In der sogenannten westlichen Welt wird der Mensch viel zu oft als Konsument oder Produktivitätsfaktor betrachtet. Dabei treten Lebensfragen, die jeder für sich zu beantworten sucht, schnell in den Hintergrund. Aber um Selbstbestimmung und Sinnsuche geht es in jedem Leben. Dies ist mein Einstiegsgedanke im Gespräch mit Ernst-Wilhelm Gohl. Er ist seit Juli 2022 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Das GesprächLassen Sie uns, lieber Herr Landesbischof Gohl, darüber reden, wie die Kirche Menschen unterstützen kann und wie der durch sie vermittelte christliche Glaube in unserer Zeit wirksam werden kann.
Viele fühlen sich heute überfordert. Sie kommen in unserer Welt an die persönlichen Grenzen, werden aber bei ihrer Suche nach Sinn nicht ernst genommen. Da sehe ich uns Christen und die Kirche gefordert. Lassen Sie uns über Grenzen sprechen. – Ich war mal bei einem Einsatz in der Notfallseelsorge. Eine Frau hatte sich das Leben genommen. Sie lag tot in der Badewanne. Anschließend saßen ihr Lebenspartner und ich im Zimmer nebenan. Er zeigte mir einen Zeitungsartikel, wo er als Manager prominent abgebildet war, und fragte mich, ob ich diesen Idioten erkennen würde. Mit tieftraurigen Augen schaute der Mann mich an und zeigte auf das Motto, mit dem der Zeitungsartikel überschrieben war: Geht nicht, gibt’s nicht. Und jetzt, in der Situation, erlebte er, dass dieses Motto einfach viel zu kurz greift. Ja, wir können viel bewegen, wenn wir uns anstrengen. Aber dann erleben wir immer wieder Situationen, in denen wir merken, dass wir viel weniger in der Hand haben, als wir meinen. Und ich glaube, das erlebt man heute in so mancher gesellschaftlichen Krisensituation, wo viele Versprechungen ein bisschen an die Grenzen der Realisierbarkeit kommen. Für viele Menschen kann Kirche in dieser Zeit eine wirksame Hilfe sein. Nicht, weil Kirche sagen soll, wo es langgeht. Sondern es ist der Glaube. Die Gewissheit, dass über das hinaus, was ich leiste oder nicht leisten kann, ich bei Gott aufgehoben bin. Das halte ich für eine wichtige Botschaft. Sie ist eine Grundhaltung, die uns vielleicht bewahrt vor dem Giftigen und vor der Verzweiflung, wenn die eigene Kraft nicht mehr reicht. Also, man darf sich seine Grenzen eingestehen. Dazu fällt mir gerade Folgendes ein: Da unterhalten sich zwei alte Damen über den Tod einer anderen, hochaltrigen Dame. Und dann sagt die eine zu der anderen: Sie hätte halt nicht so viel Butter essen sollen, wegen des Cholesterins. – Das hört sich so an, als sei im Prinzip der Tod vermeidbar. Wir kriegen alles hin, wenn wir uns nur Mühe geben. Ich glaube, das sind vielmehr solche Momente, in denen wir verunsichert werden und spüren, nein, wir haben viel weniger in der Hand. Und jetzt? Blenden wir es aus, verdrängen wir es oder stellen wir uns dem? Verdrängen kann man auf unterschiedlichste Weise. Zum Beispiel, indem man sich auf schwierige Fragen einfache Antworten zu geben versucht. Das ist auch eine Form der Verdrängung. Wir können als Menschen anstelle des Verdrängens erkennen, dass wir immer wieder an Grenzen kommen und dass wir nicht Gott sind. Also lasst uns sinnvoll mit diesen Grenzen umgehen.
Ein sinnvolles Umgehen mit begrenzten Möglichkeiten in Krisen scheint mir auch in unserer aufgeklärten, technologisch hochentwickelten und global vernetzten Gesellschaft eine große Herausforderung zu sein. Mindestens, wenn man beispielsweise eine Nachbetrachtung zur Corona-Pandemie vornimmt.
