Andreas Lechner ist ein vielseitiger Kulturschaffender: Musiker, Autor, Regisseur und Mitbegründer des Berliner TOR218 Artlab. Seit Jahrzehnten bringt er gesellschaftspolitische Themen auf die Bühne, in den Film und in die Literatur – oft unbequem, stets wach und mit einem klaren Blick für gesellschaftliche Bruchstellen. In unserem Gespräch spricht er über den Wandel der Kulturszene, über Anpassungsdruck, Zensurmechanismen und die Frage, ob Kunst heute überhaupt noch frei ist – oder nur noch finanziert. Lechner bleibt ein unbequemer Zeitzeuge, der Kultur als Ort des Widerspruchs verteidigt.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Es freut mich sehr, lieber Andreas Lechner, mit Ihnen als einem „Urgestein“ der gesellschaftspolitisch aktiven Kulturszene über die Wirksamkeit von Kultur sprechen zu dürfen. Mein Eindruck ist, dass viele derer, die in der Kultur einen solchen Anspruch an sich haben, am Ziel ihrer politischen Träume angekommen sind – und jetzt von kritisch hinterfragenden Köpfen zu Beifallklatschenden mutiert sind. Liege ich Ihrer Ansicht nach völlig falsch in meiner Wahrnehmung?

Andreas Lechner

Das ist natürlich eine „heiße“ Frage. Ich komme aus einer sozialdemokratischen Zeit, wo die SPD – gerade in Bayern – „aufmüpfige Kultur“ sehr gefördert hat. In der damaligen Zeit ist die SPD im Bund in die Regierung gekommen. Nun, das Interesse an dieser kritischen politischen Kultur hat nach der Wiedervereinigung nachgelassen und die Künstler haben sich dem angepasst.

Ralf M. Ruthardt

Kann man sagen, dass durch den Wegfall des „eisernen Vorhangs“ und mit der Wiedervereinigung für die Kulturschaffenden die elementare Angst vor dem nächsten Krieg weggefallen ist – was ja zu begrüßen war – und damit verbunden auch der Klassenkampf und das Ringen um die Systemfrage?

Andreas Lechner

Man kann das natürlich schon sagen. Es ist jedoch so, dass ab 1968 die Kultur in Literatur und Film ihr Politisches Stück für Stück eingebüßt hat. Sie wurde durch Unterhaltung ersetzt, die – vor allem aus den USA kommend – mit dem Fernsehen und später dann noch weiter verstärkt durch das private Fernsehen Einzug gehalten hat. Das sind dann schon tolle Ergebnisse gewesen, wenn man den Marktinvest und die Einschaltquoten anschaut. Da sind schon auch sehr gute, gesellschaftskritische Filme mitgekommen. Aber das, was man damals schon kritisch gesehen hat, ist heute natürlich sehr, sehr einseitig geworden. Durch die Entspannungspolitik von Willy Brandt …

Ralf M. Ruthardt

… und Egon Bahr sei hinzugefügt …

Andreas Lechner

… hat sich das Feindbild durch intensiven Dialog verändert. Dann, wenn Menschen miteinander reden, bekommt man ein anderes Bild voneinander und aus Feinden können dann auch Freunde oder wenigstens friedlich zusammenlebende Menschen werden.

Ralf M. Ruthardt

Kann man sagen, dass Politiker wie Willy Brandt und Leute wie Egon Bahr dafür Sorge getragen haben, dass aus dem Feindbild Menschen herausgetreten sind, mit denen man reden und zusammenarbeiten kann? Denken wir beispielsweise später an die Gespräche von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow.

Andreas Lechner

Ja schon, wobei man natürlich auch die wirtschaftlichen Interessen nicht vergessen darf, die es auf beiden Seiten gegeben hat. Die waren natürlich auch ein Motor, um miteinander klarkommen zu wollen. Einerseits in der damaligen UdSSR der sich abzeichnende wirtschaftliche Untergang und auf der anderen Seite die Hoffnung auf eine Friedensdividende, die ja auch eine wirtschaftliche Komponente für den Westen hatte. Interessant finde ich, dass neuerdings aus dem globalen Süden eine Generation von Politikern hervorkommt, die selbstbewusst auftreten und sich vom Westen nicht mehr alles vorschreiben lassen wollen. Ich bin kein Politikwissenschaftler …

Ralf M. Ruthardt

… aber Sie sind jemand, der viel Erfahrung aus der Kulturszene mitbringt und da stellt sich mir schon die Frage, ob wir dort noch eine adäquate Wirksamkeit zu politischem Handeln haben? Eine Wirksamkeit, die aus dem kritischen Fragen und nicht aus dem Beifälligen kommt.

