Deutschland braucht Fachkräfte – und eine nüchterne Debatte darüber, welche Form von Migration volkswirtschaftlich tragfähig, menschlich anständig und langfristig integrationsfähig ist. Andreas Reifsteck beschreibt mit „Bumblebee Folks“ ein Modell, das qualifizierte Fachkräftezuwanderung planbar macht: KI-gestützt, vorbereitet, sprachlich begleitet und mit klaren Grenzen gegen Ausbeutung wie gegen eine demografische Schwächung der Herkunftsländer.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Lieber Andreas Reifsteck, als ich mich mit Bumblebee Folks beschäftigt habe, drängte sich mir ein Gedanke auf: Hier versucht jemand, Wirtschaft und Sinnhaftigkeit zusammenzubringen. Der Ausgangspunkt scheint nicht ein abstraktes Migrationsnarrativ gewesen zu sein, sondern eine ganz konkrete Mangellage in der deutschen Wirtschaft. Was war dein persönlicher Auslöser, dich auf dieses Feld einzulassen?

Andreas Reifsteck

Der Auslöser war sehr konkret. Ich war damals Geschäftsführer eines Unternehmerverbandes und in nahezu jedem Gespräch hörte ich denselben Satz: Wir finden keine Auszubildenden, wir finden keine Mitarbeitenden. Das war im Handwerk so, aber auch verbandsübergreifend auf Veranstaltungen ein Dauerthema. Dann kam eine Delegationsreise im Jahr 2023 nach Maharashtra in Indien hinzu. Dort ging es unter anderem um Fachkräftegewinnung und den Austausch mit Baden-Württemberg. Ich wurde von unserer Landesregierung gefragt, ob ich mir aus Sicht der Wirtschaft Gedanken machen könne, wie ein solches Programm aufgebaut sein müsste. Daraus entstand zunächst ein Konzeptpapier. Später wurde ich immer wieder darauf angesprochen, ob ich daraus nicht mehr machen wolle. Irgendwann habe ich das Papier wieder aus der Schublade geholt und mir gesagt: Dann bauen wir das eben selbst – aber aus Sicht der Unternehmenspraxis.

Ralf M. Ruthardt

Du hast nicht einfach eine Recruitingfirma gegründet, sondern ein Modell, das tiefer in die Prozesskette eingreift. Wenn ich es richtig verstehe, dann beginnt dein Ansatz dort, wo klassische Vermittler oft aufhören: bei Vorbereitung, Sprache, Integration und Passgenauigkeit. Wie funktioniert dieses Modell?

Andreas Reifsteck

Wir suchen die Menschen nicht selbst irgendwo auf der Welt zusammen, sondern arbeiten mit einem geprüften Netzwerk von Recruiting-Partnern in verschiedenen Ländern. Ein Unternehmen meldet uns seinen konkreten Bedarf, und wir matchen diesen Bedarf mit geeigneten Partnern. In gewisser Weise ist das ein Plattformgedanke. Der entscheidende Unterschied ist aber: Wir lassen es nicht beim Match stehen. „Bumblebee Folks“ kümmert sich als Servicepartner um die Integration – und zwar schon bevor die Menschen überhaupt hier ankommen. Es geht um Spracherwerb, um kulturelle Erwartungshaltungen, um die Frage, welche Qualifikation für den deutschen oder europäischen Rechts- und Arbeitsrahmen noch angepasst werden muss. Wer heute schon sprachlich fit ist, kann schneller vermittelt werden. Andere brauchen vielleicht ein Jahr. Dann muss aber auch Verlässlichkeit da sein, denn wer für einen Arbeitgeber eine Sprache lernt, braucht die Sicherheit, dass daraus am Ende auch ein Arbeitsverhältnis wird.

Ralf M. Ruthardt

An dieser Stelle wird der Unterschied zur ungeregelten Migration sichtbar. Du redest nicht über offene Erwartung, sondern über Bedarf, Qualifikation, Vertrag, Sprache und Vorbereitung. Das ist nüchtern gesagt eine andere Kategorie von Zuwanderung. Hinzu kommt die Künstliche Intelligenz (KI). Viele benutzen das Wort inflationär. Was leistet KI in deinem Modell ganz praktisch?

