Der vielfach ausgezeichnete Journalist, Fotograf und Kriegsreporter Till Mayer reist dorthin, wo andere sich abwenden – in die umkämpften Gebiete der Ukraine, zu den Verwundeten des Krieges, den Zurückgelassenen und Überlebenden. Für das Magazin MITMENSCHENREDEN spricht er über seine Erfahrungen an der Front, die Kraft der Begegnung, das Schweigen nach dem Feuer – und warum Menschlichkeit auch im Krieg nicht verloren gehen darf.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Sie verfügen über viele Jahre Erfahrung in der Berichterstattung aus Krisengebieten. Rund 30 Länder haben Sie bereist, um im Kontext militärischer Konflikte den Blick auf Krisengebiete zu lenken, die zu oft und zu schnell in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande in Vergessenheit geraten. Heute sprechen wir, lieber Till Mayer, über die Ukraine.

Till Mayer

Ich möchte vorausschicken, dass die Ukraine für mich ein besonderes Land ist, zu dessen Menschen ich über viele Jahre eine enge Verbindung aufgebaut habe. Meist bin ich für kurze Zeiträume in den Ländern, aus denen ich berichte. In die Ukraine reise ich seit 2007 kontinuierlich, seit 2017 dokumentiere ich den Krieg im Donbas als Langzeitprojekt. 2017 war der Krieg in der Ostukraine in Deutschland weitgehend vergessen. 2014 fand der Krieg noch in den internationalen Medien Beachtung, als Russland die Krim annektierte und den Krieg mit eigenen Truppen in den Donbas trug. Dann folgte schnell das Verdrängen. Mitten in Europa fand ein Krieg statt, den in Deutschland niemand mehr sehen wollte. Ich empfand das als sehr gefährlich.

Ralf M. Ruthardt

Es schien damals, als ob die Situation „eingefroren“ sei.

Till Mayer

… der Krieg war nie eingefroren. Er entwickelte sich zu einem vor sich hin köchelnden Stellungskrieg, in dem weiter gestorben wurde. Dann weitete sich 2022 der Krieg in brutaler Weise aus. Seit Beginn der umfassenden Invasion Russlands im Februar 2022 bin ich in der Regel jeweils die Hälfte eines Monats in der Ukraine.

Ralf M. Ruthardt

Wie hat man sich Ihre Arbeit als Reporter vorzustellen? Man reist hin – und dann?

Till Mayer

Ich verfüge über ein gutes Netzwerk in der Ukraine. Seit 2017 arbeite ich mit dem ukrainischen Fotografen Oles Kromplias zusammen. Wir sind ein eingespieltes Team. Viele Ideen für meine Themen erhalte ich von den Menschen vor Ort. Eine gewisse Vorbereitung braucht es, geht es zu den Truppen ins Kampfgebiet. Da übernimmt mein Kollege die Vorbereitungen mit der Armee, wenn wir zum Beispiel zu einer Brigade fahren. Ich komme mit den Menschen in der Ukraine sehr gut klar. Obwohl in ihrem Land Krieg herrscht, wird weniger gejammert als in Deutschland. In der Ukraine kämpfen die Menschen für die Freiheit. Hunderttausende riskieren ihr Leben dafür. Und dann gibt es da in Deutschland jene, die über Frieden sprechen. Aber keinen Frieden meinen. Sie wollen nur in Frieden gelassen werden. Koste es anderen, was es wolle. Diese Leute blenden völlig aus, was in den russisch besetzten Gebieten in der Ukraine passiert: Zerstörung, Mord, systematische Folterungen, Entrechtung. Tausende sind verschwunden. Das erneute voranschreitende Verdrängen in Deutschland ist für mich nur schwer zu ertragen. Derweil stellt Russland seine Wirtschaft auf einen großen Krieg um.

Ralf M. Ruthardt

Werfen wir, lieber Till Mayer, zunächst einen Blick zurück. Lassen Sie uns Ihre bisherige Tätigkeit verstehen – also vor der Berichterstattung aus der Ukraine. Aus welchen Kriegsgebieten haben Sie bisher berichtet? Reden wir von Somalia, dem Irak oder Afghanistan?

