Franziska Harter ist Chefredakteurin bei DIE TAGESPOST. Sie spricht im April 2026 mit Ralf M. Ruthardt über ihr journalistisches Selbstverständnis, die publizistische Rolle der TAGESPOST und das Spannungsverhältnis von Glauben, Wahrheitssuche und gesellschaftlicher Debatte. Ein Interview über konfessionelle Prägung, mediale Orientierung und den Anspruch, katholische Perspektiven offensiv in den öffentlichen Diskurs einzubringen.
Das GesprächSie arbeiten, liebe Franziska Harter, als Journalistin in einem klar konfessionell geprägten Medium. Wie definieren Sie Ihr journalistisches Selbstverständnis und wo liegt für Sie die Grenze zwischen journalistischer Distanz und persönlicher weltanschaulicher Überzeugung?
Journalisten und Christen haben eines gemeinsam: die Suche nach der Wahrheit. Jedenfalls sollte das so sein, auch wenn sowohl die einen als auch die anderen in der Praxis oft hinter diesem Ideal zurückbleiben. Mein journalistisches Selbstverständnis ist stark von meinem Glauben an Jesus Christus geprägt, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das kann ich auch als Journalistin ohne Scham zugeben, denn die Arbeit ausnahmslos jedes Journalisten, ob Christ oder nicht, ist durch sein jeweiliges Weltbild geprägt. Sich des eigenen Weltbildes bewusst zu sein und es benennen zu können, ist nicht nur ein wichtiger Schritt der Selbsterkenntnis, sondern Sache der intellektuellen Aufrichtigkeit. Ich würde sogar behaupten, journalistische Distanz ist nur dann möglich, wenn man sich der eigenen weltanschaulichen Überzeugung bewusst ist. Das scheint mir übrigens eines der aktuellen Hauptprobleme in Teilen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu sein.
Sie sprechen von einer Selbstreflexion, die man als Journalist auch bezüglich seiner eigenen Verortung in einer Weltanschauung haben sollte?
Genau. Journalistische Distanz bedeutet für mich, sich auf die Tatsachen zu konzentrieren. Die Wirklichkeit wahrnehmen und wiedergeben, wie sie ist, auch wenn sie uns nicht gefällt. Wichtig ist auch die Trennung zwischen Information und Meinung. Trotzdem ist klar: Als Tagespost wollen wir auch Orientierung geben. Das tun wir – wie jedes Medium – allein schon durch die Auswahl unserer Themen. Dabei legen wir dem Leser ganz klar dar, auf welcher Grundlage wir einordnen und orientieren, nämlich auf der Grundlage des katholischen Glaubens. Übrigens – das steckt ja manchmal hinter dem Vorwurf, als Katholik könne man in Kirchendingen keine journalistische Distanz halten, weil man ja sozusagen „pro domo“ schreibe. Das stimmt nicht. Glücklicherweise wissen wir als Christen, dass unsere Kirche aus sündigen Menschen besteht. Das gehört sozusagen zu unserem Weltbild hinzu, weswegen wir es zum Beispiel nicht zu beschönigen brauchen, wenn Kirchenmänner Fehler begehen.
Sie hätten auch in einem säkularen Medium arbeiten können. Sie haben jedoch Ihre journalistische Arbeit bewusst im Umfeld eines katholischen Mediums verortet.
Medien bilden nicht nur die Wirklichkeit ab, sondern geben auch Orientierung. Sie wählen Themen aus, schneiden zu, informieren und ordnen dann ein. Das tun alle Medien jeweils vor dem Hintergrund ihrer – expliziten oder impliziten – Weltanschauung. Die Tagespost tut dies auf Grundlage des katholischen Glaubens. Deshalb ist es für mich als Christin nur folgerichtig, bei einem katholischen Medium zu arbeiten, welches das Zeitgeschehen aus dem Blickwinkel des christlichen Menschenbildes einordnet, gerade wenn es um Themen wie Lebensschutz, Ehe und Familie, Religionsfreiheit, Gerechtigkeit und Frieden geht. Ich bin überzeugt, dass das Christentum für alle Menschen die beste Botschaft der Welt bereithält und dass es gleichzeitig einen Blick auf den Menschen hat, der nicht ideologieverstellt, sondern wahr ist, eben weil es aus Gottes Perspektive auf den Menschen blickt. Als Christin wünsche ich mir außerdem, dass alle Menschen die Möglichkeit bekommen, Jesus Christus kennenzulernen. Dazu können auch christliche Medien beitragen, gerade auch im digitalen Raum.
Die Tagespost versteht sich als katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur und ist eines der wenigen überregionalen katholischen Medien im deutschsprachigen Raum. Welche publizistische Aufgabe sehen Sie für dieses Medium heute, wo Kirche seit Jahren nicht unbedingt an Relevanz zu gewinnen scheint?
