In dieser Rubrik MENSCHEN IM PORTRÄT sprechen wir mit Menschen, deren gesellschaftliches Engagement und Wirken uns als Leserinnen und Lesern eine Quelle der Inspiration für unser eigenes Tun sein kann. Als Menschen können wir unsere Gesellschaft bereichern. Karl Müller gilt als Pionier des gesunden Gehens. Mit den Marken MBT und später Kybun stellte der Schweizer die Schuhwelt auf den Kopf – gegen alle Konventionen. Im Interview erzählt er, wie persönliche Schicksalsschläge, Erfahrungen in Korea und der Glaube ihn prägten, warum er Schuhe als Medizin versteht und stetig weiterentwickelt.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Es gibt Marken von Schuhen für gesundes Stehen und Gehen, die direkt mit deinem Namen, lieber Karl Müller, verbunden sind. Manche bezeichnen dich als Pionier, was das Entwickeln von Gesundheitsschuhen anbelangt. Woher kam deine persönliche Motivation, dich mit diesem Thema so intensiv auseinanderzusetzen? Sind es eigene Schlüsselerfahrungen gewesen?

Karl Müller

Die Hälfte meines Lebens hatte ich nichts mit Schuhen zu tun gehabt, außer dass ich – wie so viele Menschen – irgendwelche Schuhe gekauft und angezogen habe. Ich bin Maschinenbauingenieur, habe rund 20 Jahre in Korea gelebt und bin erst mit 44 Jahren zum Thema Schuhe gekommen. Nun, meine Vorfahren waren seit 1590 Hufschmiede in unserem kleinen Bauerndorf Roggwil (CH). Die haben natürlich auch „Schuhe“ gemacht – allerdings Schuhe für Pferde. (lacht)

Ralf M. Ruthardt

Du meinst, dass es vom Hufschmied zum Hersteller hochwertiger Gesundheitsschuhe nur ein kleiner „Schritt“ ist … (lacht)

Karl Müller

Nun, ich bin häufiger in meinem Leben durch Umstände dazu „gezwungen“ worden, mich anzupassen oder mir etwas Neues einfallen zu lassen. – Ich hatte schon als junger Erwachsener häufig Rücken- und Knieschmerzen. Deshalb musste ich mit Mitte zwanzig mit Fußballspielen aufhören. An Joggen war auch nicht mehr zu denken. In Korea wohnte ich mit meiner Familie inmitten von Reisfeldern in einem Lehmhaus. Immer, wenn ich barfuß durch die Reisfelder gegangen bin, hat mir das gutgetan. Man muss sich das so vorstellen: Wenn Erntezeit ist, läuft das Wasser ab. Die Lehmschicht auf dem Ackerboden lässt einen beim Gehen leicht federn. Ich habe gemerkt, dass meine Achillessehnenprobleme im Nu verschwunden sind.

Ralf M. Ruthardt

War das die Zeit, als du den christlichen Glauben für dich entdeckt hast und quasi ein Leben in großer Bescheidenheit gelebt hast?

Karl Müller

Es war nach meiner Rückkehr aus Korea in die Schweiz. Meine Krankheit hatte mich zu elementaren Fragen des Daseins geführt und so habe ich den christlichen Glauben für mich entdeckt. Nun, ich habe dann in der Schweiz eine Hilfseinrichtung für drogensüchtige Menschen gegründet. Der Bericht in den Evangelien über die Begegnung Jesu mit einem reichen Jüngling hat mich stark beeinflusst. So habe ich all meine finanziellen Mittel in das Heim investiert – und alles verloren.

Ralf M. Ruthardt

Du hast von einer schweren Erkrankung gesprochen …

Karl Müller

… wegen dieser sind wir zurück in die Schweiz gezogen. Ja, die Umstände waren nicht erfreulich, weil eine sehr schwere Darm-Magen-Erkrankung es notwendig machte. So habe ich nicht nur mein Unternehmen in Korea aufgegeben und mein Geld in der Hilfseinrichtung verloren, sondern auch noch mit großen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Nun, wir waren zurück in der schönen Schweiz. Meine früheren koreanischen Geschäftspartner haben mich damals immer wieder ermuntert, in der Schweiz ein Business aufzubauen. Schlussendlich habe ich mich intensiv mit dem weichen, federnden Gehen beschäftigt und unter der Marke MBT einen innovativen, gesunden Schuh an den Markt gebracht. Mein Ziel war es, beim Gehen und Stehen sehr nah an das Reisfeldgefühl ranzukommen. Es war dann ein paar Jahre finanziell ziemlich schwierig. Wenn ich wieder ein paar Schuhe verkauft hatte, dann konnten wir wieder ein paar Tage als neunköpfige Familie davon leben. Schließlich wollten unsere vier Kinder und drei Pflegekinder satt und versorgt werden. Die Weiterempfehlung unserer Schuhe durch zufriedene Kunden hat dafür gesorgt, dass MBT zu einer internationalen Marke wurde.