Till Mayer

Es sind wohl über 30 Krisengebiete, aus denen ich bisher berichtet habe. Ich habe bereits sehr früh damit angefangen. Aus Bosnien habe ich zum ersten Mal über einen Krieg berichtet. Ich war damals 21 oder 22 Jahre alt. In den Folgejahren dokumentierte ich in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz das Leiden der Zivilbevölkerung in den damaligen Kriegen Afrikas: beispielsweise Ruanda, Angola, Liberia, Somalia, Sierra Leone oder Sudan. Für die weltweite Anti-Personenminen-Kampagne fotografierte ich in Afghanistan und auch Kambodscha, zu einem Zeitpunkt, als dort Krieg herrschte. Seit den 2000er-Jahren reise ich auch regelmäßig in den Nahen und Mittleren Osten. Oft arbeite ich dabei mit NGOs wie Handicap International zusammen. Das mache ich auch weiter, aber wegen der Ukraine-Berichterstattung in reduziertem Maß.

Ralf M. Ruthardt

Lässt sich Ihre journalistische Arbeit so beschreiben, dass Ihre Berichterstattung sowohl die Fotodokumentation als auch die Texte umfasst?

Till Mayer

Schreiben und Fotografieren sind die Basis. Das lässt sich für mich als Freelancer gar nicht anders machen. Wenn ich nicht beides beherrschen würde, mein Einkommen würde nicht ausreichen, um beispielsweise die Kosten meiner Ukraine-Berichterstattung abzudecken. Habe ich vor der Ukraine Kriege aus der Perspektive von Zivilistinnen und Zivilisten sowie den Helfenden erzählt, kommt nun auch der Blickwinkel der Kämpfenden hinzu.

Ralf M. Ruthardt

Wenn Sie von Ihren Aufenthalten in der Ukraine sprechen, wo treffen wir Sie dort geographisch an. Es ist schließlich ein sehr großes Land mit mehreren ethnischen Bevölkerungsgruppen. Sind Sie aktuell primär in der Ostukraine, reden wir über den Westen der Ukraine oder reden wir über Kiew?

Till Mayer

Ich berichte aus der ganzen Ukraine. Aus den Kampfgebieten im Osten, Süden und jetzt auch im Nordosten – als auch aus dem „Hinterland“ im Westen und der Zentralukraine. Und natürlich auch aus Kyjiw. Übrigens, nicht Kiew. Russland bombardiert gerade die Stadt. Ich verstehe nicht ganz, warum man sich dann im Deutschen so oft an die russisch angelehnte Variante hält. Viele meiner ukrainischen Freunde, die früher am Abendtisch Russisch sprachen, sind endgültig ins Ukrainische gewechselt. Weil sie nicht die Sprache eines Landes nutzen wollen, das ihre Heimat mit Tod und Zerstörung überzieht. 1991 stimmten 85 % der Menschen im Donbas in einer international überwachten Wahl für eine unabhängige Ukraine. Ein Großteil von ihnen russischsprachig. In Bern spricht man Deutsch. Deswegen sind die Berner aber keine Deutschen, sondern Schweizer. Russischsprachige Ukrainer als „ethnische Russen“ darzustellen, ist Teil der russischen Propaganda. Die leider bis heute verfängt.

Ralf M. Ruthardt

Damit haben Sie den von mir verwendeten Begriff „ethnische Bevölkerungsgruppen“ aufgegriffen …

Till Mayer

… sehen wir uns doch das Beispiel der Krim-Tataren an …

Ralf M. Ruthardt

… eine muslimische, türkischstämmige Minderheit in der Ukraine.

Till Mayer

Die Krim-Tataren wurden im Zarenreich unterdrückt, unter Stalin verfolgt, ermordet und deportiert. Erst in den letzten Jahren der Sowjetunion konnten sie auf die Krim zurückkehren, sich in der unabhängigen Ukraine wieder frei entfalten. Die Krim-Tataren stehen zur Ukraine. Auf der von Russland besetzten Krim werden sie heute wieder unterdrückt. Erneut flohen viele Krim-Tataren, als die russische Besatzung 2014 begann. Andere wurden von den russischen Besatzern verhaftet, misshandelt und verschwanden.

Ralf M. Ruthardt

Dann ist das ja soweit geklärt und eine Differenzierung zwischen historischem und politischem Kontext brauchen wir hier nicht zu vertiefen. Es ging mir primär darum, aus welcher Gegend Sie berichten und auf welche Menschen Sie dort treffen.

