Nicht eine religiöse Kindheit, sondern Krise, Wahrhaftigkeit und die Suche nach Sinn führten Dirk-Henning Egger in den Orden der Augustiner-Chorherren. Heute wirkt er als Priester und Novizenmeister in Paring. Ein Gespräch über biografische Wendepunkte, innere Freiheit und darüber, wie aus einem gescheiterten Lebensplan eine tragende Berufung werden kann.
Das GesprächEs freut mich sehr, ein Gespräch mit einem Augustiner-Chorherren führen zu dürfen. Wobei zunächst zu klären ist, wie ich Sie eigentlich korrekt anspreche. Dirk Egger? Oder mit Pater Egger? Letzteres würde dem Hinweis von ChatGPT entsprechen.
Uns spricht man nicht – wie sonst üblich – mit Pater an, sondern mit „Herr“ und dann dem Vornamen. Wir sind in Deutschland eine kleine Gemeinschaft und von daher nicht sehr bekannt. In Europa gibt es mehr Augustiner-Chorherren.
Dann lassen Sie uns über die Augustiner-Chorherren sprechen. Dass „Augustiner“ auf den Heiligen Augustinus schließen lässt, liegt nahe. Aber bei den „Chorherren“ kommen Fragezeichen auf.
Ja, Augustiner wegen Augustinus. Er ist weithin bekannt als großer Theologe und als Bischof von Hippo, im heutigen Algerien. Weniger bekannt ist, dass Augustinus immer in Gemeinschaft gelebt hat. Zunächst hatten seine Freunde und er nach der Wahrheit gesucht und lebten zusammen als Gemeinschaft. Als er später Bischof wurde, hat er für sich keinen exklusiven Ort ausgesucht, sondern hat weiterhin in Gemeinschaft gelebt. Das war sein Konzept und damals keinesfalls üblich, dass ein Bischof in einer klösterlichen Gemeinschaft von Klerikern zusammengelebt hat.
Dieser Hinweis lässt verstehen, weshalb die Gemeinschaft als Ordensregel für die Augustiner eine hohe Bedeutung hat. Auf den ersten Blick hätte ich diese Regel dem heiligen Benedikt zugeschrieben.
Eigentlich hat Benedikt von Nursia (ca. 480–547 n. Chr.) viel „Copy and Paste“ gemacht – also sich stark an Augustinus orientiert. Zwischen dem Tod Augustins und der Geburt Benedikts liegen rund 50 Jahre. Benedikt lebte in einer Welt, in der die theologischen und kirchlichen Grundlagen Augustins längst Autorität besaßen. Nun, das mit der Bezeichnung „Chorherren“ ist eigentlich eine Fremdbezeichnung. Offiziell heißen wir „Regularkanoniker des heiligen Augustinus“. In anderen Ländern auch „Canon Regular“ genannt. Das heißt, wir sind Kanoniker. Priester, die reguliert – also nach Regeln – leben. „Chorherren“ hat sich im Deutschen herausgebildet. Die Leute haben gesehen, dass die Herren im vorderen Teil der Kirche, dem sogenannten „Chor“, sitzen.
Ich denke soeben an die Prämonstratenser in Kloster Roggenburg. Dies ist ein Priesterorden. Ist das Konzept vergleichbar zu dem der Augustiner-Chorherren? Ich meine einer Ordensgemeinschaft von Priestern, die vor Ort Seelsorge leisten und bestimmte Kirchengemeinden betreuen?
Wenn wir die Feinheiten des Selbstverständnisses der jeweiligen Orden rauslassen, dann kann man das mit „ja“ beantworten. Im Gegensatz dazu sind beispielsweise die Zisterzienser und die Benediktiner Mönchsorden, also monastische Orden. Die Idee dahinter ist, dass der Einzelne in klösterlicher Gemeinschaft einsam lebt. Die klösterliche Ordnung hatte den Sinn, sich die Arbeit aufteilen zu können; also praktische Gründe. Der Einzelne konzentriert sich auf seine Gottsuche. Der Unterschied zu uns Chorherren ist offensichtlich. Wir leben im Kloster zusammen, haben unsere gemeinsamen Gebets- und Essenszeiten. Aber wir sind ein Seelsorgeorden. Der Großteil des Tages ist nicht Schweigen und innere Einkehr. Es ist Gemeinschaftsleben, welches Menschen außerhalb unseres Ordens im Glauben begleitet. Da gehören Krankenhausseelsorge ebenso dazu wie die Klosterpfarrei und – in unserem Fall – die seelsorgerische Versorgung von zwei Nachbarpfarreien im Auftrag der Diözese Regensburg.
Ein Bischof ist in der Katholischen Kirche für die Seelsorge in seiner Region zuständig. Dafür setzt er eigene Priester, sogenannte Weltpriester oder Diözesanpriester, ein …
… und er kann sich Hilfe von Seelsorgeorden, wie dem unseren, holen.
