Integrität, Wahrheitsstreben und Eigenverantwortung stehen oft im Widerspruch zu kurzfristigem Erfolg und gesellschaftlichen Narrativen. Im Gespräch reflektiert Rahim Taghizadegan über das Spannungsfeld zwischen Erkenntnis und Anpassung – und warum echte Freiheit nur in individueller Praxis Gestalt annimmt.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Lieber Rahim Taghizadegan, in einem Ihrer Bücher weisen Sie darauf hin, dass die meisten Vertreter der Wiener Schule gezeigt haben, dass sie Integrität und Wahrheitsstreben einen besonderen Wert beimessen. Sie seien dafür bereit gewesen, Einkommen und Prestige aufzugeben. Wenn ich mich in Politik, Medien und Wirtschaft umschaue – wo sind die Menschen, die diese Werte teilen? Hat sich an der Wertigkeit von Integrität und Wahrheitsstreben etwas geändert?

Rahim Taghizadegan

Integrität und Wahrheitsstreben kollidieren mit kurzfristigem Erfolg, weshalb jene, die sie konsequent leben, seltener im Rampenlicht stehen. Politik zeigt die stärksten Anreize zur Kurzfristigkeit. Aufgrund der Verknappung durch diese Kurzfristigkeit ist der Wert von Integrität und Wahrheitsstreben jedoch im Steigen begriffen.

Ralf M. Ruthardt

Die Österreichische Schule legt großen Wert auf individuelles Handeln und dezentrale Erkenntnis. Gerade in einer parlamentarischen Demokratie scheint dies eine Herausforderung zu sein, weil Millionen von Menschen zur Wahlurne gehen – und dann basierend auf ihrer Erkenntnis eine Wahlentscheidung treffen. Braucht es Narrative, die die wertigen Argumente der Österreichischen Schule besser an die Frau und den Mann bringen als bisher?

Rahim Taghizadegan

Nein, Argumente sind leider nur für wenige relevant, die meisten Menschen suchen Rationalisierungen ihrer Interessen. Das ist ganz natürlich, die relevanten Entscheidungen erfolgen unter Ungewissheit, und da ist Wissen nur beschränkt nützlich. Darum ist auch die Idee eines „öffentlichen Diskurses“ leider eine Illusion, Erkenntnissuche benötigt eher intime Vertraulichkeit. Veränderungen gehen stets von Minderheiten aus und verbreiten sich durch Vorbildwirkung oder Leidensdruck. Die ursprüngliche Bedeutung von Demokratie war weit realistischer: bürgerliche Selbstbestimmung kleinster Einheiten.

Ralf M. Ruthardt

Es wird in den vergangenen Jahren oft davon gesprochen, dass sich viele Menschen ins Private zurückgezogen haben. Die Komplexität der Herausforderungen sei Ursache – und wo möglich auch Resignation der eigenen Wirksamkeit bei gesellschaftspolitischen Fragen?

Rahim Taghizadegan

Ein Rückzug ins Private wäre nicht so schlecht, oft ist es Keimstätte einer Kulturblüte. Das Gegenteil ist heute jedoch richtig: Das Private wird politisiert, während die private Autonomie schwindet. Der Rückzug aus Ohnmacht in Scheinwelten ist eher die Atomisierung, mit einer Entmachtung und Verdrängung freiwilliger Beziehungen einhergeht, als ein Ausdruck privater Souveränität.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns bitte einer rhetorischen Frage nachgehen. Sollten junge Menschen sich lieber der Wahrheitssuche in einem – wo möglich zurzeit und zu Unrecht – marginalisierten Denkansatz wie der Österreichischen Schule zuwenden oder Karriere in einem System machen, das sich zu weiten Teilen auf billiges Framing und infantile bzw. unvernünftige Narrative fokussiert?

Rahim Taghizadegan

Wahrheitssuche ohne praktische Berührung mit der Welt ist kaum möglich, wirklicher weltlicher Erfolg ohne jedes Wahrheitsstreben ebenso wenig. Niemand kann die individuelle Bürde abnehmen, dieses Dilemma durch subjektive Gewichtung aufzulösen. Vieles, was heute als Karriere gilt, ist kurzfristige Maximierung von Status und Einkommen zum Preis von Abhängigkeit und Vergiftung des Verstandes. Vieles, was heute als Wahrheitssuche gilt, ist Weltflucht. Der interdisziplinäre Realismus der ursprünglichen Österreichischen Schule ist zu schwierig, um ihn als allgemeines Rezept verkaufen zu können. Diese Tradition verschwand fast vollständig im Totalitarismus des letzten Jahrhunderts, wirklich wirksam und nützlich war und ist sie aber auch nur in der individuellen Praxis.

Zur Person

bezeichnet sich als letzten österreichischen Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition und leitet von Zug aus die internationale Hochschule scholarium, wo diese Tradition in ihrer ursprünglichen interdisziplinären und praktischen Form gelernt werden kann. Er hat fünfzehn Bücher geschrieben, darunter einige Bestseller, und Lehraufträge an zahlreichen Universitäten. Ursprünglich Atomphysiker, verbindet er heute Theorie und Praxis als Investor, Unternehmer und Berater.

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