„Wir verlieren das Wir“ – die neue Verbundenheitsstudie des Rheingold-Instituts alarmiert: 89 Prozent der Deutschen erleben einen Verlust des Gemeinschaftsgefühls. Zwei Drittel misstrauen demokratischen Institutionen. Diese Entwicklung birgt Sprengkraft – nicht nur für die politische Stabilität, sondern auch für das gesellschaftliche Miteinander. Was steckt hinter dieser tiefen Entfremdung? Wo liegen die Ursachen für den Vertrauensverlust – und welche Wege führen heraus aus der Krise? Darüber spricht Ralf M. Ruthardt, der Herausgeber des Magazins MITMENSCHENREDEN mit Stephan Grünewald, Psychologe, Bestsellerautor und Leiter des Rheingold-Instituts, der in seiner aktuellen Studie und seinem Buch aufzeigt, wie sich gesellschaftliche Spaltungen schließen und ein neues Wir-Gefühl entstehen kann.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Es ist mir ein Anliegen, Erkenntnisse aus der Verbundenheitsstudie des Rheingold-Instituts vom Juni 2025 zu besprechen. Einige der Zahlen lassen aufhorchen – und bestätigen womöglich die eine oder andere Befürchtung. Nun, es freut mich sehr, lieber Stephan Grünewald, mit Ihnen als Leiter des Instituts sprechen zu dürfen. Ihre Studie zeigt einen dramatischen Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen und ein brüchiges Wir-Gefühl. Was hat sich in den letzten Jahren so gravierend verändert, dass knapp 90 % der Menschen einen Verlust von Verbundenheit empfinden?

Stephan Grünewald

Wir erleben eine Grundbewegung. Angesichts der Vielzahl der Krisen ziehen sich die Menschen zusehends ins Private zurück. Menschen spalten ihre Welt auf: Einerseits in eine private Eigenwelt, die überschaubar ist und die man unter Kontrolle hat. Da herrscht eine große Zuversicht, wie bereits unsere Zuversichtsstudie vor zwei Jahren gezeigt hat. Laut der blicken 87 % ganz zuversichtlich in ihre private Zukunft. Andererseits: nur 23 % blicken mit Zuversicht auf Politik und Gesellschaft. Man sieht hieran diese Aufspaltung der Welten. Und die Welt „da draußen“ ist gekennzeichnet von Dauerkrisen. Das will man daher ausblenden und spannt einen Verdrängungsvorhang zwischen der eigenen Welt und der Außenwelt.

Ralf M. Ruthardt

Diese Unterscheidung bleibt nicht ohne Folgen …

Stephan Grünewald

… ja, man erkennt eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit. Die Zuversicht entsteht durch Selbstoptimierung. Man betreibt beispielsweise Sport und hegt und pflegt die privaten Wohlfühloasen. Damit sind wir jetzt bei einem zentralen Verbundenheitsthema. Ich nenne es das soziale Bollwerk. Die Menschen beschreiben uns, dass sie – nochmals verstärkt durch die Corona-Zeit, wo eine Menge an Kontaktregulierung und Minimierung angesagt war – angefangen haben, ihre Freundeskreise zu sortieren. All diejenigen, die eine andere Meinung vertreten oder die anstrengend sind, werden aussortiert. Dadurch entsteht eine zunehmende Hermetik im Sozialen – eine Art Wagenburg-Mentalität. Das ist natürlich Gift für ein Miteinander. Da werden Menschen plötzlich nicht mehr mit einbezogen, was viele Kränkungen erzeugt. Wieso werde ich nicht mehr eingeladen? Wieso bin ich in den Gesprächsforen nicht mehr dabei? Gleichzeitig erleben wir in den sozialen Bollwerken eine fundamentalistische Tendenz. Man schließt die eigenen Reihen, indem man immer entschiedener wird. Das heißt, wir haben Solidarität nur noch jeweils in den Silos. Ich spreche daher von der „Silodarität“, die die Solidarität abgelöst hat.

Ralf M. Ruthardt

Wie findet der Austausch zwischen den Silos statt? Dieser ist ja wichtig, damit wir als Gesellschaft im Gespräch und im Diskurs bleiben.

