Hier ein weiterer Auszug aus Gesprächen, welche der Herausgeber mit Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Dr. h. c. mult. Klaus Kayser zu philosophischen und anderen Betrachtungen der Künstlichen Intelligenz 2024 führte.
Das GesprächEs freut mich sehr, lieber Herr Prof. Dr. Dr. Kayser, dass wir uns an dieser Stelle über die Zukunft menschlicher Intelligenz austauschen dürfen. Die Leserinnen und Leser begleiten uns, dies sei schon mal angekündigt, durch einen fragilen philosophischen Diskurs. Wir beide wissen selbst noch nicht, was am Ende dabei herauskommt – und das ist ja auch das faszinierende Momentum.
Die Freude ist ganz auf meiner Seite und ich habe an unseren Episoden Gefallen gefunden. – Bevor wir jedoch zum eigentlichen Thema kommen, möchte ich kurz über Nachbarschaftsbeziehungen sprechen. – Es sind räumliche und zeitliche Abhängigkeiten. Sie haben bei anderer Gelegenheit über die Serengeti gesprochen. Deshalb greife ich dieses Bild auf: Tiere, die keine Raubtiere sind, leben in der Regel im großen Schwärmen oder in großen Gruppen. Die Masse schützt das einzelne Tier vor Fressfeinden. Der Schutz besteht in der Relation, die sich für den Einzelnen aus der Menge an Tieren in der Gruppe ergibt. Im Gegensatz dazu sind die jagenden Tiere zu sehen. Dort zählen im Kontext von Schutz und Jagd die Kraft, die Intelligenz und weitere Fähigkeiten des Einzelnen bzw. der Einzelnen im Zusammenwirken als Kleingruppe. Bei uns Menschen obliegt es unserer eigenen Entscheidung bzw. dem soziologischen Kontext, ob wir uns für die eine oder andere Form entscheiden.
Ich habe für mich soeben gegoogelt, wie man Intelligenz beschreiben kann: Es ist – um es in meinen Worten auszudrücken – die Fähigkeit von uns Menschen, zu abstrahieren und vernünftig zu denken. Es geht somit um logisches, ein auf einer Wissens- und Erfahrungswelt basierendes oder ein auf begründbaren Hypothesen beruhendes Handeln. Es soll ein definierter Zweck verfolgt und ein Ziel möglichst erreicht werden.
Die Intelligenz steht vor unterschiedlichen Herausforderungen. Wenn wir zwischen Schwarz als Merkmal und Weiß unterscheiden müssen, dann ist das einfach machbar. Bei Grautönen wird es schon schwieriger. Die Intelligenz ist ein Merkmal des Menschen. Nicht ausschließlich. Selbstredend gibt es auch Intelligenz bei Tieren und es gibt auch Künstliche Intelligenzen. Daher sei der Begriff „Merkmal“ unterstrichen: Also, die Intelligenz ist ein Merkmal des Menschen. Was geschieht mit uns Menschen als solchen oder – je nach Lebensumfeld und z. B. beruflicher Aufgabenstellung – mit einem Teil der Menschen, wenn dieses Merkmal immer weiter extrahiert wird? – Ich meine, dass wir uns mit unseren informationstechnologischen Möglichkeiten ein immer intelligenter werdendes Umfeld schaffen, in welchem ein großer Teil der Menschen mit deren Intelligenz nicht mehr herausragt. Somit würden diese Menschen an das Umfeld angepasst und sie würden in Relation zur Umgebung in Verlauf der Zeit immer dümmer. Wir nutzen, um uns beispielsweise nachfolgenden Generationen mitzuteilen, die Schrift und die Akustik. Damit wird Wissen festgehalten. Wie könnte es zukünftig in Teilen des Schulwesens oder in Teilen der Arbeitsumgebungen ausschauen? Wo heute noch Schreiben und Lesen eine hohe Relevanz haben, könnte sich dies relativieren – bis dahin, dass für manche Menschen das sinnerfassende Lesen und das mitteilende, dokumentierende Schreiben im Alltag nicht mehr erforderlich sind. Es wird die mobil verfügbare künstlich intelligente Software bedient und diese übernimmt die Verfügbarmachung von Wissen und die Anleitung zur Wissensverwertung.
Was das sinnerfassende Lesen anbelangt, könnte ich aus Unternehmen berichten, die in den vergangenen Jahren vermehrt auf kurze Erklärfilme umgestiegen sind und keine umfassenden, geschriebenen Schulungsunterlagen mehr erstellen. Die Begründung ist, dass zum einen vielen Leuten das besagte sinnerfassende Lesen zunehmend schwerfällt und zum anderen die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird.
Das verwundert nicht, wenn wir auf den Gebrauch von Medien seit ein, zwei Jahrzehnten blicken. Es bleibt nicht ohne Auswirkungen.
