Warum Gedichte mehr sind als schöne Worte: Im Gespräch mit Lyriker Erich Pfefferlen über die Kraft der Sprache, die Kunst des Weglassens – und warum Lyrik unsere Gesellschaft braucht, gerade jetzt. Ein Plädoyer für das Poetische.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Herzlich willkommen, Erich Pfefferlen, zu unserem Gespräch im schönen Horgau bei Augsburg. Du bist ein vielfach preisgekrönter Lyriker und lass uns daher zunächst darüber nachdenken, welchen Sinn und Zweck lyrische Texte haben. Mich interessiert deine Expertise zur und deine Einordnung von Lyrik.

Erich Pfefferlen

Lass es mich, lieber Ralf, den Nutzen der Lyrik in kurzen Worten so beschreiben: Sie dient der Schärfung der Sinne für die äußere(n) und innere(n) Welten. Lyrische Texte können zu mehr Sensibilität gegenüber Mitmenschen, Tieren und Pflanzen, ja, der Natur überhaupt beitragen. Dann ist da die Steigerung der kritischen Wahrnehmung und – als Konsequenz – des bewussten, sinnvollen Handelns. Ich sehe aber auch, dass durch Lyrik mehr Empathie entstehen kann. Das Therapeutische ist ein weiterer Aspekt. Wir kennen es aus der Psychotherapie, wo das Verfassen von Texten, auch lyrischen Texten, eingesetzt wird. Natürlich ist die Lyrik für die Bildung von Menschen wichtig. Wenn wir an die Schulen denken, wo junge Leute den Umgang bzw. den Gebrauch von Sprache anhand der Lyrik ausgesprochen gut erlernen und trainieren können. Schließlich wollen wir die sprachliche Zukunft der Jugend nicht auf das Niveau von Kurznachrichten reduziert wissen. Ich spreche aus langjähriger Erfahrung als Pädagoge und Germanist.

Ralf M. Ruthardt

Danke für diesen Gesprächseinstieg. Denn die Lyrik scheint mir eine in den Hintergrund oder ins allgemeine Vergessen geratene Disziplin zu sein. Womöglich ist sie mehr im Bewusstsein derer, die solche lyrischen Texte verfassen, als auf der Bücherliste derer, die sich als Leserinnen und Leser für Literatur interessieren. Kann man sagen, dass der Lyrik ein ökonomisches Prinzip innewohnt? Also der konsequent minimalistisch-sinnorientierte Einsatz von Worten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Verfassen lyrischer Texte eine hohe Konzentration abfordert, verbunden mit Kreativität. Darin sehe ich geradezu ein betriebswirtschaftliches Prinzip: mit dem minimalen Einsatz der Ressource Wort eine gewünschte Botschaft beziehungsweise Aussage transportiert zu bekommen. Nun ein Perspektivenwechsel zu dem, der Lyrik liest. Für diesen erschließt sich mit wenig und konzentriertem Zeiteinsatz beim Lesen potentiell eine ganze Welt zum Nachdenken. Die Lyrik scheint mir somit für Leserinnen und Leser ausgesprochen wertig zu sein, wenn sie konsequent gut verfasst ist. Ist es insofern nicht zu bedauern, dass Lyrik im Literaturbetrieb und insbesondere im Kontext von mangelnder wirtschaftlicher Bedeutung für den Buchhandel kaum vorkommt?

Erich Pfefferlen

Es ist Realität, dass es wirklich viele Menschen gibt, was erfreulich ist, die gerne – und nicht wenige auch gute – Lyrik verfassen. Aber es sind wenige Leser, die sich für die Lyrik interessieren oder sogar bereit sind, Geld für einen Gedichtband auszugeben. Und deshalb ist kaum verwunderlich, dass Verlage sie nur zögerlich und wenn, dann zahlenmäßig in bescheidener Auflage anbieten. Mit Lyrik kann niemand, wirklich niemand reich werden: weder der Verlag, noch der Buchhändler, und auch kein einziger Lyrikschreibender in Deutschland.

Ralf M. Ruthardt

Die vielen Wettbewerbe und Preisverleihungen für lyrische Texte scheinen daran nichts Entscheidendes zu verändern. Ist ein Problem der Lyrik, dass sie bei dem, der sie verfasst, nicht verzeiht, wenn er nicht konzentriert oder mit einer gewissen Beliebigkeit oder nur mit Eitelkeit zugange ist?

