Altwerden heißt nicht resignieren, sondern lernen, leichter zu werden. In seinem Buch „Loslassen – Wie man das Alter mit Gelassenheit schafft“ denkt Anton Hunger das Leben vom Ende her – und findet darin Würde, Humor und eine unerwartete Heiterkeit. Ein Gespräch über Gelassenheit, Endlichkeit und die Kunst, das Leben dankbar zu genießen.
Das GesprächEinmal mehr ein Buch, das sich mit dem Älterwerden oder mit dem Alter als solchem beschäftigt. Anton Hunger hat „LOSLASSEN – Wie man das Alter mit Gelassenheit schafft“ im Juni 2025 an der Schwaben Akademie in Kloster Irsee in einem festlichen Rahmen vorgestellt – und in der Laudatio von Prof. Dr. Mario Andreotti viel Lob und Anerkennung erfahren. Lieber Anton, es ist erfreulicherweise kein Buch geworden, das Empfehlungen zur Ernährung im Alter oder fünf Ratschläge gegen die Langeweile gibt. Ich finde, es ist ein ausgesprochen intellektuell anspruchsvolles Werk geworden. „Jeder Tag kann der letzte sein, zumindest mit den Jahren weiß man das“, kann ich noch problemlos nachvollziehen. Aber Dein Buch hat erkennbar mehr vor, als lediglich zu unterhalten. „Weiterleben bis zum jüngsten Tag ist in der Vorsehung nicht vorgesehen. Man stelle sich nur einmal ganz praktisch vor, die Menschen würden ewig leben. Was für ein Chaos auf der Erde! Die einen würden den anderen die Hölle wünschen und umgekehrt. Es gäbe keinen Sinn, die Evolution wäre gescheitert. Die Natur weiß es besser: Der Tod ist ein Fortschrittsrezept! Die Erschöpften werden vom Platz genommen, die Unverbrauchten eingewechselt.“ Ich finde es bereichernd, mit welcher Leichtigkeit Du Bilder erzeugst, zum Nachdenken anregst und man als Leserin und Leser am geflissentlichen Schmunzeln nicht vorbeikommt. Was hat Dich bewogen, auf diese Art und Weise das Älterwerden zu reflektieren? Was meint das Loslassen?
Über das Alter zu schreiben, ist zunächst nicht sonderlich originell. Viele Autoren und Autorinnen haben sich diesem vermeintlichen Tabuthema gewidmet und versuchen, Antworten über das Älterwerden zu finden. Die meisten dieser Bücher sind Nutzwert-Literatur, gedruckte Werke, die erklären, wie es im Alter gelingt, geistig fit und körperlich robust zu bleiben. Es gibt Bücher über Altersdemenz, über Anleitungen zum Gedächtnistraining für Senioren oder über wenig brauchbare Tipps für eine erfüllte Sexualität im Alter. Ich wollte mich von dieser Art Literatur abheben, habe kein Sachbuch geschrieben und erst recht keinen Ratgeber für ein gelingendes Leben im Alter. Ich habe einen Essay geschrieben, eine Art Mittelding zwischen Sachtext und dichterischer Prosa. Einen Text also, der ein klar abgegrenztes Thema knapp und gleichsam anspruchsvoll behandelt, wie der Duden „Essay“ definiert. Mein Anspruch ist sinnstiftender als die Nutzwert-Komponente: Ich versuche, das Leben vom Alter und vom Tod her zu betrachten, es vom Ende her zu denken. Nur so erhält das Alter eine neue Bestimmung, eine tiefergehende menschliche Würde. Das Bewusstsein über den Tod gehört dazu, der Tod ist sichtbarer Ausdruck der Endlichkeit des Menschen. Wer das Leben vom Tod her denkt, wird gelassener. Gelassenheit verweigert sich radikalen Gedanken, sie verlängert das Leben. Es geht um das Loslassen von Dingen, die man nicht mehr braucht. Auch um Anstand und Mäßigung von Leidenschaften. Kurz gesagt, um „abschiedlich“ zu leben, wie es ein großer Denker nannte. Das Buch ist nicht von ermüdender Ernsthaftigkeit durchdrungen, es lebt von einer in diesem Genre unüblichen Leichtigkeit, auch von einer gewissen Heiterkeit, ohne lediglich zu unterhalten. Es ist gewürzt mit feiner Ironie, enthält spielerische Bezüge zu anderen Autoren, zu Philosophen und Theologen. Das alles, damit man die Lebensphase des Alters mit Gelassenheit gut besteht. Der Tübinger Philosoph Ernst Bloch sagte einmal passend dazu: „Das gesunde Wunschbild des Alters und im Alter ist das der durchgeformten Reife.“
Weshalb hat der Tod für Dich scheinbar seinen Schrecken verloren? Oder verursacht er weiterhin Angst?