Till Mayer

Ich versuche bei meinen Aufenthalten mindestens eine Reportage pro Reise möglichst nahe der Front zu machen. Dann eine weitere Geschichte im „Hinterland“, damit ich den Menschen in Deutschland erklären kann, dass der Krieg das ganze Land erfasst. In den Kampfgebieten radieren russische Truppen ganze Dörfer und ganze Städte aus. Was übrig bleibt, sind Trümmerfelder. Aus einer umkämpften Stadt wie Pokrowsk zu berichten, bedeutet: Der Tod kann jeden Augenblick kommen. Die Gefahr durch kleine, schnelle und wendige Kamikaze-Drohnen ist hoch. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, rast man mit 80–100 km/h durch die fast menschenleere Stadt. So schnell es eben geht. Auf dem Dach am besten Scammer-Antennen, die die Radiowellen der Drohnensteuerung stören. Doch wenn die Drohnen mittels Glasfaser-Kabel gesteuert werden, sind die Störsender nutzlos. Kyjiw greift Russland regelmäßig mit Hunderten von Drohnen und Raketen an. Auch wenn das Leben untertags weiterläuft, die Luftabwehr effektiv arbeitet: Die Angriffe erschöpfen die Menschen. Menschen kommen ums Leben, Gebäude werden zerstört. Es ist ein Bestandteil der Kriegsführung Russlands, dass sich niemand sicher fühlen kann. Im vergangenen Sommer hat Russland beispielsweise eine onkologische Kinderklinik bombardiert. Die Botschaft: Selbst eure krebskranken Kinder sind nicht sicher. Lassen Sie mich für die Leserinnen und Leser eine Zahl nennen. Fast 2000 Gesundheitseinrichtungen der Ukraine sind durch russische Angriffe entweder zerstört oder beschädigt worden. Hier kann man nicht von Kollateralschäden sprechen. Es sind ganz gezielte Angriffe auf das Gesundheitssystem – und das ist natürlich ein Kriegsverbrechen.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns bitte einige Punkte hinterfragend ansprechen. Wir haben kriegerische Auseinandersetzungen in einer Vielzahl von Ländern. Es reicht ein Blick nach Afrika oder in den Nahen Osten. Was unterscheidet für uns in Deutschland diese Konflikte im Vergleich zur Ukraine aus Ihrer Sicht als Reporter? Beginnen wir mit der Menschlichkeit.

Till Mayer

In einem Krieg sterben Menschen. Eltern haben Angst um ihre Söhne und Töchter. Menschen werden entrechtet und verlieren ihre Heimat. Das ist Krieg. Egal, ob er in einem afrikanischen Land, in der Ukraine oder anderswo stattfindet. Jeder Mensch ist gleich viel wert. Punkt. Der Blick auf die Ukraine: Das ist ein Krieg, bei dem Artilleriebeschuss mit Millionen von Geschossen das Land erschüttert. Dazu kommt eine neue Waffe: Drohnen. Praktisch findet über den Köpfen der Menschen ein Wettlauf statt. Die Entwicklung und Weiterentwicklung von Drohnen. Für den Kriegsverlauf ist es entscheidend, wer da die Entwicklung anführt. Für mich kämpft in der Ukraine eine Demokratie gegen eine aggressive Diktatur. Die Menschen in der Ukraine überzeugen mich durch ihre Freiheitsliebe. Ich habe aus über 30 Kriegen und Krisen berichtet. In keinem war es so klar für mich, wer gut und wer böse ist, wie in der Ukraine. Die Konflikte und Kriege von heute hängen oftmals zusammen. In der Zentralafrikanischen Republik sah ich bei einer Reise all die Wagner-Söldner. Und begriff Putins imperiale Ambitionen. In Syrien ließ Putin bomben, damit Millionen Menschen zur Flucht gezwungen werden. Das sollte wiederum den Zusammenhalt der EU destabilisieren. Auch auf dem Balkan lässt Putin zündeln. Dazu kommt der hybride Krieg Russlands. Russische Fakenews helfen rechtsradikalen Parteien in ganz Europa. Oder Trump bei den Wahlen. In Deutschland reden wir hier insbesondere von der AfD. Aber es gibt noch andere Putin-Versteher: Sahra Wagenknecht und ihr BSW beispielsweise. Auch für sie gibt es im Netz nachweislich Schützenhilfe von russischen Trollen. Wagenknecht war zudem gern gesehener Gast bei Putins Propagandasender Russia Today.