Die Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts hat im deutschen Sprachraum in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren. Die Botschaft des Christentums nicht, denn die bleibt wahr, unabhängig davon, ob die Menschen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sie mehrheitlich als solche erkennen oder nicht. Gerade in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft fällt katholischen Medien daher eine ganz bedeutende Rolle zu, nämlich die christliche Stimme in säkularen Debatten deutlich hörbar zu machen. Mit ihrem christlichen Menschenbild und der katholischen Soziallehre hält die Kirche einen unsagbar großen Schatz bereit, den sie mit allen Menschen teilen möchte.
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Die Kirche – oder Christen überhaupt – sollten sich immer dann zu Wort melden, wenn Frieden, Gerechtigkeit oder Menschenwürde auf dem Spiel stehen. Die Päpste haben in den letzten Jahrzehnten vorgemacht, wie das geht. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts mahnen sie immer wieder zum Frieden. Papst Johannes Paul II. hat maßgeblich zu einem friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen. Papst Leo sagt laut und deutlich, wo aus christlicher Sicht die Grenzen des „gerechten Krieges“ liegen und scheut sich nicht, dabei auch den aktuellen Machthabern auf die Füße zu treten. Und dass sein Wort weltweit Gewicht hat, zeigt ja die erboste Reaktion von US-Präsident Donald Trump. Weltweit gesehen kann also keine Rede davon sein, dass das Christentum an Bedeutung verliert. Dazu lohnt es sich, nicht nur auf die sinkenden Kirchenmitgliedszahlen in Deutschland zu schauen: Weltweit gesehen wächst die katholische Kirche – relativ und in absoluten Zahlen. In verschiedenen Ländern auch in der westlichen Welt zieht die christliche Botschaft seit einigen Jahren auch wieder vermehrt junge Menschen an. Vieles deutet darauf hin, dass sich auch in unseren Breiten gerade eine kleine Renaissance des Glaubens vollziehen wird. Nicht in den Dimensionen der Volkskirche, aber doch spürbar. Und wie Papst Benedikt XVI. sagte: Es kommt nicht auf die großen Mehrheiten an, sondern auf eine kreative Minderheit, die vom Glauben überzeugt ist und segensreich in die Gesellschaft hineinwirkt.
Man kann somit von einem qualitativen Wachstum sprechen, welcher einem quantitativen Rückgang der Kirchenmitglieder gegenübersteht. Nun, religiöse Medien erreichen oft eine relativ klar definierte Leserschaft. Soll die Tagespost in erster Linie eine Stimme für die katholische Community sein oder verstehen Sie sie eher als Beitrag zu einer breiteren gesellschaftlichen Debatte?
Eindeutig Letzteres. Der „Community“-Gedanke ist Katholiken von Haus aus fremd. Katholisch heißt universal. Als Weltchristen haben wir nicht den Auftrag, in kleinen Festungen des „heiligen Rests“ uns vom Rest der Welt abzuschneiden, sondern in der Welt zu leben und dort segensreich zu wirken, gemeinsam mit allen Menschen guten Willens, und gleichzeitig mit einem klaren Bekenntnis zu Jesus Christus. Das gilt auch für eine Zeitung wie die Tagespost, die sich in alle gesellschaftlichen Debatten einbringt und ganz gezielt auch katholische und nicht-katholische Positionen miteinander in Dialog bringt zu Zukunftsfragen, die alle Menschen angehen: Wie wird KI die Vorstellung vom Menschen verändern? Wie schaffen wir eine familienfreundliche Gesellschaft? Wie wird sich die weltpolitische Neuordnung auf uns Europäer auswirken? Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit zunehmen und alle Formen von Bindungen schwächer werden?
Katholische Medien werden von außen häufig schnell politisch eingeordnet oder etikettiert. Wie gehen Sie als Chefredakteurin damit um – und wie würden Sie selbst das publizistische Profil der Tagespost beschreiben?
Wir sagen manchmal: Der wahre Chefredakteur der „Tagespost“ ist das katholische Lehramt. Unser Profil lautet: christlich fundiert, weltkirchlich orientiert, offen für Debatte. Wir verstehen uns nicht in erster Linie als politisches Blatt und lassen uns zunächst einmal keiner politischen Strömung zuordnen, vor allem keiner parteipolitischen. Wir bewerten das Handeln aller Akteure in der Politik von der Warte des Glaubens und seiner Prinzipien aus. Das christliche Menschenbild – die Geschöpflichkeit des Menschen, seine Gottesebenbildlichkeit, sein Dasein als Mann oder Frau – ist wahr und dadurch resistent gegen Ideologien von rechts und von links. „Konservativ“ sind wir in dem Sinne, dass die Bewahrung und Weitergabe des Glaubens und alles Wahren, Schönen und Guten in unserer Kultur für uns eine Leitidee sind.
Zur Person
Jahrgang 1988, ist im Rheinland aufgewachsen. Sie studierte Geschichte und Romanistik in Köln und Bordeaux. Seit 2021 ist sie bei der Tagespost, zunächst als Redakteurin für die Seiten „Ehe und Familie“ sowie als Frankreich-Korrespondentin mit Sitz in Paris und seit Mai 2025 als Chefredakteurin.