Stephan Grünewald

Die Silos sind nicht mehr in einem Austausch. Das, was wir früher als Streitkultur hatten, ist verloren gegangen. Früher haben sich die Leute bei einem gemeinsamen Bier in der Kneipe kontrovers die Köpfe heißgeredet. Dabei war klar, dass man sich respektiert. Man ist kontrovers in der Meinung, aber es gibt ein Grundwohlwollen und einen Grundrespekt dem anderen gegenüber. Die Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler hat ein kleines und, wie ich finde, sehr lesenswertes, weil sehr persönliches Büchlein geschrieben. „Streiten“ heißt das Buch. Darin markiert sie den Unterschied zwischen Gegnerschaft und Feindschaft. Nehmen wir nochmals den Sport. Da gibt es Gegner, aber da gibt es auch Spielregeln. Nach einem Spiel klatscht man sich ab oder umarmt sich. Dann kann man ein paar Wochen später wieder gegeneinander antreten. Als Gesellschaft sind wir sozusagen im Übergang von der Gegnerschaft in eine Feindschaft. Ein Blick unserer Studien in die östlichen Bundesländer zeigt: Wenn man in Leipzig oder Dresden unterwegs ist, trifft man auf ein studentisches Milieu, das stolperfrei gendern kann und sich vegan ernährt. Es ist eher grün oder links orientiert. Jenseits dieses Milieus sind Jugendliche, die stramm für die AfD eintreten. Aber es gibt überhaupt keine Möglichkeiten mehr, dass die beiden Gruppen miteinander ins Gespräch kommen.

Ralf M. Ruthardt

Das erinnert mich an ein Interview mit Katrin Henneberger, welche für DIE GRÜNEN bis 2025 im Bundestag saß. Es war ein inspirierendes Gespräch, für das ich sehr dankbar bin. Katrin Henneberger sagte damals sinngemäß, dass AfD-Wählern nicht verziehen werden könne. Vor dem Hintergrund Ihrer Ausführungen zu den Silos, lieber Herr Grünewald, erscheint mir die Aussage der Klimaaktivistin und Politikerin als Bestätigung eines mangelnden Austauschs. Es war ja in Ihrer Studie auch die Rede von einem latenten oder gar schon verfestigten Misstrauen. Dies sei quasi Wasser auf die Mühlen von radikaleren Parteien. Muss man die Feststellung treffen, dass im Grunde genommen die sogenannten etablierten Parteien und weite Teile der Medien gänzlich versagt haben? Haben diese mit der Art und Weise ihres Agierens es erst überhaupt möglich gemacht, dass dieser Vertrauensverlust und dieses Misstrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern aufgekommen sind? Das Gefühl, missverstanden zu werden. Das Erkennen von Ungerechtigkeit, die man nicht mehr aushalten kann.

Stephan Grünewald

Ich würde von einer Mitverantwortung sprechen. „Gänzlich versagt“ klingt ein bisschen nach einem „Sündenbock“. Diese Mitverantwortung betrifft nicht nur die Institutionen oder die Medien, sondern auch jeden Einzelnen in der Gesellschaft. In meinem Buch beschreibe ich die Gesamtgemengelage, die zu dem Vertrauensverlust geführt hat. Damit meine ich den Rückzug ins private Schneckenhaus und die damit verbundene wachsende Selbstbezüglichkeit. Auch die damals von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende hat, psychologisch betrachtet, nicht stattgefunden. Die Menschen haben sich vielmehr in einer Art „Nachspielzeit“ eingerichtet. Sie fahren auf Sicht und hoffen, dass die bekannte Welt noch ein paar Monate so bleibt, wie man sie kennt. Das, was ich als Verlust der Streitkultur erlebe, ist sicherlich auch in der Medienlandschaft feststellbar. Natürlich kann in Deutschland alles gesagt werden. Aber wir haben in bestimmten Redaktionen so etwas wie eine Homogenisierung der Meinungen. Wobei ich aktuell das Gefühl habe, dass da jetzt gegengesteuert wird. Auch in Deutschland vollzieht sich eine Rollback-Bewegung – allerdings viel moderater als in Amerika. Mit der CDU sind jetzt wieder eher konservative Kräfte mit in der Regierung, die vorher ein bisschen hintenanstanden.

