Das Wort „Holocaust“ kommt vom griechischen Wort „holókaustus“ und bedeutet „völlig verbrannt“. Der Begriff steht für die systematische Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen während des Nationalsozialismus. Im Hebräischen wird von „Schoah“ gesprochen, was für die „große Katastrophe“ steht. – Als die Nationalsozialisten die Herrschaft 1933 übernahmen, begannen sie sofort, einzelne Bevölkerungsgruppen auszugrenzen, so auch die Juden. Diese wurden völlig unberechtigt für viele Missstände verantwortlich gemacht. Berufsverbote, die Wegnahme des Eigentums, der Entzug der Bürgerrechte und viele weitere Angriffe waren die Folge. Andreas E. Mach hat sich umfassend mit jüdischen Familienunternehmern in München während der NS-Zeit beschäftigt. Sein Buch wurde am 25. Februar 2025 in den Räumlichkeiten der jüdischen Gemeinde zu München vorgestellt. Es bietet einen umfangreichen Einblick in einen wichtigen Teil der Münchner Stadtgeschichte während der NS-Zeit. Dies würdigten unter anderem Dr. h. c. mult. Charlotte Knobloch als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in ihrer Begrüßung und Dr. Ludwig Spaenle als Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe in seinem Grußwort. Ralf M. Ruthardt hat mit Andreas E. Mach in München ein Gespräch zu „Jüdische Familienunternehmer in Hitlers München – Entrechtet, beraubt, verfolgt, ermordet“ (erschienen bei ALLITERA, München 2025) geführt.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Kann ich das Leid begreifen, das jüdischen Menschen während des Holocaust angetan wurde? Worin liegt für mich als deutschem Bürger die Verantwortung, die dieser so schwerwiegende und unerträgliche Teil der Geschichte unseres Landes mit sich bringt? – Führen diese Fragen dahin, was Sie, lieber Andreas E. Mach, zu diesem umfassenden Werk motiviert hat?

Andreas E. Mach

Lassen Sie mich zu Beginn an das erinnern, was Frau Dr. Charlotte Knobloch im Jahr 2006 bei der Einweihung des Jüdischen Zentrums in München gesagt hat. Die langjährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern sagte, dass sie jetzt ihren Emigrationskoffer auspacken könne. Dazu muss man wissen, dass Charlotte Knobloch während der Kriegszeit in einem fränkischen Dorf versteckt wurde. Nur der Pfarrer wusste, wer sie wirklich ist. Nach dem Krieg hat sie versucht zu emigrieren. Nun, die Liebe sorgte dafür, dass sie in Deutschland blieb und heiratete. Später folgten weitere Emigrationsversuche in die USA. Zunächst kam die Geburt des ersten Kindes „dazwischen“, dann die Geburt des zweiten Kindes. Man blieb, worüber wir sehr froh und dankbar sein dürfen. Wenn man auf diesen und auf andere „Emigrationskoffer“ schaut, dann wird deutlich, dass ganz besonders deutsche Juden eine ganz schwere Last zu tragen hatten und noch zu tragen haben.

Ralf M. Ruthardt

Der Gedanke des Emigrationskoffers ist ein sehr eingängiges Bild. Ein Koffer, in welchem die Fülle von Wehmut, Verzweiflung, Trauer, Wut und dem Ruf nach Gerechtigkeit und nach einem Nie-wieder beinhaltet sein können. Lässt uns dieser Koffer das Leid besser begreifen?

Andreas E. Mach

Ich möchte es so sagen: AUSCHWITZ kann man nicht begreifen. Etwas über den Holocaust zu sagen, ist schwer. Wir können den Nationalsozialismus erklären, wir können den Hitlerputsch und den Aufstieg des Diktators in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg erklären, wir können den 2. Weltkrieg erklären, aber wir können zwei Dinge nicht wirklich erklären: den Antisemitismus und den Holocaust. Die Ausgrenzung, die völlige Entrechtung, der systematische Raub jüdischen Vermögens und die Auslöschung großer führender Köpfe in Wissenschaft, Wirtschaft und Literatur – es ist unbegreiflich. Der Völkermord an den Juden, den unsere Vorfahren begonnen haben, lässt uns sprachlos zurück. Sprachlos, obwohl die Geschichtswissenschaft sich in unterschiedlicher Intensität in den letzten 50 Jahren damit beschäftigt. Es hat lange gebraucht, bis sich – in unterschiedlichen Wellen – eine Erinnerungskultur in Deutschland etablieren konnte. Mit Blick auf die Gegenwart stellt sich die Frage, ob diese Ausschlaggebendes bewirkt hat.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns an das erinnern, was jüdische Familienunternehmen – in Ihrem Buch am Beispiel München herausgearbeitet – geschaffen und gewirkt haben.

