Klimaneutralität kann als Reizwort verstanden werden. Irgendwo zwischen Alarmismus, Abwehr und politischer Instrumentalisierung. Im Gespräch mit Clara Mewes von der Initiative Klimaneutrales Deutschland gUG (IKND) geht es um Daten statt Parolen, um Kommunikation statt Moralisierung – und um die Frage, wie Transformation in Deutschland realistisch gelingen kann.
Das GesprächLiebe Clara Mewes, Sie arbeiten bei einer NGO – und die drei Buchstaben können in Deutschland bereits polarisieren, zumal Sie sich mit Klimaneutralität beschäftigen. (lacht) Nun, in unserem Gespräch werden wir ab und an die Perspektive wechseln und gemeinsam über Tellerränder hinausschauen. Sie verantworten den Bereich „Forschung, Daten, Analyse“ bei der IKND und haben zuvor am Research Institute for Sustainability (RIFS) in Potsdam zu Instrumenten der nationalen und internationalen Klimapolitik gearbeitet. Inwiefern sehen Sie – auf Basis Ihrer Analysen – bislang einen grundlegenden Wandel in Richtung Klimaneutralität in Deutschland? Was funktioniert bislang gut – und wo stockt es Ihrer Erkenntnis nach am stärksten?
Den Perspektivenwechsel finde ich wichtig, um auf Ihre einleitenden Worte einzugehen. Zu Ihrer Frage: Wir sind schon sehr weit gekommen. Oft heißt es, dass wir den Wandel beginnen müssen, aber wir stecken schon mittendrin. Agora hat im Januar aktuelle Zahlen rausgegeben …
… Sie meinen Agora Energiewende, den Thinktank, der mit dem Ziel gegründet wurde, akademisch belastbare und politisch umsetzbare Wege zu entwickeln, um die bestehenden Energiesysteme sauber und erneuerbar auszugestalten.
Ja, genau. Nach den Agora-Zahlen haben wir bei der Emissionsminderung im Vergleich zum Basisjahr 1990 bereits 49 % der Emissionen eingespart. Das heißt, wir sind bei der Hälfte von dem, was wir einsparen wollen. Ich werde nicht müde, das zu betonen: Wir stecken mittendrin im Wandel, auch wenn man da und dort das Gefühl hat, dass wir nicht vorankommen. Man kann festhalten, dass wir mittendrin in der Transformation sind. Bei der IKND beschäftigen wir uns viel mit Kommunikation und damit auch mit dem Transformationsbegriff. Dieser ist manchmal doch ein bisschen sperrig. Wir suchen noch nach einer besseren Alternative. Je nachdem, wo man sich in der Bundesrepublik gerade befindet, ist das Thema Wandel beziehungsweise Wende auch sehr negativ behaftet. In einem Projekt in Ostdeutschland wurde uns zum Beispiel gespiegelt, dass dieser Wendebegriff nicht gern gehört wird. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff? Als Gesellschaft sind wir ständig dabei, uns zu verändern. Gesellschaft und ihr Umfeld – eine ständige Anpassung, ein ständiger Wandel. Mit internationalen Abkommen haben wir uns in Deutschland zu diesen Veränderungen verpflichtet. Es werden bestimmte Ziele in diesen Abkommen vorgeschrieben und meiner Meinung nach haben wir schon einiges erreicht. Lassen Sie mich noch etwas Sozialwissenschaftliches anfügen. Da gibt es die Theorie des Wandels; Theory of Change heißt es im englischen Original. Nach der verläuft eine Veränderung nie linear, sondern eher wellenartig. An dem Punkt, wo wir in Deutschland in der Transformation gerade stecken, sind wir vielleicht mal wieder an dem unteren Punkt der Welle und hoffentlich schaffen wir es bald auch wieder nach oben. Man darf das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Auch dann, wenn die Nachrichtenlage ziemlich erdrückend ist und man das Gefühl hat, es kommt gerade alles zum Halten.
Lassen Sie mich, Frau Mewes, eine technische Verständnisfrage stellen. Bei den von Ihnen genannten Agora-Zahlen ist das Basisjahr 1990. Warum nicht 1989 oder 1991?