Andreas Lechner

Ich habe bis 1990 eine kritische Volksmusikgruppe – die Guglhupfa – gehabt. Damals sind wir auch mit Dieter Hildebrandt und im Fernsehen aufgetreten. Und schon damals wurden kritische Passagen herausgeschnitten und zwar elegant, so dass ich es zunächst kaum bemerkte. Ich erinnere mich an eine Textpassage in einem Lied, die ging so: „Dass da ein Drache sitzt im Weißen Haus, der heizt uns tüchtig ein. Rennen wir ihm doch ein bisschen einen Stachel rein“. Der Song wurde durch diese Zensur tatsächlich konsumierbarer, er eckte weniger an. Man hatte da das Gefühl, dass so mancher Redakteur sich zweimal überlegte, ob er eine heftige Provokation mitverursachen wollte oder lieber nicht. Aber wir in der Kulturszene hatten das Selbstbewusstsein, uns dagegen auch zu wehren. Nicht immer, aber durchaus. Heute gieren die Leute danach, im Fernsehen oder Radio vorzukommen. Man strebt nach Wahrnehmung und ist wohl vor allem auch wirtschaftlich motiviert. Man will ja konsumorientiert leben – auch überleben. Ich sehe da eine neue Generation von Kulturschaffenden, die nicht von den gesellschaftspolitischen Umständen getrieben sind, sich über ihr Kunstschaffen zu positionieren, eher aus einer Sehnsucht heraus im Rampenlicht zu stehen, ihr Ego zu befriedigen und getrieben sind mit der vagen Aussicht, wirtschaftlich teilhaben zu können. Früher waren die Leute mehr vom gesellschaftspolitischen Anspruch her denkend mit einer Vision, die Welt besser zu machen. Ja, man hatte auch ein Geschäftsmodell im Kopf, aber man hat sich nicht verbogen. Ein bekannter Autor soll gesagt haben: „Die Kunst, sich der Macht zu unterwerfen“. Aber stimmt das? Wenn ich jetzt an die Corona-Zeit denke: Da hatten wir von einem Tag auf den anderen eine völlig andere Gesellschaft. Du hast gemerkt, dass die Stimmung sich voll gedreht hat – und der Gedanke kam auf, wie sich wohl 1933 die Gesellschaft verändert hat und plötzlich andere an der Macht waren. Ich habe anfangs der Pandemiezeit einen befreundeten Journalisten angerufen und ihn gefragt, warum macht ihr nix? Die Theater machen nichts. Ihr in den Medien übt keinen Widerspruch. Was ist da los? – Die Kulturschaffenden haben den Kopf in den Sand gesteckt, vielleicht, weil sie fürchteten, dass ihnen der Kulturgeldhahn abgedreht wird. Fördermittel versiegen? Engagements gekündigt werden? Das ist eh ein großes Problem: Der Staat – und da reden wir dann natürlich von Politikern in ihren Ministerien – haben die Hand auf dem Geldsack. Die verteilen und da musst du als Kulturschaffender dir schon überlegen, ob du das Geld willst oder ob du in deinem Schaffen frei sein möchtest. In Summe ist das doch immer schlimmer geworden – geradezu zum Kadergehorsam. Da wurden bei der Pandemie im vorauseilenden Kulturgehorsam gegenüber der Politik die Stühle aus den Sälen gerissen, damit das mit dem Abstand eingehalten werden konnte. Da waren viel Eifer und wenig kritisches Hinterfragen am Werk. Oder doch eher, hat man am Finger geleckt und in die Luft gehoben, um zu spüren, woher der Wind nun weht, ob er sich gedreht hat, so wie mir es ein pensionierter Beamter aus dem Auswärtigen Amt, der an den Botschaften in Islamabad und im Kongo wirkte, erzählte. Denn nur so bleibt man im Sattel und seine Karriere im Blick. Oder nehmen wir heute den Krieg in der Ukraine. Das ist ja eigentlich eine Steilvorlage für die Kultur! Aber was spürt man heute davon? Früher hat sich eine Rosa Luxemburg mit den Machthabern angelegt – und verlor ihr Leben. Aber was ist heute in der Kulturszene los? Nichts oder wenig.

Ralf M. Ruthardt

Haben wir aus der Pandemie, ohne nachzudenken, die Handlungslogik übernommen, dass, wenn jemand der Mehrheit in Politik und Medien widerspricht, er sogleich ein böser Mensch ist? Wir kategorisieren ihn dann als rechts oder rechtsextrem oder keine Ahnung was …

Andreas Lechner

… ein Schwarz-Grün-Gelb-Rot-Blau-Denken … in der Vermengung braun.

Ralf M. Ruthardt

Ja, genau.

Andreas Lechner

Ich empfinde das auch so. Es hat ja schon Glaubensbezüge: Was der Staat macht, ist gut und wer eine andere These hat, der ist zu bekämpfen. Aber das ist ja nicht nur eine lokale Sache, sondern wir haben hier weltweit ähnliche Tendenzen. Dies trifft nicht nur auf die Pandemie zu, sondern auch auf zum Beispiel die Klimakrise. Da gibt es ja auch unterschiedliche Sichten. Klar, die Klimakrise und den -wandel gibt es, aber es gibt in der Wissenschaft auch Stimmen, die den kausalen Zusammenhang mit einem menschengemachten Klimawandel so nicht sehen. Da traust du dir ja nicht mal mehr darüber nachzudenken, weil das nicht ungefährlich ist. Man könnte meinen, dass da auch Geschäftsmodelle dahinterstehen und Geschäftsleute die Politik dazu motivieren, den Widerspruch oder das Darübernachdenken auszuschalten.

