Am 27. Januar 2026, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, führte Ralf M. Ruthardt ein ausführliches Gespräch mit Tim Kurockin. Der 21-jährige Student engagiert sich seit Jahren in der jüdischen Community, in der politischen Bildungsarbeit und in der Antisemitismusprävention. Im Interview spricht er über seine Motivation, seine familiären Wurzeln, seine Identität als junger Jude in Deutschland und über die Wirksamkeit persönlicher Begegnungen – insbesondere im Rahmen des bundesweiten Projekts „Meet a Jew“.
Das GesprächEs freut mich, lieber Tim Kurockin, dass wir uns über jüdisches Leben in Deutschland austauschen dürfen und im Laufe unseres Gesprächs etwas über das Projekt „Meet a Jew“ erfahren werden. Wer sind Sie und was machen Sie, wenn Sie nicht gerade für Public & Nonprofit Management studieren?
Antisemitismus aktiv bekämpfen
Ich bin 21 Jahre alt und studiere jetzt seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Ursprünglich komme ich aus der Oberpfalz. Ehrenamtlich bin ich in mehreren jüdischen Communities aktiv. Dabei fokussiere ich mich auf die politische Arbeit. Zum einen ist das die Antisemitismusbekämpfung und zudem das Sichtbarmachen jüdischen Lebens. In der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands bin ich Mitglied im Vorstand. Es ist eine der größten Interessenvertretungen für junge jüdische Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren in Deutschland. Wir vertreten rund 25.000 Menschen. In Berlin habe ich einen jüdischen Studierendenverband gegründet. Da geht es auch um die Pflege der Community. Zu jüdischen Feiertagen machen wir Veranstaltungen oder wir kommen einfach so ein bisschen zusammen. Zudem machen wir politische Arbeit – was speziell in Berlin natürlich sehr viel mit dem Thema Antisemitismus zu tun hat. Da geht schon einiges Irritierende auf dem Uni-Campus ab. Und mit Blick auf die Landtagswahlen in Ostdeutschland sind für uns die Prognosen der AfD nicht beruhigend.
Lassen Sie uns einen Schritt zurückgehen. Wie kam es dazu, dass Sie sich so umfassend für jüdische Menschen engagieren?
Ich glaube, das war so ein Schritt-für-Schritt-Ding. Wir haben in Amberg eine kleine jüdische Gemeinde, mit der ich aufgewachsen bin. Da gab es keine Strukturen für eine umfassende Jugendarbeit, aber in der Gemeinde habe ich den Flyer „Meet a Jew“ in die Hände bekommen. Ich fand es total interessant: Das Konzept, dass man einfach in die Schulen geht und mit jungen Leuten spricht, ist ein niedrigschwelliges Angebot. Es ist so, dass in der jüdischen Gemeinschaft die jungen Leute sehr, sehr aktiv sind. Sei es in der Jugendarbeit, sei es im Engagement innerhalb der Community. Es ist ein sehr aktives Netzwerk und so bin ich da irgendwie reingerutscht und fühle mich sehr wohl.
Die Nachnamen geben hin und wieder einen interessanten Aufschluss. Wir „Ruthardts“ kommen beispielsweise aus Prag und die Reformation hat uns in Teilen ins Württembergische gebracht. Wenn ich auf Ihren Nachnamen blicke, dann kommt dieser vermutlich aus dem Slawischen.
Genau. Meine Eltern sind 1996 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Sie sind wie 90 % der jüdischen Community als Kontingentflüchtlinge hergekommen. Knapp die Hälfte der Jüdinnen und Juden in Deutschland haben einen ukrainischen Familienhintergrund.
Das hat damals die jüdischen Gemeinden in Deutschland gestärkt, dass neue gläubige Mitglieder hinzugekommen sind.