Das 1990er-Referenzjahr wird in vielen Kontexten verwendet, weil es den Beginn der internationalen Klimaverhandlungen markiert. Die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen wurde 1992 unterzeichnet und dementsprechend hat man den Zeitpunkt gewählt, der vor dieser Unterzeichnung liegt. Damit lässt sich vergleichen, wie die Situation war, bevor man sich mit dem Thema beschäftigt hat und wie es sich anschließend entwickelt hat. Deswegen ist das Referenzjahr 1990.
Nun, Sie haben von Wellenbewegungen im fortschreitenden Wandel gesprochen und davon, dass man trotz dieser Wellen den Blick auf die Klimaneutralität gerichtet halten soll. Hatte ich die Wahrnehmung, dass klimabewegte NGOs und auch Teile der Politik und Medien seit geraumer Zeit einen Wechsel der Narrative vornehmen: Es wird nicht mehr die Bedrohung einer Klimakrise erzählt, sondern man fokussiert sich auf positive Narrative. Bekommt man die Leute nicht mehr mit Bedrohungsszenarien überzeugt und wechselt daher die Erzählung?
Es ist eine der Kernfragen, in der wir als Gesellschaft gerade stecken. Ich glaube, dass es wichtig gewesen ist, erst mal die Dimension des Problems zu verstehen und der Wissenschaft Gehör zu verschaffen. Sonst erkennt man ja keine Notwendigkeit zum Handeln. Dr. Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin, Professorin für Medienpsychologie, Autorin und Mitgründerin von Perspective Daily. Sie hat es sehr schön auf den Punkt gebracht: Über Lösungen reden schafft Lösungen.
Unser Untergang?
Wenn wir Menschen nur über „den Untergang“ sprechen, dann sind wir wie die Rehe, die nächtlich vor Schreck im Lichtkegel eines herannahenden Autos stehen bleiben. Wollen wir jedoch als Menschheit etwas verändern, müssen wir über Lösungen sprechen. Eine positive Kommunikation ist sehr wichtig. Aber man muss aufpassen, dass es nicht eine gekünstelte „Positivkommunikation“ ist. Deswegen sprechen wir bei IKND von einer lösungsorientierten Kommunikation.
Wenn man in die Nachrichten und in die Beiträge in den sozialen Medien schaut, dann scheint man dort darauf zu setzen, mit lautem Geschrei, Skandalen und Bedrohungen die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen. Klar, die Abonnenten- und Klickzahlen sollen hochgehen, weil eine Monetarisierung das Ziel ist. Und auf der anderen Seite scheinen wir Menschen oftmals bei einem handlungsarmen Lamentieren stehen zu bleiben. Hier kommt mir Ihr Vergleich mit dem Reh an einer nächtlichen Straße wieder in den Sinn, wobei mein Vergleich an dieser Stelle wahrscheinlich dem Reh nicht gerecht wird. (lacht) Ich finde es interessant, dass Sie zwischen „positiv formulieren“ und „lösungsorientiert kommunizieren“ unterscheiden. Im Entwickeln von Narrativen sehe ich darin einen bedeutenden Impuls, weshalb ich Ihren Hinweis an dieser Stelle nochmals unterstreichen möchte. Es gibt einen Punkt, über welchen ich mit Ihnen nochmals nachdenken möchte: Sie haben auf die östlichen Bundesländer verwiesen. Vielleicht auf Regionen der ehemaligen DDR. Dort haben Menschen einen sehr grundlegenden Wandel bei der Wiedervereinigung erlebt. Die Menschen haben sich mit viel eigener Kraft eines sozialistischen Systems entledigt. Angeschlossen hat sich – den Lebensalltag dieser Menschen grundlegend beeinflussend – ein Wandel in nahezu allen Lebensbereichen.
„Wandel“ – ein Missverständnis?