Mit der Corona-Pandemie hat plötzlich etwas eingeschlagen, mit dem niemand gerechnet hat. Nehmen Sie Ihr eigenes Unternehmen. Das hätte ohne die Pandemie sicherlich ganz anders funktioniert. Und plötzlich kommt von außen was. Es gibt einfach Dinge, die kann ich nicht auf dem Schirm haben.
Man könnte in die Frustration abgleiten, bei all dem Einsatz, der geleistet wird. Oder man könnte begründet zornig werden, weil Dinge politisch und medial nicht vernünftig gehandhabt bzw. kommuniziert werden …
… oder man kann es im Rahmen dessen, was man an Möglichkeiten hat, geschehen lassen und sich die Frage stellen, was ist der nächste logische Schritt, den ich jetzt zu tun habe. An der Stelle habe ich dann dieses Moment, „OK, ich schaue mich mal um“. Ich orientiere mich neu. Noch ein praktisches Beispiel: Ich war in einer sozialen Einrichtung für Menschen mit einer Behinderung, unmittelbar nachdem es dort einen Brand gegeben hat, bei dem Menschen zu Schaden gekommen sind. Es war eine Pressekonferenz angesetzt. Eine Frage stand dort an erster Stelle: Wer hat versagt? Ich habe dann gesagt, dass wir doch jetzt erstmal traurig sind. – Müssen wir an dieser Stelle nicht zuerst sagen, das ist furchtbar, dass hier Menschen ums Leben gekommen sind? Können wir es zurückstellen, nur nach Ursache und einem Schuldigen zu suchen? Nun, das ist ja vergleichbar mit der Pandemie, wo Sie als Unternehmer jetzt auch sagen könnten, das hat mir alles vermasselt. Die Pandemie ist daran schuld. Und dann könnte man als Mensch seine ganze Wut darauf ausrichten. Oder man kann andersherum sagen: Es gibt Ereignisse im Leben, die habe ich nicht in der Hand. Dieser Grunderfahrung muss man sich stellen. Im Fall des Brandes kam später heraus, dass niemand daran schuld hatte. Lassen Sie mich ein etwas unbeholfenes Beispiel nehmen: Bei einer Begehung des Ulmer Münsters werde ich als Landesbischof gefragt, ob ich garantieren könne, dass da nichts vom Dach herunterfliegt. Da sage ich, nein, das kann ich nicht garantieren. Und jetzt der Unterschied zum Mittelalter: Wenn damals ein Dachziegel jemanden getroffen hätte, dann hätte man gesagt, das ist ein Gottesurteil. Und heute ist es ein Versicherungsfall. Selbstverständlich wird heute sofort gefragt, wer an einem Unglück schuld hat. Wir können in unserer Gesellschaft nicht mit der Unsicherheit umgehen. Das ist, glaube ich, eine Folge der vorhin genannten Faktoren. Diese entwickeln eine Eigendynamik. Sie treiben uns immer weiter in die Richtung, dass alles machbar ist und wir alles bekommen können. Ganz nach dem oben genannten Motto: Geht nicht, gibt es nicht.
Möglicherweise gibt es heute im Alltag weniger Bedarf als früher, eine Macht mit uns zu haben. Eine Macht, die über allem steht. Halten wir schlussendlich unsere Machtlosigkeit nur schwer aus?
Ich glaube wirklich, das ist eine Kehrseite von großem Fortschritt. Technologischen Fortschritt will ich überhaupt nicht verdammen. Ich bin sogar sehr dankbar dafür, auch für alle Möglichkeiten heute. Aber die Kehrseite ist wirklich, dass der Mensch meint, alles ist machbar.
Erlebt Kirche eine Renaissance? Also einen erneuten, gestiegenen Bedarf an geistlichem Wirken und an Seelsorge? Suchen die Leute wieder mehr Zuflucht an einem Ort, an dem Hoffnung und an dem eine frohe Botschaft im Mittelpunkt stehen?
