Jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen – das ist eine der zentralen Aufgaben von Prof. Dr. Roland Rixecker, dem Beauftragten für jüdisches Leben und Antisemitismus im Saarland. Im Gespräch geht es um die Bedeutung von Begegnungen, die Herausforderungen der Sichtbarkeit und die Notwendigkeit, jüdisches Leben als selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Ein Gespräch über Chancen, Hindernisse und die Verantwortung, aktiv aufeinander zuzugehen.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Lieber Herr Prof. Dr. Roland Rixecker. Sie haben als Jurist rund vierzig Jahre Erfahrungen als Richter, sind Präsident des Verfassungsgerichtshofs des Saarlands und lehren an der Universität des Saarlands. Im Ehrenamt sind Sie seit 2019 vom saarländischen Landtag gewählter Beauftragter für jüdisches Leben und Antisemitismus. Danke für Ihre Zeit und ich freue mich auf unser Gespräch. Wie ergeht es Ihnen, als Beauftragter für jüdisches Leben und Antisemitismus im Saarland?

Roland Rixecker

Diese Aufgabe ist mir ein Herzensanliegen und ich trete dabei für Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und Fairness ein. Das sind Werte, die mir auch in meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit wichtig gewesen sind.

Ralf M. Ruthardt

In der Beschreibung Ihres Ehrenamtes ist mir aufgefallen, dass zuerst das jüdische Leben genannt wird und an zweiter Stelle fängt die Achtsamkeit gegenüber Antisemitismus das auf, wo die Wertschätzung und der faire Umgang abhandengekommen sind. Ich empfinde diese Reihenfolge mutmachend und daher zuerst meine Frage, wie das jüdische Leben heute im Saarland stattfindet.

Roland Rixecker

Ja, das haben Sie richtig erkannt. – In erster Linie geht es um die Sichtbarkeit jüdischen Lebens in Deutschland beziehungsweise in meinem Bereich hier im Saarland. Die Notwendigkeit beruht auf Entwicklungen in der deutschen Geschichte. Diese haben dazu geführt, dass jüdisches Leben während der Zeit des Nationalsozialismus faktisch verschwunden ist. Anfang der 1940er-Jahre gab es kein jüdisches Leben mehr im Saarland. Erst langsam hat es nach dem Zweiten Weltkrieg im Saarland wieder Raum gefunden. Heute blicken wir auf eine kleine, in einer Synagoge – im Sinne einer Körperschaft des öffentlichen Rechts – organisierte jüdische Gemeinschaft und auf eine etwa gleich große nicht organisierte Gruppe jüdischer Menschen hier im Saarland. Die Konzentration liegt auf der Landeshauptstadt Saarbrücken, aber über das Bundesland verteilt gibt es einige weitere jüdische Familien. Ein wesentliches Wachstum der jüdischen Gemeinden ergab sich aus der Zuwanderung …

Ralf M. Ruthardt

… Sie meinen die sogenannten Spätaussiedler …

Roland Rixecker

… ja; und durch diese Zuwanderung aus Osteuropa und vor allem aus Russland wurde die jüdische Gemeinschaft orthodox geprägt. Wir haben eine solche orthodoxe Synagogengemeinde an der Saar, die sich in den vergangenen Jahren sehr erfreulich gegenüber der Gesellschaft geöffnet hat. Dort finden regelmäßig Informationsveranstaltungen statt: Besichtigungen der Synagoge, Einblicke in den jüdischen Glauben und beispielsweise auch Events zum jüdischen Essen. Diese Öffnung ist dem schlimmen Ereignis des 7. Oktober 2023 begegnet und das hatte Folgen: Es gibt bei uns, wenn auch nicht tätliche, heftige Auseinandersetzungen zwischen den Menschen, die sich den Konfliktparteien des Nahen Ostens zurechnen. In dessen Folge ziehen sich Menschen jüdischen Glaubens zurück. Sie haben Angst und fühlen sich durch Menschen, die der palästinensischen Seite zuneigen, bedroht. Hier sitzt zwar niemand auf gepackten Koffern, aber ein Rückzug aus dem Öffentlichen ist gegeben. Meine Begleitung jüdischen Lebens und dessen Vermittlung leiden darunter sehr. Die Menschen sind vorsichtig geworden.

