Während ein Teil ihrer Generation sich vor allem ums Private kümmert oder als Klimaaktivisten oder Gender-Bewegte engagiert ist, will die Journalistin Julia Ruhs denjenigen eine Stimme geben, die sich mit ihren Argumenten alleine fühlen. Die junge Journalistin ist für den Bayerischen Rundfunk (BR) tätig und hat bei FOCUS-Online die Kolumne „Regt euch doch auf“. Im Gespräch mit Julia Ruhs geht Ralf M. Ruthardt der Frage nach, wie es um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) bestellt ist. Dabei spricht die Journalistin nicht für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sondern lässt an ihren persönlichen Erfahrungen und Einsichten teilhaben.
Das GesprächSchön, dass wir uns sprechen können, liebe Julia Ruhs. – Mir persönlich ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) etwas sehr Wertvolles. Es ist – aus der Nachkriegszeit kommend – ein Segen für unser Land. Ich erinnere mich gerne daran, dass ich mich über viele Jahre am frühen Morgen und am Abend vom Deutschlandfunk (DLF) sehr, sehr gut und differenziert zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen informiert sah. Allerdings: Seit einigen wenigen Jahren ist das nicht mehr so. Für mich ist es kaum mehr aushaltbar, mit der nunmehrigen selektiven und haltungsvorgebenden sogenannten Berichterstattung klarzukommen. Es schmerzt mich geradezu, dass mir „mein“ Deutschlandfunk (DLF) abhandengekommen ist. Man könnte sagen, er wurde politisch „gekapert“ oder hat sich in irgendwelchem vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Politik aufgegeben und nunmehr hat er für mich keine Relevanz mehr. Sehr schade. Es sei angemerkt, dass ich mit dieser Wahrnehmung in meinem sozialen Umfeld, wir können das gerne als meine LinkedIn-Bubble beschreiben, in welcher ich mit Unternehmern, Führungskräften und Menschen aus der Wissenschaft vernetzt bin, nicht alleine bin. Gleichwohl: Betrachten wir es als meine persönliche, subjektive Feststellung.
Können Sie beschreiben, was Sie genau mit „gekapert“ meinen, wenn Sie an den ÖRR denken?
Da wurde durch politische Strömungen, die ich links-grün verortet sehe, ein fremdes Gut in Besitz genommen. Der ÖRR ist etwas, das den Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland „gehört“ und ihnen einen journalistischen Dienst erweisen soll – und jetzt haben wir die Redaktionen und so weiter weitgehend im nicht mehr repräsentativen Einflussbereich von Menschen, die sich einer bestimmten Ideologie oder politischen Überzeugung zugehörig fühlen. Und noch mehr: Viele Journalistinnen und Journalisten, so meine subjektive Wahrnehmung, möchten mir mitteilen, was gut und richtig ist. Dabei sehe ich mich in der Lage, dies anhand von differenzierter Berichterstattung selbst hinzubekommen. Okay, das war jetzt ein etwas pointierter Gesprächseinstieg.
Das passt schon, denn schließlich sind Sie nicht der Einzige, der solche Äußerungen über den ÖRR macht. Natürlich ist der Deutschlandfunk nur eine von mehreren Anstalten. Der DLF ist anders als der WDR und der WDR auch anders als der BR, wo ich arbeite. Und nicht nur der Rundfunk, sondern große Teile des Journalismus haben mit genau diesem Vertrauensverlust zu kämpfen, den Sie von sich schildern. Was ich aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis oft höre, ist ähnlich wie das, was Sie beschreiben. Der Eindruck, die eigene Meinung soll in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Weil zum Beispiel manche Themen überraschend klein, andere richtig groß gefahren werden. Es wirkt oft so, als ob die Welt medial in Gut und Böse eingeteilt werden soll. Böse ist selbstverständlich die AfD, Putin, das Coronavirus, der Klimawandel oder auch Menschen, die etwas gegen das Gendern oder Gleichstellungspolitik haben. Aber mich freut, dass Sie grundsätzlich die Idee hinter dem ÖRR gut finden, so ist es bei mir auch. Sonst hätte es mich auch nicht dorthin verschlagen.
Merken Sie selbst manchmal eine gewisse Tendenziösität in der Berichterstattung?
