Wie gelingt es Familienunternehmen, über Generationen hinweg erfolgreich zu bleiben? Prof. Dr. Heiko Kleve, Geschäftsführender Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU), gibt spannende Einblicke in die besondere Dynamik von Unternehmerfamilien, ihre Herausforderungen und die Rolle von Emotionen, Loyalitäten und Konflikten. Ein Gespräch über die Bedeutung von Family Governance, transgenerationale Prägungen und die Kunst, Tradition mit Fortschritt zu verbinden.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Ich freue mich sehr, dass wir uns hier in Berlin zum Gespräch treffen. Sie sind, Herr Prof. Dr. Heiko Kleve, Geschäftsführender und Akademischer Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU) an der privaten Universität Witten/ Herdecke. Nun ist das WIFU in der Hochschullandschaft in Deutschland etwas Besonderes, weil sich dort mittelständische und große Familienunternehmen engagieren.

Heiko Kleve

Ja, es sind Familienunternehmen, die sich in der WIFU-Stiftung einbringen. Die Stiftung wiederum trägt maßgeblich die Finanzierung unseres Instituts. Das WIFU hat drei Forschungs- und Lehrbereiche: Betriebswirtschaftslehre, Rechtswissenschaft und Psychologie/Soziologie.

Ralf M. Ruthardt

Ich finde es sehr interessant und inspirierend, dass hinter der gemeinnützigen WIFU-Stiftung rund 80 namhafte Familienunternehmen aus dem deutschsprachigen Raum stehen und sich dabei dezidiert auf Forschung, Lehre und Praxisentwicklung mit Ausrichtung auf das Familienunternehmertum fokussieren.

Heiko Kleve

Die von der Stiftung eingesetzten Fördermittel dienen vornehmlich der Errichtung und dem Erhalt der Lehrstühle, der Unterstützung von Forschungsvorhaben sowie der Vergabe von Stipendien an Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler. Dazu zählt das von mir geleitete Institut für Familienunternehmen (WIFU).

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns über den Gegenstand von Forschung und Lehre sprechen. Was ist so spezifisch, wenn man auf mittelständische und große Familienunternehmen blickt?

Heiko Kleve

Die Forschungsstrategie des WIFU zielt darauf ab, die bestehenden fachlichen Grenzen der klassischen „drei Kreise“ der Familienunternehmensforschung – also Betriebswirtschaftslehre, Psychologie/Soziologie und Recht – weiterzuentwickeln. Es werden Themenfelder in den Fokus genommen, die an den Schnittstellen der klassischen Disziplinen bearbeitet werden. Da geht es dann beispielsweise um die Beziehungsarbeit im Gesellschafterkreis. Dort treffen in der Regel mehrere Generationen aufeinander. Es ist wichtig, dass sich die einzelnen Familienmitglieder entsprechend ihrer Interessen und Fähigkeiten entwickeln können. Es gilt auch, verborgene Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Natürlich geht es ebenso darum, dass die emotionalen Aspekte thematisiert werden. Nur was thematisiert wird, kann bearbeitet werden.

Ralf M. Ruthardt

Nun stelle ich es mir in der Forschung und Lehre schwierig vor, die besonderen Konstellationen in Familienunternehmen zu würdigen. Gerade bei Gesellschafterthemen sind das doch oftmals sehr, sehr persönliche Kontexte.

Heiko Kleve

Deshalb braucht es ein vertrautes und vertrauliches Umfeld. Als WIFU bieten wir Menschen aus Familienunternehmen diesen Rahmen. An der Universität können beispielsweise junge Leute ihr Studium u. a. mit Kursen unseres Instituts absolvieren und sich so mit den Besonderheiten des Familienunternehmertums befassen. Das sind oft besondere Seminare, in denen potenzielle Nachfolger von Familienunternehmen auch eigene Themen reflektieren können.

Ralf M. Ruthardt

Ich habe gesehen, dass sich beispielsweise Ihr Lehrstuhl mit der Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien beschäftigt.

Heiko Kleve

Da geht es in Forschung und Lehre schwerpunktmäßig um soziologische und sozialpsychologische sowie auch sozialpädagogische Fragestellungen in Familienunternehmen und um deren Verbindung zu den Wirtschaftswissenschaften.

Ralf M. Ruthardt

Unternehmerfamilien haben natürlich verschiedene Sichten: Einmal sind diese Gesellschafter bzw. Eigentümer. Dann ist der Themenkomplex externes Management oder Management aus der Familie. Und schlussendlich geht es darum, dass die Stämme und die einzelnen Familienmitglieder fair partizipieren.

