Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und saß bis zur Wahl Anfang 2025 für B90/Die Grünen im Bundestag. Im Gespräch mit Henneberger geht es um die Verantwortung der Reichsten für die Klimakrise, um globale Gerechtigkeit und um die Rolle fossiler Konzerne. Sie spricht über Chancen und Rückschläge in der Energiewende, die Macht von Lobbyinteressen und warum konsequentes Handeln so dringlich ist. – Es ist der zweite Teil eines Interviews, welches Ralf M. Ruthardt im März 2025 mit Kathrin Henneberger geführt hat. Der erste Teil des Interviews ist unter dem Titel „Die AfD zu wählen ist unentschuldbar“ erschienen.
Das GesprächEs freut mich sehr, Kathrin Henneberger, dass Sie sich Zeit für ein Gespräch nehmen. Sie waren für Bündnis 90/ DIE GRÜNEN als Abgeordnete im Deutschen Bundestag und sind seit vielen Jahren als Klimaaktivistin tätig. Ich habe von Ihnen gelesen, dass die Reichen die maßgeblichen Verursacher der Klimakrise sind. Nun, davon liest und hört man regelmäßig, aber lassen Sie es uns an dieser Stelle konkretisieren, was damit gemeint ist.
Ist eigentlich sehr, sehr einfach. Menschen, die über ein sehr hohes Vermögen verfügen, sind tatsächlich die Menschen, die am meisten CO2 Treibhausgase verursachen.
Das Kyoto-Protokoll zählt unter anderem Kohlendioxid (CO2) zu den Treibhausgasen.
Genau. Nun, die Reichen sind auch die Menschen, die mit ihren Investitionen und wirtschaftlichen Entscheidungen Teil der fossilen Industrie sind. Damit sind diese Leute Teil des Systems, dass die Klimakrise verursacht. Dazu gibt es unterschiedliche Gutachten. OXFAM ist eine der Organisationen, die dazu regelmäßig Berichte veröffentlicht (https://www.oxfam.de/). Die haben errechnet, dass das reichste Prozent der Bevölkerung, genauso viel CO2 verursacht, wie die ärmsten zwei Drittel der Menschen. Die Reichen sind gleichzeitig natürlich auch jene, die sich am besten vor den folgenden Klimakrise schützen können, während Menschen, die die Klimakrise eben nicht verursachen, oftmals in Regionen leben, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind. Dort ist dann am wenigsten die notwendige Infrastruktur verfügbar, um sich vor den Folgen der Klimakrise zu schützen.
Sie denken beispielsweise an die Sahelzone, wo Menschen bereits aufgrund des Klimawandels ihre Lebensgrundlage verlieren und wo es immer stärkere Konflikte um die Landnutzung gibt.
Es sind gerade Menschen in Regionen des globalen Südens, die nicht zur Klimakrise beigetragen, aber unter den Folgen leiden. Gleichzeitig erleben Regionen wie die Sahelzone einen andauernden Kolonialismus mit massiven Folgen für Menschenrechte und Stabilität. Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr intensiv mit der Sahelzone auseinandergesetzt und war mehrmals mit (Anm. d. Redkation: der damaligen) Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze in der Region.
Kann man sagen, dass sich beim Klimaschutz nicht so sehr die Frage nach den maßgeblichen Unternehmen stellt, sondern eher danach, wo die finanziellen Einflüsse gebündelt sind? Am Ende werden naheliegenderweise dadurch unternehmerische Entscheidungen maßgeblich mit beeinflussen.
Beides ist zu betrachten. Natürlich sind es große, fossile Unternehmen wie RWE, Shell, Total Energy und so weiter, die weiterhin in den Neubau fossiler Infrastruktur und in die Erschließung neuer fossiler Lagerstätten investieren. Ein Beispiel: Total Energy erschließt Lagerstätten am Albertsee in Uganda. Dazu gehört eine über 1.400 Kilometer lange Pipeline durch Uganda und Tansania. Das sind unternehmerische Entscheidungen. Daneben gibt es natürlich Einzelakteure, die aufgrund ihrer gigantischen finanziellen Möglichkeiten auf solche Entscheidungen einwirken können.