Ich glaube, wir müssen zurück in die Zeit der Corona-Pandemie blicken: Damals war es auch für Journalisten – nicht nur im ÖRR – eine Ausnahmesituation. Ich glaube, manche Journalisten haben es als Aufgabe der Medien gesehen, der Regierung und den staatlichen Institutionen bei der Durchsetzung der notwendig erscheinenden Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu helfen. In den Hinterköpfen war bei manch einem wohl das übergeordnete Ziel, die Gesundheit der Menschen schützen zu wollen. Vor diesem Hintergrund kann es schon sein, dass man deshalb der Kritik oder gar dem Widerspruch zu Corona-Maßnahmen keine angemessene Sendezeit in der Berichterstattung eingeräumt hat. Ich habe mich vor allem in dieser Zeit angefangen, über die Berichterstattung mancher Medien aufzuregen.
Den Gedanken, dass ein übergeordnetes Ziel in einer Ausnahmesituation die journalistische Berichterstattung eingeengt haben könnte, kann ich nachvollziehen. Noch mehr: Dieser Aspekt hat etwas geradezu Versöhnliches. Denn, wer sollte – mindestens anfangs der Corona-Pandemie – dem Journalismus nicht zugestehen, dass man sich zuerst orientieren musste. Allerdings bin ich mir mit Blick auf weite Teile der Medien und insbesondere auf den ÖRR nicht sicher, ob diese Nachsicht für den weiteren Verlauf der Pandemie und für das Hier und Heute in 2025 angemessen ist. Ich habe die Erkenntnis, dass wir nach wie vor einen Haltungsjournalismus haben und die eigentliche, differenzierte Berichterstattung beispielsweise zur Migration oder zur Klimakrise nach wie vor zu kurz kommt.
Das kann ich verstehen. Die Frage ist doch, ob es auch abseits von Corona solche angeblich „übergeordneten“ Ziele gibt. Bleiben wir beim von Ihnen genannten Beispiel der Klimakrise. Ich habe schon den Eindruck, dass es Journalisten gibt, die für sich die Aufgabe sehen, Politik und Bürger zu bestimmten Haltungen zu bewegen. Sie Menschen dazu bringen wollen, sich klimafreundlicher zu verhalten, weniger oft ins Auto oder den Flieger zu steigen. Dass ihre Berichterstattung deshalb eine Tendenz hat. Das hehre übergeordnete Ziel dahinter ist, die nachfolgenden Generationen vor der „Klimaerhitzung“ zu schützen. Aber ist das unser Auftrag? Ich selbst sehe darin keine journalistische Aufgabe. Ganz im Gegenteil. Es bewirkt ja gerade diese starke Abwehrhaltung, von der Sie sprechen.
Wir können die Berichterstattung aus der Ukraine anschauen. Bekommen wir hier jeweils quasi Lageberichte oder will man uns als Bürgern etwas Bestimmtes vermitteln? Im Kontext von Kriegsberichterstattung könnte man sagen, dass ein Journalist sich aus allem raushält. Er hat keine Aufgabe zu helfen, sondern er ist dazu vor Ort, möglichst objektiv und durch mehrere Quellen abgesichert, die Lage zu beschreiben. Wenn ich die Berichterstattung zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine anschaue, dann erscheint mir diese im ÖRR und anderswo oftmals als Propaganda und ich fühle mich eingeschränkt, mir ein eigenes Bild ob der Berichterstattung zu machen. Gleichwohl kann ich nachvollziehen, wenn Journalismus nicht nur in der Pandemie, sondern auch in anderen gesellschaftspolitischen Kontexten nicht mehr berichtet, sondern – gleich einer fortwährenden Eskalation – einen „Rettungsauftrag“ nach dem anderen für sich erkennt: journalistisches Handeln im Sinne einer Abwendung des Klimawandels, einer Hilfe für Flüchtende, einer Abwendung einer russischen Bedrohung und so weiter. – Aber wann kommt dann Journalismus jemals wieder dort an, wo einfach der Job gemacht wird und die Bürgerinnen und Bürger auf Augenhöhe gewürdigt werden? Kritische Distanz der Journalistinnen und Journalisten, das ist es, was ich sehr vermisse.
