Es war eine eher zufällige Begegnung, als der Herausgeber von MITMENSCHENREDEN bei einem spontanen Besuch der Dresdner Frauenkirche auf eine ehrenamtlich tätige Kirchenführerin getroffen ist. Das sich ein paar Tage später anschließende Gespräch mit der Leiterin des Besucherdienstes, Dr. Anja Häse, gibt inspirierende und berührende Einblicke.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Liebe Frau Dr. Anja Häse, lassen Sie uns einsteigen, indem Sie mit einigen Sätzen sich und den Besucherdienst der Dresdner Frauenkirche vorstellen.

Anja Häse

Von Haus aus bin ich Germanistin, Historikerin und habe auch ein paar Semester Pädagogik und Psychologie studiert. Seit September 2002 bin ich hier im Haus. Das heißt, ich hatte das große Glück, die letzte Zeit des Wiederaufbaus dieser Kirche miterleben zu dürfen. Die Atmosphäre der Menschen, die auf dem Bau mitgewirkt haben – das war grandios, das war etwas Einzigartiges. Es hat mich, das ich muss so sagen, sehr geprägt. Meine Anstellung erfolgte mit Blick auf die Zeit nach der Weihe im Oktober 2005. Da galt es, so einiges vorzubereiten, damit die Dresdner Frauenkirche nach der Fertigstellung von den Menschen besucht werden konnte.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie uns noch einen Moment in der Zeit des Wiederaufbaus verweilen. Mir drängt sich der Vergleich mit der Anfangsphase auf, als ich ein neues Unternehmen gegründet habe. Da gibt es die inspirierende Atmosphäre bei den Mitarbeitenden, an einer Innovation, an etwas Bedeutendem mitwirken zu können. Alle haben die Vision und Mission verinnerlicht – und das prägt ein Team. Nun, mein Vergleich hinkt. Ein historisch bedeutendes Bauwerk mit einer besonderen gemeinsamen Kraftanstrengung der Beteiligten ins Hier und Jetzt zu überführen, erscheint mir als etwas Großes. Was war aus Ihrem Erleben das Einzigartige? Was war das Prägende?

Anja Häse

Die Menschen, die am Wiederaufbau mitgewirkt haben, waren eng verbunden mit dieser Idee. Nun kann man sagen, das ist bei einer Firmengründung auch der Fall. Das Einzigartige lag beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche darin, dass dies auf diese spezielle Art und Weise kein zweites Mal passieren wird. Da war die historische Bedeutung des Kirchengebäudes. Die Silhouette der zerstörten Kirche – gleich zweier zum Gebet erhobener Hände. Dann der von einem breiten Bürgerengagement getragene Gedanke des Wiederaufbaus und natürlich die eindrückliche Versöhnungssymbolik. Das bürgerschaftliche Engagement war ja eine der Voraussetzungen. Dieser Ruf einer Handvoll Bürger aus Dresden im Jahr 2000, der hinaus in die Welt gerichtet wurde: die Bitte um Spenden für den Wiederaufbau. Damals über Radio und Fernsehen, über Zeitungen – die Möglichkeiten des Internets waren noch gar nicht vorstellbar. Dieser Ruf aus Dresden erzeugte eine so mächtige Resonanz. Überwältigend war für mich, wie die Menschen an diesem Wiederaufbau mitgewirkt haben. Die Maurer, Tischler, Steinmetze und viele andere Gewerke auf der Baustelle. Die wussten, das ist was Einzigartiges. Teilweise wurden alte Handwerkstechniken neu erlernt, um dieses Bauwerk in seiner historischen Form wieder zu errichten. Da war eine spürbare Verbindung. Viele der Spenderinnen und Spender sind immer wieder zur Baustelle gekommen und haben sich den Fortschritt angeschaut. Das Anliegen der vielen Beteiligten war erkennbar. Natürlich hat auch der religiöse Aspekt die Menschen verbunden. Schließlich hat man an einer Kirche gebaut, die als Symbol für Frieden stehen soll. Ich weiß noch, als der Wiederaufbau beendet war und die Bauleute sich nach neuen Jobs umgeschaut haben, da ist dies einigen sehr schwergefallen: Von dieser Baustelle mit ihrer historischen Tragweite zurück in einen normalen Arbeitsalltag auf einer der üblichen Baustellen zu finden, war sicher nicht leicht.

Ralf M. Ruthardt

Kann man diese Atmosphäre im Wortsinn als etwas „Heiliges“ bezeichnen, ohne dass ich diesen Begriff hier religiös überfrachtet verstanden wissen möchte? Die von Ihnen beschriebene Stimmung hat ja damit zu tun, dass die beteiligten Menschen sich auf etwas Besonderes eingelassen und es sich zu eigen gemacht haben.