Ralf M. Ruthardt

Im Rahmen meiner Recherchen für meine Romane „Das laute Schweigen des Max Grund“ und „Untergang der GREEN“ bin ich mit vielen Menschen auf der Straße ins Gespräch gekommen. Dabei festigte sich ein Eindruck: Es gibt zu viele Leute, die keinerlei Druck im Berufsalltag haben, was beispielsweise den Auftragseingang oder das Erbringen einer bestimmten qualitativen oder quantitativen Leistung anbelangt. Es gibt zu viele Menschen, die überhaupt keine Vorstellung davon haben, was für einen Unternehmer ein Zahlungsausfallrisiko bedeutet. Ein großer Teil der Berufstätigen ist oder scheint in der Selbstwahrnehmung sicher versorgt durch seinen Alltag zu gehen. An diesem Punkt stelle ich fest, dass die Berufstätigen oder Unternehmer, die die vorgenannten Risiken kennen und damit umgehen müssen, die andere Gruppe zunehmend nicht mehr aushalten wollen. Viele Haushalte bekommen aus Steuermitteln oder aus Sozialversicherungsbeiträgen ihre Arbeitsleistung bezahlt. Eine relativ geringe Anzahl von Nettosteuerzahlenden – ich weiß, der Begriff wird unterschiedlich definiert – trägt unser Gemeinwesen und diese finden sich politisch kaum wieder. – Kann man meinen Vergleich nachvollziehen? Taugt das von mir gewählte Bild für einen Diskurs?

Stephan Grünewald

Was Sie beschreiben, sehe ich so: Wenn ich werktätig bin oder auf Aufträge angewiesen bin, dann spüre ich die Not des Lebens und muss agieren. Als Gesamtgesellschaft sind wir jedoch in der „Ära Merkel“ in eine Versorgungshaltung reingeraten. Die „gute Mutter“ wird’s schon richten. Wir brauchen uns nicht um politische Streitfragen zu kümmern, denn es ist sowieso alles alternativlos. Dem Grund nach ist das damals auch von Olaf Scholz kommuniziert worden: Einerseits spricht er in einer Ruckrede von der Zeitenwende und als Gesellschaft stellen wir uns auf neue Zeiten ein. Jetzt müssen wir raus aus der Komfortzone, jetzt müssen wir Einbußen auf uns nehmen. Jetzt müssen wir uns anstrengen. Aber ein paar Tage später spricht Olaf Scholz vom „Doppel-Wumms“. Mit dem „Doppel-Wumms“ ist die Vorstellung verbunden, dass es eine riesige Finanz-Bazooka gibt und damit alle Probleme abgeräumt werden. Im Moment erleben wir das ansatzweise auch unter Friedrich Merz. Zunächst war mit Merz das Gefühl verbunden, jetzt werde umgesteuert oder erneuert. Man würde die Probleme aus einer anderen Richtung anpacken. Aber was ist eine der ersten Handlungen gewesen: Ein riesiges Sondervermögen.

Ralf M. Ruthardt

Eigentlich märchenhafte Erzählungen, die man uns als Bürgerinnen und Bürgern wiederholt auftischt …

Stephan Grünewald

Lassen Sie uns drei Symbole aus dem Märchen „Tischlein deck dich“ aufgreifen. Das Tischlein versinnbildlicht den Harmonisierungswunsch, den wir in Deutschland vorfinden. Der Wunsch, an einem von Mutter gedeckten Tisch zu sitzen, an dem wir alle gut versorgt werden. Es geht uns gut, wir verstehen uns prächtig und es herrscht Freude und Sonnenschein. Der „Knüppel aus dem Sack“ weist jedoch darauf hin, dass es gerade in Krisensituationen einer Entschiedenheit bedarf. Wir müssen das, was falsch läuft, ansprechen und abstrafen. Ja, das kann schmerzlich sein. Und dieses dritte Symbol ist der Goldesel. Ich glaube, dass die Menschen zwar spüren, dass ein „Knüppel aus dem Sack“ notwendig ist, um mit diesen überbordenden Zukunftsproblemen klarzukommen. Sie hoffen jedoch zugleich, dass der Tisch gedeckt bleibt. Man könnte sagen, dass die Leute darauf setzen, dass der Goldesel dann doch noch den Knüppel ersetzen kann.

Ralf M. Ruthardt

Können wir sogar sagen, dass viele Menschen hoffen, dass der Goldesel wenigstens noch so lange taugt, bis quasi ihr Dasein sowieso vollendet ist?

Stephan Grünewald

Ja, genau das ist es, was ich mit Nachspielzeit meinte. Wir sind nicht in einer Aufbruchstimmung, sondern wir spielen auf „halten“ und unser Zeithorizont geht maximal ein Jahr nach vorne – danach kann dann ruhig die Sintflut kommen und bis dahin wollen wir noch gut leben.