Absolut. Es hat ja nicht mit Corona angefangen. Sondern schon früher. Mich erreichen viele Nachrichten mit einem kritischen Blick auf die Medien. Die meisten, die mir schreiben, sagen, dieser „Rettungsauftrag“ habe mit der Flüchtlingskrise 2015 angefangen. Ich habe es damals noch nicht so wahrgenommen. Mir fiel es einfach nicht auf. Vielleicht, weil ich 2015 noch recht jung war und eine ähnliche Haltung vertrat. Aber damals hat ja selbst die BILD quasi eine Kampagne gefahren, pro Flüchtlinge. Mit der Haltung, wir müssen Menschen in Not, die aus dem Krieg fliehen, helfen. Aber die BILD ist auch eine private Zeitung, sie darf Kampagne. Die Corona-Pandemie war dann wie eine Art von Katalysator, die diesen schon existierenden Haltungsjournalismus beschleunigt hat. Die kritische Distanz, sich als Journalist mit keiner Sache gemein zu machen, ist zu oft verloren gegangen. Das liegt auch daran, dass gerade in meiner Generation von Journalisten die Überzeugung da ist, nur den richtigen Leuten eine Plattform geben zu wollen, um so das vermeintlich Gute zu fördern und allem anderen nicht auch noch Sendezeit oder Zeilen zu geben.
Damit würde sich Journalismus in eine Position begeben, die ich nicht einmal mehr der Kirche zugestehen würde … (lacht)
Ich denke, dass viele Journalisten etwas bewegen möchten. Die Welt verbessern wollen. Da ist man doch schnell dabei, zu werten und zu entscheiden, was jetzt berichtet wird. Sie haben natürlich recht, dass das nicht die Aufgabe einer Berichterstattung sein darf. Man kann zum Beispiel nicht ständig über den berechtigten Schutz von Minderheiten reden, denn dann fühlt sich die Mehrheitsgesellschaft in ihrer Lebenswirklichkeit und mit ihren Anliegen nicht mehr wahrgenommen.
Wenn ich an 2015 denke, dann war es mir ein persönliches Anliegen, mit meinen damals jugendlichen Kindern gemeinsam bei der Essensausgabe am Münchner Hauptbahnhof zu helfen. Anschließend habe ich ab und an Fahrdienste für Asylbewerber hier bei mir am Ort übernommen. Und dies zusätzlich zu meinem doch reichlichen zeitlichen Eingebundensein als Unternehmer und meines ohnehin praktizierten ehrenamtlichen Engagements. Warum sage ich das: Ich habe viele Menschen zu dieser Zeit erlebt, die sich gerne und reichlich engagiert haben. Ich habe aber auch Menschen im Jahr 2015 erlebt, die vor den Konsequenzen der Migration in kultureller und in materieller Hinsicht gewarnt haben. Zudem gab es erfahrene Entwicklungshelfer, die auf die Hilfe vor Ort verwiesen haben und gemahnt haben, dass die Lösung nicht in der Migration, sondern in der politischen und wirtschaftlichen Stabilität vor Ort liegen würde. Meine selbstkritische Wahrnehmung ist, dass ich damals auf solche Stimmen wenig gehört habe – und mir aus den Medien einschließlich des ÖRR keine entsprechende reflektierende Berichterstattung in Erinnerung ist. Sehr wohl ist mir in Erinnerung, wie kritische Stimmen zu schnell als extrem oder gar extremistisch verortet wurden. Meine persönliche Feststellung ist, dass viele der kritischen Stimmen aus meinem Umfeld berechtigt waren und noch sind. Nun, ich habe bei dem einen und anderen zwischenzeitlich Abbitte geleistet, dieweil ich damals mit einer moralischen Keule unterwegs war und diesen Widersprüchen wenig aufgeschlossen. Ist es nicht bei Journalisten und Leuten, die mit hoher Reichweite und bei reichlicher Bezahlung Talkshows moderieren, an der Zeit, Irrtümer einzugestehen und sich auf einen kritisch berichtenden Journalismus zu konzentrieren? Wo ist hier das Problem?