Andreas E. Mach

Wir haben vor einiger Zeit mit Unternehmern die Gedenkstätte von Auschwitz-Birkenau und das Lager Plaszow besucht, wo unser Freund Emil Schustermann geboren wurde. Es gehört zu den wenigen Wundern dieser dunklen Zeit, dass er unter unvorstellbaren Bedingungen überlebt hat. Die Familie kam aus Breslau, einem wichtigen jüdischen Zentrum im Deutschen Reich. Sie hatten einen Tuchhandel. Nach der Verhaftung der Eltern von Emil Schustermann haben sie die Shoah überlebt, der Vater bei Partisanen, die Mutter in diversen Lagern, darunter in Plaszow, das einer breiten Öffentlichkeit aus dem Film Schindlers Liste bekannt ist. Nach dem Krieg hat sie ihr Kind Emil in Krakau gesucht und tatsächlich bei einer polnischen Familie gefunden. Die Familie wurde in Bayern wieder vereint und der Vater hat seinen Tuchhandel neu in München und Nürnberg gegründet und einen Partner aufgenommen, sodass das Unternehmen seither Schustermann & Borenstein heißt und zum führenden europäischen Onlinehändler Best Secret für Off-Price-Markenmode wurde. Emil Schustermann wurde zu einem der wichtigsten Textilunternehmer Deutschlands. Er repräsentiert eine Art von deutschem Judentum, wie sie vor dem Nationalsozialismus als kleine, aber bedeutende und einflussreiche und um das Gemeinwohl bemühte Minderheit in Deutschland existierte. Ein weiterer Unternehmer sei erwähnt. Joseph Schülein machte Löwenbräu zur größten Brauerei Münchens, indem er sie 1921 mit der Münchner Kindl Brauerei fusionierte. Als erfolgreicher Bierbrauer und Mäzen war er in der Stadt hoch angesehen, bis die Nationalsozialisten ihn und seine Familie ins Visier nahmen. Unter dem Druck der Verfolgung musste er seinen Betrieb aufgeben und zog sich ins Privatleben zurück. Kurz vor der Reichspogromnacht im Jahr 1938, in der sein Lebenswerk zerstört wurde, verstarb Joseph Schülein. Viele Münchner Familienunternehmer in jüdischem Besitz standen für typisch bayerische Produkte: die Wallachs haben das Dirndl als Gesellschaftskleidung erfunden, das Juden später verboten wurde zu tragen, Eberhardt war der größte Enzianhersteller Deutschlands und die schönsten Bierkrüge machte der Fayencen-Hersteller Martin Pauson.

Ralf M. Ruthardt

Wie lassen sich die Menschen charakterisieren, die als Unternehmerfamilien in München gelebt und gewirkt haben? Welches Bild entsteht, wenn wir Ihr Buch lesen?

Andreas E. Mach

Mit wenigen Worten lässt es sich so beschreiben: Kultiviert, kosmopolitisch, erfolgreich, liberal. Dazu passt ein Zitat von Milan Kundera: „Die Juden waren das verbindende, das kosmopolitische Element ihrer Mehrheitsgesellschaften.“ Unsere Vorfahren haben in der Zeit des Nationalsozialismus dieses Miteinander zerstört. Europa ist dadurch intellektuell und gesellschaftlich verarmt. Exemplarisch sei der jüdische Kunsthandel in München genannt, der die Kunststadt München von internationalem Rang ausmachte. Dieser ist unwiederbringlich ausgelöscht worden.

Ralf M. Ruthardt

In Ihren Reden und Veröffentlichungen legen Sie konsequent den Finger des Geschichtsbewusstseins in die Wunde, welche die Zeit des Nationalsozialismus gerissen hat. Ist es eine Wunde, die weder – global gesehen – für die Juden noch für uns Bürgerinnen und Bürger in Deutschland verheilen kann?

