Die Hamburger Körber-Stiftung zählt zu den bedeutendsten privaten Stiftungen Deutschlands. Sie wurde 1959 von dem Unternehmer und Erfinder Kurt A. Körber gegründet – mit dem Ziel, gesellschaftliche Verantwortung und unternehmerisches Denken miteinander zu verbinden. Heute engagiert sich die Stiftung in zahlreichen Themenfeldern, von Bildung und Wissenschaft über internationale Verständigung bis hin zu Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Im Gespräch mit Julian Claaßen, er verantwortet den Bereich Kommunikation der Körber-Stiftung, und Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Demokratie und Zusammenhalt, geht es um die Frage, wie gesellschaftlicher Dialog gelingen kann – in Zeiten wachsender Polarisierung, digitaler Entfremdung und schwindender Orte der Begegnung. Das Gespräch zeigt eindrucksvoll, wie die Stiftung versucht, aus ihrer hanseatischen Tradition heraus Brücken zu bauen: zwischen Meinungen, Milieus und Generationen.
Das GesprächLassen Sie uns mit der Frage nach der Motivation des Stifters beginnen, welcher bereits Ende der 1960er-Jahre sein gesellschaftliches Engagement in der Körber-Stiftung institutionalisierte.
Ich steige mit einem Gedanken ein, den unser Stifter niedergeschrieben hat. Er legt den gesellschaftlichen und unternehmerischen Erfolg von Kurt A. Körber sehr anschaulich dar. Körber war als Unternehmer immer auf der Suche nach der entsprechenden Marktlücke. Es galt, als Erster und zur richtigen Zeit den Markt mit Innovationen zu versorgen. Dabei galt seine Aufmerksamkeit nicht nur dem Produkt, sondern er hatte auch den Blick auf die Abnehmer dieses Produktes. Diesen unternehmerischen Gestaltungswillen hat er auch auf die Gesellschaft übertragen. So, wie er Marktlücken im unternehmerischen Umfeld gesucht hat, hat er die Felder gesehen, in welchen der Staat noch nicht tätig war, es aber Not zu wenden galt. So engagierte sich Körber in Themenfeldern, die nicht genuine Aufgabe des Staates sind oder wo dem Staat die Mittel fehlen.
Ich erkenne in Ihrer Beschreibung einen Unternehmer, der als Stifter den Willen hatte, die Gesellschaft mitzuprägen. Lassen Sie uns Kurt A. Körber verstehen.
Er war ein bemerkenswerter Unternehmer, Ingenieur und Kulturförderer – eine Persönlichkeit, die wirtschaftlichen Erfolg konsequent mit gesellschaftlicher Verantwortung verband. Der Gesellschaft etwas zurückzugeben, war ihm ein Anliegen. Ich denke, wir müssen in sein Elternhaus hineinblicken, um Körber besser zu verstehen. Er hat eine eher sozialistische Erziehung erhalten. Seine Mutter engagierte sich für die USPD – also die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das war eine linkssozialistische Abspaltung der SPD während des Ersten Weltkriegs. Auch stand seine Mutter den revolutionären Ideen Rosa Luxemburgs nahe.
Bei ihm verband sich der ausgesprochen erfolgreiche industrielle Unternehmer und Ingenieur, der in Hamburg ein großes Vermögen gemacht hat, mit dem Bürger, der diesen wirtschaftlichen Erfolg mit der Gesellschaft teilen wollte. Im Land der Dominanz der Geisteskultur, der Denker und Dichter hat gerade der technische Berufsstand immer auch nach Wegen gesucht, gesellschaftliche Anerkennung zu gewinnen und mitzugestalten.
Diese Einstellung spiegelt sich auch in einem Zitat von Kurt A. Körber: „Für mich ist die Stiftung nicht irgendein persönliches Hobby, das ich mir leiste, wie andere sich aufwendige Hobbys leisten, sondern meine Lebensaufgabe sehe ich darin verwirklicht, dass ich die ökonomische Zielsetzung, nämlich ein Unternehmen aufzubauen und materielle Gewinne zu erzielen, verbunden habe mit der sozialkulturellen Zielsetzung, die Gesellschaft, in der und von der ich lebe, durch gemeinnützige Aktivitäten zu stärken.“
Nachdem wir uns ein Bild vom Stifter machen konnten, sollten wir auf die Stiftung als solche eingehen.