Das meiste, was Journalisten machen, ist ja, Bericht zu erstatten, und hier sollten sie neutral sein. Ansonsten gibt es den Kommentar, und der ist als Meinungsäußerung gekennzeichnet. Die gibt es viel seltener. Bei Kommentaren fände ich es schon ganz interessant, wenn jemand Jahre später öffentlich macht, dass sich seine Meinung mittlerweile geändert hat, wenn er oder sie eine prominente Stimme bei dem Thema war. Aber sich für normale Berichterstattung zu entschuldigen, wieso sollte man das öffentlich machen? Das führt zu nichts. Vieles schwingt ja sowieso untergründig mit, ich glaube, manchen Autoren ist es gar nicht bewusst, dass sie in ihren Berichten eine Haltung transportieren. Weil einem das oft nur auffällt, wenn man anders auf die Welt blickt.
Aber dort, wo die Berichterstattung nicht mehr ein differenzierter Bericht ist, sondern einer Motivation folgt, hätte ich als Bürger und Konsument von Nachrichten sehr wohl den Bedarf, dass diese Personen eine selbstkritische Repositionierung vornehmen. Denn eine Selektion von Nachrichten findet ja sehr wohl statt – alleine schon quantitativ und damit verbunden wohl auch inhaltlich.
Eine Sache scheint mir wichtig. Ich glaube, manche Journalisten machen einen Denkfehler. Denn der Medienstaatsvertrag sagt auch: Der ÖRR soll die Vielfalt der Gesellschaft abbilden und auch für Toleranz und die europäische Einigung einstehen. Da kann man dann womöglich auch über das Ziel hinausschießen und aus Gründen der Toleranzförderung die Probleme weitgehend außen vorlassen, die es beispielsweise bei der überproportionalen Gewaltkriminalität durch junge, männliche Migranten gibt.
Ihr Hinweis auf den Medienstaatsvertrag finde ich berechtigt. Mir ist dieses Werk auszugsweise noch in Erinnerung, da ich für meinen Roman „Das laute Schweigen des Max Grund“ dazu umfassend recherchiert habe. Der ÖRR ist nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich durch die Alliierten initiiert und installiert worden. Ziel war es, ein unabhängiges, demokratisches Mediensystem zu schaffen, das sich von der zentralisierten und propagandistischen Struktur des Rundfunks während der NS-Zeit unterscheidet. Man wollte mit dem ÖRR – und das gibt der Staatsvertrag wieder – unter anderem einen Beitrag zur Förderung des europäischen Friedens, beispielsweise zwischen Frankreich und Deutschland, leisten. Sie haben ja auf die Aufgabe verwiesen, die europäische Einigung zu fördern. Ich habe jedoch keine Stelle im Rundfunkstaatsvertrag gefunden, in welcher der ÖRR aufgefordert wird, sich der Lüge zu bedienen. Wenn also bestimmte Sachverhalte so sind, wie sie nun einmal beispielsweise im Kontext von Kriminalität von jungen, männlichen Migranten aus Nordafrika oder im Kontext der Corona-Impfnebenwirkungen sind, dann erwarte ich eine objektive, kritische Berichterstattung – insbesondere vom ÖRR, welcher ob seiner Gebührenfinanzierung die Chance einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit hat. Eine konstruktive Diskussion würde uns als Gesellschaft näher an Lösungen bringen als das Unterdrücken oder Ausblenden von Argumenten und Fakten.
Das stimmt. Aber ich wehre mich dagegen, Journalisten oder Kollegen der Lüge zu bezichtigen. Das stimmt einfach nicht. In Sachen unausgewogener Berichterstattung steckt auch immer eine Dynamik dahinter, die nur allzu menschlich ist. Man darf nicht vergessen, dass die einzelne Journalistin oder der einzelne Journalist im Team akzeptiert werden möchte. Da kann es schon sein, dass man sich seinem sozialen Umfeld anpasst, um nicht unangenehm aufzufallen. Man ein Thema deshalb nicht macht. Um nicht zu Unrecht in eine Schublade geschoben zu werden: Du bist rechts oder du bist AfD oder sonst etwas.
Und da fällt mir die Passage in meinem Roman „Das laute Schweigen des Max Grund“ ein, als der hochgeschätzte, homosexuelle Hauptschullehrer vor der Klasse stand und mit erhobenem Zeigefinger sinngemäß mahnte: Es wird wieder eine Zeit kommen, da werdet ihr eure Meinung nicht sagen, weil man euch bedroht oder diskriminiert. – Mir scheint, dass wir einmal mehr wieder an einem solchen Punkt angekommen sind.