Ralf M. Ruthardt

Verstehe ich Sie richtig, dass aus Ihrer Sicht beispielsweise das BSW und die AfD „Trolle Putins“ sind, wie sie manchmal bezeichnet werden. Also Agenten Putins oder was auch immer? Also, haben diese Leute nach Ihrer Einschätzung eine Affinität oder eine strategische Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin?

Till Mayer

Beide werden von Putins Bots und Trollen unterstützt, weil sie Politik in seinem Sinne betreiben. Sahra Wagenknecht macht seit Jahren immer das Gleiche: Die Kriegsverbrechen und die Aggressivität Putins werden kleingeredet. Kurz vor der Invasion hat sie sinngemäß gesagt, dass Putin falsch dargestellt würde: nämlich als durchgeknallter Nationalist, der die Grenzen mit Gewalt verschieben wolle. Aus meiner Sicht ist Sahra Wagenknecht jemand, die an das Totalitäre glaubt. Eine Partei nach sich selbst zu benennen, das hat selbst Stalin nicht gemacht. Wagenknecht hatte sich übrigens einst engagiert, ein Denkmal für Opfer des Stalinismus zu verhindern. Ihre Kritik an Putin sind leere Worthülsen. Bis heute war sie nicht in der Ukraine. Auf ihren sogenannten Friedensdemos sieht man auch kaum ukrainische Geflüchtete. Aus gutem Grund, sie wollen nicht unter russischer Besatzung leben. Denn das wäre die Folge von Wagenknechts Ukraine-Politik. Die AfD betreibt ebenfalls eine Politik, wie sie Putin nur gefallen kann. Hohe Funktionäre haben nachweislich Geld aus Moskau erhalten. Und auch auf andere Weise ihre Nähe bewiesen. Beide Parteien wollen wieder russisches Erdöl und Gas sowie das Ende von Waffenlieferungen. Letzteres würde die Kapitulation der Ukraine bedeuten, Ersteres den russischen Angriffskrieg mitfinanzieren.

Ralf M. Ruthardt

Wir sprechen im Juni 2025 miteinander. Zu diesem Zeitpunkt haben SPD-Politiker ein Manifest veröffentlicht. Es geht darum um Frieden – auch mit Russland – und gegen die Aufrüstung bzw. einen Rüstungswettlauf. Mitunterzeichner sind unter anderem Rolf Mützenich, Hans Eichel, Julian Nida-Rümelin und Ralf Stegner. Wo möglich, haben das Manifest viele Menschen bereits umfassend kommentiert – ohne es durchgelesen zu haben. Aber das mag an unserer medial schnelllebigen Zeit liegen. (lacht) Lassen Sie uns, lieber Till Mayer, für ein paar Momente darüber sprechen und zunächst folgende Prämisse setzen: In diesem Manifest wird unter anderem eine diplomatische Initiative auch Deutschlands gegenüber Russland eingefordert. Zudem wird sich vehement gegen Aufrüstungsmaßnahmen in Deutschland ausgesprochen. Das betrifft auch die Mittelstreckenraketen, deren Stationierung durch die USA in Deutschland ab 2026 geplant ist. Nun lassen wir die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands gedanklich außen vor. Schließlich ist das – wenn man ideologische Aspekte oder infantile Momente beiseitelässt – ein selbstredendes Moment, dass ein Staat den Schutz seiner Integrität sicherzustellen versucht, auch wenn er dazu jeweils unterschiedliche Möglichkeiten oder situativ nur eingeschränkte Mittel hat. Schauen wir auf die von den SPD-Politikern geforderte diplomatische Initiative. Nun, Putin ist nicht unbedingt Russland und Russland ist nicht zwangsweise Putin, aber er ist nun mal der wahrgenommene starke Politiker und daher meine auf ihn fokussierte Frage: Würde Ihrer Einschätzung nach Diplomatie von Putin als Schwäche interpretiert werden?