Sie haben darüber gesprochen, dass sich viele Menschen in Ostdeutschland mit dem Begriff „Wandel“ schwertun. Lassen Sie uns zunächst würdigen, dass in diesen Landstrichen vor nur wenigen Jahrzehnten ein großer Wandel vollzogen wurde, den Menschen in Westdeutschland nicht erlebt haben. Insofern müssen wir womöglich den Begriff Wandel zur Klimaneutralität konkretisieren. Hat in diesem Sinn die Abwehrhaltung in Ostdeutschland etwas damit zu tun, dass die Leute mit Wandel eher einen Kampf um Freiheiten und Wohlstand verbinden? Womöglich ist deren Sicht eine andere als von Menschen, die in den westlichen Bundesländern die Chance auf Wohlstand, Reisefreiheit, Vermögensaufbau – und damit auch Vermögenssubstanz hatten. Kann man meiner Hypothese etwas abgewinnen?
Absolut. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich meinte in meinen Ausführungen nicht, dass die Menschen in Ostdeutschland keinen Wandel und Transformationen durchlaufen haben und ich meinte auch nicht, dass da aktuell kein Wandel stattfindet. Nehmen wir als positives Beispiel die Region Lausitz. Da sieht man deutlich, dass wir alle mitten im Wandel hin zur Klimaneutralität sind. Mir ging es darum zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, darüber nachzudenken, welche Macht Worte haben und an wen man sie richtet.
Wir nehmen mit, dass das Wort „Wandel“ je nach Region anders belegt ist.
Man kann sagen, dass Worte wirken. Deshalb braucht es eine Sensibilität: Mit wem spreche ich und welche Wirkung haben die Worte, die ich wähle. Das ist meine Arbeitserfahrung.
Haben Sie ein Beispiel, wo diese Transformation – ich gehe dem Wort „Wandel“ an dieser Stelle aus dem Weg – im Kontext der Energiewende und der Klimaneutralität besondere Fortschritte gemacht hat?
Es gibt einige Punkte, die wir in Deutschland früh und sehr ambitioniert angegangen sind. Das Paradebeispiel ist der Wandel unseres Stromsystems. Wir haben mittlerweile fast 60 % erneuerbare Energieeinspeisungen bei unserer Stromgenerierung. Damit sind wir weltweit vorne mit dabei. Es gibt auch viele politische Maßnahmen, die in Deutschland entwickelt wurden und dann weltweit Anwendung gefunden haben. Zum Beispiel die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien. Sie ist eine deutsche Erfindung und mittlerweile gibt es dieses klimapolitische Instrument von Afrika über Asien bis nach Lateinamerika. Witzigerweise heißt es im Englischen auch ‚Feed-in tariff‘ – also eine wortwörtliche Übersetzung.
Fokussieren wir uns für ein paar Momente auf Solarenergie und auf Windkraft. Wasserkraft und andere Erneuerbare lassen wir an dieser Stelle außen vor. Sind die beiden genannten Energieerzeugungen frei von Nebenwirkungen? Gibt es in Ihrem Umfeld und bei IKND eine Sensibilität dafür, dass die besagten Erneuerbaren nicht frei von Nebenwirkungen sind?
Bei jeder Technologie gibt es sehr viele Vorteile, aber es gibt natürlich auch Punkte, die nicht optimal sind. Man darf nicht vergessen, dass wir es hier anfangs mit recht neuen Technologien zu tun hatten. Diese sind in die ersten Anwendungen gekommen und im ersten Anlauf ist eine Sache nie perfekt. Es kommt zu Fehlern. Aber das Gute bei den Erneuerbaren ist, dass kontinuierlich weiter daran gearbeitet wird. So gibt es mittlerweile zum Beispiel Sensoren, die stoppen die Rotoren, sobald ein Vogel kommt. Oder es wird eine Windkraftanlage während der Brutzeit ganz heruntergefahren, damit die Vögel nicht gestört werden. Oder nehmen wir das Thema Recycling. Anlagen für Erneuerbare waren oftmals nicht wiederverwendbar, was nicht sehr nachhaltig ist. Da gibt es mittlerweile gerade auch in Deutschland tolle Start-ups, die daran gearbeitet haben. So können nunmehr bestimmte neue PV-Module rückgebaut, aufbereitet und wiederverwendet werden. Es macht mir total Spaß, solche Sachen dann zu sehen und zu erkennen, wie rasch Technologien weiterentwickelt werden. Hier zeigt sich die allseits angepriesene deutsche Ingenieurskraft. Und ja, es gibt bei den Erneuerbaren auch noch Akzeptanzprobleme. Das ist für uns als gemeinnützige Organisation ein wichtiges Thema, welches wir uns sehr genau anschauen.