Heiko Kleve

Wenn die Familie wächst, braucht es neben der Corporate Governance auch eine Family Governance. Als WIFU sagen wir, ihr müsst als Unternehmerfamilien professionell auf eure Familienbeziehungen blicken. Eine Familie tickt anders als ein externes Management oder einander fremde Aktionäre eines Großkonzerns. Bei Familienunternehmen geht es um Bindungen, Emotionen und um Gerechtigkeitsfragen. Das zu verstehen und darauf einzahlende Formate zu entwickeln, ist uns als WIFU sehr wichtig.

Ralf M. Ruthardt

Als Soziologe ist es Ihnen somit wichtig, dass man die Familienstämme im Blick hat und dabei die jeweilige Generation würdigt …

Heiko Kleve

… je größer die Familie im Laufe der Generationen wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmerfamilie zersplittert. Grund ist, dass vertikale Loyalitäten bestehen. Wir legen hingegen Wert darauf, dass sich zudem horizontale Loyalitäten entwickeln. Dies bedeutet, dass beispielsweise Cousinen und Cousins in der Lage sind, die in ihrer Elterngeneration ggf. vorhandenen Konflikte für ihre eigenen Loyalitäten zu bearbeiten und sich von diesen zu differenzieren. Nicht die Konflikte ignorieren, sondern diese abschließend bearbeiten und für sich als nachrückende Generation in eine gute Beziehung kommen. Das ist eine wichtige Sache: Die jüngere Generation muss für sich, um ein Familienunternehmen erfolgreich als Gesellschafter oder im Management erhalten zu können, gemeinsame Loyalitäten finden und stärken. Das Stärkende aus der Vergangenheit soll erhalten bleiben. Daran gilt es, sich zu erinnern und in die Gegenwart mitzunehmen. Zugleich braucht es eine Achtsamkeit, dass die Konflikte der Vergangenheit nicht vererbt werden und weiterwirken.

Ralf M. Ruthardt

Da sind beispielsweise zwei Brüder, die gemeinsam ein Unternehmen führen und sich – trotz allen Erfolgs – zerstritten haben. Ich denke spontan an die Konflikte in der Familie Bahlsen. Wenn man darüber liest, erfährt man, dass es eine über 100-jährige Unternehmens- und Streitgeschichte gibt. Da kämpften Brüder gegeneinander und ein Onkel positioniert sich gegen den eigenen Neffen – und am Ende wird das Geschäft in „LORENZ“ und „BAHLSEN“ gegliedert und jeder der Stämme geht seinen Weg. Als ein weiteres Beispiel könnte man die Streitereien der Erben des Eisenbahnmodellbauers MÄRKLIN in Göppingen erwähnen. Das Unternehmen, eine Traditionsmarke, wurde massiv durch diese Konflikte in seiner Entwicklung behindert. Was ich damit sagen möchte: Konflikte können viele Ressourcen binden und massiv Vermögen und Kräfte vernichten. Umso plausibler ist es, dass am WIFU auf solche Problemfelder eingegangen wird und präventive Methoden und Konzepte vermittelt werden.

Heiko Kleve

Für die nachrückende Generation ist es wesentlich, dass sie die Werte und Errungenschaften ihrer Väter, Großväter und so weiter würdigen. Deren Konflikte sollen die Jungen jedoch nicht weitertragen, sondern innerhalb ihrer Generation zum Wohle des Unternehmens und der Familien Loyalitäten und damit verbunden Einvernehmen entwickeln.

Ralf M. Ruthardt

Das erinnert mich an die Seelsorge. Dort gibt es auch Situationen, in welchen die jüngere Generation sich mit vererbten Konflikten konfrontiert sieht – und geistlicher Beistand eine Hilfe zur Überwindung alter Auseinandersetzungen sein kann.

Heiko Kleve

Genau. Es geht um Gemeinsamkeiten der jüngeren Generation. Gleichwohl möchte ich betonen, dass die Jungen das Positive und Kraft gebende der Älteren würdigen und übernehmen sollten. Es geht um keinen Bruch. Es geht darum, was im positiven Sinn die Familie und das Unternehmen weiterbringt. Wir gehen mit Visualisierungen oder systemischen Aufstellungen an solche Herausforderungen heran. Meine Erfahrung dabei ist, dass die Jüngeren dann selbst zur Erkenntnis kommen, dass die Älteren es gut finden, wie sie sich konstruktiv und loyal miteinander um das Unternehmen kümmern. Die Repräsentation der Ahnengeneration in der Psyche der Jungen oder in deren Kommunikation untereinander wird dann zu einer Ressource, die sie in ihrer jeweiligen Gegenwart stärkt und Kraft für die Zukunft gibt.