Till Mayer

Ich sehe Putin als einen Menschen, der nur an Stärke glaubt. Kompromissvorschläge sind für ihn ein Zeichen von Schwäche. Russland ist eine Diktatur und Putin hat sie unter Kontrolle. Natürlich wird der letzte Schritt am Verhandlungstisch gemacht. Aber an den müssen die Ukrainer aus einer Position der Stärke treten. Erinnern wir uns: Die Ukrainer waren ein Musterschüler für Abrüstung. 1994 galten sie als die drittgrößte Nuklearmacht der Welt. Die Ukrainer übergaben ihr nukleares Arsenal an Russland. Wohlgemerkt Russland. Großbritannien, USA und Russland gaben im Gegenzug umfassende Sicherheitsgarantien an die Ukraine. Die Putin alle gebrochen hat. Russland rüstet sich für einen großen Krieg, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Das ist leider ein Fakt.

Ralf M. Ruthardt

Ja, nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 befanden sich auf ukrainischem Territorium mehr Atomwaffen als in jeder anderen ehemaligen Sowjetrepublik außer Russland – insgesamt rund 1900 Sprengköpfe. Die Kommando- und Sicherheitssysteme waren damals in Moskau. Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben die drei von Ihnen genannten Staaten 1994 das Budapester Memorandum unterzeichnet und erklärten darin, die Souveränität und bestehenden Grenzen der Ukraine zu respektieren.

Till Mayer

Russland war ein Garant für die Unversehrtheit der Grenzen der Ukraine, und für diese bindende Zusage haben die Ukrainer ihr nukleares Arsenal abgegeben. Wenn sie damals ihre Atomwaffen behalten hätten, wäre heute kein einziger russischer Soldat auf ihrem Boden. Putin spricht den Ukrainern ab, eine eigene Nation zu sein. Die Ukrainerinnen und Ukrainer können seinem Wort nicht trauen. Nur starke Sicherheitsgarantien helfen, die dieses Mal wirklich greifen.

Ralf M. Ruthardt

Diese Macht- und Einflussfragen zwischen Moskau und Kiew erscheinen mir schon lange Zeit anzuhalten, auch wenn ich jetzt nicht ins 9. Jahrhundert zurückblicken will, als die Kiewer Rus als Ursprungsreich sowohl der heutigen Ukraine, Russlands als auch Belarus gegolten haben.

Till Mayer

Ich sehe keine offenen Fragen bei international anerkannten Grenzen. Putin will die Ukraine. Er will ein Imperium aufbauen, in dem er andere Länder überfällt und unter seinen Einfluss bringt. Dazu hat er kein Recht. Punkt. Leider ist es so, dass die russische Bevölkerung zum Großteil hinter Putin steht. Wir werden da vermutlich keine massive Gegenbewegung zum russischen Imperialismus und Kolonialismus sehen. Im Gegenteil, die Gesellschaft wird in Russland militarisiert, die Wirtschaft umgebaut. Alles läuft hin zur Vorbereitung eines großen Kriegs.

Ralf M. Ruthardt

Und jetzt nochmals zum Manifest einiger SPD-Politiker …

Till Mayer

… Russland macht sich invasionstüchtig. Verschuldet sich für seine Kriegsvorbereitung. Russland führt im kleinen Nachbarland einen erbarmungslosen Krieg. Putin hält sich nur an Verträge, die ihm nützen. Ansonsten bricht er sie. Das war ja bereits mehrmals der Fall. So arglos kann kein Berufspolitiker sein, dass er diese Fakten nicht sieht.

Ralf M. Ruthardt

Ja, die russische Wirtschaft wurde nach dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine schrittweise in Richtung einer Kriegswirtschaft umgestellt – insbesondere ab 2022, mit einer deutlichen Beschleunigung ab Mitte/Ende 2023. Nochmals zu den SPD-Politikern, deren Manifest und Ihrer Einordnung …

Till Mayer

Was soll ich noch sagen? Ich frage mich, was solche Menschen bewegt. Putin ist ein brutaler Diktator, ein aggressiver Imperialist. Mit seiner hybriden Kriegsführung hat er längst die deutsche Gesellschaft und ihren Zusammenhalt angegriffen. Es geht jetzt auch um unsere Freiheit. Ein Manifest der Schwäche ist ein Geschenk für Putin und seine aggressive Politik. Eine Bestätigung, weiterzumachen: gegen jedes Völker- und Menschenrecht.

