Wie fühlt es sich an, wenn sich Werkstore schließen – für immer? Ich sprach mit Vilson Gegic. Als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von Vallourec Deutschland ist Vilson Gegic in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Mit Engagement vertrat er die Interessen der Beschäftigten und positioniert sich klar, wenn es um Arbeitsplätze geht. Im Gespräch äußert er Erwartungen und Hoffnungen – und gibt einige sehr persönliche Einblicke.
Das GesprächDanke, Vilson Gegic, dass Sie sich Zeit für unser Gespräch nehmen. Die Vallourec Deutschland ist ursprünglich aus Mannesmann hervorgegangen. Die Standorte Mülheim an der Ruhr und Düsseldorf-Rath haben im August und September 2023 die Produktion eingestellt, und bis Ende 2024 ist die vollständige Abwicklung abgeschlossen. Es ist zu lesen, dass rund 2.400 Arbeitsplätze verloren gegangen sind.
Für mich als ehemaligen Betriebsratsvorsitzende von Vallourec Deutschland fühlt sich das immer noch unfassbar schlecht an. Unfassbar, weil es so weit hätte nicht kommen müssen. Schließlich waren wir einer der führenden Hersteller von nahtlos warmgewalzten Stahlrohren. Solche speziellen Rohre braucht der Energiesektor, der Maschinen- und Anlagenbau, Brückenbau sowie der Stahlbau.
Gibt es seit einigen Jahren nicht ein Überangebot solcher Stahlrohre am Weltmarkt?
Ja, das schon. Das bedeutete bisher jedoch nicht, dass man am Standort in Deutschland nicht gewinnbringend produzieren könnte. Unsere Branche wird vielmehr von den im internationalen Vergleich geradezu irrational hohen Energiekosten, einer überbordenden Bürokratie und der nachvollziehbaren Tendenz im Management, an möglichst günstigeren Standorten produzieren zu wollen, geplagt.
Nun haben Sie vor einigen Wochen in einer Rede den Appell an die Gesellschaft in Deutschland gerichtet, weitere Schließungen von Industriebetrieben in Deutschland zu vermeiden.
In meinem Statement liegt die Hoffnung, dass die Menschen in der Politik, die Unternehmer, aber auch wir als Gesellschaft unserer Verantwortung nachkommen, um weitere Schließungen in diesem Land zu vermeiden. Wir benötigen dringend alternative Lösungen zu den bestehenden Beschränkungen, um die wirtschaftliche Stabilität zu sichern und eine positive Perspektive für die Menschen in unserem Land zu schaffen. Ich habe dazu eine klare Meinung und spüren den Rückhalt bei meinen Kolleginnen und Kollegen. Die Politik hat die Aufgabe, das Wohl der Bürgerinnen und Bürger zu fördern, Beschäftigung, Wohlstand und Zukunftsperspektiven auch für morgen zu sichern. Die Politiker müssen den Rückgang der industriellen Fertigung in Deutschland unbedingt stoppen und für eine Transformation sorgen. Dazu gehören verlässliche Energiepreise für die Unternehmen. Diese müssen international wettbewerbsfähig sein. Und wir brauchen vernünftigerweise eine funktionierende Infrastruktur. In der Vergangenheit haben viele Unternehmen auf die guten Rahmenbedingungen und vor allem auf die hohe Qualifikation der Beschäftigten gesetzt, was die Qualität der produzierten Produkte bei Standortentscheidungen für Deutschland sichergestellt hat. Viele dieser Vorteile sind jedoch weggefallen, was zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem führt.
Sie sprechen von einer fairen Industriepolitik. Haben Sie den Eindruck, dass in Berlin die Wirtschaftspolitik gegen die Klimapolitik ausgespielt wird? Denn wenn beispielsweise Vallourec nicht mehr in Düsseldorf-Rath und Mülheim an der Ruhr produziert, dann werden die benötigten Stahlrohre eben aus den USA, Brasilien oder China importiert. Die Frage ist, ob das ökologisch bzw. klimaseitig einen globalen Nutzen bringt oder wir nicht nur in Deutschland einen regionalen, wirtschaftlichen Schaden davontragen, es aber keinen Nutzen für das Klima bringt.
Das kann niemals ökologisch und ökonomisch sinnvoll sein. Die Rohre müssen nach Europa verschifft werden, das bedeutet, dass sie wochenlang auf dem Meer unterwegs sind und dabei unnötige, umweltschädliche Emissionen verursachen. Diese Kosten werden letztlich von uns, den Bürgern und Abnehmern, in Form höherer Preise getragen. Zudem werden diese Rohre nicht zwangsläufig klimaneutral hergestellt. In der Tat haben wir den Eindruck, dass in Berlin die Wirtschaftspolitik häufig gegen die Klimapolitik ausgespielt wird. Wenn lokale Produktionsstandorte wie Vallourec in Düsseldorf-Rath und Mülheim an der Ruhr geschlossen werden, müssen wir uns fragen, ob der Import von Stahlrohren aus den USA, Brasilien oder China tatsächlich einen globalen Nutzen für das Klima bringt. Oftmals führt dies nur zu einem regionalen wirtschaftlichen Schaden in Deutschland, ohne dass dadurch eine Verbesserung der Klimabilanz erzielt wird. Wir müssen dringend einen Weg finden, um ökologische und ökonomische Interessen miteinander in Einklang zu bringen.