Danke für die Einblicke. – Nun wollen wir ein bisschen persönlicher werden, lieber Herr Dirk. Wenn man nach Ihnen googelt, dann findet man Interviews auf YouTube, in welchen Sie auf eine sehr erfrischende Art über Ihre ehemalige Vorliebe für Heavy Metal, Ihren Wunsch, Arzt zu werden, und über Identitätssuche sprechen. Lassen Sie uns daran teilhaben. Darf man eigentlich einen Chorherren nach seinem Lebensalter fragen? Es würde bei der Einordnung Ihrer Lebensgeschichte helfen.
Ich frage dann immer zurück, was die Leute raten. (lacht)
Lassen Sie mich nachdenken. Sie wirken jung – aber man darf das umfassende theologische Studium nicht übersehen. Ich würde sagen: Mit 35 Jahren kann ich falsch liegen. (lacht)
Gut geschätzt. Ich bin 37 Jahre.
Ich freue mich auf zwei, drei Gedanken oder Impressionen, die Ihren Weg zu Gott und schlussendlich zum Priester verstehen lassen.
In meiner Kindheit und Jugendzeit spielte in unserer Familie die Kirche, Gott oder gar Jesus Christus überhaupt keine Rolle. Der wohl einzige Berührungspunkt mit Kirche waren besonders fromme, katholische Nachbarn. Wir wohnten damals in einem kleinen Wallfahrtsort. Meine Familie war damals wie Aliens unter den Frommen – also Außenseiter. Das war so meine einzige kirchliche Prägung: eine eher negative.
Heavy Metal für Chorherren?
Wir sind als Familie mehrfach umgezogen. Das war für mich als jungen Menschen nicht schön, weil ich keinen Freundeskreis hatte. Dadurch bin ich immer introvertierter geworden. Wenn man so abgekapselt ist, braucht es ja trotzdem irgendwie einen Kanal, um seinen Frust loszuwerden. Das war bei mir die Musik. Ich kam in die Heavy-Metal-Szene – und noch mehr, ich bin dort gelandet, wo es in diesem Genre satanistisch wird. Nein, ich war kein Satanist, aber diese Art von Musik entsprach meiner Rebellion gegen die in meinen Augen spießige Gesellschaft.
Der Rebell – und gleichzeitig ein junger Mensch mit einer Berufung.
Ja, seit der zweiten Klasse wusste ich, dass ich Arzt werden will. Da war klar, dass ich mich in der Schule anstrengen muss. Das Ergebnis war ein sehr gutes Abitur – und trotzdem hat es für den ersehnten Studienplatz nicht gereicht. Als mir gesagt wurde, dass ich auf der Warteliste keinen aussichtsreichen Platz habe, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe realisiert, dass mein Traum geplatzt ist. Und mir wurde klar, dass ich mir nie eine Alternative überlegt hatte. Ich war so sehr festgelegt.
Wozu auf dieser Welt?
Da sind in mir Fragen aufgekommen: Wozu bin ich eigentlich auf der Welt? Was ist eigentlich der Sinn von meinem Leben? … wir wollen es an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, sondern kennzeichnen es als eine krasse Lebenskrise. Hinzu kam, dass ich im persönlichen Umfeld Lügengeschichten erzählt habe. Da waren Notlügen. Und da waren völlig überhöhte und ausgeschmückte Erzählungen, die mir die Chance auf Anerkennung einbringen sollten. Irgendwann war dieses Geflecht aus Unwahrheiten total nervig und nur noch wenig beherrschbar geworden.
Unwahrheiten nerven
Etwas Grundlegendes hat mir Orientierung gegeben. Ich will es mit wenigen Worten beschreiben: Bei einem Anlass sind mir die zehn Gebote in den Schoß meiner Wahrnehmung gelegt worden. Wie schön die Welt doch wäre, wenn sich jeder daran halten würde, war mein Gedanke. Es war eine bewusste Entscheidung: Ich habe aufgehört zu lügen. Sollten die Leute doch über mich denken, was sie wollten. – Und mit der Wahrheit wurde es leicht um mein Herz. Und ich durfte bei einem Freund für ein paar Wochen bei der Ernte helfen. Es war eine gläubige Familie, die sonntags in den Gottesdienst gegangen ist und zu den Mahlzeiten gebetet hat. Das liebevolle und friedliebende Miteinander in dieser Familie meines Freundes kam mir immer etwas unglaublich vor. Als ob es eine Show wäre, wenn ich zu Besuch bin. Nun, ich war während der Ernte längere Zeit dort und erlebte, dass diese Menschen authentisch waren. – Gottes Gegenwart war im Alltag auf eine wunderbare, wohltuende Weise für mich spürbar.