Andreas E. Mach

Der Irrtum, selbst wohlmeinender und geschichtsbewusster Menschen, denen man sicherlich keinen Antisemitismus vorwerfen kann, besteht darin, dass sie Auschwitz als ein historisches Ereignis verorten. Das Judentum sieht verständlicherweise darin mehr als ein historisches Ereignis: Es ist die Shoah. Das Wort Shoah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie „Untergang“ oder „Katastrophe“. Shoah oder Holocaust wird zur Bezeichnung der Massenvernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft verwendet. Der Begriff kommt interessanterweise auch in der Unabhängigkeitserklärung Israels von 1948 vor, nicht jedoch in den deutschen Übersetzungen. Ich habe noch keine Abendgesellschaft in Münchens High Society in meinem Leben erlebt, in der über die Shoah gesprochen wurde. Die Abwehr des Erinnerns ist groß, auch wenn es viele löbliche Initiativen gibt, wie die sehr gut kuratierten Ausstellungen des Jüdischen Museums.

Ralf M. Ruthardt

Wenn wir Ihrem Gedanken, lieber Herr Mach, weiter folgen, dann wird Ihre Motivation zum Buch vollends deutlich. Ja, es ist ein gut recherchierter Blick auf jüdische Familienunternehmen. Und ja, der Fokus liegt auf der Stadt München. Aber beim Lesen ist mir klar geworden, dass es exemplarisch oder repräsentativ ist: Es geht Ihnen offensichtlich um das Begreifen dessen, was unsere Vorfahren in der Zeit des Nationalsozialismus zugelassen haben: Eine Blütezeit des deutschen Judentums in Deutschland wurde mit Stiefeln zertreten, und das verursachte unfassbare Elend ist uns heute und in der Zukunft eine Mahnung zur Wachsamkeit.

Andreas E. Mach

Es ist still geworden um das Thema, obwohl es heute die vielleicht größte Brisanz hat. Mir scheint, dass das hart errungene jüdische Leben in Deutschland gefährdet ist. Da gibt es viel Abwehr des Erinnerns. Geschichtsvergessenheit und Ignoranz kommen hinzu: Nach den Forsa-Umfragen zwischen 2006 und 2019 können gleichbleibend knapp 50 % der befragten 14- bis 16-Jährigen den Begriff „Auschwitz“ nicht einordnen. Hier hat die deutsche Bildungspolitik bei allen Beteuerungen, dass dies nicht so sei, vollkommen versagt. Das Gegenargument, wir haben das ausführlich im Geschichtsunterricht behandelt und haben Dachau besucht, kann ich nicht mehr hören, denn selbst bei der einfachsten Nachfrage, wie es dazu kam und was damals vor den Augen aller passiert ist, herrscht meist Schweigen, allenfalls sprachlose Betroffenheit. Deutschland ist das Land der Täter, hier darf das nicht sein.

Ralf M. Ruthardt

Sie denken vermutlich an die aktuellen Ereignisse im Frühjahr 2025 auf Straßen und Plätzen in Deutschland, wo man sich verwundert – und womöglich unangemessen schweigend – über die Einlassungen so mancher Gruppierungen wundert, wenn es sich um die Positionierung gegenüber Israel handelt.

Andreas E. Mach

Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, Sohn einer im Iran geborenen und nach Deutschland migrierten Jüdin, hat vor knapp einem Jahr ein Buch herausgegeben: Deutsche Lebenslügen: Der Antisemitismus, wieder und immer noch. Er schreibt darin, dass der Terroranschlag der Hamas zu einer Nagelprobe politischer und moralischer Haltung in Deutschland geworden ist. Er schreibt vom Schweigen weiter Teile der Bevölkerung bis zum Jubel muslimischer Einwanderer, der Unterstützung der Palästinenser durch die Klimaaktivistin Greta Thunberg, die abgerissenen Plakate der Entführten in London und anderswo. Philipp Peyman Engel spricht über das Entsetzen der Politiker, wie dem deutschen Bundespräsidenten, die die Aufnahmen der Täter gesehen haben, und meint, dass der 7. Oktober viele Gewissheiten erledigt habe. Sowohl in Deutschland als auch anderswo – im Land der Täter wiegt das allerdings besonders schwer.

Ralf M. Ruthardt

Engel kritisiert die deutsche Politik, die seiner Meinung nach zwischen Anbiederung an muslimische Gemeinschaften und rituellem Holocaustgedenken schwankt, ohne die eigene Verlogenheit zu erkennen. Er beschreibt diese Haltung als Teil einer moralischen Krise Deutschlands im Umgang mit Antisemitismus.

