In dieser Rubrik MENSCHEN IM PORTRÄT sprechen wir mit Menschen, deren gesellschaftliches Engagement und Wirken uns als Leserinnen und Lesern eine Quelle der Inspiration für unser eigenes Tun sein kann. Als Menschen können wir unsere Gesellschaft bereichern. „Machen die vielen Hilfsprojekte überhaupt noch Sinn?“ Diese Frage stellen sich manche Spenderinnen und Spender, wenn es um Unterstützung für Afrika geht. „Ja, unbedingt!“, sagt Gabriele Haldenwang, stellvertretende Vorsitzende von IPS e. V. (Initiative Pater Stephan), die sich seit vielen Jahren im Sudan und im Südsudan engagiert. „Denn“, fügt sie hinzu, „die Menschen brauchen die Solidarität der wohlhabenden Länder.“

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Gabriele Haldenwang, Sie sagen, die Menschen in manchen afrikanischen Ländern bräuchten die Solidarität der wohlhabenden Länder. Was genau meinen Sie damit?

Gabriele Haldenwang

Es gibt in Afrika sehr viele Krisengebiete, in einigen Ländern wie dem Sudan und dem Kongo herrscht Krieg, in anderen verwüsten Naturkatastrophen ganze Landstriche – mit zunehmender Tendenz. Die Schwächsten aus der Zivilbevölkerung, vor allem die Kinder und die Frauen, sind die Leidtragenden. Zwei Beispiele: Im Sudan und im Südsudan herrschen Hungersnöte, vor allem wegen der vielen Kriegsflüchtlinge und aufgrund der Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Dürren. Im Sudan etwa sind laut der UNO-Flüchtlingshilfe fast 25 Millionen Menschen von Hunger betroffen, 12 Millionen befinden sich innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht. Allerdings nimmt die Weltöffentlichkeit kaum Notiz davon, weil über andere Kriege und Krisenherde berichtet wird. Aber wir müssen den Menschen helfen!

Ralf M. Ruthardt

Und wie hilft die IPS e. V., also die Initiative Pater Stephan?

Gabriele Haldenwang

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit im Sudan und im Südsudan ist, Kindern und Jugendlichen einen Schulbesuch zu ermöglichen und damit die Chance auf eine bessere Zukunft zu eröffnen. Das Ausbildungsprogramm der IPS sieht vor, junge Menschen auszubilden, damit diese danach ihre Dorfgemeinschaften unterstützen und weiterentwickeln können. Seit dem letzten Jahr fördern wir zudem Alphabetisierungsprogramme für Erwachsene. Ein wichtiger Schwerpunkt besteht auch in der Förderung sozial benachteiligter Frauen.

Ralf M. Ruthardt

Wie Sie berichten, gibt es zum Thema Frauenförderung gute Nachrichten aus den Nubabergen im Südsudan: Der Weiterbau des Anne-Katrin-Frauenzentrums in Kauda wurde begonnen. Was genau wurde realisiert? Und warum ist das so wichtig?

Gabriele Haldenwang

Nachdem 2021 die Mittel fehlten, um das Zentrum fertigzustellen, konnten wir im Januar 2025 mit Unterstützung der Antonia-Ruut-Stiftung und der Familie Feigl die Bauarbeiten wieder aufnehmen. In Phase 1 wurden Schäden am Gebäude beseitigt, Böden und Wände renoviert und der Innenhof wurde neu gestaltet. Zwei Tretnähmaschinen und entsprechendes Material wurden angeschafft und in einem ersten Kurs lernten Frauen, Hemden und Schürzen zu nähen. Ein zweiter Kurs für aufwändigere Näharbeiten ist bereits geplant.

Ralf M. Ruthardt

Was ist das Ziel des Frauenzentrums – und welche weiteren Planungen gibt es?