Gottes Gegenwart – im Alltag auf eine wunderbare, wohltuende Weise spüren zu dürfen. Diesen Gedanken lassen wir für einen Moment als Einladung auf uns wirken. Wie ging es für Sie weiter?
Es kam die Beschäftigung mit den verschiedenen Ausrichtungen der beiden großen Kirchen. Zugleich hat mich mein Jugendfreund in seiner katholischen Jugendgruppe integriert. Es war eine wunderbare Zeit: wo anzukommen und seinen noch frischen Glauben nicht alleine leben zu müssen. Nun, ich hatte tausend Fragen und liebe, glaubenserfahrene Menschen um mich, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Irgendwann gab es den Punkt, wo aus meiner Suche nach einer beruflichen Zukunft die Gewissheit wurde, dass Gott mich längst gerufen hat. Es war und ist ein schönes Gefühl, diese Fügung erleben zu dürfen. ‚Jesus, dir gehört meine Zukunft und ich will das tun, was du möchtest. Es ist das Beste, was mir passieren kann. Ich habe gelernt, dass du es immer gut mit mir meinst.‘ – Das ist für mich eine Erkenntnis, eine Freiheit und der dankende Inhalt so manchen Gebets.
Es freut mich, dass Sie Ihr persönliches Erleben mit uns teilen. Sie haben 2020 Ihre Priesterweihe erfahren. Welche Aufgaben obliegen Ihnen, Herr Dirk, nunmehr als Seelsorger bei den Augustiner-Chorherren in Paring?
Mich begleitet ein Leitsatz, zu dem der folgende Gedanke gehört: ‚Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.‘ Das sagt Jesus, als er seine Jünger aussendet. Ich erinnere mich an das, was ich geschenkt bekommen habe. Und dann ist da die automatische Bewegung, dass ich nicht anders kann, als anderen Menschen eine Hilfe zu sein, um Jesus ebenfalls zu begegnen. Ich unterstütze unseren Propst in der Seelsorgearbeit in unserer Klosterpfarrei. Zudem bin ich „der Springer“ für die Mitbrüder in den Nachbarpfarreien. Meine Hauptaufgabe ist die des Novizenmeisters. Das heißt, ich bin für die neuen Brüder im Kloster zuständig und unterstütze diese als Mentor. Da geht es beispielsweise um die Einführung in die Lebensweise, in die Spiritualität, in die Ordensgeschichte. Ab und an bin ich dann auf Veranstaltungen eingeladen, um dort zu sprechen. Oder in Podcasts oder Interviews Menschen an meinem Gotterleben teilhaben zu lassen.
Bei genauer Betrachtung ist Ihr Wunsch, Arzt zu werden, in Erfüllung gegangen. Jetzt in diesem Sinne, einen Beitrag zum Seelenheil leisten zu dürfen.
Genau, so sehe ich das auch und bin dankbar. Dankbar bin ich auch, dass ich heute mit zehn – überwiegend jungen – Mitbrüdern zusammen in unserem Kloster meinen Glauben leben darf.
Mich beschäftigt Ihre Erfahrung, die Lüge durch die Wahrheit zu ersetzen, sehr. Dieses befreiende Moment, nicht mehr eine Show vor anderen abliefern zu müssen. Womöglich merken wir Menschen bei etwas Reflexion sehr schnell, dass es in unserem Leben oft um Selbstdarstellung und dem Entsprechen von scheinbaren Erwartungshaltungen geht. Wenn wir in die Politik und in die Medien schauen, dann erkennen wir oft, dass Leute unter einem massiven Druck stehen. Sie meinen, dass eine einmal vertretene politische Argumentation das Gegenargument nicht gelten lassen darf. Es sind womöglich zu viele Zacken, die aus scheinbaren Kronen zu brechen drohen. Es wird an etwas Unhaltbarem festgehalten, weil man sich der Kritik nicht aussetzen will, falsch gelegen zu haben. Es wird in Phrasen gesprochen, weil die Konzentration des Publikums nicht mehr auszuhalten scheint – oder man zum Argument fachlich gar nicht in der Lage ist. Womöglich dominiert die Sorge um Vorteile und Privilegien den inneren Wunsch, die Leichtigkeit der Wahrheit erlebbar werden zu lassen. Nun, wir entlassen unsere Leserinnen und Leser in ein selbstbestimmtes Nachdenken über Ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen. In jedem Fall haben wir gelernt, wie man einen Augustiner-Chorherren korrekt anspricht. In diesem Sinne: herzlichen Dank für Ihre Zeit und Gottes Segen zu Ihrer Arbeit in Paring, lieber Herr Dirk.
Zur Person
ist Augustiner-Chorherr und lebt im Kloster St. Michael in Paring, südlich von Regensburg. Hier wirkt er als Priester in der Seelsorge, ist Novizenmeister (Ausbilder) seiner Gemeinschaft und ist viel für die Neuevangelisierung im deutschen Sprachraum unterwegs.
