Aus Gründen der Sicherheit führen wir dieses Interview unter einem Pseudonym. Unser Gesprächspartner, den wir „Rainer“ nennen, ist mit seinem Team für den Schutz von Veranstaltungen mit israelischen Gästen in Deutschland verantwortlich. Ort, konkrete Einsatzdetails sowie personenbezogene Informationen bleiben daher anonym. Was bleibt, ist ein offenes, eindringliches Gespräch über Verantwortung, politische Kultur, gesellschaftliche Spannungen – und darüber, warum Sicherheit Voraussetzung für Dialog mit israelischen Gästen ist.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die sicherheitspolitische Realität für jüdische und israelische Gäste in Deutschland dramatisch verändert. Antisemitische Straftaten, politische Radikalisierung, ideologische Polarisierung und eine zunehmende Verrohung des öffentlichen Diskurses prägen die Lage. In dieser Situation übernehmen spezialisierte Sicherheitsteams eine Aufgabe, die weit über klassischen Objektschutz hinausgeht: Sie sichern Räume für Dialog, Begegnung und Verständigung.
Rainer und sein Team sind regelmäßig bei deutsch-israelischen Veranstaltungen im Einsatz. Seine Antworten geben Einblick in eine Arbeit, die meist im Hintergrund bleibt – und doch elementar für eine offene Gesellschaft ist.
Das GesprächLieber Rainer, Sie sind bei deutsch-israelischen Begegnungen vor Ort und schützen mit Ihrem Team die Menschen. Über welche Art von Veranstaltungen sprechen wir konkret? Und was motiviert Sie, sich um deren Sicherheit zu kümmern?
Wir sprechen über sehr unterschiedliche Formate: Es sind kulturelle Events, Gedenkveranstaltungen, Vorträge, schulische Begegnungen, aber auch kleinere, persönliche Treffen zwischen jüdischen, nichtjüdischen deutschen und israelischen Gästen. Allen gemeinsam ist, dass sie Austausch ermöglichen und Bildung fördern sollen. Die Gespräche und Gedankenaustausche sind offen, respektvoll und auf Augenhöhe. Was meine persönliche Motivation anbelangt: Die ist zweigeteilt. Zum einen ist es eine professionelle Verantwortung. Menschen müssen sich sicher fühlen können, wenn sie zusammenkommen, ihre Perspektiven teilen und miteinander ins Gespräch treten. Zum anderen ist es meine persönliche Haltung. Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und der aktuellen gesellschaftlichen Spannungen halte ich es für unverzichtbar, dass deutsch-israelische Begegnungen nicht aus Angst eingeschränkt oder verhindert werden. Deshalb sorgen wir für sichere Begegnungsmöglichkeiten.
Muss man in diesem Zusammenhang auf den 7. Oktober zu sprechen kommen?
Unbedingt. Seit dem 7. Oktober hat sich vieles nochmals verschärft. Sicherheit schafft erst den Raum, in dem Dialog möglich wird. Wenn Menschen Angst haben, sich öffentlich zu zeigen oder zu äußern, stirbt gesellschaftlicher Austausch. Genau diesen Raum in jeder Konsequenz zu schützen, sehen wir als unseren Beitrag.
Wir haben verstanden, dass, wenn israelische Gäste nach Deutschland reisen, die Sicherheit kein abstraktes Thema ist. Es ist vielmehr eine Notwendigkeit. Wie würden Sie die aktuelle Bedrohungslage beschreiben? Und worin unterscheidet sich diese Situation fundamental von normalen Veranstaltungsformaten?
Die Sicherheitsrealität für jüdische und israelische Gäste in Deutschland hat sich von einer abstrakten zu einer konkretisierten Bedrohungslage entwickelt. Antisemitische Straftaten, gezielte Anfeindungen, Drohungen und die reale Möglichkeit politisch oder ideologisch motivierter Gewalt sind keine theoretischen Risiken mehr, sondern operative Faktoren.