Wie lautet Ihrer Erwartung an Leute, die einen solchen Einfluss haben?
Baue jetzt die Firma um und investiere alles was du hast, in Richtung Klimaneutralität. Aber das geschieht ja nicht. Große globale Energiekonzerne halten solange am Fossilen fest, weil sie sich dort noch die meisten Gewinne machen.
Ist die Mühe, die wir uns in den vergangenen Jahren insbesondere in Deutschland gemacht haben, eine vergebliche Mühe? In vielen anderen Ländern der Welt scheint man anders zu agieren, was die Energiewende anbelangt.
Nein, das stimmt nicht. Tatsächlich wurde beispielsweise im Bereich Erneuerbare Energien (EE) in vielen Ländern und Regionen massiv investiert. Wenn wir einmal einen Blick nach Kolumbien werfen, da gibt es enorme Anstrengungen, das Land mit Blick auf Energiesicherheit mit EE aufzustellen. Werfen wir den Blick nach Indien oder nach China, wo man ja immer mit dem Finger hinzeigt. Das sind Länder, die enorme Investitionen in EE tätigen. Auf der Weltklimakonferenz in Dubai haben wir uns als Weltgemeinschaft sehr klar entschieden und da waren auch andere Länder gemeinsam mit Deutschland die treibende Kraft. Da war es nicht so, dass die Europäer alles bestimmt haben, sondern dass die Beschlüsse sind gemeinsam entwickelt worden. Besonders auch mit den am stärksten betroffenen Ländern. Wir haben die Abkehr von den fossilen Energieträgern und eine Verdreifachung der EE bis 2030 erwirkt. Also, wir arbeiten global gemeinsam an einer gerechten Transformation. Allerdings erleben wir gerade – und das ist dramatisch – einen globalen Rechtsruck. Damit einher geht die Klimaleugnung. Mit der Wahl von Donald Trump in den USA und jetzt auch mit der Wahl von Friedrich März in Deutschland droht der Fortschritt, den wir erkämpft haben, rückgängig gemacht zu werden.
Ich erinnere mich das FCKW-Verbot. Im September 1987 wurde das Montrealer Protokoll von 24 Regierungen und der Kommission der Europäischen Gemeinschaft unterzeichnet. Damals war Helmut Kohl Bundeskanzler. Nun, das Montrealer Protokoll war der Anfang zum weltweiten Ausstieg aus der FCKW-Produktion und -Verwendung. Ich finde das ein dankbares und mutmachendes Beispiel. Es zeigt, dass vernünftige Entscheidungen global möglich und umsetzbar sind.
Ja, das war damals eine tolle und erfolgreiche Sache.
Machen wir einen Gedankensprung und sprechen wir über die Elektromobilität. Kann man sagen, dass es beispielsweise in den großen Metropolen in China eine politische Notwendigkeit zur Elektromobilität gab und gibt, um den Smog aus den Ballungsräumen rauszukriegen? Klar, es gibt weitere Gründe, wie die bei Elektroautos geringere technologischen Einstiegshürden in den Bau von Fahrzeugen, im Vergleich zum Verbrenner. Wir bleiben jedoch beim Smogproblem in den Großstädten. Man setzt in dort auf Elektromobilität – und verbrennt die Kohle in Kraftwerken auf dem Land. Dort trägt der Wind den Smog davon und die Städte bleiben sauberer als zuvor. Kann man sagen, dass wir in Europa bzw. in Deutschland da und dort weniger die Notwendigkeit haben, als insbesondere Schwellenländer oder junge, stark wachsende Industrienationen? Ist man deshalb dort rascher und agiler beim Einstieg in die Elektromobilität?
