Im Gespräch analysiert Michael Schmidt - Mitglied im NDR-Rundfunkrat – die Entwicklungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den Verlust journalistischer Distanz und die wachsende Bedeutung redaktioneller Haltung. Er zeigt, warum kritischer Qualitätsjournalismus Rückgrat, Mut und Unabhängigkeit braucht – und wie Medien wieder Vertrauen gewinnen können.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie mich mit etwas Persönlichem beginnen: Mein „geliebter“ Deutschlandfunk, der mich so oft und so gut informiert hat – wo ist er hin? Lassen Sie uns, lieber Michael Schmidt, mit dieser Frage einsteigen. Verstehen Sie, als erfahrener Journalist, meinen subjektiv empfundenen Verlust? Früher, als ich viel auf Geschäftsreisen war, fühlte ich mich in den sehr frühen Morgenstunden bereits umfassend, differenziert und geradezu objektiv informiert. Und auf den abendlichen Rückfahrten von Kundenterminen – der DLF: ein fester und wertvoller Bestandteil meines Tagesablaufs. Und wie ergeht es mir seit einigen Jahren: Bereits nach wenigen Minuten der Berichterstattung kann es mir passieren, dass ich irritiert oder gar verärgert bin. Ich habe die Erkenntnis, dass ich zu oft selektiv oder einseitig informiert werde. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man mich – zu meinem Entsetzen – erzieht oder auf eine vorgegebene Linie bringen möchte. Dabei halte ich mich intellektuell in der Lage, mir eine eigene Meinung bilden zu können. Und jetzt frage ich mich: Bin ich im Älterwerden hypersensibel geworden oder hat sich beim Deutschlandfunk etwas verändert?

Michael Schmidt

Tja, man wird wohl auch im Älterwerden sensibler. Schließlich treffen neue Informationen auf einen reichen Erfahrungsschatz. Es geht mir genauso. Ich bin sensibler geworden, gerade was die Medienwelt angeht. Da fragt man sich dann schon des Öfteren, ob man jetzt mit jedem Quatsch behelligt werden oder zu jeder Frage des Lebens bekehrt werden muss. Informiert mich! Das ist meine Erwartung. Und wenn ich eine Meinung haben will, dann kann ich mir diese selbst bilden. Ich will nicht ständig Meinungen aus den Redaktionen aufsaugen müssen. Klar, als Rezipient – sprich: als Medienkonsument – muss ich damit klarkommen, dass es andere Meinungen gibt. Aber die vornehmliche Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) ist es, qualitativ hochwertig zu informieren. Dies gilt für den Deutschlandfunk als solchen genauso wie beispielsweise für die Tagesschau und das HeuteJournal.

Ralf M. Ruthardt

Nun ist die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten (ÖRR) seit Längerem gegeben. Da reicht es von der Höhe der Rundfunkbeiträge bis hin zu den Inhalten. Die Journalistin Julia Ruhs sagte im Gespräch mit mir, dass es frustrierend sei, „wenn in den Medien Narrative gestützt werden, die sachlich so nicht haltbar sind.“ Da habe ich mich absolut wiedergefunden. Gibt es Hoffnung, dass sich zukünftig wieder mehr Objektivität in der Berichterstattung findet und weniger haltungsfördernde Narrative und Framing die journalistische Arbeit im ÖRR und darüber hinaus kennzeichnen?

Michael Schmidt

Mein Eindruck ist, dass sich in den letzten Monaten das eine und andere in diese Richtung bereits getan hat. Grund ist, dass die Kritik an dieser von Ihnen kritisierten Art von Journalismus gewachsen ist. Und dennoch: Die Kritik ist berechtigt und vor dem ÖRR liegt noch ein Weg. Nehmen wir einen Vorgang aus der Tagesschau. Diese ist ja nicht nur in Form des linearen Fernsehens oder über die Mediathek zu sehen. Es gibt mit tagesschau.de die Internetpräsenz und die Präsenz in den sozialen Medien. Nun, am 24. März 2023 veröffentlichte die Tagesschau in ihrer Rubrik „Faktenfinder“ einen Artikel mit dem Titel „Viel Aufmerksamkeit für fragwürdige Experten“. Darin wurden unter anderem Daniele Ganser, Ulrike Guérot und Gabriele Krone-Schmalz kritisch beleuchtet. (Quelle: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/ganser-guerot-krone-schmalz-101.html?utm_source=chatgpt.com) Ich frage mich, warum in der Überschrift von „fragwürdigen“ Experten gesprochen wird. Da beginnt die Denunziation schon im Titel. Warum hat man nicht einfach kritisch berichtet? Brauchte es so eine abwertende Einordnung? Ein differenzierter und distanzierter Bericht passte offenbar einigen Redakteuren nicht in den Kram und deshalb die Überschrift „Aufmerksamkeit für fragwürdige Experten“. Vergessen wird, dass die Zuschauer und die User, die das hier lesen und konsumieren, natürlich keine Idioten sind. Vielmehr fragen sich viele, was das soll? Das ist nicht der Journalismus, den mündige Bürgerinnen und Bürger erwarten. Und ganz persönlich: Ich als gelernter DDR’ler bin da ohnehin sensibel. Denn das kommt mir alles bekannt vor: In der DDR, wo das Bekenntnis abgefragt und Meinungen indoktriniert wurden. Ich weiß, wovon ich spreche. Immerhin habe ich etliche Jahre bei der „Aktuellen Kamera“ gearbeitet. Das war bekanntlich die Hauptnachrichtensendung im DDR-Fernsehen.