Andreas Reifsteck

Für uns ist KI kein dekoratives Schlagwort, sondern ein Werkzeug, um Komplexität beherrschbar zu machen. Wir bauen beispielsweise mit einem Partner in Indien eine Plattform auf, die genau diese Prozesse unterstützt: Bedarf erfassen, Profile strukturieren, passende Kandidaten und Partner zusammenführen, Abläufe effizienter machen. Das Ziel ist, die Voraussetzungen für Qualität und Skalierbarkeit zu schaffen. Gerade weil wir viele Berufe abdecken wollen – von der Pflege über Gastronomie und Handwerk bis hin zu Ärzten – braucht es ein System, das sauber matcht. Sonst endet man wieder in Improvisation.

Ralf M. Ruthardt

Du sprichst zugleich sehr deutlich von Anstand. Das ist ein bemerkenswertes Wort in einem Markt, in dem offenbar die sprichwörtlichen „schwarzen Schafe“ unterwegs sind. Was heißt „anständig“ in deinem Verständnis ganz konkret?

Andreas Reifsteck

Anständig heißt für uns zuerst, dass wir die Kandidatinnen und Kandidaten nicht monetär in die Pflicht nehmen. Die Verantwortung sehen wir beim Arbeitgeber. Wenn Menschen mit Schulden in ein neues Land starten, weil sie Vermittlungsgebühren oder andere Kosten abstottern müssen, dann beginnt Integration mit Abhängigkeit. Diese Menschen können sich nicht wirklich auf ihr neues Umfeld einlassen, nehmen oft nicht am gesellschaftlichen Leben teil und geraten leichter in Isolation. Das ist menschlich problematisch und betriebswirtschaftlich unsinnig. Denn wenn Leute nach kurzer Zeit wieder gehen, weil sie sich nicht integrieren können, schadet das auch dem Unternehmen, das sie eingestellt hat, und am Ende auch uns. Unser Ansatz ist deshalb humanistisch und wirtschaftlich zugleich.

ist es eine demografische Kolonialisierung?

Ralf M. Ruthardt

In Deutschland wird oft pauschal über Migration gesprochen, als wäre jeder Zuzug dasselbe. Tatsächlich reden wir hier aber über qualifizierte Menschen mit Motivation, mit sprachlicher Vorbereitung und mit einem klaren Arbeitsplatzbezug. Das kann für eine demografisch instabil gewordene Volkswirtschaft ein Gewinn sein. Dennoch bleibt der Einwand, auf den Prof. Dr. Herwig Birg jüngst hingewiesen hat: die Gefahr einer demografischen Kolonialisierung. Also die Frage, ob wir anderen Ländern genau jene Fachkräfte entziehen, die dort selbst gebraucht würden.

Andreas Reifsteck

Ich halte den Einwand für berechtigt – gerade deshalb ist er für uns so wichtig. Unser Anspruch ist, anständig gegenüber allen Beteiligten zu handeln, und dazu gehören auch die Herkunftsländer. Deshalb haben wir eine klare Richtlinie: Wir rekrutieren nur in Ländern mit deutlichem Arbeitskräfteüberschuss. Wir holen zum Beispiel keine Pflegekräfte aus Ländern, die selbst bereits unter ähnlichen demografischen Problemen leiden wie Deutschland. Indien, Vietnam, mehrere Länder in Lateinamerika und einige weitere sind andere Beispiele. Dort wird es in den nächsten Jahren einen stark wachsenden, massiven Arbeitskräfteüberschuss geben. Viele gut qualifizierte und motivierte Menschen hätten dort trotz Fleiß und Kompetenz keine reale Perspektive. Wenn wir ihnen hier einen Weg in Arbeit, Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe eröffnen, schaden wir dem Herkunftsland nicht. Im Gegenteil: Wir nehmen in einem begrenzten Umfang Druck aus einem System, das selbst nicht allen Menschen Chancen bieten kann. Das prüfen wir auch bei anderen Ländern genau. Wo wir sehen, dass ein Land selbst schon in Schwierigkeiten ist, nehmen wir Abstand.

