Heute geht es in dieser Rubrik von MITMENSCHENREDEN hinaus in die Natur. Florian und Lisa Marie Smit leben für die Naturfotografie – ehrlich, unverfälscht und immer draußen. Ihre Bilder zeigen die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Wildnis und laden zu einem Perspektivenwechsel ein. Im Gespräch berichten sie von Reisen, Erfahrungen und der Mission, durch ihre Arbeit eine tiefe emotionale Verbundenheit zur Natur zu schaffen.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Zu Beginn des Interviews möchte ich eine Frage stellen, die mir für einen Naturfotografen sehr passend erscheint. Was treibt Sie, lieber Florian Smit, an, immer wieder aufs Neue Natur intensiv erleben und besondere Momente dokumentieren zu wollen?

Florian Smit

Schon als Kind habe ich die Natur und die Wildnis geliebt. Mit meinen Eltern bin ich in selbst ausgebauten Fahrzeugen quer durch Europa gereist und habe dabei am meisten die Abenteuer draußen genossen. Die Fotografie gesellte sich auch schnell dazu, da mein Vater auf Reisen immer fotografierte und ich es ihm gleichtun wollte. Und seither hat mich diese Faszination nicht mehr losgelassen. Ich liebe die Verbindung von Natur und Fotografie. Die Ruhe, Freiheit und das Abenteuer. Als Naturfotograf erlebe ich stille und intime Momente an den unterschiedlichsten Orten auf der ganzen Welt. Während der vielen Stunden, die ich draußen verbringe, versuche ich, die Einzigartigkeit, die Schönheit, aber auch die Zerbrechlichkeit unserer natürlichen Umgebung festzuhalten. Meine Bilder entstehen aus dem tiefen Wunsch heraus, meine Leidenschaft für die Natur mit all ihren Wundern zu vermitteln. Ich möchte mit meinen Bildern Einblicke geben, die einzigartig und berührend sind.

Ralf M. Ruthardt

Sind Sie somit ein Fotograf, der dokumentiert? Verstehe ich das richtig?

Florian Smit

Ich bin der Meinung, eine gute Fotografie sollte nicht nur die Szene dokumentieren, sondern meine Emotionen und die Stimmung vor Ort durch das Bild an den Betrachter weitergeben. Es wird deutlich, wie ich die Szene wahrgenommen habe, ohne dabei den Betrachter in seiner eigenen Fantasie zu sehr einzuschränken und somit Spielraum für neue Interpretationen offen zu lassen. Nur so entscheide ich über Bildausschnitt und Gestaltung.

Lisa Marie Smit

Für uns ist es daher selbstverständlich, dass alle Aufnahmen stets in der wilden und freien Natur entstehen. Florian fotografiert keine Tiere in Gefangenschaft. Die Bilder werden auch nachträglich nicht manipuliert. Es wird nichts hinzugefügt oder entfernt. Gute Naturfotografie sollte die gleichen Standards setzen wie eine Reportage. Die Szenen sollen echt sein, nicht gestellt, nicht unehrlich, sondern einfach so, wie die Natur uns ihre Geschichte in diesem Moment erzählt hat.

Ralf M. Ruthardt

Welche Impulse setzen Ihre Fotografien und die damit einhergehenden Erzählungen? Wie erleben Sie die Rückmeldungen, wenn Menschen Ihre LIVE-Shows erleben oder Ihre Bücher gelesen und angeschaut haben?

Lisa Marie Smit

Für uns ist das Wichtigste, dass wir immer nur die Dinge tun, hinter denen wir auch selbst stehen, für die unser Herz schlägt. Nur so können die Fotografien, Geschichten und Erzählungen auf der Bühne authentisch sein.

Florian Smit

Das spiegelt sich auch in den Rückmeldungen, die wir erhalten. Die Leute freuen sich über die ehrlichen Geschichten, die wir über uns und unsere Reisen auf der Bühne preisgeben. Sie sind begeistert von unseren Erlebnissen und den intimen Momenten, die wir mit dem Publikum teilen.

Ralf M. Ruthardt

Wenn man Sie beide auf der Bühne erlebt oder mit Ihnen spricht, dann erlebt man ein Team. Woher kommt das und was macht es mit Ihnen, dieses nonkonforme Leben führen zu dürfen?

Lisa Marie Smit

Wir kennen uns seit über 15 Jahren. Wir sind über die Jahre gemeinsam zu diesem Team gewachsen, haben uns alles zusammen aufgebaut und dabei viel mit- und voneinander gelernt.

Florian Smit

Natürlich steckt unfassbar viel Arbeit dahinter. Mit Höhen und Tiefen. Aber bisher haben wir alles gemeinsam gemeistert und aus allen Erfahrungen, sei es auf Reisen oder beruflich, viel mitnehmen können.