Anja Häse

Ja, das auf jeden Fall. Hinzu kommt die symbolische Bedeutung der Frauenkirche. Die wiederaufgebaute Frauenkirche als Sinnbild für ein friedliches und versöhntes Miteinander. Diese Kirche, die durch den Krieg zerstört wurde. Das Gebäude inmitten der Stadt, auf dem auch eine Kriegsschuld lastete. Dann der Wiederaufbau, um durch einen gemeinsamen Akt eine offene Wunde zu heilen. Ich hatte ja von den zwei in den Himmel erhobenen Händen gesprochen. Altbischof Johannes Hempel hat dieses Bild verwendet. Im Angesicht der Ruine, dieser offenen Wunde, ist es menschliche Pflicht und christliche Botschaft, Wunden nicht offen zu halten, sondern zu heilen. Das war das bischöfliche Wort dazu. Es bleiben Narben, die an die Geschichte, an Schuld und Zerstörung erinnern. Von diesem Ort gehen Impulse aus, dass die Menschen für den Frieden eintreten. Allein durch das enorme internationale Engagement für den Wiederaufbau wird deutlich, dass Menschen sich versöhnt haben. Also: „Heilig“ – in ganz vielen Dimensionen.

Ralf M. Ruthardt

Danke für den letzten Gedanken, dieses versöhnende Moment, das von einer gemeinsamen Kraftanstrengung, wie dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, ausgehen kann. Ich erinnere mich an einen Beitrag der jungen Journalistin Veronika Wetzel. Sie hat hier über den Friedensprozess in Ruanda berichtet. Man erinnert sich an die Presseberichte aus Ruanda über die Gräueltaten rund um das Jahr 1994 – und heute stehen Menschen versöhnt gemeinsam auf den Feldern und verrichten ihr Tagwerk. Nun, inwiefern spielt diese historische Bedeutung der Frauenkirche und die damit verbundene Ermahnung zum Frieden eine Rolle, wenn es um den Besucherdienst geht?

Anja Häse

Die Kernbotschaft ist im Fokus der ehrenamtlichen Kirchenführerinnen und Kirchenführer. Diese durchlaufen anfangs eine Schulung. Sie bekommen Material und entwerfen darauf basierend ihre erste Führung. Ein Kernthema ist die Friedensbotschaft: die Zerstörung, die Heilung von Wunden und die Versöhnung. Wir erhalten von den Kirchenführern die Rückmeldung, dass dieses Thema die Zuhörenden am meisten bewegt.

Ralf M. Ruthardt

Bei meinem letzten Besuch in der Frauenkirche habe ich bei einem von einer Kirchenführerin vorgetragenen geistlichen Impuls zwei Dinge wahrgenommen: Da war eine inhaltliche Botschaft. Was mich im persönlichen Erleben noch viel mehr mitgenommen hat, war die Art und Weise, wie dieser Impuls durch die Kirchenführerin vorgetragen wurde. Es war die Bereitschaft spürbar, die Besuchenden mitzunehmen. Unabhängig davon, ob jemand oberflächlich durch das Kirchenschiff schlendert oder dem Wort folgend in der Kirchenbank saß. Das hat mich damals sehr angesprochen und bewegt.

Anja Häse

Erstmal freut mich diese Rückmeldung. Vielen Dank, das ist schön zu hören. Dieser geistliche Impuls ist ja nicht im eigentlichen Sinne eine Führung. Er ist ein Bestandteil der offenen Kirche und geht zurück auf das Jahr 2007, als das Besucherinteresse ungebrochen hoch blieb, was im Kirchenraum mit einem Geräuschpegel einherging, der – sagen wir es mal so – nicht unbedingt angemessen ist. Die Frage war damals, was können wir machen? Ich hatte überlegt, ob wir leise Musik vom Band einspielen. Ein Anruf bei einem Kollegen in Köln und dessen Antwort war eindeutig: Das könnt ihr lassen, das hatten wir auch mal versucht. Der Effekt sei gewesen, dass sich dann der Geräuschpegel über den der Musik aufschwang. Schlussendlich haben wir uns für diesen geistlichen Impuls entschieden. Dieser dauert maximal drei Minuten. Es gibt einen Rahmentext: eine Einladung, Platz zu nehmen und innezuhalten. Dann der Impuls. Am Schluss folgen noch zwei, drei organisatorische Hinweise und auch die Bitte um eine Spende am Ausgang. Die Kirchenführerinnen und Kirchenführer stehen anschließend für Fragen und Gespräche zur Verfügung. So, wie Sie das auch erlebt haben. Es ist ein kirchenpädagogisches Konzept, um Menschen den Zugang zu Kirchenräumen zu eröffnen. So gibt es neben den klassischen Kirchenführungen ein methodisches Repertoire – wie diese kleine liturgische Form, die der geistliche Impuls darstellt.

