Der Verein Hafis e. V. ist in München seit 2006 im Jugendhilfebereich als systemische Lernhilfe für Kinder tätig. Vor allem Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund fallen in die Betreuungsangebote, die Christian Doerr und sein Team anbieten.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Bitte, lieber Christian Doerr, stellen Sie unseren Leserinnen und Lesern mit ein paar wenigen Worten Ihren Verein vor.

Christian Doerr

Uns geht es um die Bildungs- und Chancengerechtigkeit. Wir wollen mit Nachhaltigkeit und Empathie jungen Menschen eine wirksame Hilfe sein. Unser Einzugsgebiet erstreckt sich auf die Großstadt München. Seit 2013 sind wir vom Münchner Stadtrat als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt.

Ralf M. Ruthardt

Wenn man geschäftlich oder touristisch München erlebt, dann hat man bei schönem Wetter eine Fülle von Sehenswürdigkeiten mit – je nach Perspektive – einer Gebirgslandschaft im Hintergrund vor Augen. Das hat etwas Romantisches, mindestens etwas ästhetisch Schönes. Wie „schön“ ist es, in München als Kind aus sogenannten einfachen Verhältnissen oder als Kind aus Familien mit einem unmittelbaren Migrationshintergrund die Schule zu besuchen?

Christian Doerr

Solche Kinder aufzufangen, beschreibt unsere Kernaufgabe. Denn diese Kids werden vom Schulsystem zu wenig berücksichtigt. Gerade Tagesheime, Horte und Mittagsbetreuungen verfügen über kein Konzept, um die oftmals nur mit rudimentären Deutschkenntnissen ausgestatteten Kinder auf einen erfolgreichen Bildungsweg zu bringen, der diesen anschließend im Arbeitsmarkt einen Ausbildungsberuf und damit einen halbwegs sicheren Broterwerb sichert. Die Eltern sind gezwungen, viel zu arbeiten und benötigen daher eine Ganztagesbetreuung. Diese wird ihnen aber faktisch nicht angeboten. Insbesondere in Großstädten wie München fehlen ausreichende Betreuungsplätze und selbst die wenigen Plätze sind für die Eltern aus dem Niedriglohnsektor oftmals unerschwinglich. Das betrifft Familien, die einen Flucht- oder Migrationshintergrund haben, in besonders harter Weise. Denn diese können sich nicht bei privaten, alternativen Angeboten mit viel Geld einen Betreuungsplatz „kaufen“. Hier kommt Hafis ins Spiel: Wir bieten in Kooperation mit engagierten Grundschulen in München diesen Eltern einen unbürokratischen und kostenfreien Zugang zur Bildung. Wir fangen Kinder auf, die in unserem Schulsystem durchs Raster fallen und keinen Platz im Ganztag, in Horten, Tagesheimen und Mittagsbetreuungen ergattert haben. An der Ittlinger Grundschule im Münchner Brennpunktviertel Hasenbergl konnten wir eine Förderkette einrichten, die durch vierjährige intensive Förderung an allen Schultagen gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien für den Übertritt auf höhere Schularten qualifiziert. Und das schon seit 12 Jahren.

Ralf M. Ruthardt

Wie schaut es mit der Unterstützung durch das Jobcenter der Bundesagentur für Arbeit aus? Hier gibt es doch Budgets für das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket (BuT)?

Christian Doerr

Das Bildungspaket ist bei unseren inklusiven Grundschulen eine Fehlkonstruktion, da dieses nicht präventiv eingesetzt werden kann. Das heißt in der Praxis, die Kinder müssen erst einmal schlechte Noten „erarbeiten“, um überhaupt in den Genuss eines BuT zu kommen, und dürfen dann nur vor dem Durchfallen gerettet werden. Dann hört das BuT auf. Eine Qualifizierung für weiterführende Schulen, also ein Übertritt auf höhere Schularten, ist beim Bildungspaket gar nicht erst vorgesehen – wäre aber dringend notwendig.

Ralf M. Ruthardt

Blicken wir für einen Moment auf die Zeit während der Pandemie zurück. Denn der politische Umgang damit hat, für uns alle erkennbar, massive Auswirkungen auf die Zu- und Umstände in sozialen Einrichtungen und im Bildungswesen gehabt.

Christian Doerr

Während der Corona-Pandemie sind viele Menschen aus den sozialen Bereichen in andere Bereiche, zum Beispiel in die Logistik, abgewandert. Gerade die Einschränkungen der Lockdowns waren für viele nicht mehr zu stemmen. Konkret: Viele Honorarkräfte wurden (z. B. von der Stadt München) während der Lockdowns nicht weiterbezahlt und so manche Festangestellten wurden ausgestellt. Zudem gab es im Fall von Kurzarbeit ebenfalls massive finanzielle Einbußen; da hat auf dem Bildungssektor kaum jemand Ausgleiche bekommen, wie man dies aus den Großkonzernen der Industrie kennt. Das hat den Fachkräftemangel akut verschärft. So finden sich die aus dem Bildungsumfeld und den sozialen Einrichtungen abgewanderten Beschäftigten jetzt in anderen konsumorientierten Sparten.

