Effizienz und Professionalität in der Agrar- und Milchwirtschaft sind Themen, mit denen sich Dirk Reinkens intensiv beschäftigt. Er baut genossenschaftliche Strukturen zukunftsorientiert aus und fördert Innovationen im landwirtschaftlichen Verbund und gilt als Vertreter einer zeitgemäßen, leistungsorientierten Landwirtschaft, die traditionelle Genossenschaftswerte mit unternehmerischem Denken verbindet.
Das GesprächSie haben, lieber Dirk Reinkens, umfassende Erfahrungen beim Aufbau genossenschaftlicher Strukturen in landwirtschaftlichen Betrieben. Da geht es um den zukunftsfähigen, nachhaltigen Aufbau und gleichzeitig darum, Innovationen zu etablieren. Wie passen die traditionellen Werte der Genossenschaft und unternehmerisches Denken zusammen?
Ich kann hier für Ostdeutschland und die sich hier etablierte Genossenschaftsstruktur sprechen. Da hat sich viel verändert – und noch immer geht es darum, fortschrittlich unternehmerisch zu handeln. Wenn wir auf die landwirtschaftlichen Genossenschaften blicken, dann ist der Anteil der Genossen heute deutlich geringer als im Vergleich zu 1990. Damals lernte ich die ersten Genossenschaften kennen. Dort war quasi jeder der Angestellten auch an der Genossenschaft beteiligt. Unter 250 Leuten gab es da kaum eine Genossenschaft. Das hat sich in den letzten 35 Jahren deutlich geändert. Und wenn man heute erfolgreiche, gut geführte Genossenschaften anschaut, dann gibt es da einen Pool von rund 15 bis 20 Mitgliedern. Zumeist sind die Entscheidungsträger Mitglieder; teilweise auch Mitarbeitende und ausgeschiedene Mitarbeitende. In dieser Größenordnung von Mitgliedern lassen sich Strukturen gut weiterentwickeln.
Wenn wir auf Raiffeisen zurückblicken, dann kann man von einer epochalen Errungenschaft sprechen, für welche Genossenschaften stehen können. Damals sind dann die Bauern einer bestimmten Region beigetreten. Man hat sich organisiert, um beispielsweise im Einkauf und Verkauf eine Position und damit wirtschaftliche Vorteile zu haben. Wie sind die landwirtschaftlichen Genossenschaften in den östlichen Bundesländern dem Wesen nach zu begreifen?
Die Eigentümer der landwirtschaftlichen Flächen sind in der Regel auch die Unternehmer gewesen. Diese Landwirte haben die Flächen bewirtschaftet. In den letzten 35 Jahren sind die Betriebe deutlich größer geworden und angestellte Führungskräfte sind Mitglieder der Genossenschaften geworden. Nun reden wir hier nicht über den Raiffeisenverband oder Molkereigenossenschaften. Wir sprechen hier über landwirtschaftliche Betriebe. Diese regional sehr fokussiert. Da gibt es einen Hauptbetrieb und vielleicht noch zwei, drei Außenstellen.
Wo liegen heute die Herausforderungen im Bereich der Landwirtschaft? Ich denke an das Thema Produktivität, denn der Kostendruck dürfte an allen Fronten eine Rolle spielen. Wo möglich sind dann auch noch strategische Investoren, die nach Ackerland greifen.
Die von Ihnen aufgeführten Dinge spielen natürlich eine Rolle. Die Herausforderung in einer Genossenschaft ist, diesen Verband als solchen auch soweit zusammenzuhalten, also dass wirklich alle Genossen dabeibleiben. Man möchte nicht, dass Anteile unabgesprochen an einen fremden Dritten verkauft werden. Eine große Herausforderung ist, geeigneten Nachwuchs zu generieren. Für die Landwirtschaft muss man leider sagen, dass dies nicht einfach ist. Nun, wir haben hier direkt bei mir zu Hause vor Ort ein gutes Beispiel: Eine Genossenschaft mit 4500 Hektar und 3000 Kühen. Die haben immer Lehrlinge ausgebildet und damit ihren eigenen Nachwuchs letztendlich herangeführt. Klar, natürlich gehen einige der Auszubildenden irgendwann. Aber ein Teil bleibt erfreulicherweise da.
