Im Gespräch mit Prof. Dr. Heiko Kleve geht es um das Spannungsverhältnis von Freiheit, Verantwortung und staatlicher Fürsorge in der Sozialen Arbeit. Der Sozialwissenschaftler beleuchtet strukturelle Fehlanreize, plädiert für „Hilfe zur Selbsthilfe“ und fordert mehr gemeinschaftliche Verantwortung statt wachsender institutioneller Abhängigkeiten.
Das GesprächEinmal mehr dürfen wir, lieber Prof. Dr. Heiko Kleve, uns über Ihre Forschungen austauschen. Diesmal greifen wir ein Thema auf, das Sie in „Freiheit, Verantwortung, Selbsthilfe – Streitschrift für eine liberale Soziale Arbeit“ (Carl Auer, 2020) bearbeitet haben. Nun, wenn jemand vom Liberalismus spricht, dann verbindet man nicht als Erstes das Thema „Soziale Arbeit“ damit. Wie lässt sich ein moderner Liberalismus mit dem Anspruch verbinden, dass besonders verletzliche Menschen zu schützen sind?
Das Projekt „Soziale Arbeit“ greift eine ethische Perspektive auf, die ich ganz stark mit dem modernen Liberalismus gekoppelt sehe. Diese ethische Perspektive lässt sich mit dem pointierten Satz von der „Hilfe zur Selbsthilfe“ beschreiben. Die Soziale Arbeit hat von Anbeginn an den Fokus gehabt, Menschen zu unterstützen, damit diese wieder aus einer Notlage herauskommen. Raus aus der Fremdhilfe, um sich wieder eigenständig und eigenverantwortlich in der Gesellschaft zu bewegen. Sie sollen ihre Geschicke wieder in die eigenen Hände nehmen können. Das ist das Grundkonzept Sozialer Arbeit, wie man es in allen ethischen Formulierungen zum sozialarbeiterischen Projekt der Moderne findet. Anführen möchte ich Hans Thiersch. Thiersch ist ein bedeutender Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler. Er steht für eine lebensweltorientierte Theorie der Sozialen Arbeit und lehrte an der Universität Tübingen. Hans Thiersch hat das 20. Jahrhundert das sozialpädagogische Jahrhundert genannt, weil in dieser Zeit die Soziale Arbeit zu einem wichtigen sozialen Funktionssystem geworden ist.
Sie meinen damit, dass wir in dieser Zeit als Menschen eine Vielzahl von Aufgaben an den Staat delegiert haben …
Soziale Arbeit muss nicht per se staatlich organisiert und finanziert sein. Aber ja, die Gesellschaft zählt auf Institutionen, die den Einzelnen unterstützen, wenn dieser aus bestimmten gesellschaftlichen Systemen herausgefallen ist. Nehmen wir beispielsweise die Arbeitslosigkeit: Es hat jemand keine Arbeit mehr. Er findet keine neue Arbeit. Und jetzt kommt die institutionalisierte Unterstützung und hilft ihm, wieder Arbeit zu finden. Oder nehmen wir Menschen, die aus dem Familiensystem herausfallen. Menschen, die Beziehungskrisen haben. Da geht es dann um Unterstützung, damit solche Menschen wieder selbstverantwortlich in ihrer Lebenswelt teilhaben können. Wir könnten auch über Menschen mit Bildungsproblemen sprechen, die aus dem Schulsystem herausgefallen sind.
Selbstverantwortung
Das Konzept der Sozialen Arbeit versucht, Menschen bei der Rückkehr in gesellschaftliche Systeme zu unterstützen. Man nennt das Inklusionshilfe – man möchte Menschen wieder inkludieren. Hier sehen wir ganz klar den Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Soziale Arbeit hat dazu im 20. Jahrhundert viele Methoden entwickelt. Ansätze der Gesprächsführung und der Netzwerkarbeit. Das bezieht sich auf den Einzelnen und auf seine sozialen Nahbeziehungen, wie Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis und so weiter. Das Problem ist allerdings der institutionelle Aspekt. Soziale Arbeit ist so organisiert, dass finanziell meist nicht die professionelle Hilfe zur Selbsthilfe belohnt wird, sondern die Ausweitung der professionellen Fremdhilfe. Incentiviert wird nicht der Erfolg eines Sozialarbeiters, Menschen so schnell und so nachhaltig wie möglich in die Selbstversorgung zu bringen, sondern es wird die Arbeitszeit des Sozialarbeiters vergütet – und damit vielmehr eine möglichst intensive und lange Unterstützungsleistung. Das ist ein großes Problem. Ich spreche vom Paradoxon Sozialer Arbeit, das ich im von Ihnen eingangs erwähnten Buch „Freiheit, Verantwortung, Selbsthilfe“ fokussiere.
