Thomas Spindler spricht im Magazin MITMENSCHENREDEN über das deutsch-israelische Projekt Arche Musica, das jüdisches Kulturerbe durch Musik, Bildung und gelebten Alltag sichtbar macht – gegen Antisemitismus und für eine offene Gesellschaft

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Über jüdisches Leben in Deutschland haben wir mit Prof. Dr. Roland Rixecker gesprochen. Und Andreas E. Mach berichtet über jüdische Unternehmer in München zur Zeit des Nationalsozialismus. Es ist mir als Herausgeber ein Anliegen, dass wir gemeinsam das Judentum in Deutschland in Erinnerung und im aktuellen Blick behalten. Nun, es freut mich sehr, mit Thomas Spindler über ein Projekt zu sprechen, das das Jüdische als Bestandteil unseres Alltags versteht. Als etwas ehemals Selbstverständliches, was wiederum zu etwas Selbstverständlichem werden darf. Schön, Thomas Spindler, dass Sie Zeit für das Gespräch haben. Lassen Sie uns zunächst über Ihre Rolle im deutsch-israelischen Forschungs- und Bildungsprojekt „Arche Musica“ sprechen.

Thomas Spindler

Das jüdische Leben, die jüdisch-deutsche Geschichte und die deutsch-israelische Geschichte sind für mich wichtige Themen, die ich gemeinsam mit unseren Projektpartnern wieder zurück in unsere Zivilgesellschaft bringen möchte. Heute, in einer Zeit, in der Antisemitismus und Judenhass offen zutage treten, werden das Wissen über unsere Geschichte und die Erinnerungskultur zu zentralen Handlungsfeldern unserer demokratischen Gesellschaft. Das Wissen über das jüdische Leben und jüdische Erbe ist nur in kleinsten Bruchstücken vorhanden. Diese große Wissenslücke begünstigt den zunehmenden Antisemitismus, besonders in den jungen Generationen. Das vorhandene Defizit in ersten Ansätzen mit Wissen zu füllen, ist der Kernansatz unserer Projektarbeit, die zu großen Teilen durch ehrenamtliche Arbeit getragen wird. Unser 2018 gegründetes deutsch-israelisches „Projekt 2025 – Arche Musica“ ist ein in Deutschland einzigartiges Bildungs- und Forschungsprojekt im Bereich der aktiven Erinnerungskultur und Antisemitismusprävention. Die Projektziele sind die Erforschung, Digitalisierung und Bewahrung des weltlichen jüdischen Kulturerbes und die Etablierung der musikalischen Erinnerungskultur. Alle im Projekt erarbeiteten Inhalte werden über die digitale Dialogplattform „Arche Musica“ weltweit und mehrsprachig zur allgemeinen Teilhabe zur Verfügung gestellt. Die Inhalte werden in Bildungseinrichtungen und Schulen eingesetzt, um das jüdische Erbe nachhaltig sichtbar zu machen. Durch unsere Zusammenarbeit mit dem von Altbundespräsident Christian Wulff geführten Deutschen Chorverband wurden wir gemeinsam zu einem der wirkungsvollsten Projekte der aktiven Erinnerungskultur in Deutschland. Der Deutsche Chorverband ist der größte Musikverband Europas. Seine mehr als 700.000 Sängerinnen und Sänger in nahezu 11.000 Chören übernehmen Inhalte unserer Forschungsarbeit in ihr Repertoire und bringen diese weltliche jüdische Musik zurück in die Mitte der Zivilgesellschaft. Diese Zusammenarbeit ist nun das größte Projekt zur chormusikalischen Erinnerungskultur in Europa.

Ralf M. Ruthardt

Das Projekt „Arche Musica“ bringt vergessene oder verdrängte musikalische Werke jüdischer Komponisten zurück ins Bewusstsein. Wie weit sehen Sie darin nicht nur einen kulturellen, sondern auch einen gesellschaftspolitischen Beitrag gegen das schleichende Vergessen jüdischen Lebens in Deutschland?

