Mit dem Buch „Die Schatten der Vergangenheit besiegen. Flucht. Hilfe. Neustart.“ legt Refugio München Lebensgeschichten Geflüchteter und Einblicke in die eigene Arbeit vor. Refugio München ist ein Beratungs- und Behandlungszentrum für Menschen mit Fluchterfahrung. Für mitmenschenreden sprechen wir mit Heike Martin, Leitung Öffentlichkeitsarbeit, über Motivation, Zielsetzung, Kernaussagen und über die Frage, ob das Buch Raum für Selbstreflexion und andere Perspektiven lässt.
Das GesprächIn „Die Schatten der Vergangenheit besiegen“ werden eindringliche Leidens- und Heilungsgeschichten erzählt. Die Motivation zu diesem Buch hilft, es zu verstehen. Geht es um Sichtbarmachung oder auch um die moralische Lenkung der Leserinnen und Leser?
Im öffentlichen und politischen Diskurs wird meist über „die Flüchtlinge, die Geflüchteten, die Migranten“ gesprochen – also über eine anonyme Gruppe, die häufig auf reine Zahlen reduziert wird. Dahinter stecken aber Menschen – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer. Die Autorinnen des Buches sind unserer Organisation eng verbunden und kennen viele unserer Klient*innen. Ihr Anliegen ist es, den Menschen ein Gesicht zu geben und ihre Geschichte darzustellen. Aber auch, welche Kraft und Leistung diese Personen erbracht haben, um ihr schweres Schicksal und eben auch Leid zu überwinden und einen guten Platz in unserer Gesellschaft zu finden.
Refugio München wird im Buch als hochspezialisierte, notwendige und positive Kraft dargestellt. Wie ist das Selbstverständnis der Einrichtung und wo stößt Ihre Arbeit an Grenzen?
Wir sind als Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte Geflüchtete eine Facheinrichtung, aber auch eine Menschenrechtsorganisation. Das heißt, unsere Kernaufgabe ist es, Menschen, die durch Folter, Verfolgung und Flucht schwer traumatisiert sind, mit Psychotherapie zu helfen und ihnen damit zu ermöglichen, ein gutes Leben in Deutschland aufzubauen. Eine Menschenrechtsorganisation sind wir, weil es auch unser Anliegen ist, die Wahrnehmung im Asylverfahren sowie von Politik und Gesellschaft zu schärfen, dass das, was unsere Klient*innen erlebt haben, Menschenrechtsverletzungen sind. Und alle unsere Klient*innen haben diese Menschenrechtsverletzungen, also Verfolgung, Folter, Vergewaltigung oder die Tötung von Angehörigen, erlebt – ohne Ausnahme. Darauf immer wieder aufmerksam zu machen und die Rechte Geflüchteter zu vertreten, ist ebenso unsere Aufgabe. Das ist gleichzeitig die Antwort auf die zweite Frage – die Rechte Geflüchteter werden immer mehr beschnitten, der Wille, den Menschen zu helfen, wird in der Politik immer weniger. Wir müssen 80 Prozent aller Anmeldungen zur Therapie ablehnen, weil wir viel zu wenig Kapazitäten haben. Damit das besser wird, braucht es politischen Willen und ganz konkret finanzielle Unterstützung für Einrichtungen wie unsere. Finanziert werden wir nämlich durch Spenden, Stiftungen und öffentliche Fördergelder, da bricht aktuell viel weg.
Das Buch zeigt anschaulich die Perspektive traumatisierter Geflüchteter und der unterstützenden Institution. Welche Erkenntnisse erscheinen Ihnen besonders relevant zu sein und wo finden sich Gegenperspektiven – etwa von skeptischen Bürgern, Behörden, Kritikern der Asylpraxis oder auch gescheiterten Hilfefällen?
Uns ist wichtig, dass jede und jeder einzelne Geflüchtete als Mensch gesehen wird. Aktuell werden Geflüchtete lieber als Zahlen und Ursache von Problemen dargestellt. Es sind aber Individuen und wir als Gesellschaft sollten uns daran messen lassen, wie wir mit Menschen, die aus Not zu uns gekommen sind, umgehen. Die Gegenperspektive lässt sich jeden Tag sehen, hören, lesen. Aber Rechte, wie das Recht auf medizinische Versorgung, eine Unterbringung und Versorgung, die die Menschenwürde achtet, und natürlich das Recht auf Asyl und ein faires Asylverfahren gelten auch und vor allem dann, wenn es schwieriger wird.
Die im Buch wiedergegebenen Gespräche sind sprachlich bearbeitete, abgestimmte Texte. Wie stark ist dadurch aus authentischer Erfahrung bereits eine kuratierte Erzählung geworden?
Die Texte sind authentisch und so aufgeschrieben, wie sie berichtet wurden. Die dargestellten Personen haben ihre Geschichten auch gegengelesen und freigegeben. Wir sind den Menschen, die mit den Autorinnen gesprochen haben, sehr dankbar, dass sie so vertrauensvoll ihre Geschichten erzählt haben. Das ist nämlich überhaupt nicht einfach und erfordert Mut – gerade für Menschen, die eine schwere Traumatisierung hinter sich haben. Deshalb konnten wir auch nur Geschichten von Geflüchteten darstellen, die dazu bereit waren.
Das Buch zeigt, warum Geflüchtete Schutz und therapeutische Unterstützung brauchen. Aber wie verhindert man, dass Menschen dadurch auf verletzte Schutzbedürftige reduziert werden und weniger als eigenständige Akteure mit Ambivalenzen? Und: Inwieweit geht das Buch auf die Bedürfnisse der aufnehmenden Gesellschaft ein, damit Dialog entsteht und Perspektiven gewechselt werden?
Die Motivation zum Buch war auch zu zeigen, welche Kraft Menschen haben, um die furchtbarsten Schicksale zu überwinden. Alle dargestellten Personen im Buch – so wie alle unsere Klient*innen – haben viel geleistet, indem sie sich ihren Erlebnissen gestellt haben und ein neues Leben aufbauen. Und wir hoffen, das mit dem Buch ein paar Leser*innen zeigen zu können. Und wir hoffen auch, damit Ansätze zum Reden geben zu können. Es haben auch schon einige Lesungen mit den Autorinnen stattgefunden, dort gab es immer gute Gespräche und viele Rückmeldungen, dass das Buch eine neue Perspektive vermittelt hat. Damit hätten wir für alle schon mal etwas erreicht.
Zur Person
leitet seit 2019 die Öffentlichkeitsarbeit bei Refugio München. Sie hat politische Wissenschaften, Psychologie und Verfassungsrecht studiert. Nach 17 Jahren in einem großen IT-Konzern hat sie ein Jahr bei Pro Asyl gearbeitet und kam dann zu Refugio München.