Ralf M. Ruthardt

Eine beeindruckende Unternehmergeschichte! – Gibt es bei deinem Konzept für die Schuhe andere Experten, die deinem Ansatz vom weichen Gehen widersprechen? Oder war die Branche einig mit deinen innovativen Schuhkonzepten?

Karl Müller

Damals haben viele oder vielleicht sogar die meisten Experten die Ansicht vertreten, dass ein Schuh den Fuß stützen muss. Damals war Adidas weltweit der absolute Marktführer. Die haben die Biomechanik bestimmt. Die haben auch die medizinischen Ansichten bestimmt. Die haben gesagt, was gut ist und was nicht. Also, der Schuh muss den Fuß stützen und führen. Der Schuh muss Halt geben – wie man es vor allem beim Wanderschuh kennt. Das ist noch immer eine weit verbreitete Meinung. Ich bin da natürlich völlig gegenteiliger Meinung: Der Schuh muss mobilisieren und nicht stabilisieren. Klar, es gibt bestimmte Konstellationen, bei denen z. B. nach einer Zerrung der Fuß zeitweise stabilisiert werden muss – aber selbst das kann man situativ diskutieren.

Ralf M. Ruthardt

Und wie wird mobilisieren versus stabilisieren heute gesehen?

Karl Müller

Quasi alle Experten der Biomechanik behaupten heute das Gegenteil von damals: Die Schuhe mobilisieren. Die von Nike. Die von Adidas.

Ralf M. Ruthardt

Der Schuh ist etwas, das viele Menschen mit Gesundheit und nicht nur mit Ästhetik verbinden.

Karl Müller

Ohne jetzt zu gesellschaftspolitisch werden zu wollen: Ich bin überzeugt, dass die Medizin bzw. das Gesundheitswesen – neben Verteidigung oder Krieg – ein gigantisch großes Geschäft ist, mit dem Unternehmen Geld verdienen. Da kann man dann schon mal fragen, ob ein Mensch schnell genesen soll – oder ob es eher eine wirtschaftliche Fragestellung ist, wie therapeutisch umgegangen wird.

Ralf M. Ruthardt

Ja, am Ende geht es in weiten Teilen um Umsatz- und Gewinnerzielungsabsichten. Nun hast du vor einigen Jahren MBT erfolgreich verkauft und später ein neues, innovatives Schuhkonzept an den Markt gebracht: Kybun. Hast du nicht das Gefühl, dass irgendwann mal technologisch alles ausgereift ist?

Karl Müller

Aus meiner Sicht als Ingenieur ist technologische Entwicklung nie abgeschlossen. Als ich MBT, es war schlussendlich ein weltumspannendes Unternehmen mit Wachstumsraten von rund 100 % pro Jahr, nach acht Jahren verkauft habe, hatten wir 2.000.000 Paar Schuhe pro Jahr umgesetzt. Ja, mit Kybun bin ich meinen nächsten großen Schritt gegangen: Ich habe eine völlig neue, revolutionäre Sohle entwickelt. Auch diese wird immer weiter optimiert. Mir geht es darum, dass Menschen stilvoll und schmerzfrei gehen und stehen können. Das ist der Gedanke, der mich seit vielen Jahren leitet.

Ralf M. Ruthardt

Danke, lieber Karl, für die Einblicke in deine Unternehmergeschichte und es freut mich, dass du seit geraumer Zeit das Management der kybun Joya Gruppe erfolgreich an die nächste Generation weitergeben konntest.

Zur Person

ist ein Visionär der Schuhindustrie. Der ehemalige Aussteiger kennt Höhen und Tiefen. Karl Müller gründete MBT und führte das Unternehmen zu internationalem Erfolg. Auf den MBT-Verkauf folgte einige Zeit später die Gründung der Kybun AG – einer neuen, innovativen Marke für gesundes Gehen und Stehen.

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