Erkennbar ist das von Ihnen angesprochene Recycling von Windkraftanlagen ein weites Feld für Start-ups. Denn bis jetzt sehen wir Folgendes: Nehmen wir beispielsweise eine moderne Onshore-Windkraftanlage mit drei bis fünf Megawatt. Da haben wir ein materialintensives Bauwerk, bei dem insbesondere das Fundament enorme Dimensionen hat. Da sind dann 1200 bis 1800 Tonnen Beton und 120 bis 180 Tonnen Bewehrungsstahl bei einer notwendigen Erdbewegung von 2000 bis 3000 Kubikmeter eine realistische Größenordnung. Dann kommen Turm, die Gondel (Maschinenhaus) und die Rotorblätter dazu.
180 Tonnen Bewehrungsstahl
Bei der Recyclingfähigkeit wird nach Komponenten unterschieden, wobei man beim Turm auf eine gute Recyclingquote kommt. Beim Fundament sieht es anders aus: Ja, eigentlich ist der vollständige Rückbau bis zur Unterkante Boden gefordert. In der Praxis trifft man bisher meist einen Teilrückbau auf ein bis zwei Meter unter Geländeoberkante an. Somit verbleiben große Betonmassen im Boden. Hinzu kommt, dass Beton bisher technisch nicht sinnvoll recycelbar ist. Minderwertiger Recycling-Schotter ist das oftmals Ergebnis. Start-ups und Technologieanbieter arbeiten daran und es gibt erste Projekte mit hochwertig recyceltem Beton. Hier wird es noch Zeit brauchen. Zurück zum Fundament: Bisher gibt es quasi keine geeignete Wiederverwertung eines bestehenden Fundaments für neue Anlagen, weil sich die Lasten durch größere Rotoren und neue Normen ändern. Nun, das wird sich sicherlich in der Zukunft ändern lassen.
Es gibt da eine sehr schöne Studie der Fachagentur Wind und Solar e. V.: Darin geht es um Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Gemeinde vor Ort. Die Studie zeigt: Wenn die Anlage erst mal steht, steigt auch die Akzeptanz. Wir haben sozusagen eine nichtlineare Bewegung von Akzeptanzwerten. Das sind demnach alles Aspekte, die man berücksichtigen muss, wenn man sich mit neuen Technologien beschäftigt. Wenn Probleme auftauchen, versucht man diese zu lösen. Und wie schon gesagt, es ist wichtig, diese Lösungen auch zu kommunizieren.
Lassen Sie mich mit einem Augenzwinkern auf das Zitat von Jürgen Trittin (DIE GRÜNEN) aus 2004 zu sprechen kommen. Die Mehrkosten für die Förderung erneuerbarer Energien würden einen durchschnittlichen Haushalt nur „eine Kugel Eis“ (ca. 1 €) pro Monat kosten, so seine Prognose. In einer Reflexion könnte man sagen, dass die Eiskugel eine zu vereinfachte und fehlleitende Erzählung gewesen ist. Wo möglich hat man es sich mit diesem fröhlichen und gut kommunizierbaren Narrativ zu einfach gemacht. Klar, man wollte etwas erreichen – was man nunmehr auch hat: Deutschland steckt in einem Wandel mit dem Ziel der Klimaneutralität und die damit einhergehende Energiewende wirkt sich massiv aus.
Natürlich wird der „Eiskugel“-Vergleich der Komplexität dieser Transformation nicht gerecht. Allerdings ist es ein Bild, das verfängt.
Komplexes stark vereinfachen
Man hat etwas sehr Komplexes stark vereinfacht, weil man die Vorteile der Energiewende greifbar machen wollte. Das ist eine total menschliche Vorgehensweise.