Ich weiß, was Sie meinen, aber ich sehe das nicht so. In Deutschland haben wir in den Ballungsgebieten immer noch eine lebensgefährlich erhöhte Feinstaubbelastung. Und da kommen wir direkt wieder auf das Thema der Umwelt-Ungerechtigkeit zu sprechen. Denn es sind gerade die Bevölkerungsgruppen davon betroffen, die es sich eben nicht leisten können, irgendwo am Stadtrand im Grünen zu leben. Die müssen in den Ballungszentren und an den vielbefahrenen Straßen leben, wo sie den ganzen Feinstaub abbekommen. Unsere Städte in Deutschland müssen enorm umbauen werden, damit wir Klimaschutz ermöglichen können. Menschen müssen sich klimagerechter fortbewegen können und gleichzeitig dabei barrierefreier. In Deutschland haben wir die großen Autohersteller. Die haben es ein stückweit absichtlich verschlafen, auf Elektroautos umzusteigen. Da gab es einen sehr großen Lobbywiderstand. Wir müssen einfach sehr ehrlich sein, dass natürlich Autokonzerne und fossile Energiekonzerne zusammenarbeiten. Die haben eine sehr, sehr starke Lobby in Deutschland und versuchen, die transformativen Prozesse aufzuhalten. Darin liegt der Grund für den wirtschaftlichen Abschwung, was die Konzerne dann wiederum leider an ihren Mitarbeitern auslassen.
Lassen Sie uns nochmals über die großen Metropolen mit 15 oder gar über 20 Millionen Menschen sprechen, wie wir sie beispielsweise in Asien kennen. Dort hat stellt man intensive die Energieversorgung auf EE um und setzt auf die Elektromobilität, um den Smog aus den Städten zu bekommen. Die Motivation und Notwendigkeit dürften, so meine Hypothese, alleine deshalb sehr hoch sein, weil dort eine viel, viel höhere Anzahl an Menschen in diesen Megastädten wohnt, als in unseren Städten in Deutschland. Und vielleicht liegt eine ergänzende Motivation für die Anstrengungen um eine bessere Luftqualität darin, dass dort die Wohlhabenden und Reichen nicht außerhalb der Städte, sondern eben mitten in diesem Dilemma leben.
Also zuerst finde ich es immer wichtig, folgendes zu betonen: Ein Großteil der beispielsweise industriellen Produktion, die diesen Smog mitverursachen, steht im Zusammenhang mit Waren, die zu uns exportiert werden. Mir ist es immer wichtig, das als Erstes zu betonen. Das Zweite ist, wie wir Menschen reagieren, wenn wir Gefahren im Hier und Jetzt erkennen. Wenn die Smogbelastung so enorm ist, dass im Hier und Jetzt eine akute Dringlichkeit besteht, dann sind Menschen in der Lage, sofort zu reagieren. Wenn beispielsweise Schulen ausfallen, weil tagelang ein toxischer Nebel über der Stadt liegt. Der Unterschied zur Klimakrise liegt darin, dass die Auswirkungen zumeist nicht sofort sichtbar sind. Sie liegt in der Zukunft und dieser zeitliche Abstand oder ein räumlicher – also geografischer – Abstand, macht die Akzeptanz und Umsetzung notwendiger Maßnahmen im Hier und Jetzt schwierig. Natürlich, wenn dann mal wieder eine Flutkatastrophe kommt sind alle sehr erschüttert. Aber danach verfliegt die Dringlichkeit im Hier und Jetzt – und es geht weiter, wie bisher. Der Smog ist eine direkt fühlbare, große Problematik. Dann ist natürlich die Dringlichkeit zu handeln enorm und die Akzeptanz von Maßnahmen groß.
Ein herzliches Dankeschön für das Gespräch, Kathrin Henneberger, für Ihre Ausführungen und die Einblicke.
Zur Person
ist Klimaaktivistin und seit 2021 für Bündnis 90/ DIE GRÜNEN als Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Unter anderem war Henneberger Mitglied im Vorstand der Grünen Jugend Pressesprecherin des Klimabündnisses ENDE GELÄNDE. Sie arbeitete als Projektkoordinatorin für das Institute of Environmental Justice e. V. Seit 2014 schreibt sie als Autorin regelmäßig über klima- und energiepolitische Themen für das Onlinemagazin Klimareporter.