Ralf M. Ruthardt

Kommen wir zu einem anderen Punkt, den ich für unser Gespräch auf meinem Zettel habe. Es wird oftmals argumentiert, dass eine Vermeidung des Kriegs darin bestanden hätte, der Ukraine keine Avancen in Richtung NATO bzw. in die EU zu machen. Man hätte anstelle dessen, so diese Argumentation, eine klare Positionierung in Richtung Moskau erklären können. Das Gegenargument ist dann oftmals, dass die Ukraine ein Recht auf Selbstbestimmung habe. Nun, darauf wird geantwortet, dass natürlich die NATO auch selbst bestimmen kann, wen sie – in ihrem Interesse liegend – bei sich aufnehmen möchte. Zudem wird erinnert, dass es nach dem Fall des sogenannten Eisernen Vorhangs beispielsweise James Baker (US-Außenminister) im Februar 1990 sagte, dass sich die NATO nicht einen Zoll nach Osten ausdehnen würde. Nun, das war im Kontext der deutschen Wiedervereinigung. Allgemein gefragt: Wie ordnen Sie diese Argumente ein?

Till Mayer

Entsprechende Zusagen wären demzufolge gemacht worden, als es den Warschauer Pakt noch gab. Besagte Länder waren da ja noch im Warschauer Pakt gebunden. Ist das ein Setup für Diskussionen über zukünftige NATO-Mitgliedschaften? Die besagten Gesprächspartner des Westens hatten zudem gar nicht das Mandat, für die NATO zu sprechen beziehungsweise künftige Bewerberstaaten abzuweisen. Aber das Wichtige ist: Putin hat keine Angst, dass die NATO Russland angreifen wird. Wer wagt es, eine Atommacht anzugreifen?! Vielmehr entzieht die NATO andere Länder dem Einfluss Russlands. Weil das Verteidigungsbündnis Schutz bedeutet. Ich denke, dass es das gute Recht der Menschen in den Nachbarländern Russlands ist, dass sie sich für einen eigenen Weg entscheiden und nicht wie in der Vergangenheit unter der Bevormundung und Kontrolle einer russischen Diktatur leben wollen. Wären die Baltischen Staaten nicht in der NATO, ich vermute, Putin wäre dort schon längst einmarschiert. Interessant ist, dass Russland-Versteher gerne einen Fakt ausblenden: Mitten im NATO-Gebiet hat Russland mit der Enklave Kaliningrad quasi eine gigantische Abschussrampe für russische Atomraketen. In strategisch allerbester Lage. Da soll sich der Westen natürlich nicht bedroht fühlen. Aber Russland darf einen Krieg anfangen, weil die Ukraine in Jahren vielleicht der NATO beitritt?

Ralf M. Ruthardt

Müsste man Ihrer Meinung nach in Deutschland unter Strafe stellen, wenn Menschen die Putins Politik verstehen, nachvollziehen oder dieser zustimmen? Ich nehme nochmals Bezug auf das Manifest aus dem Kreis der SPD. Da sind ja politisch erfahrene und um Deutschland verdiente Politiker dabei. Unter anderem ein ehemaliger Fraktionsvorsitzender. Soll diesem ein Redeverbot erteilt werden? Ist das Ihre Forderung?

Till Mayer

Jeder soll seine Meinung sagen dürfen. Ich glaube an die Demokratie und die Redefreiheit. Das Problem ist, dass die Demokraten zu schweigsam, zu bräsig geworden sind. Es gilt jedoch, russischen Lügen klar entgegenzutreten. Eine Selbstverständlichkeit ist: Wer Unwahrheiten bewusst verbreitet, der soll dafür belangt werden. Wer sich für eine Diktatur starkmacht, der steht gegen die Demokratie.

Ralf M. Ruthardt

Rolf Mützenich – ein in Köln geborener Sozialdemokrat …

Till Mayer

Man kann seine und Sahra Wagenknechts Aussagen leicht mit Argumenten widerlegen. Wagenknecht stellt sich dauernd als Friedensengel dar. Warum war sie nie in der Ukraine? Ich denke, weil sie nicht die Bilder in den Medien will, wenn sie eine vergewaltigte Ukrainerin für ihre Politik zur Rede stellt. Zu dem „Sozialdemokraten“ Mützenich: In der NS-Diktatur mussten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Grausames erfahren. In Foltergefängnissen und Lagern… Was hätten sie von dem Memorandum gehalten? Das sollten sich die Genossinnen und Genossen fragen, die es unterschrieben haben.