Nachwuchs fehlt, Investoren kommen
Gleichwohl steht ein nicht unerheblicher Teil der landwirtschaftlichen Genossenschaften vor der Frage, ob sie überhaupt noch Personal bekommen – oder das Unternehmen verkaufen müssen. Erst dieser Tage habe ich das mitbekommen: Eine Genossenschaft mit 18 Mitgliedern. Kein Nachfolger da. Man war auch nicht bereit, einen externen Geschäftsführer reinzunehmen. Wenn dann keine andere Genossenschaft bereit ist, dort einzusteigen – dann kommt vielleicht ein Investor. Der kauft dann die Fläche – und hält den Betrieb aufrecht. Denn mit der Fläche alleine kann er ja nichts anfangen. Er braucht den Betrieb dazu. Da entsteht dann Neues und das muss gar nicht schlecht sein. Die Landwirtschaft passiert an dem Ort, wo eben auch die Fläche ist oder die Gebäude stehen. Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Investor Fläche gekauft und zugleich den Betrieb eingestellt hat. Klar, da kaufen Discounter wie ALDI die Flächen auf. Aber auf der anderen Seite muss man immer dazusagen, dass die Produktion am Standort weitergeht. Vielleicht mit ein paar Leuten weniger, weil es wirtschaftlich sinnvoll und notwendig ist. Da unterscheiden sich solche Investoren von uns als eigenständige Genossenschaft nicht. Auch wir müssen mit spitzem Bleistift rechnen.
Lassen Sie uns über Bürokratie sprechen …
Das ist, wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch. Die Bürokratisierung hat sich insbesondere in den vergangenen zehn Jahren so dermaßen ausgedehnt, dass das mittlerweile insbesondere für ältere Mitarbeitende sehr, sehr schwer nachzuvollziehen ist. Teilweise braucht es externe Berater mit Expertenwissen, um das im Griff zu behalten. Selbst bei mir im Unternehmen haben wir mittlerweile mehrere externe Berater, um unterschiedliche administrative Bereiche überhaupt noch abdecken zu können. Die Agrarförderung ist dabei ein sehr spezielles Thema. Vieles ändert sich in so kurzer Frist, dass man teilweise gar nicht hinterherkommt. Es ist für die Genossenschaften ein besonders großes Thema, weil man die Entscheidungen gemeinsam mit den Genossen treffen muss und dafür benötigt man Zeit.
Wenn ich auf die vergangenen zehn Jahre blicke, dann habe ich in meinen Software-Unternehmen einen ähnlichen Kampf mit der Bürokratie gehabt. Wenn man nicht mit tausend Mitarbeitenden unterwegs ist, sondern kleiner einhundert, dann erdrücken die Aufwendungen für bürokratische Restriktionen. Du kannst als kleines oder mittelständisches Unternehmen die Bürokratiekosten kaum mehr an die Kunden weitergeben. Es geht direkt auf die Marge bzw. zu Lasten des Ergebnisses.
Früher war ich noch 70 oder 80 % meiner Zeit produktiv – also draußen auf dem Feld. Jetzt sind das gefühlt maximal 30 % meiner Arbeitszeit. Alles andere ist Büroarbeit. Das ist schon erdrückend und das liegt auch nicht jedem. Dabei bleibt einem gar nicht viel anderes übrig: Du musst, um ein wirtschaftliches Ergebnis zu erzielen, die bürokratische Agrarförderung auf dich nehmen.
Wenn es in Ihrer Branche auf die Dokumentationspflichten schauen – ist dieser bürokratische Aufwand sinnvoll?
Es sind zwei Blöcke. Wir haben Agrarförderungen der Bundesländer, der Bundesebene und der EU. Die Ziele sind dabei klar: Man will mehr Klimaschutz, mehr Umweltschutz und die Kulturlandschaften wiederherstellen. Das ist das eine Thema. Das zweite Thema ist, wenn wir unsere Produktion dokumentieren, dann könnte man das über die „Blockchain“ machen. Damit wäre alles nachvollziehbar – bis zum Teller. Das finde ich persönlich sehr gut: ein Open-Book-System, in welchem ich meine Produktion offenlege. Ich habe damit kein Problem zu zeigen, auf welchem Acker der Weizen gewachsen ist und wie schlussendlich das Brötchen bei Ihnen auf den Teller gekommen ist. Für meinen Teil finde ich das klasse.
