„Der Klang des Lebens ist ein stilles Lied“, so der einleitende Gedanke zum Gespräch mit Pater Stephan R. Senge. Er ist Zisterzienser Dichter, Mensch unter Menschen: Pater Stephan R. Senge hat sich nie mit einem engen Verständnis von Spiritualität begnügt. In der kontemplativen Stille des Klosters sucht er dieselbe Wahrheit wie in der konkreten Begegnung mit den Armen in Afrika – und in seinen Gedichten, die von innerem Ringen, Liebe, Tod und dem göttlichen Schweigen erzählen. Hier ein Gespräch über seine Biografie, seine Lyrik und sein unermüdliches Engagement.
Das GesprächLieber Pater Stephan, wenn man Ihnen begegnet, spürt man Demut und innerer Klarheit. Wie würden Sie sich selbst beschreiben – jenseits Ihres Titels als Zisterziensermönch.
Vielleicht als einen, der unterwegs ist. Als junger Mann habe ich viel gesucht – nach Sinn, nach Wahrheit, nach Heimat. Das Kloster war für mich kein Rückzug, sondern eine Hinwendung. Ich würde sagen: Ich bin ein Hörender. Und ich versuche, das Gehörte in Leben zu verwandeln.
Was hat Sie damals ins Kloster geführt – und was hat Sie dort gehalten?
Das Entscheidende war nicht ein spektakuläres Erlebnis, vielmehr der lächelnde Hinweis eines späteren Mitbruders beim Besuch unserer Jugendgruppe in der Abtei Himmerod, dass da noch Zimmer frei seien. Für den von der Schule gewiesenen ehemaligen Schüler das Schlüsselerlebnis und dann nach der späteren Matura in Wien ein guter Ort des Zu-Hause-Seins im hellen Schatten des Gründers der Abtei, Bernhard von Clairvaux und im Rahmen der Regel des Benedikt von Nursia dies „ora et labora“, bete und arbeite. Heute, Jahrzehnte später, bin ich dankbar: Das Kloster hat mir einen Raum gegeben, wo Schweigen nicht Leere ist, sondern Möglichkeit.
Sie schreiben seit vielen Jahren Gedichte. Wie entstand diese lyrische Stimme und was bedeutet Ihnen die Poesie?
Die Lyrik war für mich immer ein Versuch, das Unsagbare zu umkreisen. Ich glaube, das Gebet und das Gedicht haben viel gemeinsam: Beide sind konzentrierte Sprache, verdichtete Erfahrung. Mein erstes Gedicht schrieb ich mit 17, und seitdem hat mich das Schreiben nie mehr ganz losgelassen. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich: Die Gedichte waren oft meine ehrlichsten Gebete manchmal zärtlich, häufig zornig über die haarsträubende Gewalt um uns herum, manchmal ratlos.
Ihre Gedichte berühren – oft existenziell, oft mystisch. Gibt es ein wiederkehrendes Thema, das Sie verfolgt?
Der Mensch in seiner Zerbrechlichkeit – und die Ahnung, dass darin Gott aufblitzt. Ich schreibe viel über Grenzsituationen: Tod, Abschied, Dunkelheit. Aber nicht aus Schwermut, sondern weil ich glaube, dass genau dort – an der Kante – die Wahrheit liegt. Wenn Gott nur im Sonnenschein wohnt, dann ist er mir zu klein. Mein Glaube beginnt dort, wo Gewissheiten enden. Glauben kein Fürwahrhalten, ein abenteuerliches Auskundschaften vielfältiger Wege und Möglichkeiten, ein Unterwegssein mit den Menschen und mit Jesus zum Vater.
Neben Ihrem geistlichen und dichterischen Wirken sind Sie auch in der Afrikahilfe engagiert. Wie kam es dazu und was tun Sie konkret?
Ein Mitbruder hat mich einmal gefragt: „Was tun wir mit unserer Gebetszeit, wenn sie nicht zu Brot wird?“ Das hat mich getroffen. Vor 30 Jahren besuchte uns Schwester Emmanuelle, die Mutter der Müllmenschen von Kairo. Sie erzählte von Bürgerkrieg und Christenverfolgung im Sudan. Ich folgte der Einladung von Bischof Paride Taban 1997 in den Süden des damaligen Sudan: als Helfer und Lernender und Vermittelnder. Seither bin ich regelmäßig im Sudan und Südsudan, unterstütze Bildungsprojekte, helfe beim Aufbau von Ausbildungszentren. Hier in Deutschland versuche ich Mittel zu beschaffen, um diese Projekte zu realisieren. In Europa reden wir oft über Armut, dort hat sie Gesichter. Und ich glaube: Wer einmal in die Augen eines Kindes geblickt hat, das auf Bildung hofft, kann nicht mehr so tun, als ginge ihn das nichts an.
Was nimmt ein europäischer Mönch aus Afrika mit zurück ins Kloster?
Demut. Und Staunen. Die sprudelnde Lebensfreude der Menschen vor Ort. Ihren Fleiß, ihr Engagement, Ihren Lerneifer, ihr Verstehen von Kirche und ihr Durchhalten trotz unvorstellbarer Nöte: Hunger, Flucht und Gewalt und die Notwendigkeit eines wachsenden Miteinanders, etwa von jungen Menschen hier in Deutschland mit denen im Sudan und Südsudan wie z.B. die Einübung von gemeinsamen Projekten.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft – persönlich und für die Welt?
Mehr Geduld. Mehr leises Hören. Mehr Verbundenheit. Mehr ausdrückliche Solidarität mit den betroffenen Menschen. Wir leben in einer lauten Welt, die schnelle Antworten verlangt. Aber was wir brauchen, sind Menschen, die Fragen aushalten. Ich wünsche mir, dass wir neu lernen, einander wirklich zuzuhören – ob in Europa oder in Afrika. Und für mich persönlich? Dass ich mir mein Staunen bewahre. Und die Freude an kleinen Dingen: dem Klang einer Zeile, dem Duft von Brot, einem Blick, der sagt: Du bist gemeint.
Pater Stephan, danke für Ihre Zeit – und Ihre tiefgehenden Gedanken.
Zur Person
ist Zisterziensermönch, Lyriker und engagierter Unterstützer von Bildungsprojekten und humanitären Vorhaben im Sudan und Südsudan. Seine spirituelle und poetische Arbeit verbindet Kontemplation mit konkretem Handeln – stets im Dienst am Menschen.