Thomas Spindler

Kaum ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener kennt aktives jüdisches Leben oder jüdische Kultur aus seinem eigenen Lebenszirkel. Jüdisches Leben bleibt, aus bekannten Gründen, weitgehend unsichtbar für die breite Masse der Zivilgesellschaft. Es ist wichtig, hier einen Austausch und Dialog zu beginnen und jüdischem Leben wieder Raum zu geben, das Kennenlernen zu fördern. Nicht zu Unrecht fordert Dr. Josef Schuster: „sprecht nicht über Juden, sprecht mit Juden“. Auch wenn es den jüdischen Gemeinden schwerfällt, sich weiter zu öffnen, aber an einem „meet a jew“ führt kein Weg vorbei.

Ralf M. Ruthardt

Viele Initiativen zur Erinnerungskultur wirken oft museal oder ritualisiert. Ich nehme wahr, dass Sie mit Ihrem Engagement mehr bewirken sollen.

Thomas Spindler

Ja, es geht mir um das Alltägliche. Jüdisches Leben im Alltag stattfinden lassen, indem das gemeinsam nicht nur anlassbezogen betont, sondern tagtäglich gelebt wird. Wenn wir die Zeit nehmen, aus der unser 2019 in Jerusalem wiederentdecktes „jüdischdeutsches Liederbuch von 1912“ stammt, dann sehen wir eine Epoche, in der Deutsche jüdischen Glaubens und Deutsche christlichen Glaubens nahezu vollständig emanzipiert und gleichberechtigt waren. Man stand gemeinsam an den Werkbänken der Fabriken, nahm gemeinsam am Schulunterricht teil, war in Sport- und Chorgemeinschaften und opferte gemeinsam als Soldat sein Leben im 1. Weltkrieg. Wir sind von dieser Art des Zusammenlebens und Respekts Lichtjahre entfernt. Dennoch ist es für uns gerade in unseren Schulprojekten ein wichtiges Moment, auf diese Epoche hinzuweisen, die nicht Fiktion, sondern gelebte Realität war.

Ralf M. Ruthardt

Angesichts wachsender antisemitischer Tendenzen in Deutschland und darüber hinaus: Welche Wirksamkeit sehen Sie bei der Kultur, über das einzelne Erlebnis hinaus aktiv eine Haltung zu bewirken, bei der jüdisches Leben sichtbar willkommen ist?

Thomas Spindler

Kultur kann viele verbindende Elemente aktivieren. In unseren schulpädagogischen Projekten, wie Alef-Bet (hierüber ist auch ein sehr gutes Video auf unserer Projektwebseite zu sehen: www.arche-musica.org), setzen wir viele Arten von Musik ein. Gemeinsames Singen ist ein wunderbares Mittel. Mit der Lernmethode unseres israelischen Projektleiters Danny Donner lernen unsere deutschen Schüler innerhalb von 45 Minuten, ein hebräisches Lied zu singen. Durch unsere barrierearme Notation der Zauberharfen ermöglichen wir den Schülern, innerhalb weniger Minuten gemeinsam deutsche oder hebräische Lieder zu spielen. Natürlich bildet auch die Literatur eine wichtige Säule durch die vielen jüdischen Autorinnen und Autoren, die weltbedeutende Werke geschrieben haben, die wir Schülern und Pädagogen wieder nahebringen. Der Wille, sich auf eine Begegnung mit jüdischer Kultur einzulassen, ist der erste Schritt, den unsere Kursteilnehmer eigenständig gehen müssen. Dann öffnen sich für sie viele Ebenen, auf denen wir ihnen Begegnungen zu den unterschiedlichsten Themen, Lebensgeschichten, Werken und Emotionen ermöglichen. Bildung ist der zentrale Weg, über den Verständnis und Vertrauen entwickelt werden kann. Nur wer einander kennenlernt, schafft eine Chance für den Dialog und die Begegnung. Antisemitismus ist Menschenfeindlichkeit. Menschenfeindlichkeit wird schwieriger, wenn man einander kennt.

Zur Person

Jahrgang 1963, ist Journalist, Musikproduzent und Leiter des deutsch-israelischen Projekts „Arche Musica“. Für seine Bildungs- und Erinnerungsarbeit erhielt er 2023 den Preis der Leipziger Buchmesse „Best Musikedition 2023“ und 2024 das Bundesverdienstkreuz.

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