Ralf M. Ruthardt

Ich mag noch einen anderen Begriff einführen: „Opfer“. Meine These ist, dass viele Menschen zur Spende bereit sind. Sie geben ein Stück ihrer überflüssigen Zeit, einer überflüssigen Eitelkeit oder ihrer überflüssigen finanziellen Möglichkeiten. Jedoch zu einem Opfer ist kaum einer bereit. Ich möchte das weit gefasst verstanden wissen und dazu drei Beispiele machen. Nehmen wir das große gesellschaftspolitische Thema der Rentenversicherung. Gibt es die Bereitschaft, dass verbeamtete Menschen durch ihre Interessenverbände auf eine Absenkung der Pensionen drängen? Also zu einem Opfer bereit sind? Gibt es Gewerkschaften, die das Ungleichgewicht zwischen Großkonzernen und mittelständischen Unternehmen oder Handwerksbetrieben bei den Gehältern würdigen und für die Subunternehmer oder Lieferanten der – geradezu sozialistisch funktionierenden – Konzerne eintreten, damit dort angemessene Entgelte bezahlt werden? Ist doch den Gewerkschaften erkennbar egal, wenn ihre Mitglieder hauptsächlich in den großen Konzernen sitzen, und was schert sich die IG Metall um die Handwerker? Oder nehmen wir politische Mandatsträger – die Steuergelder in den sprichwörtlichen Sand setzen und anschließend nicht den Anstand oder die Bereitschaft zum „Opfer“ haben, von Amt oder Mandat zurückzutreten. Stattdessen wird Bürgerinnen und Bürgern nicht für einen Neuanfang oder eine Reorganisation, sondern für ein destruktives „weiter so“ das Geld aus den Taschen gezogen. Ich muss mein Bild weiter strapazieren: Ich würde es – gemeiner Bürger, der ich bin – als Opferbereitschaft sehen, wenn im Bundeskanzleramt Shared Desks eingeführt würden. Sprich, keine personifizierten Einzelbüros, sondern Großraumbüros oder wenigstens Büros für zwei Mitarbeitende. Ich würde es als Opferbereitschaft der Politik empfinden, wenn die Anzahl der parlamentarischen Staatssekretäre sich halbieren würde. Braucht es mehr Beispiele für Opferbereitschaft?

Stephan Grünewald

Der gemeinsame Nenner all Ihrer Beispiele ist die Idee der Gerechtigkeit. Zu Opfern sind die Menschen nur bereit, wenn sie das Gefühl haben, dass alle an diesem „Opferstrang“ ziehen und es dadurch gerecht zugeht. Als das Bundesverfassungsgericht diesen Rückstellungskredit aus der Corona-Zeit für unzulässig erklärt hat, wollte die Politik die benötigten Milliarden Euro durch Kürzungen der Agrarsubventionen von den Landwirten holen. Die Bauern hatten das Gefühl, dass sie es ausbaden müssen, was Politik nicht auf die Reihe bekommen hat. Deshalb ist es zu den Protesten gekommen. Ein Gegenbeispiel ist die Energiekrise während der Ampelregierung. Da war klar, dass es um Existenzielles geht und wir das nur gemeinsam bewältigen können. Jeder hat an seinem Platz Energie gespart – und das hat ja auch funktioniert. Am Ende haben wir in Deutschland etwa 20 % gespart und alle hatten das Gefühl, ihren Beitrag geleistet zu haben und Politik ihren Job gemacht hat und sich um LNG-Terminals gekümmert hat.

Ralf M. Ruthardt

Um im Bild zu bleiben bedeutet dies, dass – wenn es gerecht zugeht – die Leute zum Opfer bereit sind und dadurch wieder Verbundenheit entsteht.

Stephan Grünewald

Während der Energiekrise hatten wir eine viel größere Verbundenheit, weil wir gemeinsam einem Schicksal getrotzt haben. Das heißt, die Idee der Gerechtigkeit ist eine flankierende Bedingung für Verbundenheit, was ich unter anderem in meinem Buch ausführlich beschreibe. Es muss die Notwendigkeit, also eine greifbare Not, von den Menschen erkannt werden, damit die Leute in eine Wendigkeit kommen. Opferbereitschaft bedingt, dass sie mit einem sinnvollen Ziel verbunden wird.

Ralf M. Ruthardt

Die Gerechtigkeit als eine wichtige flankierende Maßnahme und die Sinnhaftigkeit als Bedingung für Opferbereitschaft – das lassen wir als Erkenntnis so stehen. Jetzt lassen Sie uns bitte noch auf Mehrwerte eingehen, die durch Verbundenheit geschaffen werden.

