Komplexität, Unsicherheit und Beschleunigung prägen den Alltag von Führungskräften wie Privaten gleichermaßen. Siranus von Staden beschreibt im Gespräch mit MITMENSCHENREDEN, warum Orientierung heute weniger aus starren Strategien als aus innerer Klarheit, Selbstwahrnehmung und der Fähigkeit zur bewussten Selbstregulation entsteht.
Das GesprächSiranus von Staden, dein Thema könnte man mit „Orientierung in wechselnden Dynamiken“ beschreiben.
Wir leben in einer Zeit extremer Komplexität, hoher Geschwindigkeit und großer Unsicherheit. Genau darin besteht die eigentliche Herausforderung: Wie finde ich eine Orientierung, die mir innere Ruhe gibt, daraus Klarheit entstehen lässt und mich befähigt, auch unter unsicheren Bedingungen tragfähige Entscheidungen zu treffen? Diese innere Orientierung wirkt immer auch nach außen. Mit Unternehmern und Führungskräften arbeite ich daran, dass sie ihr Unternehmen mit mehr Sicherheit durch unsichere Zeiten führen können – und zugleich ihr privates Leben nicht verlieren. Denn viele erleben heute, dass sie beruflich permanent unter Spannung stehen und gleichzeitig merken, wie schwer Familie, Verantwortung und eigenes Leben noch in eine Balance zu bringen sind.
Wenn du von „wechselnden Dynamiken“ sprichst: Meinst du sowohl globale Umbrüche als auch die sehr persönlichen Wechsel zwischen Beruf, Familie und Verantwortung?
Genau das. Einerseits erleben wir äußere Dynamiken, die sich innerhalb kürzester Zeit auf ganze Märkte, Unternehmen und Entscheidungsräume auswirken. Andererseits gibt es die inneren und privaten Dynamiken: familiäre Belastungen, gesundheitliche Themen, Konflikte, Zeitdruck. Viele Menschen spüren, dass ihr Nervensystem durch diesen Dauerdruck permanent in Unruhe gerät – entweder in Übersteuerung oder in Erschöpfung. Entscheidend ist deshalb, einen inneren Ruhepol zu entwickeln. Denn nur von dort aus kann ich mit unterschiedlichen Anforderungen gleichzeitig umgehen. Früher konnte man vielleicht noch in Fünf- oder Zehnjahresplänen denken. Heute geraten selbst kurzfristige Strategien schnell unter Veränderungsdruck.
Das klingt nach einer Form von Agilität, die uns existenziell abverlangt wird. Welche Rolle spielt dabei die bewusste Selbstwahrnehmung – bis hin zum Atem?
Eine sehr große. Nach über 25 Jahren Transformationsarbeit kann ich sagen: Wenn wir unseren Atem beruhigen, regulieren wir oft als Erstes unser Nervensystem. Damit kehren wir in einen Zustand zurück, in dem wir überhaupt wieder klar wahrnehmen und gut entscheiden können. Bewusstes Atmen ist für mich eine der einfachsten und zugleich wirksamsten Möglichkeiten, psychische Stabilität und geistige Klarheit zurückzugewinnen. Es klingt schlicht, ist aber in hochkomplexen Situationen oft ein entscheidender Hebel.
Woran sollten sich Menschen und insbesondere Führungskräfte in solchen Zeiten orientieren?
Für mich sind es zwei Fragen, die sich erstaunlich wenige wirklich stellen: Was will ich im Leben und im Business wirklich? Und: Worum geht es wirklich? Wer sich die Zeit nimmt, diesen Fragen ehrlich nachzugehen, findet oft so etwas wie den eigenen Nordstern. Viele Menschen orientieren sich stattdessen an den Sternen anderer – an Erwartungen des Marktes, an äußeren Erfolgsbildern oder an gesellschaftlichen Leitfiguren. Echte Orientierung entsteht jedoch dort, wo jemand den Mut entwickelt, dem eigenen inneren Leitstern zu folgen.
Warum fällt es so vielen schwer, diesem eigenen Leitstern zu folgen?
Weil wir in einer stark leistungsorientierten Kultur leben. Erfolg wird häufig in Geld, Status, Sichtbarkeit und äußerer Anerkennung gemessen. Das erzeugt enormen Druck. Selbst wenn jemand spürt, dass er eigentlich einen anderen Weg gehen möchte, steht oft ein Umfeld daneben, das genau diese äußeren Maßstäbe bestätigt. Gleichzeitig erleben viele Menschen irgendwann eine innere Leere – oder sie werden durch Krankheit, Erschöpfung oder andere Einschnitte gezwungen, ihre bisherige Ausrichtung zu hinterfragen. Dann erkennen sie, dass der alte Leitstern den Magnetismus verloren hat.
Liegt darin auch die Gefahr, dass Menschen bei einer Neuorientierung nur die Form der Anerkennung wechseln – also statt wirtschaftlichem Erfolg einfach ein anderes öffentliches Rollenbild suchen?
Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Hinter vielem steht das tiefe menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Das kann sich materiell ausdrücken, aber auch in moralischer Selbstdarstellung, in Aktivismus oder in dem Wunsch, besonders wirksam erscheinen zu wollen. Deshalb ist Stille so wichtig. Wer sich diese nicht nimmt, hört die eigene innere Stimme kaum noch. Viele suchen heute genau deshalb Retreats oder Rückzugsräume auf. Doch innere Orientierung entsteht nicht automatisch dadurch, dass man ein paar Tage den Ort wechselt. Sie entsteht dadurch, dass man lernt, ehrlich nach innen zu hören. Sich wahrhaftig selbst zu begegnen.
Du sprichst lieber vom „Herzgefühl“ als vom Bauchgefühl. Was ist der Unterschied?
Der Begriff „Bauchgefühl“ kann irreführend sein, weil nicht jedes spontane innere Signal schon eine verlässliche Orientierung darstellt. Ich spreche deshalb lieber vom Herzgefühl oder von Intuition. Für mich ist das die tiefere, klarere innere Stimme. Wer ihr über längere Zeit wirklich Raum gibt, erlebt oft, dass sie erstaunlich präzise ist. Dafür braucht es allerdings Übung, Selbstwahrnehmung und die Bereitschaft, den Lärm des Alltags nicht ständig über das Eigene triumphieren zu lassen.
Dann entlassen wir die Leserinnen und Leser mit der Einladung zu Intuition und ich bedanke mich bei dir für das inspirierende Gespräch.
Zur Person
ist Executive Advisor, Unternehmer, Autor und Bewusstseinsforscher. Als Gründer von Quantum Energy, zweifacher Bestsellerautor und Podcaster beschäftigt ihn besonders, wie aus innerer Klarheit äußere Orientierung entsteht. Sein Anliegen ist eine Führungskultur, die Bewusstheit, Verantwortung und Menschlichkeit wieder ins Zentrum stellt.
