Mit der Buchmesse SEITENWECHSEL hat die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen eine Plattform geschaffen, die bundesweit nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch deutliche Kritik auf sich gezogen hat. Während Befürworter von einem Ort unabhängiger Debatte sprechen, war in überregionalen Medien von einer „rechten“ oder „umstrittenen“ Veranstaltung die Rede. Dagen, Inhaberin des BuchHaus Loschwitz, ist seit Jahrzehnten als literarische Unternehmerin tätig und engagiert sich zudem kulturpolitisch im Dresdner Stadtrat. Das Gespräch beleuchtet die Kontroversen um ihre Messe ebenso wie ihr Verständnis von Literatur, öffentlichem Diskurs und politischer Lebenswirklichkeit in Deutschland und fragt nach der Verantwortung kultureller Akteure in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Auf unser Gespräch, liebe Susanne Dagen, freue ich mich, weil es dem Griff in ein Wespennest gleicht. Die „WELT“ titelte am 08.11.2025 „Hunderte bei Protesten gegen umstrittene Buchmesse in Halle“. Und in der „Mitteldeutschen Zeitung“ wurde die von Ihnen initiierte Seitenwechsel-Buchmesse von Deniz Yücel (Sprecher der Autorenvereinigung PEN Berlin) als „sehr rechte bis rechtsradikale Buchmesse“ bezeichnet. Rund um die Messe gab es Proteste mit dem Motto „Rechte Buchmesse stoppen“. Damit erklärt sich mein Bild von einem Griff in ein Wespennest. Wie nehmen Sie diese Kritik wahr, und wie erklären Sie öffentlich den Unterschied zwischen dem, was Sie veranstalten, und dem, wofür Ihre Kritiker Sie in den Medien adressieren?

Susanne Dagen

Zuerst einmal nehme ich dies eben nicht als Kritik wahr, sondern als Diskreditierung, denn genauso ist es auch gemeint. Wenn jemand Kritik üben würde, die substanziell daherkäme, dann wäre man, so meine ich, doch vor allem an einer argumentativen Auseinandersetzung, die mit Nachfragen beginnt, interessiert. Dies allerdings ist zu keinem Zeitpunkt der Fall gewesen. Und so sehe ich diese Diskreditierung als das, was sie ist: eine Vorab-Verurteilung, um das Projekt SEITENWECHSEL in höchstem Maße herabzuwürdigen. Dafür eigneten sich viele Jahre die Begriffe wie „rechts“, „rechtsextrem“ oder „umstritten“ und dergleichen mehr. Durch den inflationären Gebrauch haben sich diese Begriffe allerdings mehr als abgenutzt und der eigentliche Impetus, nämlich Besucher und Aussteller von einer Teilnahme an unserer freien und alternativen Buchmesse abzuhalten, verfing sich nicht mehr. Warum man dies so macht, ist mir vollkommen klar: Man hat genau vor solchen freiheitlichen Initiativen wie unserer freien Büchermesse Angst! Und wenn diese nun auch noch erfolgreich sind, weil sich eben ein großer Teil der Besucher und Aussteller von benannten Bezeichnungen nicht mehr abschrecken lässt, werden die Behauptungen natürlich immer wilder und die Zerstörungsmechanismen immer perfider. Das war mir im Vorfeld klar, anstrengend war es dennoch. Wir haben ja zu arbeiten.

Ralf M. Ruthardt

Sie haben Ihre Buchmesse als einen Raum für „freie Individuen außerhalb politischer Gruppierungen“ beschrieben, die literarisch und kulturschaffend tätig sein können. Wie definieren Sie konkret den inhaltlichen oder politischen Rahmen Ihrer Buchmesse und wo ziehen Sie eine Grenze zwischen „vielfältiger Debatte“ und dem, was andere Beteiligte als politische Agenda verstehen?