Stephan Grünewald

Es ist faszinierend, was Verbundenheit schafft. Ich spreche über einen dreifachen Mehrwert. Zunächst ist da die Aufgehobenheit. Einmal im Sinne von Geborgenheit. Ich fühle mich sozusagen von wunderbaren Mächten geborgen; als Teil einer großen Gemeinschaft. Das zweite Momentum von Aufgehobenheit: Ich fühl mich als Person gesteigert und erhoben: Das Ganze ist mehr als die Summe ihrer Teile. Man sieht es bei den Fußballturnieren, wenn alle ihre Fahnen schwenken und der Einzelne vom Zusammengehörigkeitsgefühl getragen über sich hinauswachsen kann. Das dritte Momentum der Aufgehobenheit ist, dass sich meine Individualität aufhebt. Als Einzelner erlebe ich so eine Art von Diffundierung. Das ist mitunter das, weshalb Menschen die Verbundenheit scheuen. Das Gefühl zu haben, man schwimmt so in einer Masse rum und ist selbst so seltsam konturlos. Man nivelliert sich oder man hebt sich quasi auf. So lässt sich „der Stachel“ gegen die Verbundenheit beschreiben. Aber da ist eben auch dieses ozeanische Gefühl, aufgehoben zu sein in einem größeren Ganzen, was mich steigert. Nun, wie kommen wir in diesen Zustand der Verbundenheit? Da gibt es mehrere Bedingungen. Die erste Bedingung liegt in einem sicheren und wertschätzenden Rahmen. Er vermittelt das Gefühl, sich frei bewegen und geschützt bewegen zu können und offen seine Meinung äußern zu können. Ein Beispiel sind die Gruppendiskussionen in unserem Institut. Da diskutieren zehn Leute über ein heikles Thema und es entsteht nur Verbundenheit, wenn der sichere Rahmen gegeben ist, dass keiner rausfliegt, wenn er eine Meinung entgegen der Mehrheit vertritt. Da darf jeder ausreden. Da wird man als Person respektiert. Machen wir einen Perspektivenwechsel und gehen gedanklich durch unsere Innenstädte. Nehmen wir den Stadtteil Altenessen in Essen. Dort ist der sichere Rahmen erodiert, weil die Innenstadt vermüllt ist und vitale Lebensadern einfach schließen. Das Krankenhaus wird dicht gemacht, die Polizeistation ist nicht mehr besetzt – und selbst der McDonald’s schließt. Dann ist der sichere Rahmen nicht mehr gegeben, die Menschen fühlen sich verlassen und fremd in der eigenen Stadt und dann kommt es auch nicht mehr zur Verbundenheit. Eine zweite Grundbedingung für Verbundenheit ist die Bereitschaft, sich zu öffnen. Wer sich alleine genügt, weil man sich als perfekt sieht, ist nicht sozial und ist nicht verbundenheitsfähig. Dritter Aspekt: Ein gegenseitiges Sich-Einbringen, also eine Resonanzdialektik. Verbundenheit in einem Gespräch entsteht nur, wenn beide reden dürfen. Mein Monologisieren würde dazu führen, dass mein Gegenüber irgendwann abschaltet. Es ist vielmehr wie beim Jazz. Jeder ist mal dran, den führenden Ton anzugeben. Jeder bringt etwas ein und kann dann auch wieder ein Stück zurücktreten. Vierte Bedingung für Verbundenheit hatten wir eben schon bei der Energiekrise angesprochen. Es braucht ein gemeinsames Schicksal. Denn damit ist die Richtung allseits erkennbar. Ein Beispiel: Man fährt im Hochsommer mit der Bundesbahn und die Klimaanlage fällt aus. Das ganze Abteil wächst in Minuten zusammen, weil es das gleiche Schicksal erlebt. Und die fünfte und letzte Bedingung für Verbundenheit ist paradoxerweise die Entbindung. Wir können nur Verbundenheit leben, wenn wir zum Loslassen bereit sind. Es ist wie in der Ehe. Wenn man den anderen sozusagen komplett an sich binden wollte, nehmen wir exemplarisch das Stalken, dann nimmt man ihm die Luft zum Atmen. Im Kontext von Regierungsformen wäre dies bei einem diktatorischen Regime der Fall, welches die Verbundenheit durch drakonische Strafen und durch Überwachung zu erzwingen sucht. Verbundenheit braucht also immer auch den emanzipatorischen Freiraum, wieder loszulassen und sich anders orientieren zu können.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie mich, lieber Herr Grünewald, den letzten Punkt aufgreifen: Eine Gesellschaft ist ob dem gut beraten, wenn sie ein liberales Moment beinhaltet, das dem Einzelnen eine nennenswerte Freiheit zur Selbstbestimmung gibt.