Es ist eine Herausforderung, dass Menschen zügig und nachhaltig wieder in Arbeit kommen. Wir sehen es an den bescheidenen Erfolgsquoten der Jobagenturen. Womöglich sind die, die Arbeit vermitteln wollen, zu sehr von formalen Geschäftsprozessen und rechtlichen Anforderungen und Restriktionen vereinnahmt. Sollten die Arbeitsvermittelnden mehr Gestaltungsfreiheit haben? Braucht man nicht nur Verantwortung, sondern auch zugesprochene Kompetenzen, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Jobcentern eine höhere Erfolgsquote erreichen?
das Reziprozitätsprinzip
Das wird dort auch versucht. Aber wir dürfen das Reziprozitätsprinzip nicht außer Acht lassen. Diese Gegenseitigkeit besagt, dass Menschen dazu neigen, anderen zu geben, was sie empfangen haben. Menschen, die Hilfe empfangen, müssen auch den Anspruch an sich haben, etwas zurückzugeben. Das heißt, dass der, der professionelle Hilfe bekommt und diese auch annimmt, auch selbst etwas dafür tut, etwas eigenverantwortlich beiträgt, dass diese Hilfe ihm auch hilft, dass sie also erfolgreich ist. Und den Erfolg sehen wir dann, wenn die professionelle Hilfe wieder beendet werden kann, weil der Betroffene sich wieder selbst helfen kann, konkret: etwa wieder in Arbeit gekommen ist.
Man erhält Unterstützung in der Not und man bringt sich selbst mit all seinen Möglichkeiten engagiert ein, damit die Unterstützung rasch zu einem Erfolg wird und man selbst der Not entkommen ist.
1990er: „fördern & fordern“
Spätestens seit den – von mir nach wie vor positiv bewerteten – Arbeitsmarktreformen unter dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder in den 90er-Jahren kennen wir den Slogan „fördern und fordern“. Allerdings wird uns zugleich eingeredet, wir hätten einen Anspruch auf Unterstützung. Der Staat – bzw. die Gesellschaft – müsse uns Unterstützung gewähren. Die Sozialgesetze formulieren auch solche Anspruchsberechtigung. Es wird aber nicht die Reziprozitätsnotwendigkeit kommuniziert. Wenn ich etwas bekomme, dann muss ich etwas zurückgeben. Diese Reziprozität ist elementar. Die Adressaten sind auf der einen Seite die Menschen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen. Und auf der anderen Seite sind es die Leute, die in den zugehörigen Institutionen und Einrichtungen beschäftigt sind. Aufgrund der organisatorischen Rahmenbedingungen treffen wir dort auf eine verwaltete Exklusion. Deshalb ist unter anderem mein Punkt, dass wir für erfolgreiche Wiedereingliederung von Menschen in Arbeit eine Incentivierung der Leute benötigen, die beispielsweise als Arbeitsvermittler, Sozialarbeiterinnen oder Ähnliches tätig sind. Wer mehr Menschen nachhaltig in Arbeit gebracht hat, kann dann auch mehr verdienen.
Ist es ein Problem, dass in der Sozialen Arbeit beschäftigte Menschen sich ob ihrer Entscheidung absichern müssen, damit sie nicht angreifbar sind? Eine erfolgsabhängige Incentivierung würde womöglich gar nichts bringen, weil enge Verordnungen und gesetzliche Rahmenbedingungen zu wenig Spielraum für eigenverantwortliches Agieren bieten. Liegt ein Schlüssel darin, beispielsweise den Arbeitsvermittlern nicht nur Verantwortung, sondern auch umfassende Kompetenz zu geben?
Vor diesem Hintergrund müsste das gesamte System der Arbeitsagenturen anders organisiert werden. Es wäre quasi ein Weg von einer starren bürokratischen Organisation zu einer projekt- und teamorientierten Organisationsform. Also eine Form, die sich aus dieser bürokratischen Struktur verabschiedet.
neue Organisationsformen?