Andreas E. Mach

Überall zeigt sich der Antisemitismus wieder offen und nimmt zu. Man mag verwundert zusammenfassen, woher kommt dieser Anstieg des Antisemitismus? Die Antwort kann nur sein: Warum so tun, als wäre er nie weg gewesen, wohin soll er denn auch gegangen sein? Er war natürlich immer da, aber gerade die Deutschen haben sich gerne als Anti-Antisemitismus-Weltmeister gefeiert. Es ist schockierend zu beobachten, dass die Empörung in Deutschland so zögerlich zum Ausdruck kommt, und wer weiß, wie lange sie noch hält, bei der weltpolitisch instabilen und unkalkulierbaren Lage. Auch Peyman Engel kommt, wie Sie bereits erwähnt haben, zu dem Schluss, dass diejenigen, die zum Terror schweigen, Repräsentanten einer moralischen Krise dieses Landes sind. Der Antisemitismus ist unter uns, und wir haben keine Antwort darauf. Das ist für das Land der Täter ein Armutszeugnis.

Ralf M. Ruthardt

Gibt es aus Ihrer Sicht ein in seiner Glaubhaftigkeit herausragendes Ereignis, das auf der politischen Bühne in Deutschland zur aktiven, andauernden Erinnerungskultur beizutragen suchte?

Andreas E. Mach

Da denke ich an unseren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Als erster führender Politiker hat er sich 1985 klar zur historischen Verantwortung der Deutschen geäußert. Zur Einordnung: Es war 40 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Unvorstellbar, dass es Jahrzehnte dauerte, bis ein deutscher Politiker zu einer solchen Aussage fähig war. Von Weizsäcker sagte, dass das Leid, das die Deutschen anderen Menschen, vor allem den Juden, angetan haben, steht über dem Leid, das die Deutschen durch den Krieg und Vertreibung erleiden mussten.

Ralf M. Ruthardt

Es ist wichtig zu vergegenwärtigen, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht von einigen wenigen Akteuren verbrochen wurden. Gerade darin liegt etwas besonders Erschreckendes: Quasi alle Leute waren – in unterschiedlichem Umfang und unterschiedlicher Intensität – mit dabei – beim Verbrechen.

Andreas E. Mach

Ja, unsere Vorfahren sind eben nicht mehrheitlich den Nationalsozialisten entgegengetreten, sondern man hat das Gegenteil gemacht. Sie waren Teil der von den Nationalsozialisten beabsichtigten „Gefälligkeitsdiktatur“ und haben von der Shoah profitiert. Da wurden die jüdischen Nachbarn ausgeplündert, beraubt und deren Immobilien und Unternehmen zu Schnäppchenpreisen gekauft. Manchmal war es die größere Wohnung des jüdischen Nachbarn mit schöneren Möbeln und wertvollen Bildern. Manchmal waren es große Repräsentationsbauten. Und manchmal eben nur ein Silberservice, das sich das Leihamt für die Stadt München unter den Nagel gerissen hatte. Damit bin ich bei der Motivation für dieses Buch angekommen. Es ist ein Forschungsprojekt, das wir selbst finanziert haben. Als Unternehmer sollte ich ja weder die Zeit dazu haben noch wissenschaftlich forschen können. Nun, mir halfen zwei Elemente: Ich habe auch einen Master in Geschichte und Politikwissenschaft und während der Pandemie plötzlich Zeit, in den digitalen Archiven zu forschen nach all den unternehmerischen Zeitgenossen der Bernheimers, dieser großen, weltberühmten Kunsthändlerdynastie, die wie viele Münchner jüdische Unternehmer seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus schwäbischen und fränkischen Landgemeinden nach München gekommen waren. Trotz ihres geringen Bevölkerungsanteils von unter 2 %, wie in ganz Deutschland, gelang es ihnen, in manchen Branchen führende Positionen einzunehmen. Über das jüdische Unternehmertum im Deutschen Reich vor Hitler sagte der Historiker und Spross der jüdischen Verlegerfamilie aus Berlin, George Mosse: „Wer jahrhundertelang keine Karrieren machen konnte in Verwaltung, Justiz, Militär oder Wissenschaft, sondern zum Landjudentum und Handel mit Gebrauchtwaren, Schrotthandel, Schneiderzubehör oder Hofbanker verdammt war, konnte unternehmerische, wissenschaftliche und kunstschaffende Talente entwickeln, die um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in Deutschland dazu führten, dass 80 % des Textilhandels, die Mode, der Kunsthandel, die Banken, die Wissenschaft und Kultur Deutschlands trotz ihres geringen Bevölkerungsanteils von deutschen Juden hervorragend und herausragend dominiert wurden.“ Sie waren besser ausgebildet und unternehmerischer als die nicht-jüdischen Deutschen, die seit jeher eine sichere Laufbahn bei der öffentlichen Hand freiem Unternehmertum vorzogen. Das Buch soll ein Dokument gegen Geschichtsvergessenheit sein. Die Sicht auf Familienunternehmer ermöglicht es, dass wir Konkretes damit verbinden können.