Ja, wobei man sagen muss, dass die Beschreibung „gläubig“ nicht pauschal verwendet werden kann. In der damaligen Sowjetunion wurden die Menschen ja nicht in ihrem Glaubensverständnis gefördert. Das Gegenteil war der Fall. Und zudem war das politische System sehr antisemitisch geprägt. Die meisten Leute hatten keinen tiefen religiösen Zugang gehabt. Es ist mehr die kulturelle Verbindung und die Ethik gewesen, die für eine bewusste jüdische Identität gesorgt hat. Man muss sich das vorstellen: Da sind die Kontingentflüchtlinge hierher nach Deutschland gekommen und konnten ihre jüdische Identität wieder stärker ausleben. Sie haben gesagt: „Hey, wir wollen uns in unserer Community engagieren und sichtbar sein.“
Ging es um die jüdische Identität und um die israelische Identität? Oder ist das zu trennen?
Die Frage der Bedeutsamkeit der jüdischen Identität selber ist für sich genommen ein viel diskutiertes Thema innerhalb der Community. Die jüdische Gemeinschaft ist in den vergangenen Jahrhunderten sehr viel migriert. Deswegen ist da oft ein gewisser Zwiespalt: Sehe ich mich zum Beispiel als Deutscher oder bin ich jüdisch – oder ist beides auf einer Ebene? Das ist eine Frage, über die ich oft nachdenke. Ich bin in Bayern aufgewachsen und fühle mich total wohl. Gleichzeitig hat es etwas Seltsames, im Klassenzimmer auf ein verpflichtendes christliches Kreuz zu schauen. Viele Menschen können nicht verstehen, dass ich als Jude in vielen Dingen eine andere Lebenssituation habe. Ich verlange absolut nicht, dass jeder alles über das Judentum wissen muss. Aber es gibt einfach unterschiedliche Realitäten. Was den Bezug zum Staat Israel angeht: Bei mir und beim Großteil der jüdischen Gemeinschaft besteht eine sehr, sehr enge Bindung an Israel. Man hat Familie dort und man fühlt sich sehr verbunden. Aus meiner religiösen Sicht ist Israel der wichtigste Ort für Jüdinnen und Juden. Und gleichzeitig ist er für mich ganz persönlich der wichtigste Ort der Welt. Dort fühle ich mich sicher. Da kann ich mit einem Davidstern oder mit einer Kippa herumlaufen. Ja, vielleicht ist es in den USA ähnlich sicher – je nachdem, wo man sich gerade aufhält.
Wo bin ich „exotisch“?
In Israel bin ich nichts Exotisches. Wenn ich in Deutschland Menschen sage, dass ich jüdisch bin, dann schauen mich manche Leute an und denken, meine Familie hätte auf jeden Fall einen Bezug zum Holocaust. Oder andere Leute sagen „wow, Ihr Deutsch ist ja gut“. Juden und Jüdinnen werden erkennbar nie als wirklicher Teil der Gesellschaft betrachtet. Man wird immer irgendwie als so was Exotisches betrachtet. Was total absurd ist.
Kann es damit zusammenhängen, dass in Deutschland ein begründetes kollektives Schuldgefühl besteht? Und liegt es teilweise auch darin begründet, dass man so wenigen Menschen mit einer jüdischen Identität im Alltag begegnet? Vergleichen wir es mit Menschen muslimischen Glaubens beziehungsweise mit einer Herkunft aus einem islamisch geprägten Land. Ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Verein – der Begegnungen sind viele. Also: eine quantitative Frage?
Ja, sicherlich. Jüdisches Leben ist häufig nicht sichtbar. Es sind jedoch mehrere Faktoren. So gab es nach der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten keine wirkliche Aufarbeitung in Deutschland. Schaut man sich heute die Zahlen zum Antisemitismus an, ist kein Ende des Antisemitismus zu erkennen.
Ist jüdisches Leben sichtbar?
Ein gewisser Grundantisemitismus ist vorhanden; ähnlich wie sich das auch mit Rassismen verhält.
Kann man sagen, dass bei spontanen Begegnungen mit jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein gewohnter Umgang fehlt? Oder hat es etwas mit Bildung zu tun?