Ralf M. Ruthardt

… ein sehr schöner und sehr mächtiger Gedanke, der sich auf einen der drei Kreise bezieht.

Heiko Kleve

Das ist eine sozialpsychologische Perspektive. Familie entsteht, wenn Frau und Mann ein Kind zeugen. Ab diesem Moment ist Familie nicht mehr negierbar. Das Kind ist in eine Generationskette eingewoben. Es ist eine Realität, die nicht mehr gekündigt werden kann …

Ralf M. Ruthardt

… im Gegensatz zu meiner Aktie an einem Großkonzern und meinem Anstellungsverhältnis als Manager.

Heiko Kleve

Diese Realität wirkt in die Zukunft, aber auch in die Vergangenheit. Es ist eine transgenerationale Kette. Sie ist mächtig. Die Weitergabe transgenerationaler Traumata kennt man, wenn Eltern Kriegserfahrungen gemacht haben und daraus resultierende Verhaltensmuster an ihre Kinder weitergeben. Diese Erkenntnis von Wirkung, also das Vermächtnis, ist auch für Familienunternehmen bzw. für die Unternehmerfamilien relevant.

Ralf M. Ruthardt

Wir kommen natur- oder gottgegeben mit Eigenschaften auf die Welt. Anschließend prägt uns Menschen unser soziales Umfeld massiv – bis wir irgendwann eigenverantwortlich aus dem Gegebenen und dem Geprägten versuchen, etwas Eigenständiges zu machen.

Heiko Kleve

Auch perinatale und pränatale, also geburtliche und vorgeburtliche Prägungen, sind sehr wesentliche Einflüsse auf unser Menschsein. Unser Gehirn ist sehr flexibel und dadurch sehr plastisch, gerade in den ersten Lebensjahren. Das zeigt die Hirnforschung. Gerade in den ersten drei Lebensjahren entstehen Hirnprägungen durch soziale Interaktionen. Selbstverständlich können wir unsere Verhaltensweisen ändern – wenn wir jedoch in Krisensituationen kommen, wird das Ursprüngliche, das früh Geprägte, wieder abgerufen. Dann gelingt es uns bestenfalls, in einer erwachsenen Form mit den frühen Prägungen umzugehen.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns in diesem Kontext einen Gedankensprung machen. Warum ist es so schwer mit dem Liberalismus? Diese Frage drängt sich mir geradezu auf, wenn Sie davon sprechen, dass bestimmte Verhaltensweisen sich geradezu im frühkindlichen Stadium uns eingeprägt haben. Kann es sein, dass gerade deshalb das freie und eigenverantwortliche Agieren uns Menschen oftmals so schwerfällt?

Heiko Kleve

Der Liberalismus kreiert die äußere Freiheit. Eine Gesellschaft, die uns so weit wie möglich frei und nur so weit wie nötig eingeschränkt sein lässt. Aber das können wir womöglich individuell gar nicht oder nur schwer aushalten, weil wir innerlich so wenig gestärkt und gekräftigt sind – und dadurch nicht zur freien Gestaltung unseres eigenen Lebens in der Lage sind. Eine freie Gesellschaft braucht aber freie Individuen. Freie Individualität setzt Selbstarbeit voraus, Persönlichkeitsentwicklung – das ist auch etwas, was wir für unsere Studierenden an der Universität erreichen möchten. Sie sollen sich gemäß unserer Werte entwickeln können, nämlich in Freiheit, sozial verantwortlich und nach Wahrheit strebend.

Ralf M. Ruthardt

Dann nehmen wir das als Schlusssatz und ich bedanke mich für unser Gespräch.

Zur Person

1969 in Brüel (Meckl.) geboren. Nach einer Berufsausbildung in der Datenverarbeitung in Berlin (Ost) hat er über den zweiten Bildungsweg Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften studiert. Er wurde 1998 in Soziologie promoviert. Nach Professuren in Berlin und Potsdam ist er seit 2017 Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) an der Privaten Universität Witten/Herdecke, wo er auch Geschäftsführender und Akademischer Direktor vom WIFU ist. Neben seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit unterstützt er als Systemischer Berater, Coach und Mediator Unternehmerfamilien und Familienunternehmen. www.heiko-kleve.de

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