Man rennt moralisch hohen Tugenden hinterher: Klar, man möchte den Kriegstreiber Putin schwächen, den Migranten möchte man helfen, die AfD soll verhindert werden und die Klimakrise möchte man abwenden. Wir sind voll von guten Absichten …
… und verkennen da und dort unsere wirtschaftlich begrenzten Möglichkeiten, um mit einem ehemaligen Bundespräsidenten zu sprechen, und unsere eigenen Interessen. Und noch ein Gedankensprung: In der DDR waren auch viele führende Menschen überzeugt, das Gute zu wollen – und doch ist das System gescheitert und viele Menschen haben Böses erleiden müssen.
Wobei historische Vergleiche immer etwas problematisch sind. Aber ja, die Gefahr von extremistischen Regimen kommt in meinen Augen oft im Mantel des Guten – bloß verursachen sie Böses. Das zeigt auch der Abwehrreflex gegen die AfD. Das ist ein gesunder Reflex gegen einen totalitären Staat. Allerdings fehlt die Differenzierung, dass während der Pandemie auch sehr absolut agiert wurde, auch das gehört aufgearbeitet. Das eine wird massiv problematisiert und das andere wird kaum aufgearbeitet. Hier fehlt mir die Differenzierung. Es wäre gut, wenn mehr Leute hinstehen und ihre Meinung gut begründet äußern. Es braucht Menschen, die den Mut zum Widerspruch aufbringen. Außerdem finde ich schon, dass es auch heute noch guten Journalismus gibt und dafür möchte ich selbst auch einstehen.
Lassen Sie uns noch einen Gedankensprung machen. – Wenn wir beispielsweise in die politischen Talkshows schauen, sehen wir oftmals die gleichen Gesichter – und kaum mit nennenswerter Wortmeldezeit den gemeinen Bürger mit seinen guten Argumenten und seinen redenswerten Erfahrungen.
Ich schaue natürlich nicht jede Talkshow, deswegen kann ich das nicht in vollem Wissen beurteilen. Und klar, gab und gibt es einige Talkshow-Dauergäste wie Sahra Wagenknecht, Karl Lauterbach oder vor einiger Zeit Wolfgang Bosbach. Die ziehen einfach Zuschauer an, sind meinungsstark. Über die Besetzung dieser Shows habe ich mich nie arg aufgeregt. Ich habe schon den Eindruck, dass sehr wohl vielfältige Menschen eingeladen werden, wie zum Beispiel Landräte oder Bürgermeister, die aus ihrer Erfahrung beim Thema Migration berichtet haben. Natürlich ist es auch notwendig, dass die Gäste sich vor der Kamera gut verständlich äußern können. Deshalb gibt es schon eine Art Vorab-Casting und nicht jeder wird eingeladen.
Warum bleiben viele Moderatorinnen und Moderatoren so lange im Kontrakt? Der Einfluss dieser Menschen ist massiv – und keiner von denen brauchte sich einer Wahl zu stellen, oder?
Tja, wir Journalisten werden nun mal nicht gewählt! Und die Einschaltquoten spielen natürlich auch eine Rolle. Wenn sie stimmen, spricht das für den Moderator. Sie spiegeln ja eine Akzeptanz bei den Zuschauern wider.
Zunächst herzlichen Dank für das Gespräch und für Ihre inspirierenden Hinweise. Lassen Sie uns zum Schluss nochmals auf den hohen Wert eingehen, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk haben kann.
Eine Plattform für alle – das ist für mich der ÖRR. Gerade in einer Öffentlichkeit, die immer mehr zersplittert, ist so etwas umso nötiger. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir alle Menschen erreichen. Dass wir alle Meinungen abbilden. Wenn er das nicht tut, werden die „alternativen Medien“ immer mächtiger. Und das schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der ÖRR muss eine Vertrauensinstanz für alle gesellschaftlichen Gruppen sein.
Diesen Schlusssatz unterstreiche ich gerne.
Zur Person
hat in Passau, Rom und Regensburg Demokratie- und Kommunikationswissenschaft studiert und danach ein Volontariat beim BR absolviert. Nun ist sie als trimediale Reporterin beim BR tätig und arbeitet in der Redaktion Landespolitik und BR24 TV. Zudem hat Julia Ruhs eine Kolumne bei FOCUS Online.
