhaus dazu geführt haben, dass diese bei vielen „unangenehmen Anlässen“ als die Schuldigen vorverurteilt wurden. Damals habe ich mir geschworen, dass ich als Erwachsener diese Form der Stigmatisierung bekämpfen werde. Meine Erfahrungen und meine Beobachtungen lassen sich so zusammenfassen: Privilegiert zu sein und Ungerechtigkeit mit ansehen zu müssen, ist etwas Entsetzliches, gegen das man handeln muss.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns am Rande noch auf Ihre politischen Motivationen eingehen. Wurden diese ebenfalls geprägt, als Sie noch ein junger Heranwachsender gewesen sind?

Gerhard Trabert

Zwei kurze Impressionen können meine politische Prägung transparent machen: Mein Vater musste als 17-Jähriger im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht. Seine Berichte haben mich, was die Schrecken eines Krieges und die Herrschaft einer Diktatur angeht, geprägt. Ebenso eine Erzählung von meinem Großonkel. Dieser war Sozialdemokrat und hatte mutig postuliert, dass er eines Tages die Niederlage Hitlers feiern und dazu einen Zylinderhut aufziehen werde. Dieser Mut zu einer klaren, riskanten Positionierung hat mich fasziniert. Es gibt übrigens eine Fotografie, die meinen Großonkel einen Zylinder tragend in Wehrmachtsuniform mit Kameraden an der Ostfront zeigt. Die Ostfront war nicht zufällig der Einsatzort, an den man ihn geschickt hatte, zuvor wurde er als politisch Verfolgter ins KZ Osthofen gebracht. Ich positioniere mich gegen das politisch Extreme. Gewalt ist für mich keine Lösungsoption.

Ralf M. Ruthardt

Eine Ihrer Kernthesen ist, dass Armut krank machen und Krankheit arm machen kann. Sind Sie ein Weltenretter?

Gerhard Trabert

Nun, ich bin kein Weltenretter. Retter ist eine Dimension, die nicht realistisch ist. Es geht mir vielmehr um Sensibilisierung, um damit ein bestimmtes Bewusstsein zu schaffen. Menschen mit reichlich finanziellen Möglichkeiten und die politischen Entscheidungstragenden müssen ein Bewusstsein zum Thema soziale Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft entwickeln. Sehr viele politisch Verantwortliche sind aufgrund der eigenen Lebenssituation, der Privilegien, des Reichtums, den sie besitzen, viel zu weit von den Lebensrealitäten zahlreicher Bürger*innen entfernt. In deren Handlungen und politischen Entscheidungen muss sich dieses Bewusstsein widerspiegeln. Armut ist in der Welt und auch bei uns in Deutschland eine Realität, die es so nicht geben müsste, nicht geben darf. Arm bedeutet mehr, als nur keinen Wohlstand zu haben und verzichten zu müssen – es geht über die Lebensqualität weit hinaus, denn arme Menschen sterben deutlich früher.

Ralf M. Ruthardt

Ich werfe Ihnen das Schlagwort „Bürgergeld“ zu.

Gerhard Trabert

Hier wird schlichtweg von gewissen Politikern gelogen. Bezieher von Bürgergeld sind nicht faul! Dieses mantraartig vorgetragene Narrativ vom arbeitsverweigernden Bürgergeldbeziehenden stimmt einfach nicht. Viele Bürgergeldbeziehende sind zum Beispiel Alleinerziehende, oft Frauen, die nicht ohne weiteres arbeiten können, wenn es für ihre Kinder keine Kindergartenplätze gibt. Insgesamt sind es weniger als 0,4% der Bürgergeldempfänger*innen, die Arbeit ablehnen. Diese Pauschalisierung ist eine Diskriminierung von Menschen! Bezüglich der Kinder, um es einmal zu konkretisieren, reden wir von einer qualitativen Ernährungsarmut, die etwa 20% der Kinder betrifft. Hier stehen den Eltern nicht ausreichend finanzielle Mittel durch das Bürgergeld für ihre Kinder und Jugendlichen zur Verfügung. Jetzt schauen wir auf das Bürgergeld und erkennen, dass die dort festgesetzten Beträge nicht ausreichen, um die tatsächlichen Kosten für gesunde – auch bei Discountern erhältliche – Lebensmittel zu stemmen. Staatlich verursachte Gesundheitsgefährdung von Kindern! Es ist nur ein Beispiel, welches aufzeigt, dass die oftmals oberflächliche Diskussion rund ums Bürgergeld den Lebenswirklichkeiten nicht gerecht wird.

