Argentinien steht unter Javier Milei zwischen makroökonomischer Stabilisierung, sozialen Kosten und neuem Investorenvertrauen. Quentin Laumeier ordnet ein, was trägt – und welche Lehren Südamerika daraus ziehen kann.
Das GesprächPräsident Javier Milei wird international oft für fiskalische Disziplin und sinkende Inflation gelobt. Gleichzeitig bleibt die soziale Belastung in Argentinien hoch. Ist das aus Ihrer Sicht bereits eine tragfähige marktwirtschaftliche Stabilisierung – oder erleben wir bislang vor allem einen makroökonomischen Erfolg, dessen mikroökonomische Kosten politisch noch unterschätzt werden?
Die makroökonomische Stabilisierung ist aus meiner Sicht real. Milei hat ein hochinflationäres Land auf dem Weg in eine neue Wirtschaftskrise übernommen. Die Senkung der Inflation, die laufende Deregulierung und ein wieder steigendes Investorenvertrauen sind daher wichtige Fortschritte. Gleichzeitig wurden Preisobergrenzen und Subventionen aufgehoben, was zu spürbaren Preissteigerungen geführt hat, während Renten und Sozialleistungen nicht im gleichen Maß angepasst wurden. Entscheidend wird nun sein, ob daraus reale Wertschöpfung im Land entsteht. Erst im historischen Rückblick wird sich eindeutig zeigen, ob die Reformen langfristig erfolgreich sind.
Sie beobachten Argentinien stark aus einer industrie- und investitionsnahen Perspektive. Wo sehen Sie unter Milei bislang die belastbarsten Signale für reales, produktives Wachstum – etwa in Energie, Bergbau oder Infrastruktur – und woran würde sich entscheiden, ob daraus mehr wird als ein kurzfristiger Rohstoff- und Reformoptimismus?
Ein Blick auf den Kupfersektor zeigt die Dynamik in Argentinien besonders deutlich. Aktuell fördert das Nachbarland Chile jährlich rund 5,3 Millionen Tonnen Kupfer, wodurch im Bergbau über 700.000 Arbeitsplätze entstanden sind. Argentinien hingegen fördert trotz ähnlicher Geologie entlang der Anden lediglich etwa 18.000 Tonnen pro Jahr. Allerdings laufen derzeit verschiedene Projekte an, die die Förderung bis Mitte des nächsten Jahrzehnts auf mindestens 30 Prozent der chilenischen Produktion anheben könnten. Hervorzuheben ist auch der Öl- und Gassektor, insbesondere das Schieferöl- und Gasfeld Vaca Muerta, das Argentinien bereits vom Nettoimporteur zum Energieexporteur gemacht hat. Die Sektoren Öl, Gas und Bergbau sind zudem wichtige Treiber einer Modernisierung der maroden Infrastruktur sowie einer gewissen Reindustrialisierung. So ermöglicht der Gassektor beispielsweise Milliardeninvestitionen in die Düngemittelproduktion. Gleichzeitig entstehen auch in anderen Sektoren wie der Fahrzeugbranche oder dem Lebensmittelsektor neue Fabriken. Am Ende wird entscheidend sein, wie viel Industrie tatsächlich entsteht, sei es durch inländische oder durch ausländische Investitionen.
Argentinien wird derzeit in Europa oft als libertäres Reformexperiment gelesen. Ist das Land aus Ihrer Sicht tatsächlich ein Modellfall für andere Staaten Lateinamerikas – oder ist seine Lage wegen der extremen Vorkrise, der Inflationsdynamik und der institutionellen Besonderheiten so speziell, dass einfache Übertragungen auf Länder wie Brasilien, Chile oder Peru eher in die Irre führen?