Erich Pfefferlen

Dazu möchte ich sagen: Es ist richtig, dass man sich beim Schreiben fokussieren muss. Und dies sowohl im Hinblick auf formal-ästhetische Aspekte als auch auf die des Inhalts, also der Aussage. Ich denke an die 1960er-Jahre. Damals wurde politische Lyrik ein Trend. Die Gefahr ist bei solchen Entwicklungen groß, dass die Qualität der Poesie dem zwanghaften Drang nach einer bestimmten Aussage im Sinne des jeweiligen Trends zum Opfer fällt. Wenn Lyrik für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird, geht dies in der Regel mit einem enormen Qualitätsverlust einher. Dass aus den 1960er-Jahren von dieser sogenannten politischen Lyrik kaum etwas überlebt hat, ist für mich daher nicht verwunderlich. Dass es auch anders möglich ist, zeigt sich am Beispiel Georg Büchner, dessen Texte bis heute bedeutsam sind und zu Recht auch in den weiterführenden Schulen gelesen werden, auch und gerade wegen ihrer in hohem Maße politisch-gesellschaftskritischen Aussagekraft. Und das nicht nur im historischen Kontext des Jungen Deutschland. Büchner ist wichtigster Autor dieser Literaturepoche neben dem Lyriker Heinrich Heine; mit ihrer Bedeutung und Aussagekraft sind sie beide relevant bis in unsere politische und gesellschaftliche Realität von heute. Lyrik als eine der drei literarischen Hauptgattungen – Epik, Lyrik und Dramatik – mit hohem und höchstem Qualitätsanspruch bei Sprache, Form und Inhalt ist die eine Sache. Doch Gedichte haben durchaus auch eine Daseinsberechtigung, wenn sie nicht hohen literarischen Ansprüchen genügen. Nennen wir ein Beispiel: Bei einer Hochzeit wird ein Gedicht zu Ehren des vermählten Paares vorgetragen. Jeder schmunzelt über die mit Fröhlichkeit anlassbezogene Lyrik, die keine besondere literarische Bedeutsamkeit hat, sondern einfach „nur“ den Moment verschönern und der Hochzeitsgesellschaft, vor allem den frisch Vermählten, eine Freude bereiten soll. Solche Lyrik hat auch einen Wert und ihre Berechtigung, gleichwohl sie kein literarisches Meisterwerk zu sein braucht.

Ralf M. Ruthardt

Ja, ein sehr schönes Beispiel, lieber Erich, für eine im Lebensalltag zur Freude der Menschen angewandte Lyrik. Dabei haben die Leute, die solche Gedichte verfassen, sicherlich eine Kompetenz dazu im Deutschunterricht erworben. Sprich, der Einsatz von Sprache will erlernt und praktiziert sein.

Erich Pfefferlen

Die Frage ist immer, welchen Anspruch man mit Gedichten verbindet. So ein Hochzeitsgedicht für Freunde oder Verwandte, also ein Gelegenheitsgedicht, will man ja nicht in einem Gedichtband der Lyrikbibliothek lesen. Und trotzdem hat es im Zusammenhang mit dem schönen Fest einer Hochzeit seine Berechtigung. Wenn das Gedicht nicht nur vorgetragen, sondern auch schriftlich festgehalten wird, kann es zum Beispiel viele Jahre später noch an den Hochzeitstag erinnern, ähnlich schön wie Hochzeitsfotos. Es gilt aber nicht nur für die Lyrik, dass neben der Hochliteratur auch die Unterhaltungsliteratur und sogar Trivialliteratur ihre Berechtigung und Wert haben. Arztromane oder Liebesromane möchte ich hier als Beispiele nennen, einschließlich der Heftchenromane, die ja nicht voreilig und unberechtigt mit Schundromanen gleichzusetzen sind. Und schon deshalb auch ihre Berechtigung haben, da sie oft wertiger sind als so manche im Fernsehen gezeigte Serie. Sie müssen gelesen werden, setzen also Lesekompetenz voraus und fordern eigene Vorstellungskraft und Fantasie, was den Inhalt betrifft, haben also unbestreitbar zumindest einen gewissen Anspruch. Alleine schon dadurch, dass sie Emotionen transportieren und die Leute mit einem Spannungsbogen beim Text halten möchten. Dass die Leserinnen und Leser bei der Lektüre solcher Heftchenromane gern in die regelmäßig rosarot gezeichnete Traumwelt mit „happy end“ eintauchen, und dies als willkommene Kontrastwelt zum nicht selten harten Arbeitsalltag, zum Beispiel in der Fabrik, erleben und genießen können, ist im Grunde nicht zu kritisieren.

