Der Himmel über München ist bei herbstlichen Temperaturen prächtig blau – und um uns herum herrscht werktägliche Hektik vor einem der angesagten Bistros der Stadt. Wir sind zum Gespräch verabredet und ich eigens für dieses Treffen aus Stuttgart angereist. Er, ein Mittsechziger, kommt in Begleitung. - „Das ist Piper, unsere Familienhündin.“ Beide begrüßen mich herzlich.
Das GesprächLieber Franz Meiller, schön, dass wir dieses offene Gespräch führen dürfen. Wenn man Ihren Namen liest, dann denkt man naheliegend an die Traditionsmarke MEILLER-KIPPER und erst mal nicht an jemanden, der sich mit Fotografie, Film, Theater und der Kultur als solcher verbunden fühlt. Wen habe ich vor mir? Den Unternehmer oder den Kulturschaffenden, beziehungsweise Kulturförderer?
Von allem steckt etwas in mir und ich versuche im Gleichgewicht zu agieren. Mir liegen das Unternehmen und meine Mitverantwortung für dessen Erfolg sowie das Wohlgefühl unserer Mitarbeiter:innen sehr am Herzen. Es ist mehr als nur Pflicht. Es ist für mich ein Privileg, durch meine Tätigkeit bei MEILLER eine unternehmerische Substanz mitbekommen zu haben, die einem viele Möglichkeiten eröffnet. Dabei gehe ich offen damit um, dass der Wunsch nach künstlerischem Wirken schon von klein auf in mir veranlagt gewesen ist. Klar, das Betriebswirtschaftsstudium an der LMU in München war zunächst naheliegend. Schließlich haben meine Eltern für mich als erstgeborenes Kind eine Aufgabe im Unternehmen vorgesehen. Heute begreife ich, wie groß das familiäre Anliegen gewesen ist, aus mir einen disziplinierten, pflichtbewussten, gebildeten Menschen zu machen. Als Kind und Jugendlicher hat man das anders gesehen. Schon früh habe ich mit meinen Geschwistern am Heiligen Abend die Weihnachtsgeschichte für unsere Eltern aufgeführt und zu den Familienfesten Gerhard-Polt-Parodien vorgeführt.
Pflicht, Privileg – und die Bühne
Meinen ersten Studentenjob am Theater hatte ich Anfang der 80er-Jahre als Beleuchtungsstatist an den Münchner Kammerspielen. Von 1984 bis 1986 hatte ich dann ein Engagement im Residenztheater am Max-Joseph-Platz. Dort durfte ich u. a. in der Inszenierung „Exoten“ von Hanns Christian Müller an der Seite der Biermösl Blosn, Gisela Schneeberger und Gerhard Polt auftreten. Für mich erfüllte sich damit ein Traum. Die Bühne hat mich als junger Mann weit mehr fasziniert als die Kipper.
Wenn man Ihren Lebenslauf betrachtet, dominiert der Kulturschaffende Franz Meiller. Täuscht dieser Eindruck?
Ja schon, denn ich will es eingeordnet wissen: Wie gesagt, ich versuche im Gleichgewicht zu bleiben. Nach dem Abitur arbeitete ich an einem kleinen Filmprojekt. Gleichzeitig absolvierte ich ein einjähriges Praktikum als Maschinenbauer in der Firma. Das Familienunternehmen mit all seinen Facetten und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten ist etwas, worauf ich mit Dankbarkeit blicke. Es ist wie in zwei Welten zu Hause zu sein: Mein Wirken als Unternehmer ist geprägt von Vernunft, Verantwortung, Nachhaltigkeit und dem notwendigen Pragmatismus. Es gilt Existenzen zu sichern. Die der Mitarbeiter:innen, der Familien und meine eigene. Denn ohne das Unternehmen wäre mein Kulturschaffen so nicht möglich. Und dann ist da meine künstlerische Sehnsucht, durch die ich kreativ und bei mir selbst sein kann. Eine Welt, die meine Seele berührt und die mir Kraft gibt, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das, was in mir ist, findet dort Ausdruck und – gleich einem Geschenk – erhalte ich Ausgleich, Zufriedenheit und ein Stück Glücklichsein zurück.