Ralf M. Ruthardt

Diese drei Minuten geistlichen Impuls habe ich auch ob seiner Kürze angenehm empfunden. Nun leben wir ja quasi in einer Welt, in welcher wir mit Unmengen von kurzen Sequenzen in den sozialen Medien überflutet werden. Da sind womöglich die drei Minuten eine optimale Dauer, für ein Publikum, welches ja nicht zu einem Gottesdienst in die Frauenkirche kommt, sondern zum Anschauen und auf sich wirken lassen. Hat man als Kirche ein Stück weit das Bestreben, von den Besucherinnen und Besuchern eine dem Kirchenraum angemessene Disziplin einzufordern?

Anja Häse

Bei Ihrer Frage muss ich lächeln. Gerade dieser Tage hatten wir am Nachmittag rund 7000 Gäste aus vielen Ländern in der Kirche. Die kommen natürlich, wie sie kommen: mit oder ohne christlichen Hintergrund. Und nun, wie gehen wir mit dieser Vielfalt und mit der hohen Anzahl an Gästen um? – Sagen wir es so: Wir sind da! Es gibt keine Regeln, wie zum Beispiel in Italien, dass man in einem schulterfreien Top mit Spaghetti-Trägern oder mit kurzen Hosen meistens nicht in die Kirche hineingelassen wird. Unser Anliegen ist es, dass sich die Menschen wohlfühlen. Deshalb ist uns wichtig, dass sie beim Betreten der Frauenkirche nicht diszipliniert werden. Es könnte Menschen beschämen. Klar, die Kirchenführerinnen und Kirchenführer können auf bestimmte Dinge hinweisen, wenn es authentisch ist. Ein solcher Hinweis kann eine Geste sein, die auf die Kopfbedeckung des Gastes hinweist und andeutet, diese bitte abzunehmen. Es ist auch geregelt, dass – von Blindenhunden abgesehen – keine Tiere in die Kirche mitgenommen werden dürfen oder das Eis bzw. die Currywurst vor der Tür bleibt.

Ralf M. Ruthardt

Wenn ich beispielsweise in Italien ein Kirchengebäude betrete oder wenn ich in arabischen Ländern zu Gast bin, dann empfinde ich es nicht als unangenehm, mich angemessen zu kleiden oder zu verhalten. Es hat etwas mit Respekt und mit Wertschätzung zu tun, wenn ich dort Gast bin. Sind wir bei uns zu zaghaft – oder gar verzagt?

Anja Häse

Mir geht es wie Ihnen. – Aber: Wir haben viele Gäste, die anders sozialisiert sind. Gerade wenn wir auf junge Menschen blicken – und ich diese verprelle, dann tut es mir in der Seele weh. Es ist ein Balanceakt.

Ralf M. Ruthardt

Ja, es ist das sprichwörtliche zweischneidige Schwert. Egal, wie man es tut, man kann falsch liegen.

Anja Häse

Ich bringe ein Beispiel, das mir einer der Kirchenführer erzählte: Da kam ein junges Paar in die Frauenkirche. Es war im Sommer. Die Frau war hochschwanger – und bauchfrei. Der Kirchenführer fühlte sich durch die für einen sakralen Raum eher unangemessene Kleidung ein Stück herausgefordert. Er hat mit sich gerungen, ob er etwas sagen soll. Und er hat nichts gesagt. Der Mann hat von der Frau auch vor dem Altarraum ein Foto gemacht. Anschließend sind die beiden jungen Leute auf den Kirchenführer zugegangen und haben ihm erzählt, dass sie in die Kirche gekommen sind, um ihrem Dank für die Schwangerschaft Ausdruck zu verleihen. Sie hatten zuvor bereits ein Kind verloren – und nun waren sie voller Dankbarkeit und Freude. Vielleicht hat die junge Frau auch deswegen ihren Bauch so offensichtlich gezeigt …

Ralf M. Ruthardt

… das ist eine wirklich berührende Begebenheit und ich freue mich sehr mit dem Kirchenführer, der dieses schöne Erleben hatte. Sich bei aller Unsicherheit doch richtig mit seinem Verhalten entschieden zu haben. Für mich nehme ich die Erkenntnis mit, dass Verstand und Herz miteinander so manches Mal ringen – und das Richtige nicht unbedingt offensichtlich erkennbar ist. Was helfen uns die Form und damit verbunden das Äußere, wenn es doch um das seelische oder emotionale Wohlbefinden geht? Wir können zudem mitnehmen, dass man im ehrenamtlichen Besucherdienst der Frauenkirche Dresden eine Fülle von Begegnungen und sehr schöne Erlebnisse hat, die das eigene Leben bereichern.

Anja Häse

Unbedingt. Die Arbeit an diesem symbolträchtigen Ort bringt uns Begegnungen, die beleben und erfreuen. Das stärkt. Und ja, davon lebt das Ganze.

Zur Person

Jahrgang 72, seit 2002 zuständig für den Bereich Bildung | Besucherdienst bei der Stiftung Frauenkirche Dresden, seit 2020 Vorsitzende des Bundesverbands Kirchenpädagogik e. V..

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