Stephan Grünewald

Genau.

Ralf M. Ruthardt

Abschließend bitte noch ein operativer Impuls Ihrerseits an die Politik und einen an uns als Bürgerinnen und Bürger: Was sollten wir tun, damit wir wieder zu mehr Verbundenheit kommen?

Stephan Grünewald

Zunächst die Ebene der Bürger: Wir müssen wieder ins Gespräch kommen. Zuhören und respektvoll sein. Dazu müssen wir wieder trennen zwischen der Wahrnehmung einer Meinung und der Wahrnehmung einer Person. Der Meinung bringen wir unsere Bestätigung oder unseren Widerspruch entgegen, während wir der Person in jedem Fall höflich zugewandt bleiben. In vielen Studien haben Leute berichtet, dass sie mit ihren konservativen Argumenten in eine rechtsradikale Ecke gestellt worden sind. Das führte zum Gefühl, dass die bürgerliche Mitte sie nicht mehr liebt. Diese Menschen sind dann beschämt und gekränkt. Das führte zu einem Heimatverlust und dieser wiederum dazu, dass sie sich eine alternative Heimat suchten – und bei der AfD gelandet sind. Wo möglich haben sie sich dort nicht wirklich zu Hause gefühlt. Aber dann kamen sie in einen Selbstkorrumpierungsprozess, weil sie nicht erneut die Heimat verlieren wollten. – Dem kann man als Gesellschaft nur entgegensteuern, indem man viel mehr ins Gespräch kommt und eine Streitkultur pflegt. Staatlich ist es wichtig, dass mehr Begegnungsräume entstehen. Nehmen wir einmal mehr die Stadtplanung. Das offene, intensive Gespräch über einen sicheren Rahmen für ein Miteinander und für Begegnungsräume. Oder nehmen wir das soziale Pflichtjahr, das die Idee der Lehr- und Wanderjahre aufgreift: Früher sind junge Leute, weil sie die Heimat verlassen mussten, auf Menschen anderer Milieus und Haltungen getroffen. Es gab einen Austausch und somit war man raus aus dieser narzisstischen Selbstbespiegelung. In unserem Schulsystem sind die jungen Leute meist spätestens nach der Grundschule in einem gewissen Milieu verankert. Viele haben zwar die Möglichkeit zu reisen, aber gleichwohl ist man dort häufig auch wieder in touristischen Blasen unterwegs. Nun, ein soziales Jahr oder einen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr finde ich sinnvoll. Dort wird diese Hermetik durchbrochen und es öffnen sich neue Erfahrungshorizonte.

Ralf M. Ruthardt

Aus beiden genannten Beispielen, die Sie eingeführt haben, lässt sich schließen, dass der Perspektivenwechsel das Momentum ist, was uns Menschen zusammenbringt. Vor allem dann, wenn der Wechsel der Perspektive etwas ist, was ich selber für mich als inspirierend empfinde und ich ihn praktiziere, weil ich etwas Wohlwollendes in mir trage und nicht ständig danach suche, wie ich mich abgrenzen kann.

Stephan Grünewald

Ja, der Perspektivwechsel ist die Voraussetzung und zugleich der Vorteil der Streitkultur. Nicht nur einen Standpunkt beziehen, sondern die Möglichkeit eröffnen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Erst der Wechsel der Perspektive ermöglicht die Bereitschaft zum Kompromiss.

Ralf M. Ruthardt

Nun konnten Leserinnen und Leser durch Ihre Ausführungen, Herr Grünewald, Perspektiven wechseln – und dafür bedanke ich mich seitens der Redaktion herzlich bei Ihnen.

Zur Person

Stephan Grünewald ist Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Mitgründer des renommierten Rheingold-Instituts in Köln. Als Tiefenpsychologe analysiert er seit Jahrzehnten gesellschaftliche Stimmungen und Konsumentenverhalten. Grünewald ist Autor mehrerer Bestseller, darunter Deutschland auf der Couch, und gilt als scharfsinniger Diagnostiker kollektiver Befindlichkeiten.

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