Das hört sich so an, als ob für Sie die Möglichkeit, kreativ und künstlerisch zu wirken und andere Menschen fördern zu können, der Lohn für die Arbeit im Unternehmen ist.
Industrie trifft Inspiration – und beide gewinnen
Das könnte man so sehen. Wobei ich mittlerweile weiß, dass sich beide Welten befruchten. Als ehemaliger Marketingleiter und mittlerweile Sprecher der Gesellschafter:innen konnte und kann ich vieles, was mir in der künstlerischen Welt abverlangt wird, in das Unternehmen einbringen. Und meine Erfahrungen in der Industrie, von der Personalführung bis zu den Budgetplänen, helfen mir bei der Realisierung meiner Theaterproduktionen und Filmprojekte. So entstehen Synergien, von denen beide Seiten profitieren. Und mal ganz ehrlich: Ist es nicht ein Privileg, die Möglichkeit zu haben, neben seinem erlernten Beruf auch am Kulturprozess teilhaben zu dürfen?
Eine beeindruckende Selbstreflexion. Ich meine damit nicht allein, sich seiner Privilegien bewusst zu sein, sondern ein Wirkungsfeld für sich gefunden zu haben, welches zufrieden und glücklich macht – ohne dass die durchaus üblichen Begleiterscheinungen auftreten.
Ich ahne, was Sie andeuten wollen: Die Fremdwahrnehmung als Quelle der eigenen Eitelkeit und des Geltungsdrangs. Natürlich ist kein Mensch frei davon – oder sagen wir es so: Es bleibt ein Kampf darum, das eigene Sein nicht der Fremdbestimmung zu opfern. Ich möchte mich aber selbst nicht so wichtig nehmen. Ich bin ein Internatskind, bin gerne mit Menschen zusammen und lasse diese an meinen Möglichkeiten teilhaben. Meine Erfahrung dabei ist, dass viele dafür offen sind und eine Augenhöhe im künstlerischen Schaffen entsteht, wenn man sich fachlich austauscht und ich da und dort ein Projekt finanziell unterstützen kann. Es ist wunderbar, wenn man andere an seinen eigenen Möglichkeiten profitieren lassen kann. Da bringt jeder sein Potenzial ein: Begabung, Ideen, Innovationskraft – und soweit machbar Budget.
Bei den Recherchen bin ich auf verschiedene Kulturprojekte gestoßen, die Ihre Stiftung und Sie unterstützen: unter anderem das filmschoolfest München, Ausstellungen junger Künstler, ein Stipendium für Moné Sharifi für das Studium an der Akademie der Bildenden Künste, das Projekt „Roma“ und „Künstler in Not“. Zugleich habe ich den Eindruck, dass Sie ausgesprochen gerne selbst Bestandteil von Projekten sind.