Ralf M. Ruthardt

Die Demokratisierung beim Veröffentlichen von Literatur ist eine Entwicklung, die seit einigen Jahren zu massiven Veränderungen in der Buchbranche führt. Viele Menschen können mit überschaubaren finanziellen Mitteln unabhängig einer Relevanz- oder Qualitätsfrage Bücher auf den Markt bringen. Ob im Selbstverlag, über sogenannte Selbstkostenverlage oder wie auch immer.

Erich Pfefferlen

Ja, die Folgen sind gravierend. Vor allem für die Leser entsteht das Problem einer für sie nicht mehr überschaubaren Menge von Bücherangeboten, so groß, dass oft auch Buchhändler keine kompetenten Ratgeber mehr sein können. Und dann gibt es durch die schiere Masse von auf den Markt geworfenen Büchern natürlich auch und ganz besonders ein Qualitätsproblem. Die Verlage brauchen zudem die Chance zum wirtschaftlichen Handeln. Da gehen viele Ressourcen drauf, wenn ein hoher Prozentsatz in der Fülle von eingereichten Manuskripten als ungeeignet bezeichnet werden muss. So wird sicherlich auch mal ein herausragendes Manuskript übersehen und nicht veröffentlicht, weil es in der Vielzahl von eingereichten Texten nicht entdeckt wurde. Aber wir haben das bei den Großen auch schon: Johann Wolfgang von Goethe veröffentlichte sein Werk „Faust. Eine Tragödie“ (Teil I, 1808) auf eigene Kosten, weil sich zunächst kein Verleger fand, der das finanzielle Risiko übernehmen wollte. Trotz Goethes Ruhm war das Werk unkonventionell. Letztendlich übernahm Goethe selbst die Druckkosten, und das Buch wurde später eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur. Dagegen hatte Christian August Vulpius, der Schwager Goethes, womöglich mehr die wirtschaftlichen als die literarischen Prioritäten gesetzt, als er „Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann“ (1797) schrieb. Er schrieb viele Romane für Verlage, oft als Auftragsarbeiten, und war eher ein profitorientierter Vielschreiber und damit in gewisser Weise erfolgreicher als Goethe, könnte man sagen. Man darf diese wirtschaftliche Sicht den Literaten aber nicht grundsätzlich verübeln. Sie und vor allem die Verlage müssen schon deswegen auch das breite Publikum im Auge behalten, weil alle von irgendetwas leben müssen: Verlag, Buchhändler und Autor.

Ralf M. Ruthardt

Und was ist mit der Selbstdarstellung als Motivation, die der Lyrik schadet?

Erich Pfefferlen

Ja, das ist ein großes Problem. Viele schreiben Gedichte auch, weil es ja doch nur kurze Texte sind und mit wenig Aufwand erstellt werden können – um dadurch ihr Prestige zu erhöhen. Auch wenn dieses sich zwischen Eigen- und Fremdsicht unterscheidet. Da schreiben Leute, und wir blicken mit Milde darauf, Lyrik und freuen sich vor allem selbst daran, eine Autorin oder ein Autor zu sein – aber dem Genre Lyrik tun sie mit ihren Texten keinen Gefallen.

Ralf M. Ruthardt

Was zeichnet einen Lyriker aus? Wie lässt sich das in kurzen und nicht abschließenden Worten beschreiben?

