Joana Cotar zählt zu den profiliertesten politischen Stimmen im deutschsprachigen Bitcoin-Diskurs. Im Gespräch mit mitmenschenreden erläutert sie, warum Bitcoin für sie weit mehr ist als ein Finanzasset: nämlich ein Freiheitsinstrument. Zudem wirkt die ehemalige Bundestagsabgeordnete im Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa e. V. an ordnungspolitischen Debatten mit.
Das GesprächSchön, Joana Cotar, dass wir erneut im Gespräch sein dürfen. Wer über Bitcoin spricht, spricht oftmals entweder mit missionarischem Unterton oder mit reflexhafter Abwehr. Lassen Sie uns zunächst einen Schritt zurücktreten. Sie argumentieren, dass man Bitcoin erst dann wirklich versteht, wenn man das Problem des staatlichen Geldes verstanden hat. Worin liegt aus Ihrer Sicht der Kern dieses Problems?
Der Kern ist, dass staatliches Geld politisch gesteuert wird – und politisch gesteuertes Geld wird früher oder später missbraucht. Regierungen und Notenbanken haben ein strukturelles Interesse daran, die Geldmenge auszuweiten. Das hat konkrete Folgen: Ersparnisse verlieren an Kaufkraft, Vorsorge wird entwertet und Leistung wird geschwächt. Inflation ist nicht nur eine ökonomische Kennzahl, sondern eine Form schleichender Enteignung. Der Bürger kann sich dagegen kaum wehren, weil er an das staatliche Geldsystem gebunden ist.
Sie verlagern die Debatte damit vom technologischen Objekt Bitcoin auf eine machtpolitische Frage: Wer darf über Geld verfügen und wer trägt die Folgen dieser Verfügung? Da sind wir mitten in einer freiheitlichen Grundsatzdebatte.
Genau. Bitcoin ist kein Spekulationsobjekt, sondern eine Antwort auf ein Machtproblem. Zum ersten Mal gibt es die Möglichkeit, Wert in einem System zu speichern, das nicht nach politischer Opportunität verändert werden kann. Die Begrenzung auf 21 Millionen Einheiten ist kein Nebenaspekt, sondern der Kern. Kein Politiker, keine Zentralbank und keine Krisensitzung kann diese Knappheit außer Kraft setzen. Das ist finanzielle Selbstbestimmung in einer Form, die es vorher nicht gab.
Kritiker würden einwenden, dass genau darin die Gefahr liegt: zu wenig Steuerbarkeit, zu wenig Eingriffsmöglichkeit, zu wenig staatliche Kontrolle.
Bitcoin - mehr Freiheit?
Man muss dann ehrlich sagen: Für wen ist das eine Gefahr? Für den freiheitsliebenden Bürger sicher nicht. Für Staaten, die gern über Geldpolitik und Zahlungsströme herrschen, schon eher. Bitcoin verschiebt Macht zurück zum Individuum. Ein Unternehmer in einem Land mit kollabierender Währung, ein Journalist in einem autoritären Staat oder auch ein Sparer in Deutschland – sie alle können zumindest einen Teil ihres Vermögens außerhalb des politischen Zugriffs halten. Das ist kein Randthema, sondern ein zivilisatorischer Fortschritt.
An dieser Stelle drängt sich Friedrich August von Hayek auf. Sie knüpfen mit Ihrer Argumentation deutlich an dessen Idee des Währungswettbewerbs an. Ist Bitcoin für Sie die technologische Antwort auf Hayeks theoretische Vorlage?
Ja, genau so sehe ich das. Hayek hat beschrieben, dass staatliche Währungsmonopole zu Fehlanreizen und Missmanagement führen, weil der disziplinierende Wettbewerb fehlt. Er dachte an konkurrierende Währungen. Bitcoin geht einen Schritt weiter, weil hier keine Institution eine Währung herausgibt, die wieder manipulierbar wäre. Das Protokoll selbst schafft den Rahmen. Wenn Menschen frei entscheiden können, welchem Geld sie vertrauen, dann setzt sich auf Dauer das bessere Geld durch. Bitcoin ist für diesen Wettbewerb gut aufgestellt.
Nun ließe sich entgegenhalten: Ein Wettbewerb ist nur dann ein echter Wettbewerb, wenn die Alternative alltagstauglich wird. Noch zahlen wir Steuern in Euro, noch werden Gehälter überwiegend in Euro ausgezahlt. Ist Bitcoin derzeit wirklich schon mehr als eine Alternative im Wartestand?
Wettbewerb. Alternativen.
Bitcoin ist längst mehr als das. Viele sehen immer noch das Bild vom nerdigen Randphänomen. Dieses Bild ist überholt. Wir haben Spot-Bitcoin-ETFs, wir haben Unternehmen, die Bitcoin als Treasury-Asset halten, und wir haben Staaten, die über Bitcoin-Reserven nachdenken. Bitcoin ist im Finanzsystem angekommen. Die spannende Frage lautet nicht mehr, ob das geschieht, sondern wie weit diese Integration gehen wird – und ob Europa dabei gestaltend mitwirkt oder wieder nur regulierend hinterherläuft.