Ralf M. Ruthardt

Damit ziehst du eine Trennlinie, die politisch wie publizistisch viel stärker beachtet werden müsste: Geregelte Fachkräftezuwanderung ist etwas anderes als ungeregelte Migration. Bei dir geht es nicht um Zufall, sondern um Planbarkeit. Und diese Planbarkeit beginnt offenbar nicht bei einzelnen Ad-hoc-Stellen, sondern bei mittel- und langfristiger Bedarfsplanung der Unternehmen.

Deutschland braucht eine gesteuerte Zuwanderung

Andreas Reifsteck

Genau. Unser Modell funktioniert besonders gut mit größeren Unternehmen oder Einrichtungen, die ihren Personalbedarf über mehrere Jahre benennen können. Wenn ein Krankenhaus sagt, wir brauchen dieses Jahr zehn Kräfte, nächstes Jahr achtzehn und später weitere Berufe dazu, dann können wir unsere Stärke ausspielen. Wir decken über unser Netzwerk nicht nur einen schmalen Bereich ab, sondern sowohl Blue-Collar- als auch White-Collar-Berufe. Ein Krankenhaus braucht eben nicht nur Pflegefachkräfte, sondern vielleicht auch Ärzte, Köche oder andere Berufsgruppen. Normalerweise muss man dafür mehrere spezialisierte Vermittler ansprechen. Bei Bumblebee Folks läuft das zentral.

Ralf M. Ruthardt

Warum gibt es dieses Modell dann nicht längst in großer Zahl? Auf den ersten Blick müsste der Markt doch voll davon sein.

Andreas Reifsteck

Weil es komplex ist und weil es Zeit braucht. Man kann im Personalbereich auch sehr schnell viel Geld verdienen – aber dann arbeitet man oft nicht nachhaltig. Unser Modell verlangt Vorarbeit: ein belastbares Partnernetzwerk, die Prüfung der Recruiter, Tests in realen Prozessketten, der Aufbau der KI, Integrationskompetenz, juristische Sauberkeit. Das alles bremst am Anfang und ist für manche Investoren unattraktiv, weil es nicht sofort die maximale Marge abwirft. Wir wollen wirtschaftlich erfolgreich sein, aber eben nicht um den Preis, Menschen nur noch als KPI zu behandeln. Geschwindigkeit allein ist kein Qualitätsmerkmal.

Ralf M. Ruthardt

Dann steht am Ende deines Ansatzes eine bemerkenswert nüchterne wie zielführende Formel: Deutschland braucht gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften. Diese Zuwanderung muss sprachlich, rechtlich und kulturell vorbereitet sein. Sie darf Menschen nicht verschulden. Und sie darf nicht zulasten jener Länder organisiert werden, die ob der Abwanderung von Fachkräften in Not geraten würden. Damit wäre ein Modell beschrieben, das sich deutlich von der ungeregelten Migration unterscheidet, über die politisch meist gestritten wird. Vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht jede Migration ist dieselbe – und nicht jede Fachkräftegewinnung ist anständig.

Andreas Reifsteck

So ist es. Wir glauben, dass man mit Menschlichkeit, Wohlwollen und Nachhaltigkeit ein wirtschaftlich tragfähiges Modell aufbauen kann. Es dauert länger, aber genau darin liegt aus unserer Sicht die Zukunftsfähigkeit.

Zur Person

ist Initiator und Gründer der Bumblebee Folks. Gemeinsam mit Prof. Dr. Roland Haas, Paulina Jaworska und Dr. Kai-Uwe Fratzky hat er 2024 die Bumblebee Folks GmbH mit Sitz in Karlsruhe gegründet.

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