Als Körber-Stiftung legen wir großen Wert darauf, weltanschaulich, religiös und parteipolitisch unabhängig zu bleiben. Wir sind eine Unternehmensbeteiligungsstiftung und Alleinaktionärin der Körber AG. Die Körber AG ist ein weltweit operierender Technologiekonzern, mittlerweile mit 13.000 Mitarbeitenden. Aus dieser Beteiligung erhalten wir eine jährliche Dividende. Zusätzlich sind wir in Immobilien investiert. So konnten wir beispielsweise in 2024 rund 28 Millionen Euro für unsere gemeinnützige Arbeit aufwenden. Dabei nimmt die Körber AG keinen Einfluss auf unsere operative Arbeit und umgekehrt nimmt die Stiftung keinen Einfluss auf das Unternehmen. Es gibt da eine ganz klare Trennung.
Wie lässt sich der Stiftungsauftrag in einem Satz beschreiben?
Gesellschaft besser machen. Das ist der Claim unserer Stiftung und zugleich die Vision. Und: Wie machen wir die Gesellschaft besser? Mit dieser Frage kommen wir zur Mission unserer Stiftung und zu unserem operativen Stiftungshandeln. Wir haben zwei Themenschwerpunkte: Polarisierung begegnen; also wie reagieren wir auf die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft. Und wir wollen als Stiftung Europa stärken.
Lassen Sie uns den Fokus auf die polarisierte Gesellschaft legen und greifen wir dazu das Projekt „Respekt im Rat“ heraus. Das erscheint mir als ein aktuelles und wichtiges Projekt zu sein, weil Zivilgesellschaft und Politik dort unmittelbar eine Schnittmenge bilden.
Begegnung ermöglichen – Teilhabe stärken
Dazu wird Sven Tetzlaff gleich einen Einblick geben. – Ich möchte zuvor einige weitere Beispiele unseres Handelns anführen, damit das Spektrum deutlich wird. Da geht es in Projekten unter anderem um die Stärkung von Ehrenamtlichen. In anderen Projekten geht es um das Fördern von digitaler Teilhabe und Medienkompetenz bei älteren Leuten und auch bei Kindern und Jugendlichen. Wir bieten Menschen einen ganz besonderen Begegnungsort: das Körber-Haus in Hamburg-Bergedorf. Es ist ein offener, kommerzfreier Raum, ein Treffpunkt für alle Generationen und Kulturen. Hier kann man sich ehrenamtlich engagieren, unsere Angebote nutzen oder Veranstaltungen der Körber-Stiftung besuchen. Es sind also Orte, wo Menschen miteinander in den Dialog kommen. Einen Raum für den sachlichen Diskurs und die Debatte bieten wir auch mit unserem KörberForum in der HafenCity. Dort bieten wir der Bürgergesellschaft jährlich rund 80 kostenfreie Veranstaltungen zu aktuellen und gesellschaftlich relevanten Themen an. Themen, die die Menschen bewegen.
Mit diesen dialogfördernden Plattformen war die Körber-Stiftung quasi der Zeit voraus: Denn man bietet das ja schon seit langer Zeit an und nicht erst neuerdings, wo man eine Spaltung der Gesellschaft fühlt.
Richtig, das Dialogische verfolgt unsere Stiftung seit Anbeginn. Dafür steht auch der Bergedorfer Gesprächskreis – unser ältestes Projekt und das einzige, das so explizit in unserer Satzung genannt wird. Seit 1961 diskutieren hier hochrangige internationale Expertinnen und Experten in vertraulicher Runde Grundfragen deutscher und europäischer Außen- und Sicherheitspolitik. Er gründet auf der Überzeugung, dass – vor allem in Zeiten politischer Konflikte – es immer besser ist, miteinander als übereinander zu reden.
Lassen Sie mich eine Zwischenfrage stellen. Hintergrund ist, dass ich mich in den vergangenen Monaten intensiv mit intersektoraler Governance beschäftigt habe. Also die gemeinsame Wirksamkeit von Zivilgesellschaft, Unternehmen und öffentlicher Hand. Dabei sind mir auch Expertinnen und Experten beispielsweise der HERTIE STIFTUNG und der BERTELSMANN STIFTUNG begegnet – und mit ihnen die Frage einer politischen Verortung. Daher meine Frage: Lässt sich die Körber-Stiftung politisch verorten? Und falls ja, in welchem Lager?