Das Problem haben wir doch in vielen unserer staatlichen Institutionen und Einrichtungen. Da wurde in der Nachkriegszeit und nach der Wiedervereinigung einiges aufgebaut und hat sich etabliert. Heute hat man – womöglich auch aus dem Streben nach abschließender Gerechtigkeit – so viele Regelwerke und damit Bürokratie aufgebaut, dass vieles dysfunktional geworden ist. Mal kreativ gedacht: Müsste man nicht damit beginnen, eine völlig neue Arbeitsvermittlung testweise aufzubauen? Regelwerke, die nur einen groben Rahmen geben, und der Einsatz von moderner Informationstechnologie – und dort Menschen beschäftigen, die nicht in den Verwaltungsprozessen verwurzelt sind.
Ja, das wäre eine Möglichkeit. In der Jugendhilfe hat man das versucht. Das nennt man Sozialraumorientierung. Es geht dabei darum, dass man weg möchte von der individuellen Problemzuschreibung. Vielmehr konzentriert man sich darauf, wie notleidende Menschen in ihren Sozialräumen eingebunden sind, um sozialräumliche Ressourcen aktivieren zu können. Man will die Abhängigkeit von professionellen Hilfeeinrichtungen vermeiden und die Rückbindung zu den sozialen Beziehungen vor Ort unterstützen und stärken. Man denkt dabei an Nachbarschaften, an Mietparteien in Häusern und so weiter. Wir müssen wegkommen von der Idee, dass allein professionelle Sozialarbeiter zuständig sind. Denn diese werden für die Problembearbeitung und nicht für Lösungskreation bezahlt. Von ihrer Ethik her sollen Gemeinschaften sich unterstützen und sich selbstverantwortlich verhalten. Menschen, die in einem solchen sozialen Umfeld eingebunden sind, erfahren dort auch Unterstützung. Wir haben es hier also mit einer funktionalen Differenzierung zu tun: Professionelles Hilfesystem einerseits und lebensweltliche Systeme andererseits. In der angesprochenen Jugendhilfe hat man das als Konzept Sozialraumorientierung versucht.
Lassen Sie uns einen Gedankensprung machen: Wir nehmen eine Beratungsstelle und setzen die Prämisse, dass dort zehn Sozialarbeiter beschäftigt sind. Die Leute sind motiviert und ihr Job ist eine Berufung. Man hilft, ist für die betroffenen Menschen da und ist mit seiner Berufswahl glücklich. Nun stellen wir uns die Frage, inwieweit die zehn Sozialarbeiter dahin wirken, dass die Not so weit zurückgeht, dass es irgendwann nur noch den Bedarf für drei Sozialarbeiterstellen gibt. – Meine Hypothese: Wer will sich selbst abschaffen? Wird ein potenzieller Rückgang an Quantität durch eine zunehmende Betreuungsintensität unausgesprochen kompensiert?
Sie beschreiben wiederum ein Paradox der Sozialen Arbeit. Die Sozialarbeit hat ein zweifaches Hilfeparadoxon. Einerseits hat die professionelle Hilfe das Ziel, schnell und professionell zu agieren – um nicht mehr helfen zu müssen. Das ist das positive Hilfeparadoxon: Man möchte helfen, damit die Unterstützung möglichst dauerhaft eingestellt werden kann. Andererseits haben wir aber ein zweites Hilfeparadoxon, das wir beobachten können. Professionelle Hilfe führt potentiell dazu, dass die Menschen abhängig von ihr werden. Die Hilfe verstärkt sozusagen die Unfähigkeit der Menschen, sich selber zu helfen. Das wiederum bewirkt, dass das Hilfesystem weiter ausgebaut werden muss.
Dann lassen wir meinen Blick auf die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit außen vor und wenden uns Lösungsansätzen für das von Ihnen beschriebene Paradoxon zu.