Ralf M. Ruthardt

Jetzt haben Sie mit dem Titel über den von Ihnen genannten Artikel ein Beispiel gebracht, welches für dieses Framing steht, das ich bei einem Qualitätsjournalismus nicht vorfinden möchte. Anders formuliert: Es entsetzt mich, dass ausgebildete Journalistinnen und Journalisten sich einer solchen Wortwahl bedienen, weil sie offensichtlich ein tiefergehendes Anliegen haben. So, das ist ungefähr so, wie wenn man zum Arzt geht, dieser eine Diagnose stellt und eine Therapie verordnet, wobei man als Patient bei der vorgeschlagenen Therapie womöglich ein seltsames Gefühl haben kann. Folgt die Therapie einer objektiven Erkenntnis oder ist die Wochenendveranstaltung eines Pharmakonzerns auf Sylt inspirierend gewesen?

Michael Schmidt

Manches in der Berichterstattung hängt davon ab, wie es um das Rückgrat des verantwortlichen Redaktionsleiters, Chefredakteure et cetera bestellt ist. Was halten diese Leute aus? Denn durch eine kritische Berichterstattung – bleiben wir mal beim Angriff Russlands auf die Ukraine – kann ich mich natürlich in der etablierten Politik sehr unbeliebt machen. Und ich gehe das Risiko ein, dass andere Medien oder politische Amtsträger über mich herfallen, wenn ich aus dem Mainstream ausbreche. Ausbrecher in diesem Sinne haben es nicht leicht. In der DDR konnte man da schon mal mit Berufsverbot belegt werden. Das passiert heute zum Glück nicht.

Ralf M. Ruthardt

Sind wir uns da ganz sicher? Ja, kein Berufsverbot. Gott sei Dank! Aber Restriktionen gibt es womöglich schon …

Michael Schmidt

… das funktioniert subtiler. Es geht über Auftragsvergabe oder indem man zu einem Hintergrundgespräch nicht zugelassen wird.

Ralf M. Ruthardt

Bestrafung, indem man nicht mehr zu Talkshows eingeladen wird und nicht mehr nah an die Mächtigen in der Politik rankommt? Ich nehme jetzt mal Roger Köppel, Chefredakteur der Weltwoche und ehemaliger Schweizer Nationalrat, als Beispiel. Wenn ich ChatGPT frage, dann war dieser zwischen 2019 und 2021 ein gefragter Gast in Talkshows wie Markus Lanz, Anne Will oder Maybrit Illner – und nunmehr nicht mehr. Nun gut, vielleicht liegt es daran, dass sich die Themen verschoben haben, wodurch Köppels Expertise weniger gefragt war. Wir lassen das mal so stehen.

Michael Schmidt

Zu Herrn Köppel und seiner Sicht auf die Dinge ließe sich bestimmt eine ganze Menge sagen… Aber darum geht es ja nicht. Ich bin jetzt, bin ich mal ein wenig provokant und behaupte: Manche Journalisten suchen ausgesprochen gern die Nähe zu den Mächtigen. Man könnte es auch als Korruption durch Nähe bezeichnen – vielleicht auch beim Deutschlandfunk und bei den Edelfedern vom SPIEGEL und so weiter. Die Frage ist, haben wir ausreichend Konfliktfähigkeit? – Mein Eindruck ist, dass diese oftmals abhandengekommen ist. Dies gilt nicht nur für die große Politik. Da wird ein Bürgermeister ob einer Entscheidung in der regionalen Presse kritisiert – und schon grenzt das an Majestätsbeleidigung. Ich hoffe, dass sich durch die gesellschaftliche Atmosphäre und die vernehmbare Programmkritik das wieder ändert. Es gibt auch beim NDR, in dessen Rundfunkrat ich bin, Anzeichen für Bewegung. Klar, freie Autorinnen und Autoren hängen natürlich immer von der Auftragsvergabe ab. Und wenn die sich wegen einer Recherche bei der Redaktionsleitung unbeliebt machen, dann fällt dieses Unbeliebtsein auf sie zurück. Das kann dann schon dazu führen, dass man zuerst an die zu zahlende Miete denkt und das journalistische Selbstverständnis hintansteht. „Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral“, wie Bertolt Brecht sagte.

Ralf M. Ruthardt

Erkennbar braucht es Mut und Opferbereitschaft, wenn man etwas bewegen möchte. Das gilt dann wohl auch für die journalistische Arbeit – nicht nur in Krisengebieten. Für uns als Konsumenten von Medien bleibt die Aufgabe, für qualitativen Journalismus etwas zu bezahlen. Und für uns als Bürgerinnen und Bürger ist die Aufgabe erkennbar, auf eine differenzierte und ausgewogene Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zu bestehen. Mit dieser Aufforderung darf man sich zu Wort melden – so auch hier, in diesem Gespräch, geschehen.

Zur Person

Jahrgang 1954, war über vier Jahrzehnte Journalist beim DDR-Fernsehen und später beim NDR. Heute arbeitet er als Autor mit Schwerpunkt Zeitgeschichte und Medienkritik. Er ist Mitglied des NDR-Rundfunkrats.

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