Ziele klar, Wege kompliziert
Das Problem bei der Agrarförderung ist, dass es mittlerweile so aufgeblasen und so kompliziert geworden ist. Bestimmte Maßnahmen sind mit anderen Maßnahmen gekoppelt. Teilweise gehen diese in ihrer Wechselwirkung jedoch wieder an der Sache vorbei. Es ist ein Dschungel. Die ganze Sache ist mittlerweile so sehr verkompliziert, dass die Förderungen meiner Einschätzung nach zu oft am Ziel vorbeigehen. – Um das alles zu überblicken, brauchen wir eben mehrere Berater.
Wiehert hier der Amtsschimmel, indem zu viel am grünen Tisch in den Parlamenten und in den Verwaltungen beschlossen wird und dort zu wenig Realitätsbezug vorhanden ist?
Manchmal habe ich diesen Eindruck. – Letztlich verlieren die kleinen Betriebe. Die können sich diesen bürokratischen Aufwand rund um Förderungen oftmals gar nicht leisten. Manche verzichten dann sogar darauf. Und schlussendlich geben viele einfach den Betrieb auf. Alleine in 2024 haben 18 % der Landwirte in Thüringen keinen Agrarförderungsantrag abgegeben. Jetzt kann man schnell hochrechnen, wie viel Fördergelder dadurch eingespart wurden. Das hat mit Fairness nichts mehr zu tun. Da stellen sich Politiker auf die kleinen Bauernhöfe und lassen sich vor der Wahl mit glücklichen Kühen fotografieren. Das kommt halt gut an. Das ist ein wichtiges Wählerklientel; schauen Sie doch nach Bayern. Aber die Lebenswirklichkeit sieht anders aus. Und das andere ist, dass der Tierschutz in Großbetrieben besser zu realisieren ist. Der Kleinbetrieb ist in dieser Konsumentenidylle derjenige, der am Morgen seine Kuh streichelt und es mit freundlichen Worten auf die Weide führt. Der Kleinbauer stellt der Kuh ein Radio hin oder singt ihr selbst etwas vor. (lacht)
Ihren Worten entnehme ich, dass die Lebenswirklichkeit anders ausschaut … Haben Sie ein innovatives Beispiel, wie Technik große Betriebe wirtschaftlich unterstützt und zugleich den Tieren hilft?
Ja, die Technik ist eher auf Großbetriebe ausgelegt. Hier ein Beispiel: In manchen Großbetrieben fliegt mittlerweile eine Drohne voraus. Damit soll beim Grasschnitt oder der Kornernte das Rehkitz erkannt werden. Ein Kleinbetrieb kann sich das eher nicht leisten. Ein weiteres Beispiel: Nehmen wir eine Herde mit 1.500 Kühen. Jede Kuh hat Bewegungssensoren im Halsband. Damit generieren und vermessen wir Daten über Trinkverhalten, über Milchmenge und darüber, wo und wie sich die Kuh bewegt. Dadurch sehen wir unmittelbar, wenn das Tier erkrankt ist, und können handeln. Wir haben ausgebildetes Fachpersonal auf unseren Betrieben und können die Tiere unmittelbar behandeln – das kann ein Kleinbetrieb in dieser Form gar nicht leisten.
Lassen Sie uns einen Gedankensprung machen: Konsumentinnen und Konsumenten finden Geiz weitgehend immer noch geil.
Eine hohe Wertschätzung von Lebensmitteln kennen wir aus anderen Ländern. Die Menschen bezahlen für die Lebensmittel höhere Preise und schauen nach hochwertigen Produkten. Wir können aus einer modernen, konventionellen Landwirtschaft hochwertige Lebensmittel und tierfreundliche Bedingungen herstellen. Da bin ich mir ganz sicher und erlebe das täglich in meinem Betrieb.
Zur Person
geboren 1968, ist seit Mai 2018 Vorstand der Milcherzeugung Molau eG. Mit Sitz in Naumburg (Saale) leitet er strategisch die genossenschaftliche Molkerei. Zuvor übernahm er Schlüsselrollen in landwirtschaftlichen Verbundstrukturen.