Sie haben in Ihrem Appell auch davon gesprochen, dass Verantwortung übernommen werden soll. Wen meinen Sie konkret damit? Wer soll Verantwortung übernehmen?
Insbesondere den jüngeren Generationen sollten wir als Gesellschaft in Deutschland eine stabile und verlässliche Zukunft bieten. Dafür ist es entscheidend, Beschäftigung zu sichern, und das erfordert eine starke Industrie. Es ist unerlässlich, Deutschland als Industriestandort zu erhalten und weiter auszubauen. Natürlich muss dieser Prozess transformiert werden, aber dafür müssen auch die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, und es muss der Faktor Zeit berücksichtigt werden!
Okay. Und wer sind die Verantwortlichen, an die Sie appellieren?
Verantwortliche, an die ich appelliere, sind sowohl die politischen Entscheidungsträger als auch die Unternehmensführer und die Gesellschaft insgesamt. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, die ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern, während die Unternehmen die Verantwortung für eine faire und umweltfreundliche Produktion tragen. Gleichzeitig sollten wir als Gesellschaft sicherstellen, dass wir den jüngeren Generationen die nötigen Perspektiven und Chancen bieten. Nur durch ein gemeinsames Engagement (HANDELN) aller Akteure können wir eine stabile und verlässliche Zukunft für die kommenden Generationen gestalten, und vor allem den heutigen „Wohlstand“ aufrechterhalten.
Kann es Ihrer Einschätzung nach sein, dass sich einige Politikerinnen und Politiker in Berlin und in Brüssel völlig verrannt haben, weil ihnen gar nicht klar war, was sie mit ihrer Politik anrichten? Insbesondere, wenn wir auf die Restriktionen der Klima- und Energiepolitik blicken?
Es ist durchaus möglich, dass einige Politikerinnen und Politiker in Berlin und Brüssel sich in ihren Ansätzen verrannt haben. Oftmals scheint es, als hätten sie nicht vollständig bedacht, welche weitreichenden Folgen ihre Politik, insbesondere im Bereich der Klima- und Energiepolitik, auf die Industrie und die Beschäftigung hat. Während der Schutz der Umwelt und der Klimaschutz zweifellos von großer Bedeutung sind, müssen wir auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Realität der industriellen Fertigung im Blick behalten. Die aktuellen Restriktionen führen dazu, dass Unternehmen abwandern und Arbeitsplätze verloren gehen, was letztlich denjenigen schadet, die wir eigentlich schützen wollen – den Menschen in unserem Land. Es ist entscheidend, dass wir einen ausgewogenen Ansatz finden, der ökologische und ökonomische Belange miteinander vereint und auch die notwendigen Zeitrahmen für eine erfolgreiche Transformation berücksichtigt.
Wie geht es jetzt für Sie persönlich weiter, nachdem Vallourec in Deutschland abgewickelt ist?
Vielen Dank für die Frage. Ich habe mein Mandat als Betriebsratsvorsitzender zum Ende des Jahres 2024 beendet. Ab 2025 bin ich offen für den Arbeitsmarkt und bereit, jegliche Anfragen wahrzunehmen. Ich bin flexibel und neugierig, was meine beruflichen Perspektiven betrifft, und freue mich darauf, neue Herausforderungen anzugehen. Wenn jemand mich in seinem Team haben möchte, bin ich gerne bereit, mich einzubringen. Allerdings waren die letzten drei bis vier Jahre sehr intensiv und haben mir sowohl beruflich als auch privat viel abverlangt. Daher plane ich, mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen, um meiner vernachlässigten Familie gerecht zu werden und neue positive Energie für potenzielle zukünftige Aufgaben zu tanken. Ich bin jemand, der gerne positive Veränderungen bewirken möchte und vor keiner Herausforderung zurückschreckt!
Für das Gespräch bedanke ich mich sehr und wünsche Ihnen – und auch Ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen – alles Gute!
Zur Person
Vilson Gegic ist verheiratet und Vater von drei Söhnen – er hat Zwillinge (5 Jahre) und einen einjährigen Sohn. Er ist 1992 aus dem heutigen Kosovo nach Deutschland eingewandert. Nach seinem Realschulabschluss hat er eine Ausbildung als Industriemechaniker in der Betriebstechnik bei Vallourec & Mannesmann abgeschlossen. Vilson Gegic wurde 2010 in den Betriebsrat gewählt und übernahm 2022 in einer komplexen, kritischen Phase des Unternehmens den Posten des Betriebsratsvorsitzenden. Zuvor war er als stellverstretender Vorsitzender tätig.



