„Governance“ meint eine Steuerung von Zukunftsprojekten, in der Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ihre üblichen Vorgehensweisen kombinieren, so ist auf der Internetseite der Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg zu lesen. Nachhaltige Energieversorgung, Mobilität der Zukunft, Gesundheitsversorgung, bezahlbarer Wohnraum, Integration zugewanderter Menschen: Die Gesellschaft, so heißt es weiter, stehe vor vielen drängenden Herausforderungen. Der Staat allein könne sie nicht meistern, aber eben auch nicht allein die Wirtschaft oder die Zivilgesellschaft. Diese Herausforderungen erforderten Kommunikation und Zusammenarbeit auf einem neuen Niveau und Projektsteuernde, welche über die erforderlichen Fähigkeiten verfügten. Es gehe um eine Kooperation über diese Sektorengrenzen hinweg – also um ein intersektorales Zusammenwirken.
Das GesprächHerzlichen Dank, Frau Prof. Dr. Monika Gonser, dass wir über intersektorale Zusammenarbeit sprechen dürfen. Bitte, haben Sie eine kurze Erläuterung, bevor wir am Ende unseres Gesprächs dezidiert auf das ISoG zu sprechen kommen.
Es geht um intersektorale Kooperationen, also um die nachhaltige Wirksamkeit von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das ISoG an der DHBW hier in Heilbronn beschäftigt sich genau damit: die Wirksamkeit durch Kooperation, gegenseitiges Verstehen und durch eine Synchronisierung der jeweiligen Maßnahmen und Tätigkeiten zu erhöhen.
Das klingt nach einem „weiten Feld“ und nach jeder Menge Interessenskonflikten.
Vor allem ist es eine große Chance. Denn dort, wo wir die Wirksamkeit der Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erhöhen, potenzieren sich die Mehrwerte. Es gilt, aus einer bisher oftmals isolierten Sicht und Kraftanstrengung etwas Gemeinsames hinzubekommen. Die Bedeutung ist offensichtlich – und die Vergangenheit zeigt auf, wie viel Kraft es kostet und wie viele gesellschaftlichen Ressourcen verpuffen, wenn es keine intersektorale Zusammenarbeit gibt.
Bildung, Digitalisierung, Integration, Klimaschutz – das alles sind Themen, bei denen wir Bürgerinnen und Bürger Innovationen und Problemlösungen von den Akteuren erwarten und selbst natürlich ebenfalls gefordert sind. Schließlich betrifft es nicht nur die Sektoren Politik, Verwaltung und Wirtschaft, sondern auch „uns“ als Zivilgesellschaft. Es ist geradezu selbstredend, dass kein Sektor für sich alleine die Herausforderungen oder Probleme in diesen Feldern gelöst bekommt. Insofern ist die Bedeutung des Intersektoralen erkennbar. Aber was macht die Kooperation zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus? Nehmen wir das Gesundheitswesen, welcher für uns alle eine gewisse Nachvollziehbarkeit durch eigene Erfahrungen mit sich bringt. Haben Sie ein praktisches Beispiel für uns?
Gerne. Das Gesundheitswesen eignet sich sehr gut dafür. Bündnisse und Kooperationen auf kommunaler Ebene sind vielfältig und sehr nah an den Menschen. Der Themenbereich der medizinischen Versorgung eignet sich zur Veranschaulichung alleine schon deshalb gut, da er nah an uns Menschen ist und wir uns hierzu daher die Wirksamkeit intersektoraler Kooperationen vorstellen können. Zuvor möchte ich allgemein ausführen, dass es das Ziel solcher Bündnisse ist, die in der Kommune herrschende sektorale Perspektivenvielfalt in Lösungs- und Innovationsprozesse einzubringen und konstruktiv wirken zu lassen, dann gehe ich gerne auf Ihr Beispiel ein. Gehen wir an das Beispiel etwas grundsätzlich heran: Das Wort Nachhaltigkeit ist in aller Munde und bleibt trotzdem schwammig. Betrachtet man gesellschaftliche Gestaltungsprozesse, so kann es deswegen hilfreich sein, zwei Begriffsdimensionen von Nachhaltigkeit zu unterscheiden – den Prozess und das Ergebnis. Geht man so vor, so stehen zwei Fragen im Zentrum zum Thema Nachhaltigkeit: • Wie nachhaltig ist ein Gestaltungsprozess, welchen Ressourceneinsatz verlangt er sowohl in seinem Ablauf als auch in seiner Nachbereitung? • Wie nachhaltig ist das Prozessergebnis, bezieht es beispielsweise die Bedürfnisse kommender Ressourcennutzer*innen mit ein? Nicht nur in der Corona-Pandemie stand die Gesellschaft vor enormen Herausforderungen, sondern auch beim Klimawandel, in der Digitalisierung, in der Mobilität oder beim demografischen Wandel. Ein wichtiger Ansatz, um Nachhaltigkeit in Prozess und Ergebnis stärker zu verankern, ist der Einsatz einer multiperspektivischen Betrachtungs- und Herangehensweise. Denn moderne Gesellschaften werden von ganz unterschiedlichen Logiken geprägt: von der Logik des Markts, der Solidarität, der Macht oder des Rechts, um nur einige zu nennen.