Ralf M. Ruthardt

Wir blicken auf hunderte von Jahren in Europa zurück, in denen Menschen jüdischen Glaubens unter uns leben und immer noch ist festzustellen, dass die Lebensgewohnheiten und das Wesen des Judentums – immer noch, oder wieder – nicht wirklich in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung angekommen sind.

Roland Rixecker

Das kann ich nur unterstreichen. Vor meiner Wahl in dieses Amt habe ich mich eher von der verfassungsrechtlichen Seite mit der Entwicklung in der Weimarer Republik und dem Judentum beschäftigt. Jetzt, wo ich viele Begegnungen habe, kann ich sagen, dass diese Menschen natürlich nicht anders sind als nicht-jüdische Menschen. Doch für manche Menschen in unserer Gesellschaft scheint es ein besonderer Teil dieser Gesellschaft zu sein, und man begegnet ihm „fremdelnd“.

Ralf M. Ruthardt

Wenn ich in mein eigenes soziales Umfeld blicke, dann sind dort viele Menschen, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben. Es sind aber auch viele Begegnungen mit Menschen darunter, die in der zweiten, dritten oder vierten Generation hier in Deutschland unter uns sind – und ursprünglich aus einem muslimischen Land stammen. Alleine aufgrund der Vielzahl an Begegnungsorten, nehmen wir Elternabende an den Schulen, die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz, das gemeinsame ehrenamtliche Engagement im Verein und so weiter, lässt das, was früher unbekannt und fremd war, jetzt als üblich und begreifbar erscheinen. Da ist es selbstredend, dass man am Grillfest Fleisch anbietet, das nicht vom Schwein stammt. Es braucht keine Konzentration dazu, es hat sich etabliert. Meine Hypothese: Aufgrund der relativ wenigen Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland sind unsere Begegnungen selten und der Umgang untereinander hat nicht die Übung, die wir eigentlich miteinander haben möchten. Kann man es so sehen: Dem Grunde nach haben wir eine quantitativ begründete Herausforderung und gerade deshalb ist Ihre Aufgabe, für gezielte Begegnungen zu sorgen, so wichtig?

Roland Rixecker

Völlig richtig. Das Wesentliche, wie wir das von Ihnen dargestellte Problem bewältigen, ist die Begegnung. Auch mir ging es so, dass ich nur wenige Menschen jüdischen Glaubens in meinem Umfeld hatte. Nun, dies hat sich mit der Aufgabe jetzt natürlich verändert. Wichtig ist, dass wir die Begegnung als Chance begreifen. Als Chance, die auch unsere Neugierde auf das Andere befriedigt. Es erweitert beidseitig den Horizont und schafft Verständnis. Lassen Sie mich auf eine andere Gruppe zu sprechen kommen, um einen Vergleich zu ziehen. Die Situation ist ähnlich der Kontakte zu der im Saarland sehr starken türkischen Gemeinde. Dort ist es auch nicht so, dass alles ein Selbstläufer ist. Auch dort benötigt es die Begegnungen, um die Kultur, den Glauben und die Lebensweisen des Nächsten zu verstehen.

Ralf M. Ruthardt

Man kann feststellen, dass beispielsweise Menschen aus Portugal oder Italien einen uns näherliegenden religiösen und daraus resultierenden historischen Hintergrund haben, als wenn Menschen aus muslimisch geprägten Ländern oder aus Asien zu uns kommen. Ich will an dieser Stelle nicht unseren Altbundeskanzler Helmut Schmidt zitieren, sondern meine Überlegung um einen Aspekt ergänzen. Wenn eine ursprünglich eingewanderte Community aus vielen Menschen besteht, dann sorgt dies für viele Alltagsbegegnungen. Diese haben etwas Integratives. Dort, wo eine Community aus sehr wenigen Menschen besteht, sind Alltagsbegegnungen alleine schon deshalb seltener – und damit gibt es geradezu eine Notwendigkeit, für die Aufgabe der Sichtbarmachung. Hier, die Sichtbarmachung jüdischen Lebens. Es braucht somit für uns als Gesellschaft die gezielte, organisierte Begegnung – von alleine kommt sie zu selten zustande.