Susanne Dagen

Den Begriff „kulturschaffend“ habe ich garantiert nicht gewählt, da ich ihn als Systembegriff ablehne. Heutzutage wird doch alles als politische Agenda verstanden. Und jeder, der sich äußert, ist vor Missdeutung und übler Nachrede nicht gefeit. Dies ist mir seit vielen Jahren klar, ohne dass ich mich deshalb von meiner freien Rede habe abhalten lassen. Denn als Allererstes ist unsere Büchermesse doch ein Ort für Leser, Autoren, Verlage und Künstler. Das Spektrum der Aussteller ist bewusst breit gefasst, von jenen, die Kinderbücher anbieten, bis hin zum Verlag für politisches Sachbuch. Das war bis vor einigen Jahren auch noch Konsens auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig; ist es spätestens seit 2017 nicht mehr. Denn schon in diesem Jahr habe ich aufgrund der Vorkommnisse auf der Frankfurter Buchmesse, nämlich den Markierungen und den darauffolgenden Zerstörungen sogenannter rechter Verlage, eine Protestnote, die ich damals „Charta 2017“ nannte, gemeinsam mit einer illustren Schar von Erstunterzeichnern an den Veranstalter, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, adressiert. Inhalt dieses Protests war die Feststellung eines sich immer mehr verengenden Meinungskorridors, in dem missliebige Meinungen keinen Platz haben oder auf das Schärfste bekämpft werden. Wir hielten dies damals für eine Form, die einer modernen und vielfältigen Debattenkultur unwürdig ist. Dass dann nicht einmal zehn Jahre vergehen sollten, bis wir unsere eigene Büchermesse veranstalten, war von uns niemals geplant, ist aber folgerichtig.

Ralf M. Ruthardt

Seit 1995 führen Sie mit dem BuchHaus Loschwitz einen literarischen Treffpunkt in Dresden und veranstalten Lesungen, Publikationen und literarische Formate. Wie sind aus Ihrer Sicht Literatur und gesamtgesellschaftliche Debatte miteinander verknüpft und wie unterscheiden sich diese Felder von dem, was aktuell an Seitenwechsel kritisiert wird?

Susanne Dagen

Kunstausübung, wie Bildende Kunst, Theater und vor allem die Literatur waren und sind in allen Zeiten Zeiger-Genres für eine gesellschaftliche Situation. Als wir vor 31 Jahren unsere Buchhandlung eröffnet haben, waren wir als junge Menschen vielleicht naiv und blauäugig, aber vor allem eins: frei im Denken, unabhängig im Tun. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert, obgleich die Zeiten sich verändert haben und das eben nicht zum Guten. Und dennoch gibt es die Nischen, in denen frei agiert und kritisch gedacht wird. Diese Blumen aufzuspüren ist Aufgabe für uns Gärtner in einem wilden und schönen Areal der unterschiedlichen geistigen Strömungen. Als Leser sind wir interessiert an Neuem, auch und vor allem an Irritationen, die uns unterschiedliche Perspektiven aufzeigen. „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“, so einmal der französische Maler Picabia. Ein wunderbares Bekenntnis für wahrhaftig freies Denken.

Ralf M. Ruthardt

Sie sind Mitglied des Stadtrats von Dresden und kulturpolitisch aktiv. Inwiefern beeinflussen Ihre politischen Überzeugungen und Ihr Stadtratsmandat Ihre kuratorischen Entscheidungen als Veranstalterin einer Buchmesse und wie wägen Sie dabei kulturelle Offenheit, demokratische Verantwortung und literarische Vielfalt gegen die Vorwürfe ab, die seitens der Presse formuliert wurden?

Susanne Dagen

Ich bin als Mitglied des Freie Wähler Dresden e. V. seit 2019 und seit 2024 als kulturpolitische Sprecherin und Teil der AfD-Fraktion, der stärksten Fraktion im Dresdner Stadtrat. Meine Politisierung allerdings hat viel früher begonnen, 2015 nämlich im Zuge der medialen Rezeption von Pegida in meiner Heimatstadt Dresden. Aus einem Gefühl von Ungerechtigkeit jenen gegenüber, die ihre Grundrechte in Anspruch nahmen, habe ich mich damals erstmalig öffentlich positioniert. Und vielleicht noch nicht einmal politisch, sondern eher im Sinne eines humanistischen Prinzips. Seitdem und spätestens seit der beginnenden Migrationskrise hat sich die Situation für mich als unabhängigen Freigeist mit großer Klappe immer mehr verschärft. Meinem gefühlten Unmut etwas entgegenzusetzen, begann ich mich im politischen Ehrenamt zu engagieren. Und so bin ich seit mittlerweile sieben Jahren eben auch kommunalpolitisch tätig. Meine politischen Überzeugungen haben sich seither nicht verändert, nur habe ich jetzt viel mehr Einblick in die Tätigkeit eines Mandatsträgers. Dennoch befinde ich mich jetzt nicht, wie viele andere, zwischen Baum und Borke, soll heißen zwischen Anspruch an die eigene politische Tätigkeit und den Wählerwillen. Meine Aufgabe ist es hier, Stachel im Fleisch zu sein und konstruktiv zu stören. Und auch insofern ist die Büchermesse SEITENWECHSEL eine Störung des Konsens „unserer Demokratie“. Damit ist man Störfall und ein Dämon ist in Zeiten von Zivilreligionen schnell platziert. Allerdings kann jeder kommen, mitmachen und schauen, was es mit den Anfeindungen wirklich auf sich hat. Damit stehen wir mit unserem offenen Tun ganz im Gegensatz zu denen, die unter Pseudonym pöbeln, die die Dunkelheit nutzen, um zu zerstören und sich den immer gleichen Begrifflichkeiten bedienen, im ungeschützten Licht. Das, so meine ich, schützt uns dennoch – ich stehe ganz klar für Transparenz und Offenheit.