Ralf M. Ruthardt

Wir leben – nicht nur in Deutschland – in einer Gesellschaft, die viel Stress im menschlichen und gesellschaftspolitischen Mit- und Gegeneinander erlebt. Sehen Sie für sich eine Aufgabe, diesem entgegenzuwirken? Und wenn ja, welche Aufgabe oder Mission sehen Sie für sich?

Florian Smit

Uns ist es wichtig, die Schönheit der Natur zu zeigen, möglichst losgelöst von menschlichen Einflüssen, sofern dies noch möglich ist. Ich sehe meine Aufgabe jedoch nicht darin, Menschen zu belehren oder ihnen vorzuschreiben, wie sie handeln sollen. Vielmehr möchte ich mit meinen Bildern und Projekten eine emotionale Verbindung zur Natur herstellen, sodass die Menschen selbst erkennen, wie wichtig es ist, sie zu schützen. Ich setze darauf, dass durch das, was sie sehen und erleben, ein Bewusstsein entsteht, das ihnen hilft, eigene Schlüsse zu ziehen und sich für den Erhalt unserer Umwelt einzusetzen – auf eine Weise, die sie persönlich berührt und die für sie stimmig ist. Mein Ziel ist es, dass jeder Einzelne für sich selbst versteht, warum es wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen, ohne dass es von außen aufgezwungen wird.

Ralf M. Ruthardt

Bei MITMENSCHENREDEN handelt es sich um ein Magazin, welches zum Perspektivenwechsel einlädt. Der Polarisierung und dem Populismus soll mit freundlichen Argumenten und mit nachvollziehbaren Erfahrungen begegnet werden. Wenn Sie, Lisa Marie und Florian, auf Ihre vielen Reisen zurückblicken: Welche Impressionen haben Sie für uns, die zu einem Perspektivenwechsel einladen? Also raus aus der Produktivität oder dem Konsumieren und rein in eine andere Wahrnehmung. Ein, zwei Beispiele sind willkommen.

Lisa Marie Smit

Wir haben das Glück, durch unsere Reisen und unsere Leidenschaft zur Natur viele unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Was uns dabei besonders beeindruckt hat, ist, wie stark die Wahrnehmung der Welt durch den eigenen Lebenskontext geprägt ist. Ein Beispiel, das uns besonders in Erinnerung geblieben ist, war eine Reise nach Borneo. Dort haben wir intensiv an einem Projekt über Palmöl gearbeitet. Dabei wurde uns bewusst, wie komplex dieses ganze Themenfeld ist und welche Positionen es dort alle zu bedenken gibt. Von den Arbeitern auf den Plantagen über die Naturschützer vor Ort bis hin zu unserem Blick als Konsument auf die Dinge – jeder Gedanke und jede Meinung hat hier ihre Berechtigung. Wir haben erfahren, dass es oft nicht nur einen richtigen Weg gibt, sondern viele unterschiedliche Wege, die je nach Blickwinkel und Erfahrung gerechtfertigt sind. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, nicht alles als schwarz oder weiß zu betrachten, sondern Raum für Nuancen und andere Sichtweisen zu lassen, ohne dabei den eigenen Standpunkt zu verlieren. Es ist gut, nach einer langen Reise, fünf bis sechs Wochen abseits des Alltags, noch einmal ganz neu auf Dinge zu schauen und Situationen vielleicht anders zu bewerten.

Florian Smit

Durch das Abtauchen in meine Fotografie erlebe ich genau das. Völliges Abschalten und den Blick und Fokus nur auf eine einzige Sache legen. Das Beobachten der Tiere und der Respekt vor den natürlichen Rhythmen des Lebens. Diese langsame, achtsame Art zu leben zeigt uns unterwegs immer wieder, wie wenig wir in unserem hektischen Alltag wirklich auf die kleinen, wichtigen Dinge achten. Aber es dauert bei mir immer etwas, bis ich es schaffe, dort anzukommen. Das Abschalten wird mit der Zeit immer schwieriger. Früher fiel mir das noch leichter.

Ralf M. Ruthardt

Haben Sie noch einen Gedanken, den Sie unseren Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchten?

Lisa Marie Smit

Die Natur lehrt uns, im Moment zu leben und zu staunen. Das sollten wir vielleicht öfter tun.

Florian Smit

Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für die vor Ihnen liegenden Reisen.

Zur Person

Florian Smit arbeitet als professioneller Naturfotograf und lebt gemeinsam mit seiner Frau Lisa (beide 1993 geboren) in Norddeutschland. Die beiden erfüllen sich den Lebenstraum vom Reisen und versuchen, so viel Zeit wie möglich in der Natur zu verbringen. Seit 2017 stehen sie zusammen vor der Leinwand und berichten von ihren Abenteuern, den Strapazen und der Geduld, die es braucht, um die Wunder der Natur mit der Kamera als Kunstwerk einzufangen.

← Zurück zu allen Interviews