konkrete Bedrohungslage
Der fundamentale Unterschied zu normalen Veranstaltungsformaten liegt darin, dass Schutz hier nicht nur reaktiv, sondern präventiv, mehrschichtig und vorausschauend gedacht werden muss. Das beginnt bei der An- und Abreise, umfasst die Wahl und Absicherung der Veranstaltungsorte, die Zugangskontrollen, die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, Notfallkonzepte, medizinische Versorgung und endet nicht selten bei der psychologischen Betreuung. Ein konkretes Beispiel: Die medizinische Versorgung unserer Schutzpersonen muss jederzeit gewährleistet sein. Jedes Teammitglied ist dafür auf höchstem Niveau ausgebildet. Zusätzlich trainieren wir regelmäßig in Selbstverteidigung, taktischem Verhalten, Stressresilienz und dem Umgang mit Waffen. Dazu stehen uns hochqualifizierte Ausbilder aus Deutschland und dem europäischen Ausland zur Verfügung. Sicherheit ist in diesem Kontext kein organisatorischer Zusatz, sondern die Grundvoraussetzung für Teilhabe, Begegnung und freie Meinungsäußerung.
Sie sprechen offen davon, dass Gefährdung sowohl von rechts- als auch von linksextremen Milieus ausgeht. Was sagt diese doppelseitige Bedrohung über den Zustand unserer politischen Kultur?
Diese doppelseitige Bedrohung ist ein deutliches Warnsignal. Sie zeigt, wie angespannt und fragmentiert unsere politische Kultur mittlerweile ist. Viele Menschen fühlen sich politisch nicht mehr vertreten, verlieren Vertrauen in staatliche Institutionen und suchen einfache Erklärungen für komplexe Probleme. Extremistische Gruppen – egal ob von rechts oder links – nutzen diese Unsicherheit gezielt aus. Sie arbeiten mit klaren Feindbildern, emotionalisierenden Narrativen und einer radikalen Vereinfachung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Demokratische Regeln gelten für sie nur solange, wie sie dem eigenen Ziel dienen.
kein respektvolles Miteinander?
Das eigentliche Problem liegt deshalb tiefer: Es ist eine allgemeine Schwächung des respektvollen politischen Miteinanders. Wenn Diskurse verrohen, Ambivalenz nicht mehr ausgehalten wird und moralische Überhöhung an die Stelle von Argumenten tritt, entstehen ideale Bedingungen für Radikalisierung. Umso wichtiger sind politische Bildung, offene Debatten, historisches Bewusstsein und die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, ohne in ideologische Reflexe zu verfallen.
Sie arbeiten mit einem hochspezialisierten Team, teils mit militärischer Ausbildung. Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen notwendiger Schutzmaßnahme und dem Wunsch nach Offenheit, Dialog und Normalität?
Ein professionelles Sicherheitskonzept darf nie Selbstzweck sein. Meine rote Linie verläuft dort, wo Sicherheitsmaßnahmen Angst erzeugen, statt Vertrauen zu bilden. Ja, wir verfügen über ein hochqualifiziertes Team. Genau deshalb wissen wir: Maximale Sicherheit entsteht nicht durch maximale Abschottung, sondern durch kluge Zurückhaltung, Präzision und Verantwortung. Stärke zeigt sich nicht im Sichtbaren, sondern im Notwendigen.
Abschottung zur Sicherheit?
Unsere erste rote Linie lautet: Sicherheit darf nicht dominieren, sondern dienen. Sobald Schutzmaßnahmen Normalität, Nähe oder Dialog verdrängen, verlieren sie ihre Legitimation. Die zweite rote Linie betrifft unsere Haltung: Wir agieren defensiv, niemals einschüchternd. Keine martialische Präsenz, keine Machtsymbole, keine Distanz um der Distanz willen. Offenheit ist kein Sicherheitsrisiko, sondern sie ist ein Sicherheitsfaktor. Und die dritte rote Linie ist vielleicht die wichtigste: Sicherheit darf Freiheit nicht aushöhlen. Wo Schutz beginnt, Würde, Grundrechte oder menschliche Begegnung einzuschränken, ist er nicht mehr verhältnismäßig. Unser Anspruch lautet: so viel Sicherheit wie nötig, so wenig wie möglich.
Was bedeutet diese permanente Sicherheitslage für die israelischen Gäste selbst – aber auch für Sie als Gastgeber? Verändert das die Gespräche, die Atmosphäre, die Themen?