Erich Pfefferlen

Ein Lyriker muss einen, seinen eigenen Stil, seine ganz persönliche poetische Aussageweise gefunden haben, die man oftmals wie einen persönlichen Fingerabdruck identifizieren kann – insbesondere sprachlich und formal. Das kann ein langer, sehr langer Weg sein, von ersten eigenen Gedichte-Schreibversuchen bis zum ernst zu nehmenden Lyriker. Aber das Handwerk zum Schreiben kann gelernt werden, ähnlich wie in der Ausbildung zu einem Handwerksberuf. Es ist Voraussetzung dafür, dass man sich zum Meister weiterentwickelt, in unserem Fall zum anerkannten Lyriker. Dass auf dem Weg dorthin ein Germanistikstudium nicht nur Vorteile hat, sondern durch das zu lange Festhalten an der Regelpoetik beim eigenen Schreiben den kreativen Fortschritt in der eigenen Schreibentwicklung sogar hemmen kann, ist auch meine eigene Erfahrung gewesen. Wenn man mit dem Schreiben von Gedichten beginnt, ist man also noch lange kein Lyriker. Erst muss, wie gesagt, das „Handwerkszeug“ gelernt, dann Erfahrung gesammelt werden, durch den inneren und äußeren Kritiker ein Schreibprozess in Gang gesetzt werden, der über kurz oder lang den Weg zum Lyriker bahnt, der diesen Namen verdient.

Ralf M. Ruthardt

Die Regeln der Poetik quasi als Möglichkeit begreifen, aber nicht als Restriktion zulassen.

Erich Pfefferlen

Genau so. – Ich finde diese Regelwerke als Grundwissen und erste Orientierung hilfreich und notwendig, aber ich bin offen für meine eigene Schreibentwicklung und nutze dabei auch das Echo meiner Leserinnen und Leser, um meine Lyrik weiterzuentwickeln. Es ist ohnehin ein individueller Schreibprozess bei jedem Autor, der immer weitergeht in seiner Entwicklung, mit offenem Ende und vielen spannenden und überraschenden Verläufen.

Ralf M. Ruthardt

Nochmals zu den Skills der Lyriker. Meine Hypothese: Entweder muss der Autor eine Erkenntnis oder ein Gefühl vermitteln wollen, damit seine Lyrik die Chance hat, lesenswert und wirksam zu sein. Die erkenntnisvermittelnde Lyrik bringt mich als Menschen intellektuell weiter und die ein Gefühl vermittelnde Lyrik kann ähnlich einer Meditation mein Gemüt berühren und mir guttun.

Erich Pfefferlen

Ja, das kann man so sehen. Lass mich das japanische Haiku anführen, welches aus drei Zeilen mit einer klaren Ordnung besteht. Dort finden sich die von uns besprochenen konzentrierten, minimalistisch eingesetzten Worte und der unbedingte Wille, eine sinnstiftende bzw. emotional berührende Aussage zu vermitteln. Das soll beim Gegenüber eine Selbsterkenntnis oder ein Gefühl wachrufen. Ich bin also ganz bei dem, was du vorher gesagt hast.

Ralf M. Ruthardt

Eine weitere Hypothese: Tut sich Lyrik auch deshalb schwer, weil wir in der westlichen Welt weitgehend in Lebensumständen sind, in denen ein Fleischstück des Sonntags nicht eine Besonderheit im Verlauf einer Woche ist, sondern wir potentiell uns tagtäglich Fleisch gönnen könnten – und dabei womöglich bei zu günstigem Hackfleisch landen, das gepresst auf den Burgern im Fastfood liegt? Ist uns der bequem und täglich konsumierbare Burger lieber als ein mit Bedacht und Mühe köstlich zubereiteter Sonntagsbraten? (lacht)

Erich Pfefferlen

Ich weiß, was du sagen möchtest. – Wir haben viel oder gar zu viel an Büchern und wir werden ganz bequem im Alltag mit unwesentlichen, aber gedankenlos konsumierbaren Texten versorgt. Dies gilt für alle Genres – bis hin zum Film und zu TV-Serien. Man will sich nicht mehr anstrengen, um zu verstehen oder gar selbst sich anstrengend neue Gedanken einbringen, um so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Das Plakative und schnell Konsumierbare wird in Kauf genommen, um sich nicht anstrengen zu müssen. Das gilt aber für viele andere Bereiche in unserem Leben auch. Nehmen wir nur einmal die Erotik. Früher war der Minnegesang. Da hat sich ein Mann viel Zeit und Mühe gegeben, eine Frau zu umwerben – und sehnlichst gehofft, dass sie ihr weißes Taschentüchlein aus dem Fenster herabschweben lässt. Und heute …? Dies ist sicherlich ein idealistisches Bild aus romantisch verklärten Zeiten des Mittelalters, zeigt aber doch auf, wie unser heutiges zwischenmenschliches Agieren so viel anders in unserer so hektischen Lebenswelt mit oberflächlichsten Beziehungen wie zum Beispiel Facebook-Freunden geworden ist. Vielfach, so könnte man resümieren, hat heute Oberflächlichkeit über den Tiefgang gesiegt, ob bei zwischenmenschlichen Beziehungen oder bei der Rezeption von Literatur, wodurch ein Erkennen und die Wertschätzung gegenüber dem Anderen und an Schönem leider nur allzu oft verloren ging.

