Als der Hayek-Club Münsterland e. V. im November 2025 zu einem Abend über Narrative, Macht und öffentliche Debatten einlud, war der Saal in Münster bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf Einladung des Vorsitzenden Christophe Lüttmann hielt der Autor und Unternehmer Ralf M. Ruthardt dort seinen Impulsvortrag „Im Windschatten der Narrative“, in dem er die zunehmende Verschiebung gesellschaftlicher Deutungsräume und die Folgen moralisch aufgeladener politischer Erzählungen analysierte. Nach der Veranstaltung debattierten Lüttmann und Ruthardt intensiv über die Dynamik moderner Narrative, die wachsende Kluft zwischen Diskurs und Realität sowie die Frage, wie still und zugleich folgenreich gesellschaftliche Orientierungspunkte heute verschoben werden. Aus diesem Gedankenaustausch entstand das nachfolgende Gespräch – ein pointierter, offener Dialog über Narrative, Moral und die leise Umformung einer Republik.

Das Gespräch
Christophe Lüttmann

Lieber Ralf M. Ruthardt, bevor wir in die Tiefe gehen: Der Hayek-Club Münsterland will ein Ort sein, an dem freiheitliche Gedanken gepflegt werden – ohne ideologische Vorgaben. Auch deshalb haben wir Sie eingeladen. Sie beobachten und beschreiben Narrative seit Längerem. Was hat Sie veranlasst, dieses Thema so konsequent in den Mittelpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit zu stellen?

Ralf M. Ruthardt

Es war schlicht die Erfahrung, dass sich der öffentliche Diskurs in den vergangenen Jahren über meine intellektuelle Schmerzgrenze hinaus verengt hat. Nicht die offenen Verbote als solche, sondern es ist eine Mischung aus moralischer Aufladung, medialer Wiederholung und einem sozialen Druck, der die Menschen ins Schweigen treibt. Oder mit anderen Worten: Zu viele Menschen haben sich ins Private zurückgezogen und lassen es geschehen. Ich sehe, dass Narrativen heute eine Macht zugesprochen wird, die oft jede Differenzierung verdrängt. Das ist für mich in dieser Intensität neu. Früher war Journalismus stärker an Berichten orientiert – heute zeigt sich an vielen Stellen ein politisch-moralischer Anspruch, der den Raum für Argumente kleiner macht.

Christophe Lüttmann

Sie haben im Vortrag daran erinnert, dass das Wort „Narrativ“ ursprünglich etwas ganz anderes meinte: Wissen durch Erzählen weiterzugeben. Heute aber erleben wir Narrative als Deutungsmuster, die lenken, ausgrenzen oder Polarisierung herstellen. Ich habe in meiner Begrüßung bewusst darauf hingewiesen, dass Narrative nicht durch Argumente wirken, sondern durch Wiederholung. Das ist eine stille, fast unbemerkte Macht. Wo beginnt für Sie der Kipppunkt?

Verlust der Vernunft?

Ralf M. Ruthardt

Der Kipppunkt liegt dort, wo Narrative den vernunftbasierten Diskurs ersetzen. Ein klassisches Beispiel ist die Vorstellung von „Alternativlosigkeit“, die sich in der politischen Kultur während der „Merkel-Jahre“ festgesetzt hat. Oder der Umgang mit Dissens: Wer kritisch hinterfragt, kann schnell als unsensibel, gefährlich oder problematisch markiert werden. In meinem Roman „Das laute Schweigen des Max Grund“ zeige ich diesen Mechanismus am Alltag eines Unternehmers: Menschen schweigen nicht, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil sie Sanktionen fürchten – sozial, beruflich, moralisch. Das ist eine Form schleichender Entmündigung.

Christophe Lüttmann

Diese Entmündigung findet nach meiner Wahrnehmung nicht im luftleeren Raum statt. Sie haben in Ihrem Vortrag CORRECTIV als potentielles Beispiel angeführt: eine „NGO“, die den Raum der Deutung aktiv mitgestaltet und dabei wiederum selbst Teil politischer Narrative ist. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Beispiel gewählt?