Ralf M. Ruthardt

Das kennzeichnet vielleicht auch die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft. Da ist der versandkostenfreie Bezug von Konsumartikeln womöglich für zu viele Menschen wichtiger geworden als ein gesicherter Zugang zur Bildung für einen anschließend wertigen Beruf. Es scheint auch, als ob viele Menschen – und ja, das entspricht meinem „Jammern“ seit geraumer Zeit – sich ins Private zurückgezogen haben und in der Hoffnung, dass alles schon nicht so schlimm kommen wird, den nächsten Urlaub buchen, anstelle sich gesellschaftliche Fragen zu stellen und sich sozial oder politisch aktiv einzubringen. Nun denn, zurück zu den Finanzen.

Christian Doerr

Die finanzielle Attraktivität in Bildungsberufen bleibt nach wie vor dürftig, soweit es sich nicht um ein verbeamtetes Dienstverhältnis oder um eine staatliche Festanstellung handelt. Es gibt, und dies wird in naher Zukunft das größte Problem sein, immer noch nicht die erforderliche Infrastruktur für den vermeintlichen „Problemlöser“ Ganztag. Viel zu wenig Sportplätze, Schwimmhallen, funktionale Schulräume und so weiter. Hier bei uns, im eng bebauten München, ist Abhilfe für alle Beteiligten eine Herausforderung, die weit über finanzielle Aspekte und personelle Ressourcen hinausgeht.

Ralf M. Ruthardt

Die vielfältigen Sparmaßnahmen der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre – vielleicht müssen wir auch vom Ignorieren notwendiger (infrastruktureller) Maßnahmen sprechen – haben in Städten und Kommunen oder bei den Bundesländern und im Bund ausdrücklich nicht zu einem gut gefüllten „Staatssäckel“ oder zu einem großartigen Schuldenabbau geführt. Wohin ist das nicht in die beschriebenen Notwendigkeiten geflossene Geld dann gegangen? Ist es in scheinbare Wohltaten ohne Wirksamkeit geflossen oder hat es schlicht, und wenig ergreifend, zu einer Aufblähung unserer Bürokratie geführt? Mit dem Dienst am Menschen und am Gemeinwesen hat das Agieren politischer Mandatsträger erkennbar wenig zu tun. Es fehlt die Wirksamkeit und nicht selten kommt einem der Gedanke, dass das Dienen „out“ und der Homo Oeconomicus „in“ ist.

Christian Doerr

Die Frage ist berechtigt und man könnte hier den einen oder anderen begründeten Eindruck haben. Allerdings habe ich mich mit dieser Frage nicht so weit beschäftigt, als dass ich eine verlässliche Antwort darauf geben könnte. Wir alle sehen, dass den stabilen und steigenden Pensionen real sinkende Renten gegenüberstehen. Wir können ebenfalls erkennen, dass Sparmaßnahmen nicht primär Menschen, Behörden oder Ministerien treffen. Aber das ist nicht mein Thema. Daher lassen Sie uns im Gespräch wieder auf Hafis und unser dortiges Engagement eingehen.

Ralf M. Ruthardt

Wie sind Sie als Hafis aus der Zeit der Pandemie herausgekommen?

Christian Doerr

Hafis hat das komplette Personal gehalten und trotzdem tun wir uns schwer, weil wir ein größtenteils spendenbasiertes Projekt sind. Wir sind in hohem Maße auf freiwillige Spenden von Stiftungen angewiesen. Aus der Wirtschaft kommt viel zu wenig und vom Staat gar nichts. Die Stadt München bezuschusst Hafis als freien Träger nur da, wo wir nicht genügend Spenden aufgetrieben haben. Aber auch da gibt es von Seiten der Stadt eine eng bemessene Obergrenze und geringe Wachstumsmöglichkeiten, obwohl ich immer wieder von Schulen zur Kooperation eingeladen werde. Hinzu kommt die organisatorische Überlastung: Als Vorstand mache ich „nebenbei“ und ehrenamtlich die gesamte Verwaltung, das Qualitätsmanagement, die Personalführung, die Netzwerkarbeit, die Spendenakquise und vieles mehr. Zudem bin ich selbst operativ als Coach tätig, um Kinder in unseren Kursen zu unterrichten.

Ralf M. Ruthardt

Laufen sich Menschen im Ehrenamt und Menschen, die in kleineren sozialen Organisationen tätig sind, im Gegensatz zu großen Organisationen wie der AWO (Arbeiterwohlfahrt) oder der Caritas – um nur zwei der wenigen Großen zu nennen – langsam aber sicher „müde“? Geht die Energie, die Kraft aus?

Christian Doerr

Ehrenamt und Freiwilligenarbeit sind eine feine Sache, verstehen Sie mich da nicht falsch, sie sind aber nicht nachhaltig. Unser Staat zieht sich seit geraumer Zeit aus seiner eigenen Verantwortung zurück. Die Gelder gehen eher in Marketing/ Selbstdarstellung (z. B. Demokratieförderung usw.) und zu oft in unproduktive Geschäftsprozesse … Für mich und mein Team dagegen ist es ein sehr erhebendes Gefühl, so positiv auf den Lebensweg junger Menschen einwirken zu dürfen.

Zur Person

geboren 1967 in Wertheim am Main ist Bildungsexperte und Co-Founder von Hafis e. V..

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