Lassen Sie mich die Perspektive wechseln und zwei Hypothesen in unseren Diskurs einbringen. Ich bin mir dabei nicht sicher, ob meine Gedankengänge für „den Müll“ sind, aber wir sind ja geistig sportlich unterwegs und können uns diesen potenziell vergeblichen neuronalen Sprint erlauben. (Ironie) Hypothese 1: Auf den ersten Blick würde ich sagen, wenn ich ein Wort und dessen Bedeutung wie beispielsweise „Katalyse“ nicht mehr wissen muss, weil ich es mit Google oder ChatGPT verfügbar gemacht bekommen kann, ist es einerseits Erleichterung – aber macht mich potenziell dümmer. Hier knüpfe ich an Ihre Ausführungen an. Vielleicht ist es jedoch „dümmer-werden“ in dem Sinne nicht relevant, weil ich das, was ich zur „Katalyse“ wissen muss, sehr schnell in Erfahrung bringen kann. Es bleibt die Frage, ob ich als einzelner Mensch über die Methodologie oder Methodik verfüge, zügig an Informationen zu kommen. Damit kann ich vielfältige Themen durch digitalisiertes Wissen und künstliche Intelligenz für mich als Mensch bei unterschiedlichen Aufgabenstellungen situativ verfügbar machen und muss bei mir selbst immer weniger Wissen vorhalten. Womöglich verändern sich in der Zukunft die Erfordernisse in unserem Lebensalltag. Weniger das Wissen und die Intelligenz sind relevant als Methodologie bzw. Methodik. Wenn ich als Mensch zukünftig Wissen und die Intelligenz, um mit diesem Wissen umzugehen, nicht in einer mit heute verglichen erforderlichen Weise haben muss, sondern auf virtuelles Wissen und virtuelle Intelligenz zurückgreifen kann, dann ist es womöglich lediglich eine Frage von Handlungsfähigkeit. Also, habe ich als Einzelner die Kompetenz über Methodologie oder Methodik, um virtuelles Wissen und virtuelle Intelligenz zweckmäßig und produktiv zur Anwendung zu bringen? Hypothese 2: Somit wäre meine nächste Hypothese dahingehend, dass wir nicht dümmer und nicht intelligenter werden, sondern sich lediglich der Schwerpunkt hin zu einer anderen, produktiveren Methodologie bzw. Methodik verschiebt. Die Produktivität steigt, weil ich in der Summe z. B. einen qualitativ und quantitativ höheren Output erzielen kann. War es nicht ähnlich in der Informationstechnologie? Als wir die relationalen Datenbanken noch nicht hatten, wurde jede Menge an (den damals wenigen) Daten virtuell gehalten, um überhaupt mit der Performance der (damaligen) Prozessoren klarzukommen. Hinkt mein Beispiel? Braucht es einen sehr großen „Mülleimer“ für diese Gedankengänge? (Ironie)
Wir lassen es so stehen, wobei Ihre beiden Hypothesen nicht zu Ende gedacht und nicht ausreichend ausformuliert sind. Mein Blick in die Zukunft ist nicht Fantasie, sondern eher eine Fortschreibung heutiger informationstechnologischer und medizinischer Entwicklungen bzw. Trends in der Forschung: Ein kleiner Chip würde in meinem Szenario einen jeweils einzelnen Menschen mit dem notwendigen Wissen versorgen und teilt ihm die richtige Handlung im Umgang mit diesem Wissen mit. Das würde funktionieren, solange der den Chip innehabende Mensch lebt. Sobald er stirbt, müsste der in der Aufgabenstellung nachfolgende Mensch aus der Umwelt mit dem gleichen Potenzial an Wissen, Handlungsanweisung usw. versorgt werden.
Ist es Aufgabe von Bildung, uns die Methode beizubringen, um mit dem Wissen und der Intelligenz umzugehen?
Ja, schon. Aber ...
... schon wieder ein „aber“, das macht es ja noch komplexer!
(Lacht) Da müssen wir durch. Ohne jetzt auch noch Albert Einstein und seine Relativitätstheorie in Spiel bringen zu wollen, ist Folgendes zu berücksichtigen: Unser menschlicher Verstand muss permanent korrigierend eingreifen. Wir dürfen sprichwörtlich den Verstand nicht verlieren. Das, was unser Verstand an vernünftigen Erkenntnissen liefert, muss in das Umfeld abgegeben werden. Damit werden die laufend und zunehmend vernünftigen Erkenntnisse für die Menschheit verfügbar. Diese fließen wiederum in das digitalisierte Wissen mit ein – und stehen durch künstliche Intelligenz genutzt uns Menschen wiederum zur Verfügung.
Was nehmen wir an dieser Stelle als Erkenntnis mit?
Dass wir eine Fülle an Themen haben, die bis hin zur Frage von Wahrheit und was auch immer unsere Tage füllen würden.
Nachdem wir hier zeitlich limitiert sind, gönnen wir uns ein quasi offenes Ende. Den Leserinnen und Lesern muten wir dasselbe zu und hoffen auf eine wohlwollende Toleranz.
So machen wir das (lacht).
Zur Person
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Dr. h.c. mult. Klaus Kayser 1940 in Berlin geboren. Professor für Pathologie und Epidemiologie. Je ein Studium der Physik und der Medizin an den Universitäten Göttingen und Heidelberg, Spezialisierung in den USA (NIH, Armed Forces Institute of Pathology). Er verfasste zahlreiche Publikationen.