Wie ich bereits sagte: Wir sind parteipolitisch unabhängig. Und auch bei unseren Gästen und Rednern wird diese Unabhängigkeit deutlich. Anfang 2025 hielt etwa der damalige Kanzlerkandidat Friedrich Merz eine Grundsatzrede zur Europapolitik bei unserem Körber Global Leaders Dialog. Lässt sich daraus eine parteipolitische Verortung unserer Stiftung ableiten? Nein, denn wir hatten auch schon einen SPD-Kanzlerkandidaten bei uns zu Gast. Dort, wo wir es mit gesellschaftlichen Themen zu tun haben, wird es Begegnungen mit Menschen aus der Politik geben. Aber es gibt keine parteipolitische Einflussnahme auf unsere Arbeit.
Zurück zur Polarisierung – und zu Ihrem Projekt „Respekt im Rat“. Mein Interesse daran ist sehr persönlich, da zum Zeitpunkt unseres Gesprächs im November 2025 meine Anthologie „Polarisierung – Dialog – Perspektivwechsel | Stimmen für ein offenes Miteinander in herausfordernden Zeiten“ erschienen ist. Nun, das Thema beschäftigt mich und umso mehr freue ich mich, einen Einblick ins Projekt zu bekommen. Wie dieses Projekt zustande gekommen ist und welche Mission ist damit verbunden?
In der Körber-Stiftung haben wir ab 2018 einen neuen Bereich aufgebaut. Das ist der Bereich „Demokratie und Zusammenhalt“, dessen Leitung ich übernommen und Programmlinien erarbeitet habe.
Zusammenhalt unter Druck
Hintergrund für diesen stärkeren Fokus auf die Demokratie war, dass seit der Jahrtausendwende die Zahl der liberalen Demokratien weltweit auf dem Rückzug ist, der Zusammenhalt zunehmend schwächer und Spaltungstendenzen in der Gesellschaft stärker wurden. Insgesamt ist das Klima, auch gegenüber den Vertretern der repräsentativen Demokratie, immer rauer geworden. Über das Programm „Engagierte Stadt“ war uns in der Körber-Stiftung sehr präsent, dass Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zunehmend aus der Gesellschaft angegriffen wurden. Diese Angriffe und die Verwundbarkeit der Demokratie sind in die strategische Ausrichtung meines Bereiches eingeflossen. Wir haben überlegt, wie wir Schutz, Prävention und die Unterstützung für Mandatstragende in Deutschland stärken können. Insbesondere nach der schrecklichen Ermordung des hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke 2019 ging es um die Frage, was wir als Stiftung tun können, um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Wir haben dann gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten das bundesweite Internetportal stark-im-amt.de eingerichtet als zentrale Anlaufstelle für die Mandatstragenden, die nach Angeboten für Prävention, Beratung und Soforthilfe suchen.
Um welche Art der Hilfe geht es dabei?
Das reicht vom Hinweis, wie Anzeigen gestellt werden können, bis hin zu Informationen, welche Staatsanwaltschaft zuständig ist und wie man Kontakt zur Kriminalpolizei aufnimmt. Das Portal wurde 2021 freigeschaltet. Das starke Presseecho führte zu Rückmeldungen an uns, dass auch innerhalb der kommunalen Gremien das Gesprächsklima rauer geworden ist und mitunter feindlicher geworden ist. Da wurde von Abwertungen, Ausfälligkeiten und Beleidigungen berichtet. Wenn man sich mit Befragungen beschäftigt, dann sind es 25 % bis 30 % der Mandatstragenden, die persönliche Erfahrungen mit solchen Angriffen machen mussten. Daraufhin haben wir eine Interviewstudie durchführen lassen. Dabei sind aus dem gesamten Bundesgebiet 30 Mandatstragende verschiedener Parteien, geografisch und nach Geschlechtern verteilt, befragt worden. Das Ergebnis kann man mit der Schulnote von 3 minus bis 4 zusammenfassen. – Aus diesen Erkenntnissen ist „Respekt im Rat“ entstanden.
Wie funktioniert Ihr Projekt „Respekt im Rat“?
Machen wir es konkret: Unser Projekt stellen wir in einer Ratsversammlung vor. Wir lassen dort anonymisiert Fragen beantworten und die Ergebnisse werden direkt visualisiert, anschließend tauscht sich der Rat darüber aus.