Die permanente Sicherheitslage wirkt tiefgreifend. Für viele israelische Gäste bedeutet sie eine dauerhafte innere Alarmbereitschaft. Selbst in sicheren Momenten bleibt eine Grundspannung bestehen. Das ist etwas, was in Deutschland bei öffentlichen Personen zumeist erfreulicherweise (noch) nicht gegeben ist: diese permanente Achtsamkeit und Wachsamkeit, ob einer nicht direkt erkennbaren Bedrohung. Für uns als Gastgeber entsteht eine besondere Verantwortung. Man ist aufmerksamer, rücksichtsvoller, manchmal auch vorsichtiger im Umgang mit bestimmten Themen. Gleichzeitig werden Gespräche oftmals intensiver, politischer und existenzieller. Small Talk tritt in den Hintergrund, während Fragen nach Identität, Sicherheit, Verantwortung und Zukunft stärker in den Vordergrund rücken. Die Atmosphäre ist ernster, aber zugleich persönlicher. Begegnungen gewinnen an Tiefe – nicht selten auch an emotionaler Intensität.
Lassen Sie uns an dieser Stelle eine Exkursion machen: Wie muss man sich die Ausbildung und das Training für Sie und Ihr Team vorstellen? Aus dem Vorgespräch habe ich verstanden, dass Sie das nicht in Gänze offenlegen dürfen – jedoch, einige Impressionen würden zur Transparenz beitragen.
Anschlags- und Terrorszenarien
Nun, ich verstehe das Interesse und werde auf drei Trainingskontexte eingehen: Quartalsweise führen wir gemeinsam mit der Airborne Medical Group medizinische Trainings im Bereich Combat Medic durch. Ergänzend hierzu finden waffentechnische und taktische Ausbildungen mit einem Unternehmen statt, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte. Dabei geht es unter anderem um CQB, Anschlags- und Terrorszenarien sowie Geisellagen. Nach einem achtstündigen Schießtraining liegen dabei nicht selten weit über tausend Schuss 9 mm am Boden. Diese Ausbildungsinhalte sind fester Bestandteil unseres strukturierten Ausbildungs- und Trainingsplans. Das jahrelange Krav-Maga-Training mit Martin Luna aus Spanien hat uns deutlich vor Augen geführt, wie entscheidend Erkennen und Wahrnehmen insbesondere in Messerdynamiken sind. Von ebenso zentraler taktischer Bedeutung sind das Fahrtraining im Verbund sowie das taktische Training rund um das Kraftfahrzeug. Diese Fähigkeiten sind essenziell, um auch in hochdynamischen und reaktiven Einsatzlagen jederzeit handlungsfähig zu bleiben und die Lage- und Handlungskontrolle zu gewährleisten.
Danke für diese Einblicke. Lassen Sie mich zum Schluss die Frage stellen, welche Verantwortung Politik in Deutschland in einer Zeit, in der Antisemitismus, ideologische Radikalisierung und politische Polarisierung wieder offen sichtbar werden, trägt?
Antisemitismus benennen
Die Verantwortung ist enorm – historisch, demokratisch und gesellschaftlich. Erstens müssen politisch Verantwortliche Antisemitismus in all seinen Formen klar, konsequent und unmissverständlich benennen und bekämpfen. Das gilt unabhängig davon, ob er von rechtsextremen, linksextremen, islamistischen oder anderen ideologischen Strömungen ausgeht. Relativierungen zerstören Glaubwürdigkeit. Da reicht es nicht aus, jemanden für Antisemitismus beauftragt zu haben. Die politische und gesellschaftliche Verantwortung geht da deutlich weiter. Zweitens müssen demokratische Werte aktiv verteidigt werden. Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie braucht Haltung, klare Orientierung und den Mut, Grenzen zu ziehen. Das geht über Sonntagsreden der politisch Verantwortlichen hinaus und die Banalität so mancher Einlassung in den sozialen Medien ist nicht einmal ein Feigenblatt. Drittens müssen Politik und Medien gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, statt Spaltung zu verstärken. Polarisierung entsteht nicht nur an den Rändern, sondern auch durch vereinfachende, emotionalisierende Kommunikation. Viertens kommt politischer Bildung und Prävention eine zentrale Rolle zu. Erinnerungskultur, historisches Bewusstsein und demokratische Bildung sind Grundpfeiler einer wehrhaften Demokratie. Ich meine, es geht nicht zuletzt um Vertrauen. Vertrauen entsteht durch Transparenz, Verlässlichkeit und glaubwürdiges Handeln. Wo Menschen sich nicht gehört fühlen, wächst Radikalisierung. Zusammengefasst: Politische Verantwortung bedeutet heute, nicht nur den Status quo zu verwalten, sondern aktiv für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde einzustehen – auch dann, wenn es unbequem ist.
Danke für diese Einblicke und Ihre Einordnung.