Es gibt dieses Bild, dass nur ein blöder „Nazi-Dorftrottel“ antisemitisch und rassistisch sein könne. Der Antisemitismus geht jedoch durch alle Gesellschaftsbereiche und -schichten und ist vielfältig. Da gibt es den auf Israel bezogenen Antisemitismus. Es gibt den rassenbezogenen Antisemitismus. Es gibt den religiösen Antisemitismus – und viele weitere Motive lassen sich anführen. Es hängt von der jeweiligen Person ab und besorgt schaue ich auf den politischen Wandel in Deutschland, wo eine rechtsextreme Partei am Wachsen ist. Und der Blick auf die politische Linke beruhigt keinesfalls. Im Bereich des Linksextremismus nehmen die Zahlen antisemitischer Übergriffe ebenfalls zu. Mit ein Grund sind die dort anzutreffenden islamistischen Strukturen.
Es gibt reichlich Programme, um Antisemitismus zu begegnen. Das erscheint durch die unterschiedlichen Beweggründe erschwert, die Menschen mit Blick auf jüdisches Leben und den Staat Israel motivieren.
Genau. – Schauen wir uns Politik im Kontext von Antisemitismusbekämpfung an. Da wird der Begriff oft für die jeweiligen politischen Zwecke instrumentalisiert. Heute ist der 27. Januar – und alle posten „Nie wieder ist jetzt“. Das ist mittlerweile fast nur floskelhaft‚ weil in der realen Politik nur wenig gegen Antisemitismus getan wird. Die politische Rechte verwendet „Antisemitismus“, um gegen Muslime und linke Politik zu hetzen. Die linken Gruppen sind wenig selbstkritisch und nutzen den Kontext, um sich gegen rechts zu positionieren.
Es scheint jeder sein eigenes Narrativ stärken und seine eigenen Ziele verfolgen zu wollen. Und Ihrer Argumentation folgend sind dabei die jüdischen Menschen nicht der eigentliche Gegenstand der Betrachtung.
„Meet a Jew“ - was ist das?
Ja, so sehe ich das. – Natürlich gibt es in der Politik super Leute. Mit vielen sind wir im ehrlichen Austausch. Aber da muss man immer genau hinschauen.
Da scheint das Projekt „Meet a Jew“ für die Begegnungen zu sorgen, die jüdisches Leben präsent macht, Hemmschwellen abbaut und einen Perspektivwechsel bietet.
Ich bin Teil des ehrenamtlichen Netzwerks „Meet a Jew“ und bin regelmäßig bei Begegnungen. Wir gehen in Schulklassen, es gibt Fortbildungen für Lehrkräfte und vieles mehr. Wenn wir beispielsweise in eine Schulklasse gehen, dann kommen wir in der Regel im Tandem. Es geht uns nicht darum, den Religions-, Geschichts- oder Politiklehrer zu geben. Es geht um uns und unseren jüdischen Alltag. Wir erzählen, wie wir unsere Feiertage begehen. Oft fragen muslimische Schüler, was der Unterschied zwischen Halal und Koscher ist. Dann erkläre ich: „Hey, alles, was koscher ist, ist halal. Aber nicht alles, was halal ist, ist koscher.“ Der Hauptzweck dieser Begegnungen ist es, jüdisches Leben sichtbar zu machen. Ich blicke auf mehr als 100 solcher Treffen zurück und ich kann sagen, dass es uns gelingt, Vorurteile abzubauen und Gespräche auf Augenhöhe zu führen. Dies gelingt auch deshalb so gut, weil wir nicht als repräsentative jüdische Menschen kommen, sondern wir sind so, wie wir sind: Jeder führt sein eigenes jüdisches Leben.
Danke, Tim Kurockin, für Ihre Zeit, Ihr Engagement und für das inspirierende Gespräch.
Zur Person
Tim Kurockin, geboren 2004 in Amberg (Oberpfalz), studiert Public und Nonprofit Management in Berlin. Er ist Vorstand der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD) und Mitgründer des jüdischen Studierendenverbands Berlin. Seit 2021 engagiert er sich aktiv im bundesweiten Bildungsprojekt „Meet a Jew“ und setzt sich für die Sichtbarmachung jüdischen Lebens sowie für Antisemitismusprävention an Schulen und Hochschulen ein.