Ich erlebe, dass es durchaus Bedürfnisse danach gibt und dass wir uns als Kirchen überlegen müssen, ob wir mit unserem bisherigen Kurs immer so ganz richtig liegen. Die Fragen der sozialen Gerechtigkeit, die ich total wichtig finde, dominieren sehr. Aber es geht mindestens so sehr um Vergewisserung.
Hat Kirche sich in weiten Teilen zu sehr in Richtung einer sozialen Einrichtung, einer sozialen Institution entwickelt, weil sich dort die meisten Wohlfühlmomente feststellen lassen, sie noch nachvollziehbar wirksam ist. Während das Geistliche womöglich ein Stück weit in den Hintergrund getreten ist, weil es nach außen hin nicht mehr so nachgefragt wurde?
Ich glaube, dass das schon eine Versuchung ist. Wie kommen wir in einer Mediengesellschaft vor, wo sich so vieles geändert hat, in den vergangenen 50 Jahren? Da muss Kirche auftauchen, sichtbar sein. Und da geschieht schon Merkwürdiges: Ich kann als Landesbischof in meiner Weihnachtspredigt viele Themen aufgreifen, viel zum Glauben sagen, aber es wird von Journalisten der eine sozialpolitische Satz herausgegriffen und gedruckt. Und dann wird gesagt, schau mal die Kirche, die äußert sich nur politisch. Und gleichzeitig glaube ich, dass es immer wieder sehr wichtig ist, dass klar wird, wofür wir uns als Kirche auch in der Gesellschaft engagieren.
Dann nehmen wir doch das die Gesellschaft sehr bewegende Thema der Migration.
In der biblischen Tradition haben wir viele Migrationsgeschichten. Und deshalb wehren wir uns als Kirche dagegen, dass man alle Migranten pauschal abwertet. Aber auch wir erleben, dass über Defizite bei der Migration gesprochen werden muss. Nur weil man die Probleme anspricht, ist man nicht gleich ein Ausländerhasser oder ein Rechtsradikaler. Wir müssen gegenüber der Öffentlichkeit immer wieder sagen, warum wir uns als Kirche engagieren – auch in dieser Frage. Was unterscheidet uns von einer NGO oder von einer politischen Partei? Das müssen wir, davon bin ich überzeugt, deutlicher darstellen. Und ebenso wichtig finde ich, dass man ein klares Nein zu Gewalt und zu Aggressivität ausspricht. Denn dies widerspricht unserem Grundverständnis vom christlichen Menschenbild zutiefst. Auch dann, wenn jemand eine völlig andere Meinung vertritt, ist er ein Geschöpf Gottes. Deshalb steht es mir und auch anderen nicht zu, ihn zu hassen.
Vielleicht brauchen Menschen, wenn sich ihre Hilflosigkeit mit Frust verbindet und zum Zorn wird, die besondere geistliche Fürsorge – oder sprechen wir lieber von Seelsorge. Es gleicht – um ein Bild aufzugreifen – dem verlorenen Schaf, welchem die Kirche nachgeht und es nicht aufgibt oder verdammt.
Ja, da stimme ich zu. Jesus hat in diesem Gleichnis vom verlorenen Schaf deutlich gemacht, dass es sich lohnt, jedem Einzelnen nachzugehen, der sich verirrt. Weil es Gott so macht.
Herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.
Zur Person
Ernst-Wilhelm Gohl ist Landesbischof der Evangelischen Kirchen in Württemberg. Das in Stuttgart 1963 geborene Pfarrerskind ist in Esslingen und Mössingen aufgewachsen. Zunächst machte Gohl eine Ausbildung zum Rettungsassistenten, bevor er in Tübingen, Bern und Rom studierte. Er war unter anderem als Pfarrer und rund 16 Jahren als Dekan tätig.