Ralf M. Ruthardt

Was meinen Sie, lieber Herr Mach, mit „konkret verbinden“ …

Andreas E. Mach

Denken Sie an die heute bekannten Kaufhäuser HIRMER oder Breuninger. Denken Sie an das Gebäude der IHK München- und Oberbayern am Maximiliansplatz. Oder an das schöne Palais gegenüber vom Bayerischen Hof am Promenadeplatz. Denken Sie an die zum Dom zeigende Rückseite des Luxuskaufhauses Loden Frey oder an das Wallach-Haus neben Louis Vuitton …

Ralf M. Ruthardt

… alles bekannte Gebäude oder Geschäfte, die die urbane Erscheinung Münchens bis heute prägen und die ehemals jüdischen Unternehmern und Eigentümern gehörten. Ich hab’s verstanden. Auf diese Weise bringen Sie uns heute mitten in München ein Stück Erinnerungskultur aktiv nahe.

Andreas E. Mach

Genau. Wenn Sie die einzelnen Geschichten näher kennenlernen wollen, müssen Sie das Buch lesen. Ein Punkt ist mir noch wichtig. Wenn man nach dem Leben und der Integration und dem Erfolg jüdischer Familienunternehmer vor dem Nationalsozialismus forscht, stößt man unweigerlich auf die größte Einzeldeportation von der Rampe Milbertshofen am 21. November 1941, die erste Deportation der Shoah aus München. Da sind 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen sozialen Schichten zuvor aus ihren Häusern und Wohnungen rausgezerrt und in Massenunterkünfte geworfen worden. Einige wenige konnten es sich noch leisten, in Hotels zu wohnen, soweit diese überhaupt noch Juden aufnahmen. Anschließend ging es für die rund 1.000 Menschen ins Arbeits- und Durchgangslager Milbertshofen. Dort mussten sie sogenannte „freiwillige Spenden“ für das Lager leisten, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch Vermögen hatten. Oft kommt das antisemitische Vorurteil, die Juden seien ja immer schon reich gewesen. Das stimmt nicht! Bei der völlig irrsinnigen sogenannten Judenvermögensabgabe nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 konnten die Finanzämter bei 20 % der jüdischen Bevölkerung zwangsweise 25 % ihres Vermögens zur Sanierung des klammen Staatshaushaltes ratenweise einziehen. Es waren nämlich nur diese 20 % der ohnehin kleinen jüdischen Minderheit, die ein Vermögen von mehr als 5.000 Reichsmark hatten. Freilich gehört es zur Staatsräson Deutschlands, an der Seite Israels zu stehen, aber ich frage Sie, wie lange noch?

Ralf M. Ruthardt

Muss es eine Renaissance der Erinnerungskultur gerade bei jungen Menschen geben? Geht es auch darum, bei zugewanderten Menschen die Pflichtschuldigkeit einzufordern und es zur Bedingung des Hierseins in Deutschland zu machen?

Andreas E. Mach

Ich sehe vor allem eine Verpflichtung für die deutsche Bildungspolitik, zu erinnern und auf die Gefahren hinzuweisen, die von ausgrenzenden Diktaturen ausgehen. Wenn Juden sich unsichtbar machen oder eine Baseballkappe über der Kippa tragen, um nicht angepöbelt zu werden, dann ist der Satz „Wehret den Anfängen“ nicht mehr nötig. Dann müssen wir dringend von „Nie wieder ist jetzt“ sprechen.

Zur Person

ist Politikwissenschaftler, Historiker und Unternehmer. Er stammt aus einer süddeutschen Unternehmerfamilie und arbeitete unter anderem im Investmentbanking. 2005 gründete er eine Beratung für Familienunternehmen sowie das internationale Netzwerk ALPHAZIRKEL. Seit 2016 forscht er zur Geschichte jüdischer Familienunternehmen in Deutschland und Österreich.

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