Gabriele Haldenwang

Das Zentrum dient als „Leuchtturm der Hoffnung“: Die Frauen erwerben handwerkliche Fähigkeiten wie zum Beispiel Webtechniken, Näharbeiten oder Anbaumethoden für Gemüse. Gleichzeitig lernen sie, ihre selbst hergestellten Produkte – u. a. Kleidung, Schmuck, Waschmittel und Seife – auf dem Markt zu verkaufen. Dadurch haben sie die Chance, ihre Familie zu ernähren. Dies ist oft notwendig, da die meisten Männer in der Armee dienen und dort keinen Sold erhalten. Am 13. Juni 2025 fand die Feier statt – mit Tänzen, Gesang und Reden, in denen die Frauen ihre Dankbarkeit ausdrückten. Sie sehen das Zentrum als ihr eigenes an, und das ganz bewusst: ein Ort, an dem Entwicklung von unten heraus beginnt.

Ralf M. Ruthardt

Zurück zur Planung. Welche weiteren Schritte stehen an – und was fehlt noch?

Gabriele Haldenwang

In Phase 2 ist das Ziel, das Zentrum energieautark zu machen und das Angebot auszuweiten: Wir benötigen Saatgut, Gartenwerkzeuge, Rohstoffe für Seifen- und Waschmittelproduktion sowie Möbel und Unterrichtsmaterialien. Was den Gemüseanbau angeht, so ist geplant, den Frauen zu zeigen, welche Konservierungsmethoden in dieser Region möglich sind. Darüber hinaus soll das Zentrum zukünftig Raum für psychosoziale Unterstützung bieten. Dies ist sehr wichtig in einer Region, die von Krieg und Trauma geprägt ist. Des Weiteren planen wir, Alphabetisierungskurse anzubieten. Dafür müssen natürlich Unterrichtsmaterialien angeschafft werden. Die Kosten für diese Maßnahmen belaufen sich auf rund 12.000 Euro, und wir hoffen auf entsprechende Spenden. Wenn es uns gelingt, die 2. Phase erfolgreich abzuschließen, soll eine weitere folgen. In dieser 3. Phase planen wir, eine Solaranlage zur Stromerzeugung zu errichten sowie vier elektrische Nähmaschinen anzuschaffen. Ein großer Kostenfaktor ist die Umzäunung des Anne-Katrin-Frauenzentrums. Diese Maßnahme ist erforderlich, um das angebaute Gemüse vor den freilaufenden Nutztieren zu schützen und unerwünschte Besucher fernzuhalten. Material- und Arbeitskosten für den Zaun belaufen sich auf ca. 8.000 Euro.

Ralf M. Ruthardt

Frau Haldenwang, was bedeutet dieses Projekt für die Rolle der Frauen in der Region?

Gabriele Haldenwang

In einer hochgradig patriarchalisch geprägten Gesellschaft sind Frauen natürlich stark benachteiligt. Die Programme zur Förderung der Frauen sollen dazu beitragen, ihre Position in der Gesellschaft zu stärken. Sie ermöglichen es den Frauen, Bildung, Selbstbewusstsein und ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen. Das stärkt nicht nur jede Einzelne, es stärkt ganze Familien, Gemeinschaften, letztlich das gesamte soziale Gefüge in der Region.

Ralf M. Ruthardt

Und wie will die IPS die weiteren geplanten Projekte organisieren und finanzieren?

Gabriele Haldenwang

Die Initiative Pater Stephan arbeitet mit den Mitarbeitern unserer Partnerorganisation Bishop Gassis Relief & Rescue Foundation vor Ort zusammen. Wir übernehmen Planung, Finanzierung und Begleitung – unterstützt durch Spenderinnen und Spender aus Deutschland sowie durch die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder der IPS.

Ralf M. Ruthardt

Zum Schluss: Warum „lohnt“ es sich für unsere Leserinnen und Leser, diese Projekte zu fördern?

Gabriele Haldenwang

Weil hier ein nachhaltiges Fundament entsteht – durch Ausbildung, wirtschaftliche Chancen und sozialen Rückhalt. Das Zentrum ist mehr als ein Gebäude: Es ist ein Zeichen, dass Solidarität konkret wirkt. Jede Spende verwandelt Träume in Realität und verändert und verbessert das Leben vieler Frauen dauerhaft.

Zur Person

Gabriela Haldenwang ist stellvertretende Vorsitzende von IPS e. V., engagiert sich für Projekte im Sudan und Südsudan, insbesondere in den Nuba-Bergen. Sie koordiniert gemeinsam mit anderen Vorstandsmitgliedern Bildungs-, Gesundheits- und Frauenfördermaßnahmen gemeinsam mit lokalen Partnern.

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