Die von Ihnen genannte multiperspektivische Betrachtungs- und Herangehensweise ist mir als Begriff noch nicht begegnet, aber ich habe die Wahrnehmung, dass sich darin eine wichtige Erkenntnis Ausdruck gibt. Nun, dann werde ich mir die multiperspektivische Betrachtungs- und Herangehensweise merken.
Prima. – Nun steigen wir in das angekündigte Beispiel ein und ich rede zunächst über die Ausgangslage bzw. über Hintergründe. Mit dem Erlass des Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung ist es seit 2003 niedergelassenen Ärzt*innen, Kliniken und Dialysezentren, aber auch gemeinnützigen Trägern sowie Kommunen erlaubt, medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu gründen und zu betreiben. Oft bringen entsprechende Einrichtungen die unterschiedlichen Logiken von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in dauerhaften und formalisierten Kooperationen zusammen. Da liegt beispielsweise die Initiative bei der Kommune, und sie setzt den rechtlichen Rahmen und sorgt für entlastende Strukturen für Ärzt*innen und Kooperationspartner. Die Wirtschaft kümmert sich um ein effizientes Angebot bei Infrastruktur und Management. Die Zivilgesellschaft bringt Engagement und partizipative Elemente beispielsweise im Rahmen von Gesundheits- und Selbsthilfeangeboten ein. Angesichts von demografischem Wandel, multimorbiden Patient*innen und Versorgungsengpässen werden damit insbesondere im ländlichen Räumen zukunftsweisend und nachhaltig die Gesundheitsversorgung sichergestellt, die administrativen Anforderungen für die Beschäftigten reduziert und infolge der Zusammenlegung von Organisationsstrukturen eine Kostensenkung für die Sozialversicherungsträger geschaffen. Auch für die Patient*innen lohnen sich die kurzen Wege und die interprofessionelle Zusammenarbeit in den MVZ, was sich u.a. in sinkenden Rehospitalisierungsraten ausdrückt. Hier noch eine konkrete Zahl: Im Jahr 2019 waren 3.539 medizinische Versorgungszentren zugelassen, mit einem jährlichen Zuwachs von ca. 11%.
Das Beispiel mit den MVZs ist sehr plausibel und nachvollziehbar. Jedoch wird diese Art der Zusammenarbeit als solches zwischen den Sektoren – so meine Einschätzung – seit langer Zeit praktiziert. Was habe ich übersehen?
Das Beispiel zeigt, dass intersektorale Kooperationen sowohl im Prozess als auch im Ergebnis die Möglichkeit bieten, Nachhaltigkeit in den Fokus zu rücken. Im Prozess erlauben sie es, die unterschiedlichen Funktionslogiken von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Sinne der jeweils erforderlichen Prozessqualität wie beispielsweise Transparenz, Erwartungssicherheit, Effizienz oder Partizipation wirken zu lassen. Auch in das Ergebnis können langfristige Entwicklungen, Nutzeranforderungen und Ressourcenbedarfe nachhaltig einfließen und berücksichtigt werden, die ohne intersektorale Multiperspektivität außen vor geblieben wären. Natürlich stellen sich in intersektoralen Kooperationen auch spezifische Herausforderungen und Reibungspunkte. Die Antwort auf Ihre Frage ist, dass die Zusammenarbeit bisher zwar stattgefunden hat, aber sich deren Qualität und – wie Sie es vorher ausgedrückt haben – Wirksamkeit deutlich steigern lässt. Darum kümmern wir uns als ISoG BW: die intersektorale Kooperation gut aufsetzen, managen, begleiten und für typische Fallstricke Vermeidungs- und Umgehungsstrategien anbieten. Das sind die Inhalte des Weiterbildungsprogramms der ISoG BW.
Lassen Sie uns, Frau Prof. Dr. Monika Gonser, an dieser Stelle nochmals auf die ISoG, also die Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg, zu sprechen kommen.
Gerne. Die Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg (ISoG BW) steht für die Überzeugung, dass eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dazu beiträgt, die zentralen Herausforderungen unserer Zeit besser zu bewältigen. Verortet am Centre for Advanced Studies der Dualen Hochschule in Heilbronn wird die ISoG BW entsprechend auch von Förderern aus den drei Sektoren unterstützt. Da sind das Bundesland Baden-Württemberg, der Verband Südwestmetall, die Robert Bosch Stiftung und die Dieter Schwarz Stiftung. Kern unserer Aufgabe ist ein zertifiziertes Weiterbildungsprogramm „Intersectoral Governance“ für Fach- und Führungskräfte, dessen nächster – sechster – Jahrgang im April 2025 startet. Darüber hinaus bringt die ISoG BW Fragen der intersektoralen Kooperation und Governance über unterschiedliche Formate in den öffentlichen Diskurs ein. An dieser Stelle möchte ich auf unsere Internetpräsenz www.isog.dhbw.de hinweisen.
Herzlichen Dank für diesen Einblick.
Zur Person
Prof. Dr. Monika Gonser (Jahrgang 1974) ist Professorin für intersektorale Studien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Sie ist Leiterin der Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg (ISoG BW) am DHBW Center for Advanced Studies. Nach einer Ausbildung zur Übersetzerin und Dolmetscherin war sie zunächst längere Zeit in der internationalen Zusammenarbeit tätig. Seit ihrem Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Nürnberg-Erlangen beschäftigt sie sich mit Fragestellungen der intersektoralen Kooperation, also der Kooperation zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