Können Sie exemplarisch zwei Fragestellungen nennen?
Beispielsweise geht es um Fragen, als wie sachlich man die Debatten erlebt, ob man persönliche Angriffe beobachtet oder ob Frauen stärker oder anders als Männer angegriffen werden. Oft ist das Ergebnis für viele Beteiligte überraschend. So manche Einschätzung, dass man „auch etwas aushalten“ müsse, relativiert sich, wenn deutliche Grenzüberschreitungen sichtbar werden.
Dialog braucht Leitplanken
Wenn sich der städtische Rat zur Projektteilnahme entscheidet, dann folgen zwei Abende, an denen wir mit Vertretern der Fraktionen zusammenkommen. Auf Basis der Rückmeldungen unserer anonymen Umfrage wird ein Gesprächskodex ausgearbeitet. Dieser wird idealerweise anschließend auch durch den Rat verabschiedet. Und: Im Optimalfall wird der Gesprächskodex Teil der Geschäftsordnung. Im sich anschließenden Zeitraum von ein, zwei Jahren bieten wir an, die anonyme Befragung nochmals durchzuführen. Damit kann validiert werden, ob sich irgendetwas zum Besseren verändert hat. Interessant sind auch die Rückmeldungen der Versammlungsleitenden. Das sind ja häufig die ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Und für sie bietet diese Intervention von außen eine willkommene Gelegenheit für einen Selbstverständigungsprozess über Werte und Regeln im Rat.
Unser Gemeinwesen lebt von ehrenamtlichem Engagement. Wir können über die freiwilligen Feuerwehren, das Vereinsleben, über Kirchengemeinden und vieles mehr sprechen. Die Kommunalpolitik mit ihren Stadt- und Gemeinderäten ist hier womöglich alleine deshalb oftmals spannungsgeladen, weil dort sich nicht Mitglieder zusammenfinden, die ein gemeinsames Interesse vertreten, sondern weil dort die unterschiedlichen Interessen – aus demokratischen Wahlen resultierend – aufeinandertreffen und sachlich ausgetragen werden wollen. Schreckt es Menschen vor Engagement in der Kommunalpolitik ab, weil man sich in die „Schusslinie“ persönlicher Anfeindungen begibt?
Die Frage, warum Menschen sich dort nicht engagieren, wird bei repräsentativen Untersuchungen an vierter oder fünfter Stelle genau damit beantwortet. Man will sich dem rauen, aggressiven und womöglich beleidigenden Umgang nicht aussetzen. Dem versuchen wir mit „Respekt im Rat“ präventiv entgegenzuwirken.
Als Körber-Stiftung haben wir das Projekt 2023 in drei Kommunen erprobt. Da war die Stadt Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern dabei. Buchholz und der Kreistag Rendsburg-Eckernförde haben sich ebenfalls beteiligt. Klar, wir haben nur begrenzte Ressourcen und somit haben wir uns regional fokussiert. Mittlerweile sind es sechs Kommunen, die sich unseren Kodex erarbeitet haben.
Julian Claaßen spricht von „erarbeiten“. Genau das ist uns wichtig. Denn wir wollen den Gesprächskodex nicht überstülpen. Dieser soll vor Ort erarbeitet und verabschiedet werden. Da gibt es Raum für eigene Formulierungen und damit die Würdigung spezifischer Kontexte der Beteiligten. Zwischenzeitlich gibt es eine ganze Anzahl von Kommunen, mit denen wir da unterwegs sind. So beispielsweise auch in Rheinland-Pfalz, wo im Frühjahr 2026 Kommunalwahlen anstehen.
Sicherlich gibt es auch Kommunen, wo es ein konstruktives Miteinander in den Stadt- und Gemeinderäten gibt. Gleichwohl lässt die Durchschnittsnote 3 minus bis 4 auf einen Handlungsbedarf schließen und die Anzahl der Kommunen, die sich am Projekt beteiligen, bestätigt dies. Hat auch der Bildungsgrad der Mitglieder in den Räten etwas damit zu tun, wie konstruktiv oder aggressiv schlussendlich Diskurse verlaufen?