Man könnte sagen: Gerade das, was Bitcoin anfangs ausmachte – sein Außenseiterstatus –, verliert sich nun, weil Großinvestoren, Fonds und Staaten einsteigen. Wird Bitcoin dadurch domestiziert?
Nein, denn das Protokoll ändert sich dadurch nicht. Dass institutionelles Kapital kommt, ist kein Verrat an Bitcoin, sondern eine Bestätigung seiner Relevanz. Es zeigt, dass Bitcoin sich vom belächelten Experiment zum ernst zu nehmenden Vermögenswert entwickelt hat. Gerade darin liegt die Pointe: Ein System, das ohne zentrale Instanz funktioniert, zwingt nun selbst die großen Akteure, sich seinen Regeln anzupassen – nicht umgekehrt.
Die klassischen Einwände kennen wir: zu volatil, zu energieintensiv, zu kriminell. Wo halten Sie diese Kritik für berechtigt und wo für vorgeschoben?
Volatilität gibt es, selbstverständlich. Aber Volatilität ist typisch für ein Gut in einer frühen Phase der Preisfindung. Das allein widerlegt seine monetäre Qualität nicht. Beim Energieverbrauch wird oft selektiv argumentiert. Niemand stellt mit derselben moralischen Schärfe das bestehende Bankensystem oder andere energieintensive Infrastrukturen infrage. Und beim Thema Kriminalität wird gern unterschlagen, dass Bitcoin ein transparentes Netzwerk ist, in dem Transaktionen nachvollziehbar bleiben. Kriminelle nutzen Bitcoin – ja. Aber Kriminelle nutzen auch Bargeld, Autos und Mobiltelefone. Das ist kein ernsthaftes Gegenargument gegen die Existenz des Systems.
Lassen Sie uns den Blick auf Europa richten. Während in Teilen der USA ein strategischer Umgang mit Bitcoin erkennbar ist, wirkt Europa einmal mehr wie ein Raum, der Innovation zunächst in Regulierung übersetzt. Wo sehen Sie die größte Fehlentwicklung?
Die größte Fehlentwicklung liegt darin, dass Europa Bitcoin vor allem als Problemfall behandelt, nicht als Chance. Aber wenn Regulierung so kleinteilig und bürokratisch wird, dass sie Innovation erstickt, dann läuft etwas schief. Während andere Regionen Bitcoin wirtschaftlich und geopolitisch einordnen, baut Europa administrative Hürden. Diese Haltung ist gefährlich, weil sie auf Dauer nicht nur Kapital vertreibt, sondern auch technologisches Know-how und unternehmerische Dynamik.
Und dann steht da noch der digitale Euro im Raum – von Ihnen scharf kritisiert. Manche sehen in ihm lediglich die Modernisierung des Zahlungsverkehrs. Sie sehen darin weit mehr.
Ja, weil es eben nicht nur um Bequemlichkeit geht. Der digitale Euro eröffnet die Möglichkeit programmierbaren Geldes. Und programmierbares Geld heißt: Geld kann an Bedingungen geknüpft werden. Es kann beschränkt, gelenkt, im Extremfall sogar blockiert werden. Wer glaubt, das sei nur eine technische Option ohne politische Relevanz, unterschätzt die Logik staatlicher Macht. Instrumente, die geschaffen werden, werden früher oder später auch genutzt. Der digitale Euro wäre aus meiner Sicht kein Fortschritt in Richtung Freiheit, sondern ein Schritt in Richtung Kontrolle.
Rendite - oder Eigentum und Autonomie?
Dann stehen sich in Ihrer Lesart zwei Modelle gegenüber: auf der einen Seite ein staatlich kontrollierbares, programmierbares Geld; auf der anderen Seite ein knappes, dezentrales und zensurresistentes Geld. Das ist mehr als eine Finanzfrage. Das ist ein gesellschaftspolitischer Richtungsentscheid.
Genau darum geht es. Die Bitcoin-Debatte wird oft auf Rendite verkürzt. Dabei verfehlt man das eigentliche Thema. Es geht um Eigentum, Autonomie und die Frage, wie viel Zugriff der Staat auf das wirtschaftliche Leben seiner Bürger haben soll. Bitcoin ist deshalb für mich nicht bloß ein digitales Asset, sondern ein freiheitspolitisches Korrektiv. Und je stärker der Staat auf Kontrolle setzt, desto deutlicher wird, warum dieses Korrektiv gebraucht wird.
Bitcoin - eine Zumutung für das etablierte Sytsem?
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung, die Bitcoin für das etablierte System darstellt: dass er nicht um Erlaubnis bittet, sondern eine Alternative schafft. Ob sich daraus eine neue monetäre Ordnung entwickelt oder ein dauerhaftes Korrektiv zum Fiatgeld bleibt, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass die Debatte längst nicht mehr im Technikraum stattfindet, sondern im Zentrum der politischen Ordnung. Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Zur Person
Joana Cotar war von 2017 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages, bis November 2022 für die AfD-Fraktion, danach fraktionslos. Heute engagiert sie sich öffentlich für bürgerliche Freiheiten, Bitcoin und im Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa.