Was ist damit, dass Wahlberechtigte Entscheidungen treffen sollen und es dazu einer wahrhaftigen Kommunikation bedarf. Führt eine extreme Vereinfachung nicht zu Problemen?
Das ist mit Sicherheit ein schwieriger Balanceakt. Denn langfristig machen erneuerbare Energien den Strom günstiger. Jetzt sind wir jedoch an dem Punkt, dass die Systemkosten steigen und wir höhere Strompreise haben, als wir das früher hatten. Berechtigterweise sagen viele Menschen: „Ihr habt doch gesagt, das wird günstiger, wieso ist mein Strom jetzt teurer?“ Ich glaube, daran sieht man diesen Konflikt ganz gut. Beim Klimaschutz hat man ganz oft die Problematik, dass Langfristigkeit sehr schwierig zu kommunizieren ist. Die meisten Vorteile erreichen wir erst zu einem späteren Zeitpunkt. Gerade beim Strompreis braucht es Gespräche mit Wirtschaft, Politik und der Zivilgesellschaft zum Umgang mit den Narrativen. Wir müssen ehrlicher sein und den Menschen auch mehr zutrauen. Wenn man da einfache Thesen in den Raum stellt, die sich dann nicht bewahrheiten, richtet man mehr Schaden an, als es Gutes bringt.
Lassen Sie für uns und für die Leserinnen und Leser für einen Moment die Prämisse setzen, dass ein von Menschen verursachtes CO2 eine hohe Relevanz für die Entwicklung des Weltklimas hat und wir ausreichend Möglichkeiten haben, es signifikant zu beeinflussen beziehungsweise zu begrenzen. Wir setzen zudem die Prämisse, dass es eine Notwendigkeit gibt, CO2 zu reduzieren. Nun blicken wir auf die ausgebauten erneuerbaren Energien und konzentrieren uns dabei auf die Solarfelder und die Windkraftanlagen. Wie schaut es mit der Netzstabilität in Deutschland aus? Was ist mit der sogenannten „Dunkelflaute“? Wobei sich die steigende Zahl der Eingriffe maßgeblich aus der Systemlogik der Einspeisung der erneuerbaren Energien ergeben dürfte. Nun, wo früher die Netzbetreiber einige wenige (manuelle) Eingriffe am Tag hatten, sind zwischenzeitlich ein Vielfaches an Eingriffen notwendig, um das Netz stabil bei 50 Hertz zu halten. Automatische Primärregelleistung (FCR) sei hier als Stichwort genannt. Nüchtern betrachtet scheint es plausibel, die Frage nach grundlastfähiger Energiegewinnung in Deutschland zu stellen. Schließlich sind wir eine Wirtschaftsnation, die auf günstige Energie und eine stabile Energieversorgung angewiesen ist, wenn man politisch nicht ein Degrowth verfolgt. Oder soll es genau das werden: ein Degrowth?
Das sind jetzt mehrere spannende Diskussionspunkte.
Ja, zugegeben. Da kam eine Frage zur nächsten Frage. (lacht)
Das ist kein Problem (lacht), ich versuche, mich durchzuarbeiten. – Also, die Erneuerbaren bringen viele neue Anforderungen an unsere Stromnetze mit sich. Die bisher geltende Logik im Stromnetz kann man als top-down beschreiben. Man hat ein großes Kraftwerk und das bringt den Strom über das Stromnetz bis in die einzelnen Haushalte. Jetzt haben wir neuerdings viele kleine Erzeugungsanlagen: einzelne Windräder, große Windparks, Photovoltaik auf den Dächern, Photovoltaik in der Fläche – und diese geben zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlicher Ausbeute Strom ins Netz – oder eben nicht. Die bestehenden Übertragungs- und Verteilnetze sind für diese Logik noch nicht umfänglich geeignet. Und das bedeutet zunächst sehr hohe Kosten, weil wir diese Logik ändern müssen.