Nein. Der Punkt ist vielmehr folgender: Auf der kommunalen Ebene war der Anteil des akademischen Bildungshintergrundes früher noch deutlich niedriger als im Bundestag. Der Anteil der akademisch Gebildeten ist auf der kommunalen Ebene in den letzten Jahrzehnten eher gestiegen. Viel stärkeren Einfluss als der Bildungsgrad nimmt aus meiner Sicht, dass die aggressive Kultur aus den sozialen Medien auch ihren Weg in den analogen Raum gefunden hat. Die eigene Meinung, das Einfordern persönlicher Gerechtigkeit steht immer mehr über dem Dialog mit anderen Vorstellungen. Das führt am Ende dazu, dass Teile der Bürgerinnen und Bürger gar nicht mehr das Bewusstsein haben, dass kommunale Entscheidungen Ergebnis eines demokratischen Prozesses in einem Rat sind. Da wird dann geschimpft, weil man die selbst vorgetragene Lösung als die einzig vernünftige ansieht.
„Amazon-Demokratie“ entgegenwirken
Und noch etwas: Soziologen sprechen von der „Amazon-Demokratie“. Man bestellt und will sofort beliefert werden. Die Leute haben keine Geduld mehr. Aber die Entscheidungsprozesse brauchen einfach ihre Zeit. Da geht es um die Forderung nach einer verkehrsberuhigten Straße – und die soll am nächsten Tag umgesetzt sein. Das muss umgehend passieren und wenn nicht, dann soll den Zuständigen „mal Beine gemacht“ werden. Das ist mittlerweile die Haltung vieler Menschen.
Sie haben die von Soziologen formulierte „Amazon-Demokratie“ genannt. Man bestellt und will sofort geliefert haben – selbst dann soll es über Nacht lieferbar sein, wenn es sich um ein völlig irrelevantes Produkt handelt. Und wir haben über die sozialen Medien gesprochen. Nun, früher gab es nicht nur die Stammtischbegegnungen in den Wirtschaften, sondern eine Fülle von nachbarschaftlichen Alltagsbegegnungen. Da haben die älteren Menschen im Sommer ihre Stühle vor’s Haus gestellt und während Enkelkinder auf der Straße oder am Straßenrand gespielt haben, wurde unter Nachbarn geplaudert. Unorganisierte Begegnungen, die wie selbstverständlich in den Lebensalltag eingewoben waren. Bei solchen Begegnungen sind Ansichten aufeinandergetroffen. Man war nicht immer einer Meinung. Man hat gestritten. Man hat vielleicht auch mal ein ungutes Wort gesagt – aber der Wind auf der Straße oder der Bierdunst in der Kneipe haben es davongetragen und bei der nächsten Begegnung war man wieder füreinander da. Ja, vielleicht etwas idealisiert oder romantisiert formuliert. Aber lassen wir es mal so stehen. Nunmehr, in den sozialen Medien und anderweitig, ist alles dokumentiert. Und noch dazu intensivieren die Algorithmen unsere Ansichten und tauchen uns in eine Bubble. Die einen in jene Bubble. Die anderen in deren Bubble. Wir haben noch keine Kultur, wie wir mit den neuen Informationstechnologien umgehen und diese uns als sozialen Wesen, die Begegnung und Dialog notwendig haben, zum Nutzen und nicht primär zum Schaden sind. Womöglich ist das Projekt „Respekt im Rat“ eines von hoffentlich vielen Instrumenten, um uns kulturell weiterzubringen und die dort erzielte, positive Wirkung in die Räume der sozialen Medien zu überführen.
Bei unserer Projektarbeit sprechen wir ja regelmäßig mit Fraktionsvertretern. Am Ende der zwei Workshops fragen wir gezielt, wie es ihnen ergangen ist. Für viele ist die Art und Weise, zusammenzusitzen und sich in einem geeigneten Rahmen mal ruhiger und selbstkritischer zu erleben, wichtig gewesen. Es sei wie das, was man von früher kenne, als man nach einer Sitzung gemeinsam in die Kneipe gegangen sei. Dort war man ja nicht der Fraktionsvertreter, der im Rat zu einer bestimmten Vorlage vorgetragen hat. Man war der Mitbürger, die Mitbürgerin und damit auf einer anderen Gesprächsebene. Was nicht jetzt heißt, dass bei unserem Workshop nicht auch Dinge aufbrechen, Verletzungen thematisiert werden, die es mal gegeben hat. Aber darüber wird dann in diesem geschützten Rahmen gesprochen und man findet sich eher wieder zusammen. Dass es diese – nennen wir es mal vereinfacht – Kneipenbegegnungen nicht mehr gibt, hat viele Gründe. Man hat nur noch wenig Zeit. Die Gesellschaft hat sich individualisiert und im ländlichen Raum gibt es zum Teil die Kneipen und Wirtschaften nicht mehr. Unsere sozialen Kontakte haben sich verändert und verändern sich noch. Also bringen wir uns als Körber-Stiftung ein, damit sich in der Gesellschaft etwas zum Besseren ändert. Ganz im Sinne unseres Stifters.
