Eine Welt voller Bücher. Es klingt fantastisch – und doch kann einen die Fülle an Literatur überfordern. Da ist es hilfreich, wenn Menschen mit Expertise sich durch den mondweisenden Stapel wühlen – und eine Orientierung geben. Celine Nadolny gehört zu den bekannten Kritikerinnen – und hat sich weitgehend auf Sachbücher konzentriert. Die Wirtschaftsstudentin und Gründerin von Book of Finance ist in den sozialen Medien eine feste Größe.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Schön, Celine Nadolny, dass wir uns sprechen dürfen. Wie kann man Sie als Kritikerin von Sachbüchern in zwei Sätzen begreifen?

Celine Nadolny

Ich bin leidenschaftliche Sachbuchkritikerin. Zwischenzeitlich kann ich auf eine Expertise aus über 900 gelesenen Büchern und mehr als 500 veröffentlichten Rezensionen zurückgreifen. Ich helfe Menschen dabei, sich selbstbestimmt mit Finanzen auseinanderzusetzen und dadurch ein erfüllteres Leben zu führen. Dabei lege ich größten Wert auf wissenschaftlich fundiertes Wissen, Ehrlichkeit und Unabhängigkeit – denn echte Bildung beginnt für mich mit kritischem Lesen und eigenem Denken.

Ralf M. Ruthardt

Teilen Sie meine Wahrnehmung, dass der Sachbuchmarkt unüberschaubar geworden ist? Welchen Beitrag leisten Kritiken?

Celine Nadolny

Absolut – der Sachbuchmarkt ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und dadurch zunehmend unübersichtlich geworden. Allein im Jahr 2023 wurden in Deutschland 67.467 neue Buchtitel veröffentlicht, davon 60.230 Erstauflagen. Diese Flut an Neuerscheinungen erschwert es Lesern, qualitativ hochwertige und relevante Werke zu identifizieren. Zudem hat die Qualität vieler Veröffentlichungen nachgelassen: Verlage stehen unter wirtschaftlichem Druck, das Lektorat leidet, und das Self-Publishing hat einen Markt für PR-inspirierte Ego-Bücher geschaffen. Umso wichtiger ist meine Rolle als Kritikerin: Ich helfe meiner Community, im Dschungel der Veröffentlichungen wertvolle Inhalte zu finden, Zeit zu sparen und sich auf Bücher zu konzentrieren, die wirklich Mehrwert bieten – fundiert, ehrlich, unabhängig.

Ralf M. Ruthardt

Wir haben verstanden, dass Sie sich vor allem auf Sachbücher konzentrieren, die etwas mit Finanzen im weiteren Sinne zu tun haben. Sind solche Sachbücher ein Teil von Kultur – oder eher ein Geschäftsmodell?

Spiegel des Zeitgeists

Celine Nadolny

Sachbücher sind ohne Zweifel ein integraler Bestandteil unserer Kultur – sie spiegeln den Zeitgeist wider, fördern Bildung und regen zum Diskurs an. Dennoch gibt es unterschiedliche Motivationen unter Autoren: Manche nutzen Bücher als Marketing-Instrument, andere verfolgen egoistische oder monetäre Ziele. Aber es gibt sie noch, die Idealisten – Menschen, die aus Überzeugung schreiben, um Wissen zu teilen und einen Beitrag zu leisten. Diese Bücher sind es, die mir besonders am Herzen liegen und die ich als kulturell wertvoll empfinde.

Ralf M. Ruthardt

Wohin entwickelt sich der Sachbuchmarkt und welche Rolle sehen Sie für sich?

Celine Nadolny

Der Sachbuchmarkt entwickelt sich vielfältig und teilweise widersprüchlich: Während einerseits eine Masse an Veröffentlichungen produziert wird, wächst zugleich das Bedürfnis nach Qualität und Orientierung. Ich sehe mich als Wegweiserin in dieser Branche – für Leser, die Klarheit suchen, und für Autoren und Verlage, die sich konstruktives, ehrliches Feedback wünschen. Meine Aufgabe ist es, Orientierung zu bieten und einen Beitrag zu einer besseren Sachbuchlandschaft zu leisten – kritisch, charmant und mit viel Herzblut.

eigenständiges Denken

Ralf M. Ruthardt

Herzlichen Dank, Celine Nadolny, für Ihre Perspektive auf die Welt der Sachbücher, die Orientierung dringend braucht und für die Erinnerung daran, dass kritisches Lesen immer auch eigenständiges Denken bedeutet.

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