Ralf M. Ruthardt

Das Leben ist komplex und als Einzelner ist man womöglich hin- und hergeworfen zwischen dem eigenen Homo oeconomicus und dem sozialen Wesen, das wir sind. Welcher Erwartungen haben Sie als Mensch mit Lebenserfahrung und Expertise im Gesundheitswesen und im sozialen Miteinander an die Gesellschaft in Deutschland; sprich: an uns Menschen hierzulande?

Gerhard Trabert

Mir geht es um das konkrete Tun und nicht nur das darüber Sprechen. Zunächst ist es mir wichtig, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen oder alles besser zu wissen. Viele Menschen hierzulande sind sehr mit Existenz- und Wohlstandssicherung beschäftigt. Da bleiben wenig Zeit und Kraft übrig, um sich mit gesellschaftlichen Fragen über das eigene soziale Umfeld hinaus zu beschäftigen. Meine Erwartungshaltung möchte ich daher differenziert, aber deutlich in ihrer „Botschaft“ verstanden wissen. Wenn ich den Blick auf zum Beispiel verbeamtete Menschen, quasi mit einer Arbeitsplatzgarantie, oder in der sogenannten freien Wirtschaft arbeitende Menschen mit relativ hohem Einkommen richte, dann habe ich da schon konkrete Erwartungshaltungen. Es geht mir um deren Sensibilität: Das Sehen von Not und die Motivation, diese wenden zu wollen. Und: Vermögen verpflichtet – das gilt nicht nur für Millionäre und Milliardäre, aber für diese Gruppe von Menschen natürlich noch intensiver.

Ralf M. Ruthardt

Es ist erkennbar, dass in unserer individualisierten und konsumorientierten Gesellschaft und ob unseres mit reichlich finanziellen und personellen Ressourcen ausgestatteten Staates sowohl die Eigenverantwortung und auch das sich für seinen Nächsten mitverantwortlich Fühlen zurückgegangen sind.

Gerhard Trabert

Sein Umfeld wahrzunehmen und sich helfend mit seinen Möglichkeiten einzubringen, ist mein Appell und meine Erwartung an alle Bürger*innen in unserer Gesellschaft. Das lässt sich konkret beschreiben. Alte Menschen oder die alleinerziehende Mutter unterstützen. Menschen mit Migrationshintergrund im Sinne einer wirklich gelebten Willkommenskultur freundlich begegnen und deren Integration fördern. Einmal kann es die Handreichung, einkaufen zu gehen, sein. In einem anderen Fall geht es darum, die Begleitung bei einem Behördengang anzubieten oder einen privaten Deutschkurs zu organisieren. Man hat die Sorge, jemandem zu nahe zu treten, aber das braucht nicht so zu sein. Umgekehrt gilt natürlich auch: Betroffene dürfen den Mut haben, nachzufragen und Hilfe anzunehmen oder auch einmal Hilfe dankend abzulehnen. Reden, zuhören, sich gegenseitig wertschätzen, respektieren ist eine wesentliche Basis unseres gesellschaftlichen zwischenmenschlichen Miteinanders.

Ralf M. Ruthardt

Vielleicht werden Leserinnen und Leser feststellen, dass sie in ihrer Kindheit diese Nachbarschaftshilfe erlebt haben. Dass man mehr füreinander dagewesen ist. Womöglich auch gerade deshalb, weil jeder wusste, die Hilfe des Nächsten irgendwann selbst zu benötigen, und womöglich auch aufgrund eines moralischen Unterbaus.

Gerhard Trabert

Wir leben heute in Deutschland unser Leben zunehmend in einer sozialen Distanz zu unserem Umfeld. Das mag sicherlich zwischen ländlichem Raum und den Städten noch zu unterscheiden sein, aber im Großen und Ganzen lässt sich das leider so feststellen.

Ralf M. Ruthardt

Individualisierte Gesellschaft. Anonymisiert. Sehr vieles ist institutionalisiert und daraus leitet sich oftmals die Erwartung ab, dass es „der Staat“ regeln und sich kümmern soll.