Womöglich heilt uns Menschen das Analoge, inmitten einer digitalen Welt. Vielleicht wird der Umgang mit den digitalen Medien in ein paar Jahren ein völlig anderer sein, wenn wir aus dem Erlebten Konsequenzen gezogen und uns und unsere Alltagsgestaltung neu geordnet haben.
Es ist doch allgemein bekannt, dass gerade jene Posts reichweitenstark sind, die emotional überzeichnet oder polarisierend daherkommen. Dafür sorgen die Algorithmen der Plattformbetreiber. Es ist eine Entwicklung, die wir mit Sorge beobachten.
Begegnung statt Bildschirm
Mir liegen die Begegnungsorte am Herzen. Ich glaube nicht, dass das Analoge auf dem Rückzug ist. Ganz im Gegenteil. Denn wir merken bei unserer Arbeit als Stiftung, dass wir für Räume der Begegnung sehr großen Zuspruch erhalten. Zum einen nach der Coronazeit, die gefühlt lange hinter uns liegt, aber faktisch noch gar nicht so lange vorbei ist. Wir haben uns große Sorgen gemacht, ob unser KörberForum überhaupt wieder angenommen wird. Ähnlich, wie sich Theaterbetreiber gesorgt haben, wie sich das Publikum nach der Pandemie verhalten wird. Und was sehen wir heute: Unsere Veranstaltungen werden sehr gut angenommen. Man könnte sagen, dass die Leute fast danach lechzen, Informationen und Expertise aus erster Hand zu bekommen. Sich nach einem Vortrag vor Ort noch austauschen zu können. Mein Fazit: Diese analogen Orte sind ausgesprochen wichtig. Es kommt noch etwas hinzu, was ich zu unserem Gespräch bezüglich „Respekt im Rat“ und zur Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, anmerken möchte. Es ist etwas anderes, wenn ich mir im KörberForum einen Vortrag anhöre und anschließend mit dem Mikrofon in der Hand eine Frage stelle oder eine Meinung äußere. Ich sehe alle Leute und all die Leute sehen mich. Man stellt sich kurz mit seinem Namen vor und die 250 Menschen im Saal verbinden damit das Gesicht. Das baut eine Hürde auf – die in den sozialen Medien fehlt. Vor allem dann, wenn die Leute mit einem Pseudonym unterwegs sind.
Letzten Endes konstituiert den Menschen Verbundenheit, die über seine Familie hinausreicht. Man will sich auch verbunden wissen. Mit der Nachbarschaft oder mit seinem Sportverein. Man kann und will nicht die ganze Zeit im „Kampfmodus“ durch das Leben gehen. Das schafft keine Wohlfühlmomente – und diese benötigen wir.
Unser Gespräch durften wir mit der Motivation von Kurt A. Körber beginnen, der Gesellschaft als erfolgreicher Unternehmer etwas zurückzugeben – damit sich etwas zum Besseren wendet. Schlussendlich können wir es allseits als eine Aufforderung verstehen, unserem Nächsten eine Hilfe zu dessen Wohlergehen zu sein. Ein freundliches Wort. Ein konstruktives Argument. Eine gute Tat. Und eine Hand, die zur Versöhnung und zum Miteinander ausgestreckt ist.
Zur Person
Julian Claaßen ist seit 2023 Leiter Bereich Kommunikation der Körber-Stiftung. Zuvor war er mehrere Jahre als Pressereferent für die Körber-Stiftung sowie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.
Sven Tetzlaff leitet seit 2018 bei der Körber-Stiftung den Bereich Demokratie und Zusammenhalt. Unter seiner Leitung entstanden unter anderem Initiativen wie das Portal Stark im Amt und das bundesweite Projekt Respekt im Rat, das sich für eine wertschätzende politische Kultur in Kommunalparlamenten einsetzt.