Blackout
Noch eine Anmerkung zur Blackout-Thematik: Durch den Anschlag Anfang Januar in Berlin ist das ja ein aktuell viel diskutiertes Thema. Da hat man gesehen, dass Stromnetze an sich ein sehr komplexes und teils vulnerables Konstrukt sind. Versorgungssicherheit kann durch viele Faktoren in Gefahr geraten.
Ich denke, dass terroristische Anschläge in den vergangenen Jahrzehnten nicht unser massivstes Problem bei der Netzstabilität in der Bundesrepublik waren. Deswegen sehe ich da keine Vergleichbarkeit mit der Herausforderung, unser Stromnetz bei 50 Hertz stabil halten zu müssen.
Die Herausforderungen haben in der Tat verschiedene Gesichter. Aber wir bewegen uns schon in eine Situation – man beachte, was in der Ukraine passiert –, wo wir uns die Frage stellen müssen, wie sicher sind unsere Stromkabel und Netze. Grundsätzlich kann man festhalten, in Deutschland haben wir eines der sichersten Stromnetze der Welt. Wir haben am wenigsten Netzausfälle in der Stromversorgung in der gesamten EU. Und Deutschland ist ja nicht alleine, sondern wir haben ein europäisches Stromnetz. Dadurch lassen sich viele unserer Herausforderungen begegnen. Dementsprechend ist unsere Netzstabilität nicht gefährdet. Das ist mir wichtig an dieser Stelle zu sagen.
Sie sagen, dass wir eines der sichersten und stabilsten Stromnetze in der Europäischen Union haben. Auf welchen Zeitraum bezieht sich Ihr Vergleich? Auf die vergangenen zwölf Monate oder auf die letzten zwanzig Jahre?
Ich beziehe mich auf die aktuellen BNetzA-Zahlen, also den Bericht der Bundesnetzagentur. Und die besagen: Wir haben ein sehr sicheres, stabiles Stromsystem.
Laut BNetzA hat sich der SAIDI-Wert in den letzten zehn Jahren nicht verschlechtert, sondern ist auf hohem Niveau stabil oder gar leicht gesunken. Es scheint damit keine Evidenz, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien oder der Abschied von Kernenergie zu schlechterer Versorgungsqualität im Sinne höherer SAIDI-Werte geführt hat. Es ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Teile der deutschen Industrie klagen tatsächlich über Probleme durch kurze Stromunterbrechungen und verspüren die Stromversorgung als belastend, auch wenn das nicht pauschal bedeutet, das Netz sei deshalb fragil. Die Beschwerden betreffen kurze Unterbrechungen, die im klassischen Versorgungsstatistikmaß (SAIDI) nicht erfasst werden, und diese können bei sensiblen Produktionsmaschinen zu Kosten und Störungen führen. So berichten Industrieunternehmen von zunehmenden Ausfällen unter drei Minuten. Das zeige eine Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), und das schreibt Jennifer Collins am 8. Januar 2025 auf der Internetseite von Clean Energy Wire.
Das meinte ich mit der Logik, die sich ändern muss. Nicht nur auf der Netzebene, sondern auch bei den Unternehmen. Das ist durchaus ein sehr brisantes Thema, da bin ich bei Ihnen. Die notwendigen Veränderungen sind teuer, darüber haben wir bereits gesprochen. Gerade im Mittelstand gibt es lösungsorientierte Unternehmen, die die Herausforderung für sich genutzt haben. Die haben geschaut, wie sie ihre Energieverbräuche flexibilisieren, um dementsprechend besser reagieren zu können. Da wurde untersucht, wo man Kosteneinsparungen generieren kann. Beispielsweise, indem man den Strom dann bezieht, wenn es sehr viel und damit günstigen Strom gibt. Entsprechend fährt man seine Fertigungsmaschinen hoch oder runter.
In einem Dreischichtbetrieb bedeutet das, dass ein deutsches Unternehmen seine Maschinen nicht durchgängig nutzen kann – hingegen der chinesische, US-amerikanische oder der französische Wettbewerber sehr wohl. Und was ist, wenn aus energieoptimierter Motivation eine halbe Schicht ausfällt? Erklären sich die Gewerkschaften einverstanden, dass die Mitarbeitenden für den Ausfall keinen Lohn erhalten? Kann man die Leute im Minutentakt heimschicken und wieder anfordern?