Der Tod hat für mich seinen Schrecken nicht verloren, aber man muss ihn annehmen. Nur so reduziert sich das wahnsinnige Gewaltpotenzial, das der Tod besitzt und vor dem sich die Menschen ängstigen. Im Grunde ist der Tod lediglich ein kurzer Augenblick, wie der griechische Philosoph Epikur wusste: „Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.“ Man muss über das Alter und das Sterben reden, damit man es begreifen kann, wenn es so weit ist. Es ist eine lohnende Altersbeschäftigung, die vor Trübsinn schützen kann.
Wie kommt es, dass Udo Lindenberg Dein Buch mit „Keine Panik: Alter steht für Radikalität und Meisterschaft. Klasse Buch.“ rezensiert hat? Steht er ein Stück weit für die Zielgruppe Deiner Gedanken – also für Menschen mit einer intellektuellen Befähigung und mit ausreichend finanziellen Mitteln, um dem Alter mit Gelassenheit begegnen zu können?
Udo Lindenberg ist schon bald achtzig und begeistert in seinem hohen Alter noch immer das Publikum, das massenhaft zu seinen Konzerten strömt. Er steht für „Radikalität und Meisterschaft“, wie er das Alter definiert. Seine künstlerische Begabung und Professionalität, auch seine intellektuelle Befähigung, lassen das Alter in einem hellen Licht erscheinen. Ob er für die Zielgruppe meiner Gedanken steht? Was das Alter betrifft, auf jeden Fall. Sicher hat er ausreichend finanzielle Mittel, aber die sind nicht seine wirkliche Triebfeder. Er könnte sich das Leben angenehm einrichten, aber er hat das Alter angenommen, gelassen angenommen. Und je gelassener er wird, umso begeisterter wird er vom Publikum gefeiert. Auch wenn ich nicht prominent bin, bilde ich mir ein, dass ich ihm nacheifere. Ich kann nicht singen, wohl aber schreiben. Und schreiben kann man bis ins hohe Alter, solange die geistigen Kräfte mitspielen. Unbestritten bleibt aber auch: Mit einem ordentlichen Finanzpolster kann man das Alter leichter bewältigen. Man kann sich Dinge leisten, die das Leben im Alter leichter und erträglicher machen. Da meine ich nicht unbedingt den Champagner an der Strandbar.
Man schreibt ein Buch – und hat dabei womöglich vor Augen, welche Wirkung man bei Leserinnen und Lesern erzeugen möchte. Einmal soll eine Erkenntnis vermittelt werden. Ein anderes Mal geht es um das Teilen eines tiefgehenden Gefühls. Da und dort geht es darum, beim Lesen eine angenehme, unterhaltende Zeit schenken zu wollen. Welche Auswirkung soll das Lesen Deines Buches hervorrufen?
Eine wesentliche Botschaft an die Leser meines Essays lautet: Nehmt alles im Leben nicht ganz so ernst! Das Leben ist ein Geschenk, geht behutsam damit um. Das Geschenk hat ein Ablaufdatum. Sich dessen bewusst zu werden, ist durchaus eine Wirkung, die ich beim Leser oder der Leserin erzeugen möchte. Absicht ist auch, den Leser unterhaltsam auf die Endlichkeit des irdischen Daseins vorzubereiten. Es soll eine anspruchsvolle Lektüre sein, jedenfalls ist das mein Anspruch. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist.
Zur Person
geboren 1948 in Cham, begann mit einer Ausbildung als Schriftsetzer und einem Volontariat bei der Südwest-Presse. Nach Wirtschaftsstudium und vielen Jahren als Wirtschaftsredakteur bei der Stuttgarter Zeitung und beim Industriemagazin wechselte er 1992 zu Porsche. Seit 2009 veröffentlicht er als freier Schriftsteller Romane, Kolumnen und Sachbücher.