Ralf M. Ruthardt

Wie kommt Lyrik wieder zu Bedeutung? Hast du zwei Ideen, wie man die Lyrik wiederbeleben kann?

Erich Pfefferlen

Als ehemaliger Literaturbeauftragter an den Schulen in Bayern sehe ich natürlich vor allem eine Chance in der Bildung. Kinder und Jugendliche müssen wieder mehr zur Literatur hingeführt werden. Und das beginnt schon im Elternhaus bei der familialen Sozialisation. Wie schaut es in den Familien abends mit einem Gute-Nacht-Gebet oder -Lied oder dem Vorlesen einer Geschichte, auch eines Gedichtes beim Bett des Kindes vor dem Einschlafen aus? Warum fordert das Kultusministerium längst kein Auswendiglernen von Gedichten mehr im Deutschunterricht? – Also, an den Schulen muss da mehr gehen …

Ralf M. Ruthardt

… wir reden im übertragenen Sinn von Fein- und Grobmotorik, die den Kids in weiten Teilen abhandengekommen ist. Da können viele der Kinder nicht mal mehr einen geraden Schnitt mit einer Schere machen, weil sie die Motorik zu Hause nicht geübt haben. Da bekommen die Kids keinen Nagel mit drei Schlägen ins Brett, weil sie mit 12 Jahren zum ersten Mal einen Hammer in der Hand haben. Mein Bild lässt sich übertragen auf den Umgang mit Sprache: Wenn wir in jungem Alter keine Lieder singen, keine Gedichte auswendig vortragen und nicht eigene Texte verfassen können, dann fehlt uns die „sprachliche Motorik“. Kann man das so sagen?

Erich Pfefferlen

Ich stimme dem zu. Es geht noch weiter: Wenn Kinder an den Schulen Gedichte vortragen oder eigene Texte vorstellen, dann ist das neben der Bildung auch eine enorme Freude und damit eine Motivation für die jungen Leute. Manches, was man aus den Lehrplänen gestrichen hat, weil es antiquiert erschien, ist dennoch sinnvoll und sollte an den Schulen vielleicht wiederbelebt werden. Lass mich bitte noch kurz auf Prof. Dr. Manfred Spitzer, den Neurowissenschaftler und Psychiater, eingehen. Dieser betont die Bedeutung des Lesens für die geistige Entwicklung junger Menschen. Er warnt davor, dass der Konsum digitaler Medien, insbesondere das Lesen kurzer Nachrichten auf kleinen Bildschirmen, zu oberflächlichem Lesen führt und die tiefe Verarbeitung von Texten beeinträchtigt. Spitzer hebt hervor, dass das Lesen von Büchern anspruchsvoll ist und gerade deshalb für die Entwicklung der jungen Menschen von besonderer Bedeutung. Ich weiß nicht, ob Spitzer explizit auf das Auswendiglernen von Gedichten eingeht, aber seine Ausführungen lassen den Schluss zu, dass das Lesen und Memorieren von Literatur, wie Gedichten, die kognitive Entwicklung und die Fähigkeit zur tiefen Sinnerfassung fördert. Neben der Bildung sehe ich vor allem die Medien in einer gewissen Pflicht: Dort wird so viel Oberflächliches, anscheinend Unterhaltendes, aber nun wirklich für unser Leben nicht Relevantes angeboten. Hier glaube ich, dass es noch Luft nach oben gibt und mehr Raum für Literatur und damit auch für Lyrik geschaffen werden könnte.

Ralf M. Ruthardt

Das nehmen wir als Schlusspunkt, lieber Erich. Ich bedanke mich sehr für das Gespräch.

Zur Person

Erich Pfefferlen (geboren 1952 in Nördlingen) ist ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Pädagoge. Er studierte Germanistik, Geschichte und Sozialkunde und veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände sowie Prosa. Als Literaturbeauftragter förderte er die Kreativität im Unterricht.

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