Ralf M. Ruthardt

In Deutschland wird intensiv über die Rolle von Literatur in politischen und gesellschaftlichen Realitäten diskutiert. Es wird dabei auch die Kritik laut, dass Kulturschaffende an den von Politik und öffentlicher Verwaltung vergebenen Finanzmitteln für Kultur hängen und damit wohl auch Abhängigkeiten entstehen. Welche Funktion sollte Literatur in einer pluralen Gesellschaft haben und wie spiegelt sich diese Vorstellung im Seitenwechsel-Projekt und Ihrer Arbeit als Unternehmerin und Kommunalpolitikerin wider?

Susanne Dagen

Spätestens, seitdem ich Stadträtin bin, weiß ich um das vergiftete Geschenk von Fördermitteln. Denn nicht wenige, die einmal von dieser süßen Frucht gekostet haben, die gerade im Kulturbereich mit medialer Anerkennung und weiteren Preisen einhergeht, möchten davon je wieder lassen. Das macht bequem und birgt weitergehende gefährliche Abhängigkeiten. Als Unternehmerin allerdings weiß ich, dass nur ich selbst für den Erfolg oder den Misserfolg meines Tuns verantwortlich bin. Diese Verantwortung übernehme ich und schiebe sie eben nicht auf schlechte Zeiten, fehlende Infrastruktur und das Internet. Wer hingegen als Künstler agiert, hat zu allen Zeiten mehrheitlich kein gutes Auskommen gehabt. Erst, wenn er sich in den Dienst stellte, konnte er mehr als nur überleben. Interessant ist auch, dass der Begriff „Künstler“ kaum noch gebraucht wird. Vielmehr sprechen wir von Kulturschaffenden, ein Begriff, den ich als Systembegriff ablehne. Auch zu Zeiten des Nationalsozialismus und in der Diktatur der DDR wurde der Künstler als Kulturschaffender, und damit als einer, der im vorgegebenen Sinne etwas „schafft“, bezeichnet. Und auch der Begriff der „Kultur“ ist mittlerweile einer, der für jedwede Tätigkeit außerhalb von Technik, Medizin und Bildung verwendet wird – leider aber eben auch immer seltener für das, was er eigentlich bezeichnet, nämlich Tradition, Zugehörigkeit, Religion, Heimat. In meinem Umfeld, dies vor allem als Kulturveranstalterin, begegne ich seit mittlerweile einem Jahrzehnt immer wieder Künstlern, die Selbstzensur und Selbstverleugnung betreiben, um den nächsten Förderantrag nicht zu gefährden. Denn sie wissen genau, dass der förderungsgebende Staat eben nicht ein Mäzen ist, der dies (fast bedingungslos) tut, um die Kunst zu fördern. Der Fördermittelgeber besteht darauf, dass sich die Insignien, wie es die richtigen Begriffe, Gendersprache und zeitpolitische Zusammenhänge sind, in der Projektbeschreibung wiederfinden. All dies ist eine traurige Entwicklung; erinnert mich an ein Land, in das ich geboren wurde und was wir friedlich in die Versenkung befördert haben. So jedenfalls dachten wir.

Ralf M. Ruthardt

Damit entlassen wir die Leserinnen und Leser in ein selbstbestimmtes Nachdenken.

Zur Person

Susanne Dagen ist Buchhändlerin, Publizistin, Verlegerin und Kulturveranstalterin in Dresden. Sie gründete 1995 das BuchHaus Loschwitz, initiierte die Buchmesse „Seitenwechsel“ und engagiert sich kulturpolitisch als Stadträtin. Ihr Wirken verbindet Literaturvermittlung, unternehmerische Verantwortung und öffentliche Debatte.

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