ein Blick nach China
Blicken wir ins Gesundheitswesen und nehmen einen Arzt. Dieser ist dann erfolgreich, wenn die Menschen ihn nicht mehr brauchen. Er arbeitet quasi mit dem Ziel – nicht mehr benötigt zu werden. Nun sehen wir es uns gesamtgesellschaftlich an und gehen dazu ins alte China. Dort soll es im Gesundheitsbereich eine besondere Form von Finanzierung gegeben haben. Es war wohl so, dass die Ärzte von den Gesunden finanziert wurden. Die Gesunden haben eingezahlt und sobald sie krank wurden, konnten sie ihre Zahlungen einstellen. Die Botschaft ist klar: Die Ärzte hatten das Ziel, die Patienten so schnell wie möglich wieder gesund zu machen oder eben (präventiv) gesund zu halten, damit diese einbezahlen. – Wir erkennen, dass viel mit der finanziellen Logik zusammenhängt. Das Problem in Deutschland ist, dass wir von der Sozialgesetzgebung eine auf das Individuum bezogene Perspektive haben. Die einzelne Person ist anspruchsberechtigt. Wir haben die gemeinschaftsorientierte Perspektive aus dem Blick verloren. In Skandinavien kann man im Bereich der Pflege beobachten, wie es anders laufen kann. Oder nehmen wir die Niederlande. Auch dort setzt man auf größere Gemeinschaften und hat nicht nur den Einzelnen im Blick. Immer geht es auch um die soziale Einbindung – und ja, wir stellen seit Jahrzehnten fest, dass Soziale Arbeit manchmal paradoxerweise die soziale Einbindung erodieren lässt.
Das ist ein interessanter Hinweis – ein Perspektivenwechsel. Wir können festhalten, dass sozialarbeiterische Unterstützung im Grunde genommen in Konkurrenz zur beispielsweise Nachbarschaftshilfe steht. Anders ausgedrückt: Die massive Delegation von früher gemeinschaftlicher Hilfe aus dem sozialen Umfeld an Institutionen führt zum Abbau der sozialen Einbindung – und verstärkt womöglich dadurch die Individualisierung und Isolierung des einzelnen Menschen. Ich möchte einen weiteren Gedanken in den Raum unseres Gesprächs stellen: Als Gesellschaft haben wir in Deutschland sehr hohe Ansprüche, was unsere Unterstützung des Einzelnen durch die sozialen Sicherungssysteme anbelangt. Kein Mensch soll durch das sogenannte soziale Netz fallen. Jedes Detail scheint man verwaltungs- und regulierungsseitig berücksichtigen zu wollen. Müssen wir uns als Gesellschaft – und hier knüpfe ich an die gesamtgesellschaftliche Sicht an – zumuten, dass wir nicht jedem einzelnen Menschen gerecht werden können und gerade damit der sozialen Einbindung Raum geben?
durchs soziale Netz fallen?
Man gestatte mir einen „hinkenden“ Vergleich. Wenn ich ein Produkt verkaufen möchte und als Verkäufer dem Anspruch gerecht werden will, es in jedem Fall abgesetzt zu bekommen, dann muss ich mein Produkt womöglich verschenken. Um einen für meine Gewinnerzielungsabsicht tauglichen Preis zu erhalten, muss ich als Verkäufer den Druck aushalten, dass sich kein Käufer findet. Meine Ableitung: Wenn wir als Gesellschaft es nicht zulassen wollen, dass Menschen potentiell durch ein „soziales Netz“ fallen könnten und diese durch ihre soziale Einbindung aufgefangen werden – dann werden wir an der Komplexität unserer Regelwerke und an den überbordenden Kosten scheitern. Noch eine Anmerkung: Mit sozialer Einbindung meine ich in diesem Fall auch die schöne Aufgabe von Kirchengemeinden, im ehrenamtlichen Kontext dem Bedürftigen eine Hilfe zu sein. Und noch eine persönliche Anmerkung: Mit Hilfestellungen als Ehrenamtlicher in Kirchengemeinden habe ich schöne Erfahrungen machen dürfen. Nun, waren solche Zumutungen nicht bereits ein Bestandteil der sogenannten „Hartz-Reformen“?
Ja, diesen Aspekt des Forderns hatten wir angesprochen. Ich würde jedoch schon erwarten, dass es sozusagen ein Minimum an Bürgergeld oder Sozialhilfe gibt. Eine Existenzsicherung will ich hier nicht infrage stellen.
Repräsentiert das aktuelle Bürgergeld Ihrer Meinung nach dieses Minimum?
Das Bürgergeld habe ich nicht im Detail im Blick. Das müsste man sich im Einzelnen anschauen. Klar, es muss zwischen den arbeitenden Leuten und Bürgergeldempfängern eine spürbare Differenz geben. Es muss Menschen deutlich besser gehen, die ihre Lebensgestaltung selbst in die Hand nehmen. Bei den aktuellen Regelungen ist für viele Menschen die Differenz scheinbar nicht spürbar. Als Liberaler lehne ich staatliche Interventionen im Sinne eines Mietdeckels und so weiter ab. Dort sehen wir gemessen an der Zielsetzung gegenteilige Effekte.