Argentinien ist tatsächlich ein Sonderfall, auch innerhalb Lateinamerikas, da sich wirtschaftsliberalere und restriktive Regierungen seit den 1930er-Jahren über Jahrzehnte hinweg abwechselten, begleitet von stetig wechselnden Regelungen für die Gesamtwirtschaft. Das Land hat zudem mehrere gescheiterte Reformversuche hinter sich, die die Lage im Endeffekt noch verschärften, zunächst in den 1990er-Jahren unter Präsident Menem und zuletzt von 2015 bis 2019 unter Mauricio Macri. Das Gesamtbild stellt sich in anderen südamerikanischen Ländern differenzierter dar. Brasilien als größter Binnenmarkt des Kontinents hat zum einen infrastrukturelle Herausforderungen, zum anderen ist das Steuersystem extrem komplex. Die Hauptherausforderungen in Peru sehe ich darin, dass die Wirtschaft kaum diversifiziert ist, die geografischen Gegebenheiten den Ausbau von Infrastruktur erschweren und die politische Instabilität hoch ist. So hatte Peru in den letzten zehn Jahren neun Präsidenten. Chile ist stark vom Kupferbergbau abhängig. Gleichzeitig gab es dort in den letzten Jahren keine vergleichbaren wirtschaftspolitischen Umbrüche, was für eine höhere Stabilität und bessere Planbarkeit spricht. Es gibt dennoch einige Punkte, die andere Länder übernehmen können. Dazu zählen grundlegende wirtschaftliche Prinzipien, die in Argentinien aktuell zum Tragen kommen, wie Haushaltsdisziplin, der Abbau von Subventionen für nicht überlebensfähige Sektoren oder bessere Rahmenbedingungen für Investitionen, etwa im argentinischen Fall das RIGI. Da Argentinien auf dem Weg in eine erneute Wirtschaftskrise war, musste massiv gegengesteuert werden. Die Schocktherapie war in diesem Kontext eine Reaktion auf eine außergewöhnliche Ausgangslage und kein allgemeines Modell für die Region. Andere Länder können daher moderatere Reformansätze verfolgen, um gar nicht erst in die Lage Argentiniens zu kommen.
Wenn man den Blick von Argentinien auf Lateinamerika insgesamt weitet: Welche drei Faktoren werden in den kommenden Jahren entscheidend dafür sein, ob die Region wirtschaftlich aufholt – mehr Marktöffnung und Rechtssicherheit, mehr industrielle Eigenständigkeit oder vor allem politische und institutionelle Verlässlichkeit? Und welche Lehre liefert der Fall Milei dafür bereits heute?
Aus meiner Sicht ist politische und institutionelle Verlässlichkeit der zentrale Faktor, da sie die Grundlage für Rechtssicherheit, Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung bildet. In Argentinien kam es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Enteignungen von Unternehmen. Der letzte größere Fall war die Enteignung von YPF im Jahr 2012 aus politischen Gründen. Diese Enteignung zerstörte das Investorenvertrauen und führte zu langwierigen Rechtsstreitigkeiten, die teils bis heute andauern. Ein weiteres Beispiel ist das sehr weit ausgelegte Gletscherschutzgesetz, das Bergbauinvestitionen verhinderte, da unklar war, wo die von der Regierung als schützenswert eingestuften Gebiete beginnen und wo sie enden. Auch das Arbeitsrecht wurde von vielen Unternehmen als sehr restriktiv wahrgenommen, da es Arbeitgeber unter einen Generalverdacht stellt. Unter solchen Bedingungen entstehen weder langfristige Investitionen noch nachhaltige Beschäftigung. Eine weitere Marktöffnung ist grundsätzlich sinnvoll. Insbesondere ein besserer Zugang zu Investitionsgütern wie Maschinen, Technologie und Vorprodukten kann die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie steigern. Bestehende Unternehmen brauchen eine gewisse Übergangsphase, um sich den veränderten Wettbewerbsbedingungen anzupassen. Den Import von Endprodukten sollte man aus meiner Sicht langsamer erleichtern, da wir aktuell bereits sehen, dass verschiedene Unternehmen ihre Mitarbeiter entlassen, um reine Importeure von asiatischen Endprodukten zu werden. Die Wertschöpfung findet also nicht mehr im Land statt. Problematisch an einer langsameren Öffnung wäre, wenn man verschiedene Industrien als relevant einschätzt und somit dauerhaft unproduktiv arbeitende Unternehmen schützt. Die industrielle Eigenständigkeit ist kein Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis funktionierender Rahmenbedingungen. Wenn politische Stabilität, Rechtssicherheit und offene Märkte gegeben sind, entsteht Industrie durch Angebot und Nachfrage. Der Fall Argentiniens und der Regierung Milei zeigt, dass konsequente Reformen die Glaubwürdigkeit eines Landes, das zuvor international bereits abgeschrieben war, zurückbringen und für Investitionsschübe sorgen können.
Zur Person
Quentin Laumeier ist polyglotter Industrieexperte mit über zwölf Jahren Berufserfahrung. Er verbindet technisches Know-how mit Marktkenntnis in Europa und Südamerika und unterstützt Unternehmen beim Aufbau tragfähiger internationaler Geschäftsbeziehungen.