Ralf M. Ruthardt

Meine Aufgabe sehe ich in unserem Gespräch darin, den unterschiedlichen Argumenten und Sichten nicht auszuweichen. Vielmehr möchte ich Ihre Einordnung, lieber Till Mayer, und Ihre Argumente erfragen. Lassen wir den Perspektivenwechsel zu – und danke, dass Sie uns auch an Ihren emotionalen Empfindungen teilhaben lassen. Nochmals zu Rolf Mützenich und den weiteren Unterzeichnenden des Manifests aus den Kreisen der SPD, welches im Juni 2025 veröffentlicht wurde. Rolf Mützenich als einen ehrenwerten Politiker würdigen, der sich um seine Partei und um die Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht hat. Gleichzeitig hört man im Kontext des Manifests Stimmen, die Mützenichs Appell als blödsinnig oder töricht bezeichnen. Wie bekommen wir einen versachlichten Dialog hin, ohne jetzt einem Herrn Mützenich zu unterstellen, dass er kein Demokrat sei? Oder braucht es diesen versachlichten Dialog nicht?

Till Mayer

Es fällt schwer zu glauben, dass ein erfahrener Politiker so gutgläubig ist. Mützenich wird die Berichte der Menschenrechtsorganisation zur Lage in den russisch besetzten Gebieten kennen. Er verschweigt, dass es Russland war, das keinen Dialog zulässt. Russland versucht beispielsweise, Fakten zu schaffen, indem es besetztes Gebiet in sein Staatsgebiet integriert. Während Trump vom schnellen „Frieden“ schwadronierte, verstärkte Putin seine Luftangriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung drastisch. Frieden bedeutet nicht, dass nur Waffen schweigen. Frieden bedeutet, dass die Menschen gerechte Gesetze haben, dass sie sicher leben – und dass sie nicht des Nachts abgeholt werden. Dass sie nicht gefoltert, vergewaltigt und ermordet werden, wenn sie eine eigene Meinung vertreten. In den besetzten Gebieten sind Tausende von Menschen verschwunden. Unter Stalin herrschte in den 1930er-Jahren auch „Frieden“ – und trotzdem sind Millionen von Ukrainern während des Holodomors verhungert. Unter Besatzung zu leben ist kein Frieden. Deswegen wehren sich die Menschen der Ukraine so tapfer. Sie sind offensichtlich aus einem anderen Holz geschnitzt als Mützenich. Vielleicht sollte er öfter in die Ukraine reisen und diesen Menschen zuhören. Ich kann ihm gerne gute Gesprächspartnerinnen und Partner nennen.

Ralf M. Ruthardt

Das nehmen wir als Schlussgedanken aus dem Gespräch mit Ihnen mit und entlassen die Leserinnen und Leser in den eigenverantwortlichen Prozess der Meinungsbildung. Danke für das engagierte Gespräch – und abschließend sei auf die Ukraine-Berichterstattung von Till Mayer beispielsweise für die Augsburger Allgemeine, die Frankfurter Rundschau, den Südkurier, die Rheinische Post, die Stuttgarter Nachrichten und die Stuttgarter Zeitung hingewiesen.

Zur Person

Till Mayer hält die Langzeitfolgen von Konflikten und Kriegen seit vielen Jahren in seinen Fotos und Reportagen fest. Aus rund 30 Konfliktgebieten berichtete er schon. Den Krieg in der Ukraine dokumentiert er bereits seit 2017 und warnte als einer der wenigen deutschen Journalisten kontinuierlich vor der Gefahr einer Ausweitung der Kampfhandlungen. Seine Ukraine-Berichterstattung intensiviert sich seit dem Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022. Er berichtet nun im monatlichen Rhythmus als freier (Foto-)Journalist für die Augsburger Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Rheinische Post, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten und weitere Redaktionen. Schon 2007 führte den Bamberger ein Buch- und Ausstellungsprojekt über KZ-Überlebende („roter Winkel, hartes Leben“, Verlag Herder) erstmals in die Ukraine. Seitdem folgten viele Reportagen aus dem osteuropäischen Land. Der Journalist und Fotograf erhielt für seine Arbeit mehrfach Preise und Auszeichnungen.

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