Ja, das stimmt. Ich habe Ihnen aus meinem aktuellen Filmprojekt „Piper & Churchill“ ein Moodie – das sind kurze Clips, die vor allem eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre vermitteln sollen – mitgebracht, damit Sie einen Eindruck haben, woran ich zurzeit arbeite. - - - Er drückt mir sein Smartphone in die Hand und ich schaue aufs Display. Eine Filmsequenz aus seinem neuen Werk, einem Episodenfilm, entführt meine Aufmerksamkeit ins Umland. Irgendwo bei Erding: grüne Wiesen und Felder. Ein traditioneller Bauernhof. Ein Teich oder auch nicht, jedenfalls irgendetwas mit Wasser. Entschleunigt. Die Handlung der Filmsequenz wirft Fragen in mir auf – und saugt mich in ein paralleles Universum, welches entschlüsselt und begriffen werden will. Respekt, denke ich, das ist etwas anderes als das durch soziale Medien beeinflusste „wisch-und-weg“ unserer Tage; wo vieles zu oft schnell und oberflächlich daherkommt. - - -
Gemeinsam mit meinem Freund Peter Luppa (Schauspieler am Berliner Ensemble) und Martin Zwanzger (Co-Regisseur und Postproduktion) realisieren wir zurzeit diesen Episodenfilm und wollen ihn bei Kurzfilm-Festivals einreichen. Erstaunlicherweise haben Sie mich als Darsteller nicht erkannt. Einer der beiden Protagonisten bin ich. (lacht)
Okay. Das ist jetzt wirklich unangenehm. Noch mehr: Es ist mir peinlich. (lacht)
Überhaupt nicht! Mich freut das und bestärkt meinen Irrglauben, auch ein richtiger Schauspieler zu sein! (lacht) Aber zurück zu Ihrer ursprünglichen Frage: Ich mag es, mich einzubringen und mitzugestalten. Das kann dann Regie, aber auch Schauspielern sein. Deshalb ist es mir lieber, wenn ich als ausführender Produzent meine eigenen Projekte realisieren kann. Es geht mir dabei nicht zuallererst um die Wirtschaftlichkeit, sondern um Selbstverwirklichung und Erleben von künstlerischer Teamarbeit mit den Beteiligten.
Zwischen Regie, Rollen und Resonanz
Und wenn dann, wie im letzten Film „Roy, eine Legende geht zu Ende“, das Münchner Filmfest anklopft und meinen Film zeigt, er ein Jahr im Kino (Museum Lichtspiele) läuft und dann via TV über eine halbe Million Zuschauer:innen hat, ist das für uns alle mehr als ein Geschenk!
Welche Rolle spielt es für Sie, etwas für die Nachwelt zu schaffen?
Klar, das Unternehmen will in die nächste Generation der Gesellschafterfamilien geführt und übergeben werden. Der Prozess läuft bereits. Das ist mir ein Anliegen und ich bin dankbar, dass wir Eltern es scheinbar geschafft haben, unseren Nachwuchs bodenständig und verantwortungsbewusst zu erziehen. Wir haben das vorgelebt. Die nächste Generation hat für das Familienunternehmen nicht nur aufmerksame Antennen, sondern arbeitet zum Teil auch schon in der Firma. Was mein kulturelles Schaffen anbelangt, so darf man mir hier auch etwas Egoismus unterstellen. Vielleicht verstehen mich meine Kinder oder gegebenenfalls die Enkelkinder besser, wenn diese auch auf mein kreatives Schaffen blicken. Mehr als das will ich nicht hineininterpretiert wissen.
Ganz spontan: Geben Sie unseren Leserinnen und Lesern zum Schluss bitte noch eine bereits verstorbene Person aus der Kunstszene mit auf den Weg.
Da würde ich gerne zwei nennen: Charlie Chaplin und Karl Valentin. Beide sind mehr als Komiker, Schauspieler und Filmproduzenten. Für mich sind sie universelle Künstler, die Humor, Humanität und Gesellschaftskritik auf eine besondere Weise verbanden. Wir müssen uns trauen, über uns selbst zu lachen! Ich wünsche mir viele Chaplins und Valentins, auch damit wir einen Spiegel vorgehalten bekommen, sensibilisiert werden und aufmerksam bleiben, um dem teils weltpolitischen Wahnsinn etwas entgegenzusetzen.
Zur Person
ist Unternehmer, Fotograf sowie Theater- und Filmproduzent. Als Nachfahre der traditionsreichen 175-jährigen Meiller-Kipper-Dynastie ist er heute Sprecher der Gesellschafter:innen der F. X. Meiller GmbH & Co. KG und verbindet industrielle Bodenständigkeit und kulturelles Wirken. Über seine Stiftung fördert er Kunst und junge Kreative.