Roland Rixecker

Das verstehe ich sehr gut. Lassen Sie mich Beispiele nennen, welche attraktive, interessante Begegnungen zeigen. Da gibt es das Projekt „meet-a-jew“ (https://www.meetajew.de/), bei dem sich junge jüdische Menschen in Schulklassen vorstellen und von sich erzählen. In einem anderen Projekt besucht ein jüdischer Geistlicher gemeinsam mit einem muslimischen Religionslehrer Schulklassen. Und auch hier in der lokalen Gemeinde, da sind jüdische Menschen rausgegangen zu anderen Veranstaltungen und haben über ihr jüdisches Leben erzählt. Wir müssen „dicke Bretter“ mit Geduld bohren. Es braucht diese Unterstützung. Wir müssen in die jüdische Community gehen und diese muss natürlich auch auf die Gesellschaft zugehen. Gerade die orthodoxe Szene ist gerne unter sich; aber auch diese muss auf die Gesellschaft zugehen.

Ralf M. Ruthardt

Der gesellschaftliche Konsens in Deutschland ist, dass wir als Land Schuld auf uns geladen haben, die insbesondere in unserer Erinnerungskultur Mahnung und Wegweisung für die Zukunft ist. Ich bin überzeugt, dass der große Teil unserer Gesellschaft den herzlichen und normalen Umgang gerade auch mit Menschen jüdischen Glaubens praktizieren will – aber wir gerade hier um den Punkt nicht herumkommen, aktiv aufeinander zugehen zu müssen. Schlicht, weil uns die alltäglichen Begegnungen aus den vorgenannten quantitativen Gegebenheiten heraus fehlen. Sprich: Ich schaue jetzt in den Veranstaltungskalender und suche nach einer Begegnungsmöglichkeit.

Roland Rixecker

Ja, es braucht unser individuelles Interesse und unser aktives die Begegnung suchen. Dazu dienen die Veranstaltungen, die wir anbieten.

Ralf M. Ruthardt

Menschen unterschiedlicher kultureller bzw. religiöser Hintergründe haben alleine ob einer hohen Anzahl in der Bevölkerung regelmäßig Begegnungen im Alltag. Nehmen wir als Beispiel das jährliche Schulfest vor den Sommerferien, wo gemeinsam gegrillt und geplaudert wird. Bei unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern kann dies somit nicht in dieser Häufigkeit gelingen. Das haben wir herausgearbeitet. Wenn wir nun über Antisemitismus sprechen, dann laufen wir direkt in einen Stress hinein und nicht in eine Quelle der Freude: Sprich, der bedeutende große Teil der Gesellschaft will das freundliche und etablierte Miteinander. Was wir aber wahrnehmen, sind lautstarke Randgruppen, die die mediale Wahrnehmung entgegen dem gesellschaftlichen Konsens dominieren.

Roland Rixecker

Ja, da haben Sie recht. Deshalb braucht es diese Beispiele aus Kultur und Sport, wo man das Gemeinsame betont. Nehmen wir jüdische Komponisten, die die Musik international wesentlich mitgeprägt haben. Oder nehmen Sie Makkabi, den jüdischen Turn- und Sportverein. Gerade der Sport und sein Fairplay ist eine wertvolle Plattform der Begegnung.

Ralf M. Ruthardt

Danke für diese erfreulichen Beispiele.

Roland Rixecker

Man kann noch die Frankfurter Buchmesse anführen, wenngleich diese letztjährige Messe ohne ein ausdrückliches Angebot israelischer Literatur stattgefunden hat. Ich kann das aus Sicherheitsgründen nachvollziehen. Aber wissen Sie, das ist auch eine Praktizierung von Cancel Culture! Hier wird die jüdische Kultur gecancelt.

Ralf M. Ruthardt

Wir sind ins Gespräch mit der Frage nach Begegnungen mit jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern eingestiegen und haben jetzt zum Schluss Beispiele für Begegnungsmöglichkeiten – und hoffentlich auch den Impuls, diese wahrzunehmen. Für Ihre Zeit und Ihre Ausführungen, lieber Herr Prof. Dr. Roland Rixecker, bedanke ich mich sehr.

Roland Rixecker

Es war ein gutes Gespräch und ich bedanke mich bei Ihnen.

Zur Person

war unter anderem mehrere Jahre als Richter am Landgericht Saarbrücken tätig. Es folgte von 1985 bis 1995 das Amt des Staatssekretärs im saarländischen Justizministerium. 1995 wurde er zum Präsidenten des Saarländischen Oberlandesgerichts ernannt sowie zum Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs des Saarlandes gewählt. Rixecker ist Antisemitismusbeauftragter der saarländischen Landesregierung.

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