Ralf M. Ruthardt

International haben wir auch beim Umweltschutz viel hinbekommen. Da gibt es mit FCKW und so weiter sehr positive Beispiele. Ich meine damit zu erkennen, dass wir als Staatengemeinschaft sehr wohl gute Dinge hinbekommen. Aber heute ist die Frage, ob irgendwelche Finanz- und Geschäftsinteressen gar keine Lösung eines Problems anstreben, sondern einfach wie Raubritter durch die Landschaft ziehen und mitnehmen, was sie gar nicht ehrlich erwirtschaftet haben. Und wer will sich schon mit „Raubrittern“ anlegen? Wo sind die Kulturschaffenden, die hier mit Mut und Risikobereitschaft ans Werk gehen?

Andreas Lechner

Man schaut schon aufs Geld und wer sich mit denen, die auf dem Geld hocken, anlegt, muss sich im Klaren sein, dass es Konsequenzen hat. Nochmals ein Rückblick: Bis 1990 gab es schon eine Utopie, dass eine Gesellschaft zum Besseren gewendet wird. Sicheres Einkommen. Frieden. Gleichberechtigung. Und so weiter. Aber heute merken die Leute, dass das nichts gebracht hat. Das, was Kleist, Büchner und andere geschrieben haben – das hat in den Augen der Leute nichts gebracht. Die Menschen haben den Eindruck, dass die Wenigen, die politische und finanzielle Macht haben, das alles aussitzen. Natürlich ist durch die Kunst wahrscheinlich keine Veränderung möglich, aber es verändert das Denken, und das ist ihre Aufgabe.

Ralf M. Ruthardt

Interessant. Die Linksintellektuellen haben in der Literatur, Kunst und im Theater alles formuliert – und es hat fast nichts gebracht.

Andreas Lechner

Es fehlt uns ein Konfuzius, wie er in China auch heute noch eine Wirksamkeit hat. Bei uns tut sich doch heute keiner mehr so etwas an, weil die Gesellschaft eh nicht gleichlautend agiert. Jeder schaut nur nach sich selbst – und damit hat der Kapitalismus erreicht, was er erreichen wollte. Vor der Wende hatte das Geld eine Spiegelung gebraucht. Das ist heute nicht mehr so. Im virtualisierten Kapital brauchst du keine Kultur mehr.

Ralf M. Ruthardt

Das Vertrauen in das virtuelle Geld oder Kapital ist eine Frage von Technologie – schauen wir auf die Schöpfung des Bitcoin – und damit haben sich die Menschen auf zwei Dinge reduziert: Produktivitätsfaktor und Konsument – frei von Seele.

Andreas Lechner

Heute haben wir kein Mäzenatentum mehr. Klar, manche Reiche haben eine Stiftung und engagieren sich. Aber früher wurde Kultur von Mäzenen gestaltet. Da hatte ein privater Mäzen sein Theater. Ein anderer hatte auch eines. Und beide waren unterschiedlicher Überzeugung – und damit hat Kultur sich gerieben, und es ist ein Diskurs entstanden. Das haben wir doch heute nicht mehr. Der Nationalsozialismus ist auf dem Geldsack gesessen und hat diesen entsprechend der eigenen Interessen in die Kulturlandschaft verteilt. Hat sich das zu heute verändert? Woher kommt heute das Geld? Welche Freiheit haben heute Kulturschaffende? Hungern oder sich willfährig anpassen, könnte man sagen.

Ralf M. Ruthardt

Ich finde, lieber Andreas Lechner, dass das ein sehr nachdenkenswerter Punkt ist, den wir so stehen lassen. Dann haben Leserinnen und Leser etwas, worüber es sich unbedingt nach- und weiterzudenken lohnt. Ich danke herzlich für Ihre Zeit, für den Perspektivenwechsel zur Kulturszene und für die offenen Worte.

Zur Person

Andreas Lechner ist Autor, Regisseur, Produzent, Komponist und Schauspieler. Bekannt durch Auftritte mit seiner Musikkabarettgruppe „Guglhupfa“ u. a. mit Dieter Hildebrandt. Der vielseitige Kulturschaffende erhielt Aufträge als Librettist und Komponist im Rahmen der Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater. 2019 erschien sein Roman „Heimatgold“ im Münchner Volk Verlag. Er betreibt in Berlin die „Galerie & Bar Tor218Artlab“. Er ist Initiator der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. www.andreaslechner.eu https://www.tor218artlab.de/

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