Einfach mal abschalten?
Vielleicht sind wir auf ein weiteres Narrativ getroffen, das nicht per se unrealistisch ist, aber in seiner Schlichtheit für Unkundige erfreulich klingt – und doch schlussendlich Arbeitsplätze ins Ausland verlagern wird. Wir laufen Gefahr, wenig praxistaugliche Vorschläge zu machen, die in einer globalen Welt nicht funktionieren. Nun, vielleicht liege ich mit meiner Einschätzung falsch.
Da müssen wir jetzt aufpassen, dass wir nicht in generalisierende Aussagen kommen. Der Mittelstand ist in seinen Bedarfen sehr divers. Bei manchen Unternehmen funktioniert die von mir geschilderte Vorgehensweise, und für die anderen Unternehmen muss man andere Lösungen finden. Wir sind viel im Austausch mit Industrievertretern, Handwerks- und Wirtschaftsverbänden. Da gibt es durchaus die Rückmeldung, dass einiges sehr gut läuft. Und da, wo wir Probleme haben, müssen wir gute Lösungen finden. Ich glaube, es ist in unserer Unterhaltung gerade so spannend, weil wir sehen, dass nicht jede Lösung für jeden funktioniert. Übrigens: Auch mit dem Gewerkschaftsbund sind wir im Austausch. Es ist ein großer Teil unserer Arbeit bei der IKND, die Probleme zu identifizieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Wir könnten eine Fülle weiterer Diskussionsfelder aufmachen, wie beispielsweise subventionierte Strompreise, die den Staatshaushalt belasten. Es gibt die Frage, wie wir die Energiebedarfe der modernen KI-Technologien bedienen wollen … und vieles mehr. Gibt es noch einen Gedanken, den wir an dieser Stelle besprechen wollen?
Weil wir über Narrative gesprochen haben, möchte ich noch einen Gedanken dazu einbringen: Von welcher Seite kommen welche Erzählungen? Da ist zum Beispiel beim Thema „Klimaschutz“ die AfD mit ihrer Gegenhaltung sehr polarisierend. Aber in deren Wählerschaft spiegelt sich das nicht wider. Vielmehr sind viele der AfD-Wähler:innen nicht fundamental gegen Klimaschutz. Im Oktober 2025 hatten wir eine Umfrage zum Nutzen von emissionssparenden Technologien im Eigenheim. Da ging es unter anderem um Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und das Elektroauto. Die Zahlen haben positiv überrascht. Wir haben nämlich nicht festgestellt, dass Parteipräferenz sich niederschlägt in den Anschaffungsplänen dieser Technologien. Alle Wählergruppen, auch die AfD-Wähler, haben ein großes Interesse an der Elektrifizierung ihrer Häuser. Man muss daher schauen, was tatsächlich Wählerwillen ist und was davon parteipolitische Kommunikationsstrategie ist.
Diesen Impuls nehmen wir als Schlussgedanken und verzichten darauf, uns in die Niederungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und der Heizungskeller zu begeben. (lacht) Ganz dem Motto „Magazin für den Perspektivenwechsel“ folgend, durften wir uns austauschen. Dafür bedanke ich mich sehr bei Ihnen, liebe Clara Mewes. Gemeinsam entlassen wir die Leserinnen und Leser in ein selbstbestimmtes Nachdenken.
Wunderbar. Herzlichen Dank, mir hat das Gespräch sehr viel Spaß gemacht.
Zur Person
arbeitet als Referentin für Forschung, Daten, Analyse bei der Initiative Klimaneutrales Deutschland gUG in München. Die Initiative Klimaneutrales Deutschland fördert den konstruktiven Dialog für eine ambitionierte Klimaschutzpolitik, bringt relevante Akteure zusammen und verschafft ihren Botschaften Aufmerksamkeit. Zuvor forschte Clara Mewes am RIFS Potsdam zu Instrumenten nationaler und internationaler Klimapolitik.