Ralf M. Ruthardt

Was vermutlich nur wenige Leute wissen: Da gibt es mit Book-Talk.de eine Plattform, auf der Online-Workshops für Autorinnen und Autoren angeboten werden, man als Leserinnen und Leser Buchtipps bekommt und sich mit anderen Literaturbegeisterten austauschen kann. Da treten dann unter anderem Literaturexperten auf, welche man von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kennt. Wenn man aufmerksam ins Impressum schaut, erkennt man, dass Book-Talk.de eine Marke der CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft gGmbH ist. Nun, für mich ist es ein prägnantes Beispiel für die Verschmelzung von Deutung, Moral und politischer Strategie. Wenn eine NGOs – teilweise auch mit öffentlichen Mitteln finanziert – Plattformen betreiben, die meiner Wahrnehmung nach Meinung generieren und gleichzeitig Minderungsmechanismen einsetzen, dann stellt sich die Frage nach Machtbalance. Bei CORRECTIV etwa frage ich mich, welche Daten gesammelt werden, wie sie bewertet werden und ob daraus Konsequenzen entstehen. Die Nicht-Antwort auf meine Presseanfrage hat an dieser Stelle wenig Vertrauen geschaffen. Narrative, die mit dem Anspruch auftreten, demokratische Hygiene zu schaffen, können faktisch selbst Debatten verengen. Meiner Einschätzung muss man sich nicht anschließen, und Widerspruch ist willkommen.

Christophe Lüttmann

In meiner Begrüßung habe ich ein anderes Narrativ genannt: das rund um das Bargeld. Da wird eine Freiheit infrage gestellt, indem Bargeld als altmodisch oder unnötig gerahmt wird. Ich habe es „gelebte Privatsphäre“ und „gelebte Mündigkeit“ genannt. Ich denke, dass das ein weiteres Beispiel dafür ist, wie politische Narrative in konkrete Freiheitsräume eingreifen?

Ralf M. Ruthardt

Absolut. Bargeld ist ja nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern dessen Einsatz im Alltag ist praktizierte persönliche Unabhängigkeit. Dabei geht es mir gar nicht darum, wie häufig jemand eine Kreditkarte nutzt – es ist die Freiheit, eine Wahl zu haben. Schließlich geben wir vielfältig – beispielsweise beim Payback – Daten über unser Einkaufsverhalten und vieles mehr ab. Da sollten wir als Menschen auf etwas Privatsphäre bestehen. Denn wenn politische oder mediale Narrative das Bargeld zu einem Problem erklären, ist das mehr als eine technische Diskussion. Es ist ein Eingriff in den letzten analogen Raum, in dem der Bürger ohne Protokollierung handeln kann. In dieser Logik sehe ich eine Dynamik, die sich an vielen Stellen wiederholt: Narrative reduzieren Komplexität – nicht, um zu informieren, sondern um Zustimmung zu organisieren.

Die Schweigespirale

Christophe Lüttmann

Im Vortrag wurde ein großer historischer Bogen gespannt – bis hin zu Noelle-Neumanns „Schweigespirale“. Ist das für Sie der zentrale Mechanismus, durch den Narrative gesellschaftliche Kraft entfalten?

Ralf M. Ruthardt

Ja, denn Narrative wirken nicht durch Wahrheit, sondern durch soziale Resonanz. Noelle-Neumann beschreibt die Isolationsfurcht: Menschen möchten nicht außerhalb der Mehrheit stehen. Wenn die gefühlte Mehrheit – oft durch mediale Wiederholung erzeugt – eine starke moralische Haltung kommuniziert, dann entsteht für viele ein Anpassungsdruck. So entsteht Schweigen. Und Schweigen erzeugt wiederum das Bild einer homogenen Öffentlichkeit. Genau das meinte ich, als ich sagte: Narrative zerstören nicht den Diskurs – sie ersetzen ihn.

Die Österreichische Schule

Christophe Lüttmann

Sie schlagen in Ihrem Vortrag eine Brücke zur Österreichischen Schule. Ohne sie explizit zu nennen, spiegeln Ihre Romane ja Positionen dieser Denkschule: Freiheit des Individuums, spontaner Ordnungsvorrang vor Konstruktion, Warnung vor schleichendem Autoritarismus. Es ist erkennbar, dass Hayek für Sie gut in die Gegenwart passt.

Ralf M. Ruthardt

Hayek geht von einer entscheidenden Frage aus: Wer bestimmt, was richtig ist – und wer bestimmt, dass diese Bestimmung legitim ist? Die Österreichische Schule vertraut darauf, dass Ordnung aus Freiheit entsteht, nicht aus Planung. Und sie erkennt die Gefahr, dass „gut gemeinte“ Politik schrittweise in Kontrolle umschlägt. Wenn ich heute beobachte, wie moralische Narrative politische Entscheidungen legitimieren sollen, dann ist Hayeks Warnung vor der „Anmaßung von Wissen“ aktueller denn je. In meinen Romanen versuche ich, das auf meine eigene Art und Weise literarisch sichtbar zu machen.