Nochmals zum Punkt, dass es weniger staatliche Regelungen geben könnte und dadurch die Gefahr bestünde, dass Menschen durch das institutionalisierte „soziale Netz“ fallen. Dann könnte doch das soziale Umfeld wieder aktiv werden. Wir nehmen unseren Mut zusammen und entbürokratisieren massiv – und als Gesellschaft bringen wir in den besagten Fällen das Engagement auf, uns zu kümmern. Das ist doch genau die Mentalität, auf die Sie zu Beginn des Gesprächs hingewiesen haben: Das soziale Eingebundensein.
Ob das so funktionieren kann, weiß ich nicht. Einen Mindeststandard an staatlicher sozialer Absicherung wird es geben müssen. Richtig ist, dass die professionelle Hilfe dazu führt, dass lebensweltliche Selbsthilfe erodiert. Die Gemeinschaft verflüchtigt sich, wenn institutionalisierte, professionelle Hilfe ausgebaut wird. Diese Diskurse hat es bereits in den 70er-Jahren gegeben und wurden damals vor allem von den Linken geführt. Ich erinnere an den österreichisch-amerikanischen Sozialphilosophen Ivan Illich. Dieser hat sich auch mit dem Gesundheitssystem beschäftigt. Die Entmündigung durch Experten führe dazu, dass Formen gemeinschaftlicher Hilfsnetzwerke mehr und mehr verschwinden, wenn professionelle Systeme entstehen und umfassender werden. Hier sind wir möglicherweise einen deutlichen Schritt zu weit gegangen und müssen – ich sprach vom paradoxen Effekt – das wieder justiert bekommen.
Werden wir in Deutschland an dieser und anderen Stellen den Mut aufbringen, etwas Neues zu wagen? Sachverhalte überdenken, neue Ideen entwickeln und mit Mut und Risikobereitschaft Bestehendes auf die Seite packen und uns im gegenseitigen Wohlwollen quasi neu erfinden?
Javier Milei & die Kettensäge
Ja, mit Sicherheit. Wobei ich davon ausgehe, dass wird erst dann passieren, wenn es finanziell in Deutschland nicht mehr anders geht. Man denke an Argentinien: Dort ist Javier Milei erst dann gewählt worden, als wirklich nichts anderes mehr ging. Da leben wir hierzulande immer noch sehr stark in einer vom Wohlstand geprägten Welt. Unbedingt gilt es hier in der Analyse und Diskussion, die zwischen dem Westen Deutschlands und dem Osten Deutschlands sehr großen Unterschiede zu würdigen. Das finanzielle Polster der Westdeutschen ist viel dicker – schlussendlich auch, weil dort große Vermögen vererbt werden. Hier sehe ich einen ganz zentralen Grund für diese Spaltung, die wir zwischen Ost- und Westdeutschland erleben. Dieser Gap wird zu selten angesprochen, aber er ist die materielle Basis für das, was da vom Mindset her in den vergangenen rund 35 Jahren entstanden ist.
ein Mutmacher
Mein Wunsch ist, dass Sie uns zum Schluss jetzt noch einen „Mutmacher“ mit auf den Weg unserer Gedankengänge geben.
Wir Menschen können uns auf uns selbst besinnen. Wir entdecken unsere eigenen Stärken und können darüber unsere Kräfte mobilisieren. Man darf und kann sich seiner eigenen Unabhängigkeit bewusst werden – und dadurch zieht einen die gesellschaftliche Entwicklung emotional nicht nach unten. Zugleich übernehmen wir Eigenverantwortung und stellen uns den Herausforderungen. Das wäre mein Gedanke zum guten Schluss unseres Gesprächs.
Zur Person
Prof. Dr. Heiko Kleve promovierte in Soziologie. Nach Professuren in Berlin und Potsdam ist er seit 2017 Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) an der Privaten Universität Witten/Herdecke, wo er auch Geschäftsführender und Akademischer Direktor vom WIFU ist. Kleve ist Autor von über 20 Büchern und zahlreichen Fachartikeln in deutschen wie internationalen Zeitschriften.