Gerhard Trabert

Wir brauchen eine Renaissance der Verantwortlichkeit füreinander. Hier finden wir viele gute Beispiele, wo Menschen sich einbringen. Wenn ich auf die angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in unserem Verein Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. schaue, dann sehe ich über 60 Menschen, die sich vielfältig, mit Freude und hochmotiviert einbringen. Da gibt es das Arztmobil, ein fahrendes Sprechzimmer, für die medizinische und psychosoziale Behandlung von obdachlosen Menschen. Mit dem Street Jumper fahren wir in sogenannte Brennpunkt-Stadtteile, um Kinder und Jugendliche mit Sport, Spiel und Spannung abzuholen und auch Ernährungstipps zu geben. Das sind nur zwei von vielen Initiativen. Die Begegnung mit diesen Menschen gibt mir sehr viel. Es sind authentische Begegnungen auf Augenhöhe. Zurück zu Ihrem Stichwort, dass sich staatliche Institutionen kümmern. Ich sehe das so: Der Staat stellt ehrenamtliches Engagement in den Vordergrund. Denken Sie an die TAFELN und deren große Bedeutung. Hier delegiert der Staat aber seine Verantwortlichkeit auf eine geradezu ungeheuerliche Art und Weise. Ehrenamt ist wichtig und notwendig, der Staat darf dieses Engagement aber nicht instrumentalisieren, um eine Pseudo-Rechtfertigung zu propagieren, warum dann notwendige sozialpolitische Maßnahmen nicht vorgenommen werden.

Ralf M. Ruthardt

Kann man sagen, dass der der Staat seine Verantwortlichkeit delegiert, ohne dass er zugleich von seinen finanziellen und strukturellen Möglichkeiten abgibt? Also: Der Staat bleibt finanziell und strukturell groß und mächtig, gibt aber die Verantwortung für die notwendige Leistungserbringung ab.

Gerhard Trabert

Ja, es ist ein politisch-strukturelles Versagen. Nehmen wir noch zwei weitere Beispiele: Alleinerziehende Frauen. Diese sind überproportional von Armut betroffen, nämlich zu 43%. Eine Erkenntnis, die nicht neu ist. Und was hat sich zum Besseren gewendet in den vergangenen Jahrzehnten? Wenig bis nichts! Auch Familien mit drei und mehr Kindern sind zu über 30% von Armut betroffen. Kinder sind in dieser reichen Gesellschaft also schon immer und wohl weiterhin ein absolutes Armutsrisiko für ihre Eltern. Ein Skandal! Generell werden Frauen immer noch strukturell durch weniger Lohn für die gleiche Arbeit, aber auch die Nichtberücksichtigung der sogenannten Sorgearbeit (Kinderbetreuung und Versorgung von pflegebedürftigen Angehörigen) benachteiligt. Was sich dann oft wiederum als Altersarmut nach einem intensiven Arbeitsleben widerspiegelt.

Ralf M. Ruthardt

Wir haben hier ein weites Feld, um mit Fontane zu sprechen, und als Menschen in einer Gesellschaft damit verbunden die Aufgabe, Not zu wenden. Haben Sie für unser Interview noch einen Schlussgedanken?

Gerhard Trabert

Jeder Mensch ist gleich viel wert! Mir ist eine Gleichwürdigkeit wichtig. Auch in der Beziehung zwischen Menschen unterschiedlicher Vermögensverhältnisse und Lebensumständen. Würde und Respekt in der Interaktion zwischen Menschen muss die Maxime unseres Begegnens sein. Dazu hilft es, wenn Perspektiven gewechselt werden, so wie Ihr Magazin sich dies auf „die Fahne“ geschrieben hat.

Ralf M. Ruthardt

Dann herzlichen Dank, lieber Herr Trabert, für die inspirierenden Gedanken und für die Perspektivwechsel.

Zur Person

Prof. a.D. Dr. med. Dipl.-Soz.-päd. Gerhard Trabert geboren 1956 in Mainz, war als Arzt für Allgemeinmedizin und Notfallmedizin tätig. Der ehemalige Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie schrieb Bücher wie Der Straßen-Doc: Unterwegs mit den Ärmsten der Gesellschaft (erschienen im Gütersloher Verlagshaus, 2019) und initierte zahlreiche soziale Projekte. Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2022 war er parteiloser Kandidat für Die Linke.

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