Christophe Lüttmann

Im Vortrag haben Sie auf Ihre umfassenden Recherchen zu klimaorientierten NGOs verwiesen – als Hintergrund für Ihren Roman „Untergang der GREEN“. Wenn Sie über Narrative sprechen: Wo sehen Sie dort die stärkste Reibung?

Ralf M. Ruthardt

In der moralischen Absolutheit. – Wenn Klimapolitik von einem „Überlebensnarrativ“ getragen wird, wie ich es im Roman formuliere – „Es geht um Leben oder Tod!“ –, dann verschwindet die Debatte. Es entsteht ein Freund-Feind-Schema: Wer widerspricht, wird zum Leugner oder Gefährder erklärt. Damit entzieht sich das Thema dem Diskurs und gleitet in einen missionarischen Modus. Das halte ich – unabhängig von der Sachebene – für gefährlich. Denn Freiheit lebt von der Möglichkeit, auch grundlegende Fragen stellen zu dürfen.

Freiheit braucht Mut

Christophe Lüttmann

Wenn wir beide über Freiheit sprechen, reden wir nie romantisch darüber. Sondern nüchtern. Freiheit braucht Mut – und sie braucht die Bereitschaft zum offenen Diskurs.

Ralf M. Ruthardt

Narrative sind mächtig – aber sie sind nicht naturgegeben. Wir können sie hinterfragen. Wir können uns ihnen per Vernunft entziehen. Und wir können eigene, alternative Gedankenräume eröffnen. Freiheit entsteht nicht durch bequemes Mitlaufen, sondern durch argumentierendes Aufrechtstehen. Wenn wir das nicht tun, segeln wir weiter im Windschatten der Narrative – und merken erst spät, dass wir längst die Kontrolle über den Kurs verloren haben. Nun, wenn wir hier schon unter dem Logo des Hayek-Club Münsterland e. V. stehen und miteinander sprechen, lieber Christophe Lüttmann, dann sollten wir die Österreichische Schule – auch Wiener Schule genannt – einmal mehr bemühen.

Christophe Lüttmann

Unbedingt. Ich hatte großes Glück, bei Rahim Taghizadegan, Eugen-Maria Schulak und Gregor Hochreither den zertifizierten Lehrgang „Einführung in die Wiener Schule“ zu absolvieren. Der Lehrgang hat an der Universität im schönen Wien stattgefunden und die Erkenntnisse betrachte ich als wegweisend. Sowohl Mises als auch Hayek haben früh erkannt, dass gesellschaftliche Debatten nicht durch Fakten, sondern durch Deutungsrahmen geprägt werden – heute sprechen wir von Narrativen. Sie sahen die eigentliche Gefahr darin, dass politische Akteure diese Frames nutzen, um komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge künstlich zu vereinfachen und damit Zustimmung zu steuern.

konstruierte Erzählungen

Ralf M. Ruthardt

Bei Hayek zeigt sich besonders deutlich, wie sehr er vor ‚konstruierten Geschichten‘ warnte, die eine scheinbare Ordnung versprechen, obwohl sie die tatsächliche Funktionsweise spontaner Ordnungen verzerren. Und Mises betonte, dass Ideen und die Art, wie sie erzählt werden, letztlich der Motor jeder gesellschaftlichen Entwicklung sind – im Guten wie im Schlechten.

Christophe Lüttmann

Und deswegen nehmen wir als Schlussgedanken, dass es Perspektiven zu öffnen gilt, statt Perspektiven zu verengen. In diesem Sinne braucht es im gesellschaftlichen und politischen Diskurs möglichst viele Impulse – für die Freiheit.

Zur Person

war bei den Heeresfliegern als Hubschrauberpilot. Er studierte anschließend „Volkswirtschaftslehre mit staatswissenschaftlicher Richtung“ in Hamburg. Rund 25 Jahre war er als Finanzberater selbstständig. 2020 nahm er das Angebot von Dr. Markus Krall an und eröffnete für die DEGUSSA Goldhandel in Düsseldorf eine neue Niederlassung. Heute ist er als Unternehmensberater mit Fokus auf Edelmetalle tätig. Lüttmann ist Vorsitzender des Hayek-Club Münsterland e. V.

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